Motti

Wir rufen dem kommenden Jahrhundert!

Der Geist des Künstlers wiegt mehr als das Werk seiner Kunst.

J. M. R. Lenz.

Unser Credo. Einleitung von Hermann Conradi
„Die Geister erwachen.“ Hutten.

[I]

Wir wissen, das dieser Titel etwas kühn und stolz klingt. Es werden mit der Zeit sogar genug Stimmen laut werden, die ihn anmaßend schelten, womöglich noch härtere Ausdrücke dafür haben. Man wird uns in allen Farben und Tönen, die ganze prismatische Farbenkarte, die ganze Tonscala hinauf und hinunter, „heimleuchten“ und uns unsere Unbescheidenheit, unsere Vermessenheit parlamentarisch und — unparlamentarisch ad oculos demonstriren.

Ob wir aber zerknirscht sein werden?

Ob wir büßen werden in Sack und Asche?

Ich glaube kaum.

Warum auch?

Wir wissen ganz genau, was wir in dieser Anthologie ausgeben.

Wir sind uns, um diesen Punkt hier gleich zu erwähnen, ihrer Schwächen vollkommen bewußt.

Wir machen nicht den Anspruch, Vollkommenes, Makelloses nach Form und Inhalt zu bieten.

Wir begreifen vollkommen, das manches Poem, das wir aufgenommen, nicht originell ist; daß es in tausendmal angestimmte Weisen einfällt; daß es, absolut genommen, vielleicht nicht einmal werthvoll ist.

Und doch erheben wir den Anspruch, endlich die Anthologie geschaffen zu haben, mit der vielleicht wieder eine neue Lyrik anhebt; durch die vielleicht wieder weitere Kreise, die der Kunst untreu geworden, zurückgewonnen und zu neuer, glühaufflammender Begeisterung entzündet werden; und durch die alle die Sänger und Bildner zu uns geführt werden, um mit uns zu Schöpfern einer neuen Lyrik zu werden, die bisher abseits stehen mußten, weil sie kein Organ gefunden, durch das sie zu ihrem Volke in neuen, freien, ungehörten Weisen reden durften, weil nur das Alte, Conventionelle, Bedingte, Unschuldige oder das Frivole, Gemeine, Schmutzige — nie aber das Intime,[II] das Wahre, das Natürliche, das Ursprüngliche, das Große und Begeisternde, offene Ohren und gläubige Herzen findet.

Wir brechen mit den alten, überlieferten Motiven. Wir werfen die abgenutzten Schablonen von uns. Wir singen nicht für die Salons, das Badezimmer, die Spinnstube — wir singen frei und offen, wie es uns um's Herz ist: für den Fürsten im geschmeidefunkelnden Thronsaal wie für den Bettler, der am Wegstein hockt und mit blöden, erloschenen Augen in das verdämmernde Abendroth starrt...

Das ist es ja eben: Wir haben wohl eine Cliquen-, eine Parteilitteratur, aber keine Litteratur, die aus germanischem Wesen herausgeboren, in sich stark und daseinskräftig genug wäre, um für alle Durstigen, mögen sie nun Söhne des Tages oder der Nacht sein, Stätte und Zehrung zu haben. Wir sind eigentlich recht arm. Was sollen wir's uns verhehlen? Scheinbar zeitigt unsere Litteratur fortwährend die edelsten Früchte — wieder und wieder neue Triebe, neue Blüthen, neue Erzeugnisse: aber ist nur der dritte Theil von dem, was — und noch dazu in unabsehbaren Massen! — unsere Poeten schaffen und bilden, auch existenzberechtigt? — Existenzberechtigt, weil es lebenswahr, weil es national, weil es auch wirklich Künstlerwerk ist und nicht fein und sauber polirtes, zierlich gedrechseltes und gefeiltes und bei aller Peinlichkeit doch roh und geistlos gebliebenes Stümperwerk — gleißende, aber in sich morsche und haltlose Fabrikarbeit?

Das ist es ja eben: Unsere Litteratur ist überreich an Romanen, Epen, Dramen — an sauber gegossener, feingeistiger, eleganter, geistreicher Lyrik — — aber sie hat mit wenigen Ausnahmen nichts Großes, Hinreißendes, Imposantes, Majestätisches, nichts Göttliches, das doch zugleich die Spuren reinster, intimster Menschlichkeit an sich trüge! Sie hat nichts Titanisches, nichts Geniales.

Sie zeigt den Menschen nicht mehr in seiner confliktgeschwängerten Gegenstellung zur Natur, zum Fatum, zum Überirdischen. Alles philosophisch Problematische geht ihr ab. Aber auch alles hartkantig Sociale. Alles Urewige und doch zeitlich Moderne. Unsere Lyrik spielt, tändelt. Wie gesagt: mit wenigen Ausnahmen. Zu diesen rechne ich u.A. Dranmor, Lingg, Grosse, Schack, Hamerling. Vor allen Dranmor. Er ist eigentlich der Einzige, der in seinen Dichtungen einen prophetischen, einen confessionellen Klang anschlägt. Bei ihm fließt jede Strophe aus einer ernsten, tiefen, gewaltigen, vulkanischen Dichternatur. Aus ihm spricht ein großartig erhabener Dichtergeist. Dranmor darf mit seiner hinreißenden Intimität, seiner macht- [III]vollen Bildnerkraft, seiner lebendigen Künstlerwahrheit, seiner freien, kosmopolitisch-germanischen Weltanschauung, uns jüngeren Stürmern und Drängern, die wir alles epigonenhafte Schablonenthum über den Haufen werfen wollen, weil in uns ein neuer Geist lebt, wohl Meister und Führer sein.

Aber wir brauchen nicht blindlings seiner Spur zu folgen. Der Geist, der uns treibt zu singen und zu sagen, darf sich sein eigen Bett graben. Denn er ist der Geist wiedererwachter Nationalität. Er ist germanischen Wesens, das all fremden Flitters und Tandes nicht bedarf. Er ist so reich, so tief, so tongewaltig, daß auf unserer Laute alle Weisen anklingen können, wenn er in seiner Unergründlichkeit und Ursprünglichkeit uns ganz beherrscht. Dann werden wir endlich aufhören, lose, leichte, leichtsinnige Schelmenlieder und unwahre Spielmannsweisen zum Besten zu geben — dann wird jener selig-unselige, menschlich-göttliche, gewaltige faustische Drang wieder über uns kommen, der uns all den nichtigen Plunder vergessen läßt; der uns wieder sehgewaltig, welt- und menschengläubig macht; der uns das lustige Faschingskleid vom Leibe reißt und dafür den Flügelmantel der Poeten, des wahren und großen, des allsehenden und allmächtigen Künstlers, um die Glieder schmiegt — den Mantel, der uns aufwärts trägt auf die Bergzinnen, wo das Licht und die Freiheit wohnen, und hinab in die Abgründe, wo die Armen und Heimathlosen kargend und duldend hausen, um sie zu trösten und Balsam auf ihre bluttriefenden Wunden zu legen. Dann werden die Dichter ihrer wahren Mission sich wieder bewußt werden. Hüter und Heger, Führer und Tröster, Pfadfinder und Weggeleiter, Ärzte und Priester der Menschen zu sein. Und vor Allen die, denen ein echtes Lied von der Lippe springt — ein Lied, das in die Herzen einschlägt und zündet; das die Schläfer weckt, die Müden stärkt; die Frevler schreckt, die Schwelger und Wüstlinge von ihren Pfühlen wirft — brandmarkt oder wiedergeboren werden läßt! Vor Allen also die Lyriker!

In dieser Anthologie eint sich ein solcher Stamm von Lyrikern, die sich das Gelübde auferlegt, stets nur dieser höheren, edleren, tieferen Auffassung ihrer Kunst huldigen zu wollen.

Keiner legt sich damit eine Widernatürlichkeit auf — zieht damit ein Moment in sein Schaffen, das seiner Individualität fremd wäre. Schrankenlose, unbedingte Ausbildung ihrer künstlerischen Individualität ist ja die Lebensparole dieser Rebellen und Neuerer. Damit stellen sie sich von vornherein zu gewissen Hauptströmungen des modernen sozialen Lebens in Contrast. Und doch steht der Dichter auch wieder, eben kraft seines Künstler-[IV]thums,über den Dingen — über Sonderinteressen und Parteibestrebungen und repräsentirt somit nur das reine, unverfälschte, weder durch raffinirte Übercultur noch durch paradiesische Culturlosigkeit beeinflußte Menschenthum.

Gleich stark und gleich wahr lebt in Allen, die sich zu diesem Kreise zusammengefunden, das grandiose Protestgefühl gegen Unnatur und Charakterlosigkeit; gegen Ungerechtigkeit und Feigheit, die auf allen Gassen und Märkten gepflegt wird; gegen Heuchelei und Obscurantismus; gegen Dilettantismus in Kunst und Leben; gegen den brutalen Egoismus und erbärmlichen Particularismus, die nirgends ein großes, starkes Gemeingefühl, ein lebendiges Einigkeitsbewußtsein aufkommen lassen!

In mannigfachen Tönen und Farben, bald leiser, bald lauter, bald milder, bald greller, erhebt die Phalanx diese Anklagen. Sie verschleiert und verwässert sie nicht — sie ist sogar so kühn, sie offen und deutlich in ihrem „Credo“ anzudeuten. Ich sage bewußt: anzudeuten.

Denn das „Credo“ soll nicht nur diese Seite der dichterischen Individualitäten bezeichnen — es soll den Modus charakterisiren, in dem die neue Richtung sich ausgiebt: Sie will mit der Wucht, mit der Kraft, mit der Eigenheit und Ursprünglichkeit ihrer Persönlichkeiten eintreten und wirken; sie will sich geben, wie sie leben will: wahr und groß, intim und confessionell. Sie protestirt damit gegen die verblaßten, farblosen, alltäglichen Schablonennaturen, die keinen Funken eigenen Geistes haben und damit kein reiches und wahrhaft verinnerlichtes Seelenleben führen. Sie will die Zeit der „großen Seelen und tiefen Gefühle“ wieder begründen.

Darum hat diese neue Anthologie nicht nur einen litterarischen — sie hat einen culturellen Werth!

Und darum ist sie in sich und durch sich lebenskräftig, mögen ihr auch verschiedene Schwächen anhaften, die später getilgt werden können.

Charles Bandelaire sagt: „Tout homme bien portant peut se passer de manger pendant deux jours; de poésie — jamais!“

Ist unsere Lyrik wieder wahr, groß, starkgeistig, gewaltig geworden, dann werden die Gesunden und Kranken wieder zu ihren Quellen pilgern.

Dann wird Bandelaire's „de poésie jamais!“ zur lauteren Wahrheit werden! — „Groß ist die Wahrheit und übergewaltig.“

Wir siegen, wenn wir dieses Wort nicht vergessen.

Und wir werden es nicht vergessen!

Berlin, November

Hermann Conradi.

Die neue Lyrik. Einleitung von Karl Henckell

[V]

Freudigen Herzens spreche ich der folgenden Sammlung jüngster Lyrik ein Wort des Geleites. Freilich — sie muß und wird für sich selbst sprechen, doch ist es in diesem Falle nicht nur nicht überflüssig, sondern sogar geboten, Wesen und Absicht des Dargebrachten etwas eingehender zu beleuchten. Denn nicht eine neue Anthologie nach tausend anderen schleudern wir in die Welt, die ebenso, wie jene, der buchhändlerischen Speculation dienen und sich vielleicht nur durch Titel und Auswahl von ihren Vorgängerinnen unterscheiden würde, nein, unser Zweck ist ein anderer, höherer, rein ideeller. Die „Dichtercharaktere“ sind — sagen wir es kurz heraus — bestimmt, direkt in die Entwickelung der modernen deutschen Lyrik einzugreifen. Was das heißt, sei für weitere Kreise kurz erörtert.

Moderne deutsche Lyrik — wer nennt mir drei andere Worte unserer Sprache, bei denen eine gleich tiefe Kluft gähnt zwischen dem wahren Sinne derselben und dem Dinge, zu dessen Bezeichnung sie herabgesunken sind? In Wahrheit, es ist ein trauriges Bekenntniß, aber wir haben in den letzten Dezennien weder eine moderne, noch eine deutsche, noch über haupt eine Lyrik besessen, die dieses heiligen Namens der ursprünglichsten, elementarsten und reinsten aller Dichtungsarten nur entfernt würdig wäre. Wie auf allen übrigen Gebieten der Poesie ohne Ausnahme hat auch auf dem der Lyrik der Dilettantismus jeder Form das unrühmliche Scepter erobert. Und zwar hat der feine, geschickte und gebildete Dilettantismus wirklich oligarchisch geherrscht und thut es noch, während sich sein gröberer, ungeschickter und ungeschliffener Mitsproß mehr denn je raupenartig fortgepflanzt hat und unheimlich wimmelnd das ganze liebe deutsche Land von Morgen bis gen Abend unsicher macht. Der Dilettantismus erster Sorte ist der wirklich gefährliche, denn weil er herrscht und sich für wahre Kunst ausgiebt, verbildet er den Geschmack des Publikums, das ihm blind dient, und untergräbt das Verständniß echter [VI]Poesie, ohne welches die Cultur eines Volkes nichts als Narrethei und Lumperei ist. Der feine Dilettantismus besticht und betrügt, denn er ist eitel Phrase und Schein. Er gebraucht bunte und leuchtende Tünche, denn sein Material ist wurmstichig, urväteralt und überall löcherig wie faules Holz. Er stinkt auch nicht wie der gemeine Dilettantismus, sondern er hat Parfüm. Er ist ein getreues Abbild der Toilette seiner Zeit. Ja, liebes Publikum, die anerkanntesten und berühmtesten Dichter unserer Zeit, die vortrefflichsten und bedeutendsten Autoren, wie die kritischen Preßwürmer sie zu bespeicheln pflegen, sind nichts weiter als lyrische Dilettanten!

Von einem Phrasendrescher und Reimpolterer, wie Albert Träger, ließest du dich übertölpeln und machtest seinem Verleger — Gott sei's geklagt! — bald an die zwanzig Auflagen möglich, und dem gewandten Versifex Julius Wolff, der sein glattes Persönchen malerisch in das bunte Costüm des fahrenden Sängers gehüllt hat und seine Leier ohn' Erbarmen malträtirt wie ein kleiner Bengel sein Glasklavier, küssest du achtungsvoll und entzückt die schreibseligen Fingerlein. Der liebenswürdige Mann amüsirt dich ja auch so gut und schmeichelt deiner geistigen Faulheit, wie solltest du ihm nicht von Herzen dankbar sein? Das ein Dichter begeistern, hinreißen, mit ein paar herrlichen aus den unergründlichen Tiefen einer geistes-und ideentrunkenen Seele hervorströmenden Worten dich machtvoll zu erhabener Andacht zwingen und dir süßmahnend gebieten soll, dich zu beugen vor der Urkraft, die in ihm wirkt und schafft, wer in aller Welt hat dich jemals darauf aufmerksam gemacht? Der Berliner Journalist Paul Lindau jedenfalls nicht, und auf diesen Mann der Gegenwart schwörst du doch in Nord und Süd unseres theuren deutschen Vaterlandes? Oder darf ich mich verbessern und sagen: hast du geschworen? Ist es wahr, daß die Reue in dein allzu ausgetrocknetes Herz eingekehrt ist und daß du endlich, endlich einsiehst, wie der Witz — nach Schillers Wort — auf ewig mit dem Schönen Krieg führt, und wie ein Mann, der fähig ist, die glühender Lava gleichenden, und ganz naturgemäß auch Schlacke mit sich führenden Jugenderuptionen des erhabensten und heiligsten Dichters seines Volkes behufs Verwerthung seines Witzes zu verhöhnen, wie ein solcher Mann — Schmach über ihn! — nie und nimmer die Führer auf den Pfaden der Dichtkunst und Litteratur sein und bleiben darf? Nun so wollen wir denn darauf vertrauen, daß die Herrschaft der blasirten Schwätzer, der Witzbolde, Macher und litterarischen Spekulanten, die der materialistische Sudelkessel der siebziger Jahre als Schaumblasen in die Höhe getrieben hat, ein für alle mal vernichtet und gebrochen sei, wir wollen vertrauen auf die [VII] unzerstörbare Empfänglichkeit unseres Volkes für alles wahrhaft Große, Schöne und Gute, und in diesem Sinne mit dem Pfunde, das uns verliehen, zu wirken und zu wuchern streben. Wir, das heißt die junge Generation des erneuten, geeinten und großen Vaterlandes, wollen, daß die Poesie wiederum ein Heiligthum werde, zu dessen geweihter Stätte das Volk wallfahrtet, um mit tiefster Seele aus dem Born des Ewigen zu schlürfen und erquickt, geleitet und erhoben zu der Erfüllung seines menschheitlichen Berufes zurückzukehren, wir wollen uns von ganzem Herzen und von ganzer Seele der Kunst ergeben, deren Triebkraft in uns gelegt, und wollen unsere nach bestem Können gebildete und veredelte Persönlichkeit rücksichtslos, wahr und uneingeschränkt zum Ausdruck bringen. Wir wollen, mit einem Worte, dahin streben, Charaktere zu sein. Dann werden wir auch des Lohnes nicht ermangeln, den wir ersehnen: eine Poesie, also auch eine Lyrik zu gebären, die, durchtränkt von dem Lebensstrome der Zeit und der Nation, ein charakteristisch verkörpertes Abbild alles Leidens, Sehnens, Strebens und Kämpfens unserer Epoche darstellt, und soll sein ein prophetischer Gesang und ein jauchzender Morgenweckruf der siegenden und befreienden Zukunft.

... Unsere Anthologie soll sich, wenn irgend möglich, zu einem dauernden Jahrbuch gestalten, das sich aus schwachen Anfängen zu immer größerer Bedeutung entwickeln möge. Die Idee dieses jüngsten Eröffnungsbandes ist schnell entstanden und ebenso schnell durch die thatkräftige und opferwillige Liberalität unseres Freundes und Dichtgenossen Wilhelm Arent in's Leben gerufen worden; die große Eile, mit der wir vorgehen mußten, um das Werk noch vor Weihnachten herauszubringen, möge es entschuldigen, wenn die Vollständigkeit, Vielseitigkeit und Auswahl noch nicht ganz nach Wunsch ausgefallen. Der Weg zur Vollendung ist eben schwer, und der Herausgeber würde vollkommen befriedigt sein, wenn von Seiten der guten und verständnißvoll Urtheilenden anerkannt würde, daß die ersten Schritte, die auf dem Wege geschehen, keine „verlorene Liebesmühe“ gewesen sind. Noch manchen der Jüngeren hätten wir gern geladen, aber die Frist war zu kurz; immerhin hoffen wir, daß es ersichtlich wird: auf den Dichtern des Kreises, den dieses Buch vereint, beruht die Litteratur, die Poesie der Zukunft, und wir meinen, eine bedeutsame Litteratur, eine große Poesie...

Hannover, Mitte November

Karl Henckell.

Des Jahrhunderts verlorene Kinder

[1]
Ein freudlos erlösungheischend Geschlecht,
Des Jahrhunderts verlorene Kinder,
So taumeln wir hin! weß Schmerzen sind echt?
Weß Lust ist kein Rausch? wer kein Sünder?...
Selbstsucht treibt Alle, wilde Gier nach Gold,
Unersättlich Sinnengelüste,
Keinem Einzigen ist Mutter Erde hold —
Rings graut nur unendliche Wüste!
Chaotische Brandung wirr uns umtost;
Verzehrt von dämonischen Gluthen,
Von keinem Strahl ewigen Lichts umkost,
Müssen wir elend verbluten...

Weihestunde

O Weihestunde!
O köstliche Stunde!
Sanft küßt die Nacht,
Die vielholde Trösterin,
Die tagmüde Erde.
Und mählich verhallen
Im ewigen Schweigen
Die Stimmen des Lebens...
Immer lichter umwebt
[2]
Die erstorbenen Auen,
Des Mondes fluthender
Silberschleier.
Mild grüßen hernieder
Die ewigen Sterne —
Lautlos wogt
Der wortlose Zauber
Unendlicher Ruhe.
Nur manchmal
Flüstert's und raunt's
Im üppigen Laube;
Wie in Geisterumarmung
Erschauern jählings
Die Bäume und Sträucher,
Als wollten sie künden
Die ewigen Räthsel,
Die da walten von Urbeginn
In Höhen und Tiefen...
Wie Erlösung umspinnt
Die qualdüst'ren Sinne
Süßes Märchenvergessen.
Eingewiegt von der Sphären
Leisrauschenden Hymnen,
Umspielt vom Traumodem
Der wonnesam schlummernden
Allmutter Natur
Trink' auch ich
Unaussprechlicher Inbrunst voll
Gottseligen Frieden,
Glück ohne Ende...
In der Mainacht Duftthau.
Im ewigen Hauche
Ersterben des Leibes
Fiebernde Pulse.
Mit Sternen und Welten
Wall' ich entgegen
Dem dämmernden Morgen.

Fragment

[3]
Trink' trunken der Blumen
Süßberauschende Düfte!
Brich kühn der Blüthen
Keuschknospende Fülle!
Schnauf' ein des Äthers
Befreienden Dufthauch!
Tauch' tief in der Sonne
Goldige Fluthen...
Bade die kranke
Seele gesund.
Sink' in den göttlichen
Schooß der Mutter —
Liebreich umarmt dich
Allmutter Natur.
Sie allein hört dich,
Klagt mit dem Sturm
Um die Wette dein Lied;
Und spendet Balsam,
Lindernden Balsam
Dem kranken Sohn...

Im wallenden Äther

Umfließt mich Duftwogen
Des wallenden Äthers,
Gießt göttlichen Odem's
Anhauch und Leben
In's innerste Mark mir!
Durchschau'rt jeden Nerv
Mit sonntrunkener Andacht!
Laßt hinab mich tauchen
In himmlische Lichtsphär'!
Umarme mich brünstig
Du seliges Schweigen
Unendlicher Liebe!...
[4]
Hinstirbt die Sehnsucht,
Die ewige Sehnsucht
Der erdkranken Seele.
Gesprengt sind die Bande
Der sterblichen Hülle,
Ertödtet die wilden
Dämonen des Fleisches.
Dann werd' ich dich schauen,
Ganz schauen und fühlen,
Erlöser und Allgott,
Mit Sonnen und Sternen
Im Schooße dir liegen
Und träumen, was du träumst.
Dann stillst du die brennenden
Schmerzen des Müden,
Dann stillst du den Durst,
Den unersättlichen Durst
Nach ewiger Tröstung,
Dann labt mich dein Auge,
Dein lichtspendend Auge,
Du Urquell der Gnade,
Dann zerfließ' ich im Weihkuß
Deiner Seelenumarmung,
Du allmächtige Selbstkraft!

Abenddämmern

Abenddämmern trüb und fahl,
Tiefe Stille webt im Thal.
Schleier rings die Berge kränzt,
Selten nur ein Stern erglänzt.
Wellen zieh'n und Winde rauschen,
Träumend neig' ich mich, zu lauschen
Und mir dünkt, daß Höh'n und Tiefen
Und die Wälder all' mich riefen.
[5]
Unbegreiflich Heimathsehnen —
Strömt hervor mir heiße Thränen.
Seele möcht' den Leib' verlassen,
Möchte gern ein Ewiges fassen:
Das in süßem Friedgewähren
Sie entrückt in holde Sphären...

Süße Gottestrunkenheit

Vorüber ist der Graus der Nacht,
Gebrochen ist des Sturmes Macht.
Wie weht die Morgenluft so lau!
Wie glitzert licht die grüne Au!
Ein jeder Bach, ein jeder Rain
Lockt weiter in die Welt hinein.
Ich bette mich in's weiche Moos,
Ich träume in des Waldes Schooß.
Rings duftet der Wachholderdorn,
Vor meinen Augen wogt das Korn,
Die Lerche jubilirt im Blau —
Nur sonniges Glück, wohin ich schau'.
In süßer Gottestrunkenheit
Dehnt sich die Seele frei und weit,
Sie möchte untertauchen ganz
In all' dem Duft, in all' dem Glanz.

Verrauscht

Sturmwolken mir zu Häupten zieh'n,
Verweht der Vögel Melodien
Nach Südens Zauberlande;
Nur einige Blumen einsam blüh'n,
Im Sonnenstrahl sie nicht erglüh'n,
Nun welken sie im Sande.
[6]
Wirr braut der Nebel auf dem Fluß,
Verrauscht ist längst der Liebe Kuß,
Wie schwand der Lenz so balde!
Rauh breitet nun sein Leichentuch
Der Winter. Und ein düst'rer Fluch
Legt sich auf Flur und Halde.

Thaufrischer Mai

Aus der Gassen wüstem Lärmgedränge,
Aus der Großstadt staubig-dumpfer Enge
Wall' ich wonnigfroh zu dir, Natur!
Tausend Träume trunken mich umweben,
Über mir die Lerchen jubelnd schweben,
Jauchzend wandle ich der Sonne Spur.
Und ein Meer von süßen Melodien
Fühl' ich wogend mir im Busen glühen!
Meine Seele athmet seligfrei:
Plötzlich stirbt der Sinne Gluthverlangen,
Gottes ewiger Hauch hat mich umfangen,
Frieden spendest du, thaufrischer Mai.

Das Ziel

Schon als ich noch ein Knabe war, zog es mich hin zu ander'm Stern,
Tiefheißes Sehnen faßte mich, doch blieb mir die Erfüllung fern.
Ich fieberte all' meine Tag'. Oft stürmt' ich in das Feld hinaus...
Der brünstige Leib verkühlte sich in Regenschaum und Sturmgebraus.
Der Seele Schrei: ich hörte ihn in tausendstimmigen Melodien,
Ich sah auf dunklen Fittichen die todten Leidgenossen zieh'n.
Die ewige Dämmerung zerstob: die Nebel theilten sich zu Hauf',
Lichtfremde Welten thaten sich vor meinen Geisteraugen auf.
Nicht Lust noch Schmerz barg mehr die Brust: zu Ende war gekämpft die Schlacht,
Das All war ich: ich war das All: so ward mir Friede in der Nacht.

Zum Ort des Todes...

[7]
Zum Ort des Todes lenk' ich oft den Gang,
Dort wandl' ich still der Gräber Reih'n entlang.
Zuweilen les' ich, was auf schlichtem Stein
Die treue Liebe schrieb so rührend ein.
Der Großstadt Lärm nur traumhaft tönt an's Ohr,
Mich dünkt: in selige Au'n ich mich verlor.
Die Seele stirbt: es stirbt der ewige Schmerz,
Tiefsinnige Träume ziehen himmelwärts.
Ich bin der Falter, der zum Kelche strebt,
Ich bin das Stäubchen, das im Lichte webt.
Ich lebe und bin todt vieltausend Jahr,
Ich weiß, daß ich einst war und doch nicht war.
So dämmer' ich schrankenlos in Zeit und Raum,
Wie sich ein welkes Blatt loslöst vom Baum.

Weicht von mir...

Weicht von mir, ihr Bilder-lockender Lüste,
Ihr schwellender Leiber weißwogende Brüste,
Ihr dunkler Augen feuchtschimmernde Gluthen,
Ihr Lippen so süß im Kuß zu verbluten!
Nicht will ich umschlungen von weichen Armen,
Umkost von des Weibes Dufthauch, dem warmen,
Die Sinne letzen im Taumel der Wonne —
Zu dir die Seele hinaufstrebt, Ursonne!
O laß mich baden in seliger Klarheit!
O sprich zu mir: ewige göttliche Wahrheit!

Im Zecherkreis

[8]
Nacht ist's. Trüb' flackert der Ampeln Licht,
Des Mondes Schein durch die Fenster bricht.
Wir sitzen im Kreis beim festlichen Mahl,
Von Hand zu Hand geht der duftige Pokal.
Wild-üppige Zecher sind wir zumeist,
Manches Witzwort sprüht von Geist zu Geist.
Dazwischen tönt der Dirnen Gelach,
Das klingt so gell, das klingt so jach...
O tolles Schwelgen im Überfluß!
Immer süßer berauscht uns der Dämon Genuß.
Ob auch in nächster Stunde vielleicht
Der Tod über unsere Häupter streicht:
Uns kümmert es nicht. Brust wogend an Brust —
So lasst uns sterben im Taumel der Lust!

Fragment

Ich lehne träumend am Brückenrand,
Das Aug' zu des Stromes Tiefen gewandt.
Wie Schatten huscht es an mir vorbei,
Nur halb noch hör' ich verworr'nes Geschrei.
Der Abend dämmert mählich herein...
Plötzlich ergießt sich trübfahler Schein:
Jäh' trifft mein Blick die Menschen all',
Die vorüberfluthen in wirrem Schwall.
Ich sehe Karossen stolz und reich,
Daneben die Armuth kummerbleich.
Zumeist grub tiefe Linien die Noth,
Das Laster, die Sorge um Leben und Brot.
Verrohung spiegelt gar mancher Zug,
Unselige Selbstsucht, Lug und Trug.
Keinem Auge entsprüh't des Daseins Lust —
Weltscheue Schwermuth füllt meine Brust.
Unendliches Weh und unendlicher Groll:
Was all' das tolle Treiben soll!
[9]
Die Meisten kommen zur Erde und geh'n
Und haben nie sich selber geseh'n.
Sie lebten dumpf in thierischem Triebe,
Sie fühlten nie das Glück der Liebe.
Sie sahen nie der Gottheit Spur,
Sie kannten dich nicht, Allmutter Natur.

Nie wieder...

Die Straßen dämmern so tief verschneit,
Wie ist der Sommer so weit, so weit!
Jüngst träumte die Welt des Frühlings Traum:
Vieltausend Knospen trug jeder Baum.
Nun plötzlich all' die Keime erstickt,
Vom Frosteshauch die Blüthen geknickt!
Unnennbar traurig die Seele ist,
Der sonnigen Tage sie nicht vergißt.
Nun findet sie nirgends der Liebe Trost,
Sie ahnt: nie wieder ein West sie umkost.
Nie wieder labt sie der Blumen Duft,
Ihr bettet der Schnee die kühle Gruft,
Sterben muß sie tief-einsamen Tod —
Nie wieder grüßt sie das Morgenroth.

Kind aus dem Volke

Kind aus dem Volke so schlicht und rein,
Hüte dich, hüte dich Blümelein!
Bist so lieblich und zart von Gestalt,
Übst so süße Zaubergewalt...
Bald ist der Liebe Knospe erwacht,
Liebe kommt träumend und über Nacht.
Heißer zum Herzen strömt dir das Blut,
Deine Wang' erglüh't in Rosenglut.
Dein Mund dem Kusse entgegenschwillt,
Nur des Mannes Arm deine Sehnsucht stillt.
[10]
Wild preßt du ihn an die wogende Brust,
Du giebst dich hin im Taumel der Lust.
Für ewig scheidet von dir das Glück,
Nie kehrt deine Munterkeit zurück.
In Thränen stirbt deiner Seele Mai,
In düstrer Verzweiflung dein Todesschrei.

Frühlingsandacht

Des Frühlings Stürme durchbrausen das Land...
Meine Seele durchlodert der Sehnsucht Brand.
Es treibt mich hinaus in der Einsamkeit Dom,
Ich kühle die Gluth in der Winde Strom.
Versunken liegt die Erinnerung weit:
Mich grüßt die Sonne der Ewigkeit.
Die Bäche rauschen mir liebend zu,
Die Vögel singen: sei glücklich auch du.
Die Bäume neigen sich zum Willkomm',
Süße Andacht erfüllt mich: Ich bin fromm.
Tiefheiliger Schauer mich durchweht:
Es weiht mich der Schöpfung Majestät.
Ich sauge den Odem der Gottheit ein,
Eins bin ich mit dem allewigen Sein.

Zum Eingang

Ein Priester sei der Dichter immerfort,
Er wahre treu der Dichtung heiligen Hort.
Im Rausch des Wahnsinns geb' er flammend kund:
Die Offenbarung aus der Gottheit Mund.
Ganz poch' in seiner Brust der Menschheit Herz,
Ganz ström' er aus der Menschheit Lust und Schmerz.
Er sei Prophet, der in der tiefsten Nacht
Die Sehnsucht nach dem Lichte neu entfacht.
Er sei ein König in der Schönheit Reich,
Der sündigen Menschheit Heiland allzugleich.
[11]
Er sei die Flamme, die da ewig brennt,
Die Sonne an der Völker Firmament,
Nicht eher dann verklingt des Sanges Schall,
Bis daß der letzte Mensch erstarb im All.

An ***

Zum ewigen Thron strebt ihr empor,
So trotzigstolz und löwenkühn,
Ihr sucht des Himmels Flammenthor,
Nicht eher kann Euch Frieden blüh'n.
O nehmt mich auf in Euern Bund!
Ich bin so arm und leidesmüd',
Im Kampf mit Euch werd' ich gesund,
Vielleicht gelingt mir auch ein Lied.
Ein Lied, das meine Seele reißt
Urmächtig aus der Trübsal Nacht,
Daß frei im Äther schwebt der Geist,
In Blumenduft und Sonnenpracht.
Ein Lied, wie Offenbarungslaut,
Wie Frühlingssturm in Wald und Flur,
Das nur im Licht die Gottheit schaut
Und hüllenlos die Allnatur.
Ein Lied, das wie die Thräne quillt,
Die uns erlöst aus tiefstem Schmerz,
Ein Lied, das jede Sehnsucht stillt,
Und süßer Trost für jedes Herz.
Ein Lied, das nicht mehr brünstig fragt,
Ein Lied, das Alles selig kennt,
In dem der ewige Morgen tagt,
In dem die ewige Sonne brennt.

Strahlen wie Sterne duftig klar...
Componirt

[12]
Strahlen wie Sterne duftigklar
Mir deine Augen, die tiefblauen,
Zieht mich ein Sehnen wunderbar
Nach selig-fernen Himmelsauen.
Die echte Liebe treu und wahr,
Wähn' ich auf sonnigem Grund zu schauen,
Als kennt' ich dich schon viele Jahr',
Möcht' ich die Seele dir vertrauen.
Reich' mir zum Kuß die Lippen dar,
O runzle nicht die zarten Brauen,
Umduftet süß von deinem Haar,
Laß Frieden auf mich niederthauen.
Ich bin so glück- und trostesbar...
O maienschönste aller Frauen
Sei du dem flügellahmen Aar
Die Sonne in der Nebel Grauen!...

O lass' mich küssen dein Gewand...

O lass' mich küssen dein Gewand,
Du Einzige-Holde, Heilig-Reine,
Ich weiß: daß ich in dir nur fand
Der Liebe Glück, nach dem ich weine.
Entsühne mich vom irdischen Tand,
Ganz sei dein Fühlen auch das meine,
Lass' in der Liebe Wunderland
Uns träumen süß das Ewig-Eine.
Du giebst mir deine Zauberhand,
Tief unter uns stirbt das Gemeine —
Du führ'st mich an des Abgrunds Rand
Vorbei zum ewigen Sonnenscheine.

Seh' ich dein Aug' in Starrheit süß verloren...

[13]
Seh' ich dein Aug' in Starrheit süß verloren,
Dem sonst so sonniges Leben hold entsprüht,
Dünkt mir, Anna: du seist nicht erdgeboren,
Daß fremder Welten Zauber dich umblüht.
Seh' ich dann Thränen deine Wangen feuchten,
Schimmern in zarter Wimper Perlen gleich,
Erschließt mir deiner Züge Wetterleuchten,
Wie thaufrisch deine Seele und wie reich!
Ich weiß: du möchtest gern ein Herz beglücken,
So schön, so lieb, wie nimmer es geschieht.
Ich weiß: du möchtest es der Welt entrücken,
Daß also keusch und rein es auch erglüht:
Wie all' die Träume, die dich lind umweben,
Wie all' die Lust, die jauchzend aus dir bricht,
Wie all' die Strahlen, die dich leis' umschweben,
Du schöne Himmelsseele hehr und licht.

Meine Gottheit bist du in Ewigkeit

O Anna glaub', ich lieb' nur dich,
Nur dich sucht meine Seele,
Du bist der Schönheit Stern für mich:
Ganz Licht, ganz ohne Fehle.
Dein Wort mein dürstend Herz nur füllt,
Dein Glück hellt meine Nacht —
Kämpf' ich auch jetzt nebelumhüllt:
Als Sieger end' ich die Schlacht.
Als Sieger kehr' ich zu dir mein Kind,
Meiner Tage Sehnsucht und Traum,
Dein Odem umweht mich friedenslind,
Daß ich fern je — weiß ich kaum.
An deiner Brust stirbt der Dämon Schmerz...
O holde Mährchenstund!
Immer wieder küss' ich, du einziges Herz,
Deinen vielsüßen Kindermund.
[14]
Ich frage dich nicht; ich weiß es genau:
Mein ist dein reiches Gemüth,
Mein der seligleuchtende Frühlingsthau,
Der deinen Augen entsprüht.
Mein bist du; mein, o Seligkeit!
Einzigmein in Lust und Graus!
Meine Gottheit bist du in Ewigkeit!
Und stirbst du — dann Sonne lisch' aus.

Fragment

O daß ich fände eine Seele,
Die fühlte gleich mir...
O daß mir endlich
In keuscher Schönheit
Thaufrisch erblühte
Das Wunder der Liebe!
O daß endlich dem Verschmachtenden würde
Das einzige Glück, das die Erde kennt,
In dem alle Seligkeit wurzelt:
Der süße Einklang
Zweier Menschenherzen
Zur ewigen Harmonie...
— — — — — — — — — — — — — — —
Niederthau'st du, o Friede,
Der in den Himmeln flutet,
Du Demant der Erkenntniß,
Darin sich spiegelt
Alles Gute und Böse.
Und wundervoll sprichst du,
Ewiger Wechsel,
Zu den Traumvergessenen.
O köstliches Weben
Im Tempel der Gottheit!
O trunkenes Schwelgen
In Wonn' ohne Ende!
[15]
Es wandeln die Monde —
Es bleibt der Seelenumarmung
Unaussprechliche Wollust.

Die Heilige, Einzige, Göttliche

Wann werd' ich dich finden,
Ach endlich dich finden,
Dich fiebernd in schauernder
Seelenumarmung,
Fühlen, ganz fühlen
Du Heilige, Einzige,
Göttliche?...
Die du bist, weil ich bin,
Mich willst, wie ich dich will...
Die du mit einem Strahl deines Auges,
Darin der Himmel glüht,
All' die Schmerzen des Einsamen
Heimath- und Glückfernen
Mitfühlend hinwegküssest,
Mit einem Athemhauch deiner Seele,
Darin ewiger Frühling blüht,
All' die Thränen auslöschst,
All' die brennende Qual,
Die meine Seele verzehrt,
Meine unsterbliche Seele...
Wo bist du, du Sonne!
Nur meine Sonne,
Die du jede Wolke der Schwermuth
Von gramtrüber Stirne
Mir lächelnd hinwegscheuchst,
Triumphirend verheißest
Jeden Traum's Erfüllung,
Und himmlischer Tröstung
Gottsüßen Frieden
In den sehnenden Busen gießt,
[16]
Mir, der ich arm bin,
So arm bin, wie Niemand?!
Wann erhebst du dein Haupt,
Aus Nebel und Sturm
Dein lichtmächtiges Haupt,
Du Erkenntniß der Wahrheit
Die ist und die sein wird?...
Wann winkst du Oase,
Du Mährcheninsel,
Voll paradiesischer Auen,
Dem Wüstenpilger,
Der müde des Kampfes
Des irdischen Kampfes
Ohne Rettungsstern
Hinsinkt, in das Nichts starrt?
Wann reifst du entgegen
Dem Labebedürftigen
O Thaufrucht der Liebe?!
Wann werd' ich erwachen,
Holdselig erwachen,
Dir im Schooße erwachen,
Du unendliche Wonne?!
Wann werd' ich Sie schauen
In all' ihrer Schönheit
Liebreiz und Anmuth,
Die aus dem Kelch jeder Blume
Entgegen mir duftet,
Und zu mir spricht
Aus der Nachtigall Schluchzen,
Dem Flüstern des Maiwinds,
Jedem Machtwort der Schöpfung?!
— — — — — — — — — — — — — — — —
Mit dem Schrei der Erlösung
Fliegt ihr entgegen
Die verschmachtende Seele;
Leib reißt sich an Leib...
Es sättigen sich endlich
Im Rausch der Verzückung
Die taumelnden Sinne.
Hinsterben die Pulse...
[17]
In des Kusses wildlodernder
Flamme vermählt sich
Alle Süße des Lebens
Des Lebens und Todes.

Meiner Seele Seele

Welch' Drang, welch Beben
Durchgraut, durchzittert
Wie wonniger Glücksahnung
Jähe Gewißheit
Die qualmüden Sinne!
Wie schrecklich-schön
Blüht entgegen mir
In flammenden Reizen
Deine süße Gestalt!
Wie durchschau'rt mein Herz,
Das liebeschmachtende,
Deines schimmernden Gluthauges
Seligjubelnde Märchensprache!
Ach, du bist meiner Sehnsucht Ziel...
Jauchzend grüß' ich dich:
Meiner Seele: Seele!
Du bist's, die ich suchte
In dunklen Mitternächten,
Da ich rang und rang
In stummer Verzweiflung
Und kein Stern mir winkte
Vom grausamen Himmel...
Du bist's, die ich suchte,
Wenn ich einsam trank
Des Frühlings frische
Quellende Gluth
Die in alle Poren mir drang,
Den süßen Duft
Der über den Auen schwamm
Und den Busen mir schwellte
In heiliger Sehnsucht...
Du bist's, in dir wurzelt
[18]
Mit allen Fasern
Mein ganzes Sein,
Jede Knospe der Hoffnung,
All' Frieden und Glück.
Gebannt in deiner Schönheit
Magischen Lichtkreis
Lass' mich träumend vergessen,
Lass' Leben mich saugen
Von deinen Lippen,
Im Schooße dir rasten:
In holder Umarmung
Schöpf' ich Erquickung
Wie der Baum aus der Erde...

À la Makart

Mit dämonischen Reizen
Schmückte dich Venus,
Die Göttin der Liebe:
Du wollüstig blasse,
Lustheischende Dirne.
Wie schön bist du!
Leise heben sich
In zitternden Wogen
Deiner üppigen Brüste
Zartknospende Rosen.
Phantastisch flutet
Deines Seidenhaars
Duftige Lockenfülle
Auf den blüthenweißen
Nacken hernieder,
Der so lieblich gerundet...
Immer heißer zehrt
Am innersten Mark mir
Deiner nachtschwarzen Augen
Wildlodernde Glut.
Wollustathmend,
Fieberheiß,
Blüht mir entgegen
[19]
Deines schwellenden Leibes
Nacktschimmernde Pracht;
Und wonnig umschlungen
Von dem sammetweichen Fleische
Deiner weißkosigen Arme
Sinke ich liebeächzend
In deines feuchten
Brünstigen Schooßes
Thauspendende Tiefen.
Voll süßer Gier,
In wahnsinniger Trunkenheit
Preß ich dich an mich;
Lippe brennt auf Lippe,
Leib schwelgt an Leib,
In seligen Schauern
Rinnt in einander
Der Seelen Geheimniß...

À la Gabriel Max

O laß mich, laß mich,
Du blasse Dirne,
Du so heiß begehrtes,
So schnöde verdammtes
Kind der Sünde!
Was soll das Lächeln,
Da sinnverwirrende,
Das den reizenden
Kleinen schwellenden Mund
Dir so lieblich umknospet?
Was soll deiner großen
Nachtschwarzen Kinderaugen
Wehmüthige Räthselfrage,
All' die bachantische Glut,
All' das lustsatte Leid,
Das dein müdes Gesichtchen
Mir wechselnd kündet?
[20]
Ich kann dich nicht retten
Aus dem Pfuhl der Verderbniß,
Du schöne Verlorene!...
Nicht darf ich mehr bergen
Dein süßes Lockenhaupt
An meine starke
Pochende Männerbrust,
Nicht mehr mit zitternden Fingern
Voll seliger Trunkenheit
Wühlen in deinem Seidenhaar.
Ich lieb' eine Andere!...
Wie du mich liebst
Mit all' der Stärke und Reine
Und thaufrischen Frühlingsempfindung
All' der herzfüllenden Leidenschaft
Der wahren Liebe! — — —
Ach, nicht deiner Seele
Holdes Geheimniß
Suchte ich brünstig,
Aug' in Auge gesenkt
Lippe hangend an Lippe
In der Wollustumarmung
Wildlodernder Küsse,
Nur deines Leibes
Jungfräulich herber
Berauschender Dufthauch
Trieb mich fiebernd
In deine weichen Arme,
Daß ich wild an mich preßte
Deiner weißwogenden Brüste
Schimmernde Fülle,
Zu sättigen der Sinne
Ewig rege Dämonen...
Ich kann dich nicht retten...
O fluche nicht dem Unseligen!
Auch ich bin gebannt
In sternlose Nacht
Wie du;
Unstät und flüchtig
Muß ich weiter irren
[21]
Durch pfadleere Wüste,
Stumm weiterschleppen
Die Qualenlast
Nie gestillter Sehnsucht.

Mondnachtzauber

O wonniges Weben
In Höhen und Tiefen
Des wallenden Äthers!
Wie selige Geister
Grüßen die Sterne,
Die duftumflorten;
Weihend waltet
Die ewige Liebe.
Ich träume und träume...
Und wieder weckt
Eine Welt von Empfindung
Der Mondnacht Zauber
Im Busen mir.
Tiefe Wehmuth füllt
Mein einsames Herz.
Lang', lang' ist's her...
Tief schwamm der Mond
Im Dämmer-Blau,
Ein blasses Traumgesicht;
Im nahen Korne nur
Zirpten die Grillen;
Wie von Geisterhänden
Magisch berührt
Erzitterten leise
Des wilden Weins
Phantastisch sich rankende
Blätter und Blüthen...
Heiße Worte der Sehnsucht
Entrangen sich zögernd
Dem tiefsten Grunde
Meiner traumbeklomm'nen
[22]
In heiligen Schauern
Erbebenden Brust.
Köstlichstumme
Selige Erwiderung
Ward mir von deinen
Duftkeuschen Lippen,
Du süße Frauenseele
An meiner Seite.
Eine Heilige, eine Madonna
Andachtumflossen
In lichter Glorie
Neigtest du lächelnd
Dein liebliches Haupt
Und im Innersten traf mich
Der Liebe Strahl
Aus dem zarten
Durchgeisteten Kinderantlitz.
Berauscht bis in's Mark
Von deiner Engelsmilde
Und frau'nhaften Weiche,
O Anna,
Sank ich in's Knie
Und küßte inbrünstig
Immer wieder und wieder
Deine feinen, weißen, duftigen Hände...
Von der Blumen Balsam
Lindkosend umflutet
Verschwisterten sich
In brünstiger Umarmung
In der Mainacht Gluthauch
Die unsterblichen Seelen
Zum ewigen Bunde...

Fata morgana

Wie milde und süß
Des Abends Kühle
Und thaufrische Labung
Herniedersinkt
[23]
Auf die heiße dürstende
Glutschwangre Erde!
Matter glänzen die Tiefen
Des Himmesgewölbes
In duftweißem Schimmer;
Nur in der Ferne
Wie stolzen Gebirges
Vielhäuptiges Steinmeer
Ragt auf der Wolken
Stummdräuende Nebelwand.
Immer dichter breitet
Um die dämmernden Sinne
Mit Muttersorgfalt
Ihren Traumesschleier
Die Trösterin Nacht.
Wie Geisterrauschen
Zieht's durch die Lüfte,
Sanft küßt es die Köpfchen
Zarthalmiger Gräser,
Die stolzen Kronen
Hochwipfliger Bäume,
Daß sie leise erzittern
In wonnigem Beben
Und flüsternd sich neigen.
Jeder Schmerz, jede Sehnsucht
Der Seele verhaucht,
Mit dem Friedenslispeln
Der Lüfte und Sterne.
Himmel und Erde
Umarmt sich alleins
In dem Segenszauber
Der müden Natur...
Immer deutlicher grüßt
Aus wachsenden Schatten
Die heilige Schwelle
Der Heimath.
Jetzt lächle ich selig,
Ein seliges Kind, ach,
Im Schooße der Mutter.

Fieberglut

[24]
Durch meine Adern
Rast Fieberglut!
In meinem kranken
Ausgedörrten Hirne
Lodert des Wahnsinns
Flamme empor!
Aus Nacht und Graus,
Aus wilder Verzweiflung
Schreit meine Seele
Nach dir, nach dir
Du süße
Ewigverlorene Geliebte!
In heißen Thränen
Quillt das Opfer
Unendlicher Sehnsucht.
O daß ich vergessen könnte!...
Ertödten der Erinnerung
Vielholden Mährchenduft!
In tollem Sinnentaumel
Bachantisch schwelgen,
Hinsterben in den Wonnen
Rauschseliger Liebe!...
Wie schön schien die Welt
Dem Auge des Glücklichen!
Ein schimmernder Blüthenhag
Süß umwoben und durchzittert
Von Duft und Schall
Und nun —
In Nacht getaucht
Ist der Lichtkreis der Sonne,
Zum Schmerz wird jeder Athemzug
Der leidgepreßten Brust,
Immer wieder wühl' ich,
O wollüstige Selbstqual!
In meiner Wunde,
Der nie verharschenden...

Dichterstolz

[25]
Ja blicket stolz ihr Enkel des Helios,
Die Seele heiß von großer Gedanken Glut!
Ein blühend Thal zu euren Füßen
Breite sich schmiegend die weite Erde!
Der Sterne Kranz, ein leuchtendes Diadem,
Umblühe glanzvoll euere Stirnen! Ha,
Vergesset nie, von oben strömet
Nieder das Licht in des Dunkels Feuchte!
Vergesset niemals, Priester des Ewigen,
Von eurem Mund nur tönet Unsterblichkeit
Der armen Menschheit: Viel noch lebten
Nach Agamemnon der tapf'ren Helden,
Die namenlos nun schlafen den ew'gen Schlaf,
Weil ihnen nachzog nimmer ins Kampfgefild
Der Sänger, leicht zu Fuße schwebend,
Singend den herrlichsten aller Tode!
Von Mord und Raubgier, schnöde vergoss'nem Blut,
Nichts von Achilleus wüßte die Welt, wenn nicht
Homer geliehn ihm hätte seine
Eigene, göttliche Feuerseele!
[26]
Und wähnet heut auch manche gekrönte Stirn,
Des Sängers Beifall wiege so leicht wie Hauch
In jener Wagschal', welche spät're
Folgegeschlechter zu Händen nehmen,
O lasset sie hinleben und — sterben auch
Dem dumpfen Traumwahn! Stillet den edlen Zorn,
Der heimlich aufbraust: eure Rache
Bleibe das ruhige, große Schweigen.
Was ewig lebt und lebend erfreuen soll
Die arme Menschheit, legen die Dichter nur
Ihr an das Herz, daß wie die Mutter
Freudig sie staune der Vielgeliebten!

Notturno

O Schicksal, schweigendes Schicksal,
Nimm von mir die düst'ren Gedanken,
Die nieder wie brütende Nebel
Auf meine Seele sanken.
O warum kann ich nie wieder
Träumen in süßen Gedanken,
Gleich wie auf dem Felde die Blumen
Vom Winde beseligt schwanken?
Schon fühl' ich unter den Füßen
Den Boden zittern und schwanken...
Gieb himmlische Flügel, o Schicksal,
Den schweren Todesgedanken!

Gebet

[27]
O gold'nes Licht, dein blendendes Strahlenkleid
Umhülle mir von Neuem den müden Geist:
Vergessen such' ich, Adleraufschwung
Über die Tiefe des düst'ren Lebens.
Nur du allein giebst Frieden und Wonnelust;
O wende nicht dein göttliches Vateraug'
Von deinem Kind, das sich hinaussehnt
Über die Enge des düst'ren Lebens.
O lass in deiner allhinleuchtenden Nacht
Alswie ein Kind am blumigen Alpenhang
Mich selig ruh'n, empor mich träumen
Über die Schwere des düst'ren Lebens!

Die Todtenuhr

Bei winternächt'ger Stille
Im lampenhellen Zimmer
Lag ich in tiefen Träumen
Auf grünem Pfühl — wie immer!
Dazwischen pochte nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
Und vor mir stand bezaubernd
Aus alter Zeit die Schöne;
Die stummen Augen sprachen
Wie sel'ge Liebestöne...
Dann hört' ich wieder nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
[28]
Es kam des Freundes Schatten
Mit todesbleichem Munde;
Er zeigte traurig lächelnd
Mir seines Herzens Wunde...
Und wieder hört' ich nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
Viel and're noch. Als letzte
Blutlose Schatten nahten
Mit duftlos welken Kränzen
Die Sorgen, Wünsche, Thaten...
Eintönig pochte nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
Und allen gab mein Träumen
Ein flüchtig schönes Leben,
Und alles sah ich wieder
In Grabesnacht verschweben...
Denn immer pochte nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
Indessen um mich langsam
Hinstarb der Lampe Schimmer,
Da winkte mir im Traume
Der Sterne Glanzgeflimmer...
Doch stärker pochte nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
Nacht war's. Ich sah die Erde
In weiter blauer Ferne
Als goldnes Sternchen schweben
Im Reigentanz der Sterne...
Und leiser pochte nur
So geisterhaft die Todtenuhr.
Wie eine Rose deuchte
Die Erde mir zu blühen,
Wie eine kleine Leuchte
Sah ich sie stumm verglühen...
Da schwieg — täuscht' ich mich nur? —
So geisterhaft die Todtenuhr.
[29]
Wie mich die Geisterstille
Der Winternacht erweckte!
Wie mich die Todesruhe
Im Dunkel rings erschreckte!...
O warum schwiegst du nur
So geisterhaft, o Todtenuhr?
Ach Würmchen, nun belohnet,
Sagt' ich mir unter Thränen,
Wohl eines Weibchens Liebe
Dein liebewerbend' Sehnen...
Ich bin so einsam nur —
O poche wieder, Todtenuhr,
O poche, poche, Todtenuhr!

Von Liebe etwas

Viele tausend Male sei du mir gesegnet,
Rosenblüthenmund,
Dem noch nicht der letzte Tropfen ist begegnet
Auf des Bechers Grund.
Dich auch will ich segnen, dich auch selig preisen,
Ohrenmuschelpaar,
Das noch kindlich staunend höret auf den leisen
Sang der Sternenschaar.
Rosenblüthenlippen, Ohrenmuschelpärchen
Werden arg befehden
Deine Veilchenaugen; wirst nach einem Jährchen
Schon von Liebe reden.
Ach von jener Liebe, die nur in Gedichten
Noch so reizvoll glüht,
Die wie leis verscholl'ne Mährchentraumgeschichten
Längst schon ist verblüht, verblüht!

Hohe Minne
An die Prinzessin ***

[30]
Wie süßes Mondlicht an den blauen Höh'n,
So leuchtet mir dein Antlitz mild und schön
Aus unnahbaren Fernen stumm entgegen;
Ein Himmel blüht, wo deine Augen winken;
O könnten sie doch einmal niedersinken
Zu mir, dem Dumpfheit folgt auf allen Wegen.
Du gäb'st dem Herzen kühne Adlerschwingen,
Wie sollt' es jauchzend von dem Höchsten singen,
Was Menschensehnsucht je nur kann erreichen!
Ha, wie verklärte dann der Zeit zum Neide
Ein ew'ger Glanzschein uns're Stirnen beide,
Nie sollten uns der Jugend Locken bleichen.
Doch solches geben mir die Götter nimmer...
Und dir auch wird der Anmuth Zauberschimmer
Allmählich grausam Stück für Stück zerfallen.
Am Strand des Hades wird dein Schatten schweben,
Vergessen! Ach, und länger blühend Leben
Verdienst du, o Herrlichste vor Allen!

Capriccio

Ich bin so krank und müde,
Mein Herz sehnt sich nach Ruh',
Ich schlösse gern die Augen
Für alle Nächte zu.
Nur möcht' ich hin und wieder
Sanft streifen mit der Hand
Ein weiches Blumenantlitz,
Das mir noch unbekannt.

Hadrian

[31]
Du Freund von Hellas! Weiser! O Hadrian!
Als deinen Freund wegraffte die Flut des Nil,
Als du, im Schmerz, der Wunderblume
Jeglichen Strebens im Staub der Erde,
So manchen Prachtbau weih'test und rings befahlst
Der schalen Welt, Antinoos göttergleich
Zu ehren, ruchlos thöricht schalten,
Sinnender Träumer, dich viele Blinde!
Noch heute, stumm voll glänzender Hoheit, lebt
Dein holder Liebling, göttlichen Odem sprüht
Sogar der Marmor noch, der kalte —
Selig beglückte, die sah'n das Urbild!
Und manchesmal wohl sah ich dem Menschengott
In's stille Antlitz, Schauer und Lust zugleich
Empfand ich, Ehrfurcht, heil'ge Liebe
Tief in dem Busen entgegenflammen.
Gedanken, seltsam, nimmergewollt, und doch
In süßem Bann mich haltend, befielen mich,
Besiegten mich; wie Geisterflügel
Hört' ich die Stimme des Herzens rauschen...
Ha, ich versteh' dich! Himmlischen Tiefsinns voll,
Sprach deine That, was And're verschweigen! — Ach,
Es flieht der Thor selbst dann das Wahre,
Leuchtet es still im Gewand der Schönheit!

Ein goldner Kaisertraum

[32]
Kennst du das Zaubereiland,
Das fern im Süden liegt,
Das leis' in ew'gen Schlummer
Die Meereswelle wiegt?
Hier blüht noch der Orangen
Und Myrten Hain so schön,
Hier schimmert noch so blendend weiß
Der Schnee auf Bergeshöh'n.
O siehst du, wie die Welle
Als wie ein kleines Kind
Umkos't, umspielt das Eiland
So weich, so schmeichelnd lind?
Wohl liegt der Schnee so blendend
Hoch um des Ätna Firn',
Und doch wie Trauer, still und groß,
Umwebt's der Insel Stirn.
Wo blieb, der einst hier ragte
Am Meere, der Palast,
Der jeden Gott begrüßte
Als hochwillkomm'nen Gast?
Wo blieb, das ihn durchrauschte,
Das purpurne Gewand,
Darauf so stolz in goldnem Grund
Ein rother Löwe stand?
Verschollen sind die Lieder
Des deutschen Minnesangs,
Verblichen auf dem Eiland
Des Orient's Mährchenglanz;
Der Minnehof der Schönheit,
Die Weisheit hochgelehrt,
Sie wichen, seit verrostete
Das Hohenstaufenschwert!
[33]
Und hörst du, was die Welle
Noch heute traurig singt?
Was traurig wiederhallend
Zum hohen Norden klingt?
„Hier schlummert in zwei Särgen
Ein goldner Kaisertraum,
Der einst umspannen wollte
Den ganzen Erdenraum.“

Gralworte

Über dem Dichten und Denken und Träumen,
Singen und Bilden und Bauen und Malen
Lasset uns nimmer säumen,
Uns, vom heiligen Geiste berufen,
Näher zu jenes Heiligthums Stufen
Die Völker zu führen, aus welchem strahlen
Als letzter und schönster Erdenlohn
Erlösung und Frieden hienieden schon.
Der lockende Traum, der uns umtanzt,
Von welchem immer die Menschen reden,
Als Eldorado, Atlantis, Eden —
Er ward uns in die Seele gepflanzt,
Daß wir d'ran hangen und d'ran glauben;
Nicht Noth,
Nicht Tod
Soll dieses himmlischste Kleinod rauben.
In ihm zu weben,
Mit ihm zu streben,
Ihn weiter zu geben,
Den hehren Gedanken, wie Kerzenlicht,
[34]
Wann todreif unser Leib zerbricht,
Dies sei unser Leben,
Unser Ideal,
Heut und morgen, zu jeder Frist,
Bis die Erde geworden ist
Ein heiliger Riesentempel des Gral!

Atlantis

Heilige Zukunftsschaaren, des Sängers Gruß euch!
Einen Wurfspeer schleudert er, voller Ahnung,
Durch das Nachtgraun, lichtere Schimmer sehend,
Seinen Gesang hin!
Laßt der Weisheit düstere Rabenstimme
Von dem niemals endenden Elend krächzen,
Was so hoffnungsfröhlich das Herz durchzittert,
Muß sich entfalten.
Still und langsam windet sich hin die Raupe,
Aber heimlich spüret sie schon die Flügel,
Die sie einst als schillernden Falter tragen
Über die Auen.
Ja, nur ein Ziel leuchte den Erdensöhnen!
Ha, nur ein Ziel singet, ihr heil'gen Dichter:
„Edler Freiheit flüchtig gewährte, goldne
Fülle hienieden!“
Nimmermehr auf anderen Lichtgefilden,
Welche noch kein sterblicher Blick durchmessen,
Sollst du aufblühn, süßester Traum der Menschheit,
Sonnig Atlantis!
Unter uns vom perlenden Thau des Äthers
Wonnesanft umschmeichelt, erblüh' den Enkeln,
Welche fromm wie wandelnde Blumen leben,
Bilden und schaffen!
[35]
Aber ihr, o glückliche Länder, denen
Wir den fernher leuchtenden Port gewiesen,
Weiht dann uns manch schäumendes Glas, Dankthränen
Himmlischer Freude!

Pallas lunatica

Es war in einer blauen Sommernacht;
Vom Himmel schien, wie blüh'nd in Lilienpracht,
Der Mond hernieder in mein Kämmerlein,
In dem ich saß am Fenster und allein.
Ich saß allein, das Herz von Trauer schwer,
Indeß aus einem fernen Garten her
Brummbaß und Geige durch die Stille klang
Zu wildem Tanz und lustig tollem Sang.
Das Herz von Trauer schwer, saß ich allein,
Sah wie gebannt in diesen weißen Schein
Des Mondenlichts, und geisterhaft und mild
Schien auf mich nieder, ach ein leuchtend' Bild.
Ich kenne dich, o Antlitz, edelbleich,
Wer riß dich aufwärts aus dem Schattenreich,
Wo du seit Jahren schliefest wonnestill,
Die blasse Stirn umkränzt von Asphodill?
Was siehst du mich so glänzend schweigsam an?
Ha, immer wirket noch dein Zauberbann,
Der mich emporträgt mit des Adlers Schwung —
O Sehnsucht, Sehnsucht, o Beseligung!
Vergessen wie ein Traum der Erde Leid!
O Himmelslust! O Wleteneinsamkeit!
Ach, weißes Antlitz, lotosblumenschön,
Was blickst du sinnend auf zu neuen Höh'n?
[36]
„Schau'st du dort oben jenes höchste Licht“ —
O frommes Kind, ich seh es nicht, noch nicht;
Ich seh' nur, wie versinkt das Blau der Nacht
In immer düst'rer glänzend schwarze Pracht.
„Geduld! wir sind von ihm nicht mehr so weit“ —
O du mein Stern, umhüllt von Seligkeit,
Wag' ich zu ahnen kaum das höchste Licht,
Von dem dein blasser Mund verheißend spricht.
„O weiter, weiter nur zum Flug hinan“ —
Mein heilig Kind, ich bin ein kranker Mann,
Bin müde, grenzenlos, schon sink' ich, weh...
Von unten winkt ein nachtschwarz stummer See.
O du mein Stern, o weiße Blume du,
Mein Himmel, ach, ich sehne mich nach Ruh —
„Geliebter, siehst du nicht den ros'gen Schein?“...
Mein Muth zerbricht, weh' mir, flieg du allein!
Umathmet schon vom Hauch des ew'gen Lichts,
Sank ich hinab ins bodenlose Nichts;
Und während aus den Tiefen ich so nah
Des ries'gen Dämons höhnisch' Grinsen sah,
Da scholl es wild wie ein Verzweiflungsschrei
Von oben her in grauser Melodei:
„Getrennt auf immerdar! Du glaubtest nicht
An der Verheißung ewig leuchtend Licht!“
Schweiß stand auf meiner Stirn. Ich war erwacht
Aus meinem Traum; und in die blaue Nacht
Sah ich hinaus; verstummt war Sang und Tanz —
Und nur zu fühlen noch des Mondes Glanz.

Omphale

[37]
Zwei Augen wie Kohlen so glühend und groß
Durch's Zimmer, das dunkele, irren;
Man hört nur ein seltsam eintönig Geräusch,
Ein Schnurren und Rollen und Schwirren.
Bisweilen ein Stöhnen so tief und schwer,
Dann wieder das ew'ge Geschnurre;
Bisweilen auch ist es, als kläng' im Gemach
Eines riesigen Hundes Geknurre...
Da nahet die Sclavin im bunten Gewand,
Zu erleuchten das üppige Dunkel:
Und es strömet die Ampel vom Deckengebälk
Hernieder ein duftend Gefunkel.
Nicht achtet die Alte des Hünen, der dort
Versenkt ist in grübelndes Sinnen,
Dess' eherner Fuß nur beweget das Rad,
Um schmählich erniedert zu spinnen.
Wohl hängt ihm ein weibisches Frauengewand
Nachlässig und schleppend hernieder,
Doch jegliches Regen des Leibes enthüllt
Die Formen der ehernen Glieder.
Doch ha, nun schwebet sie selber herein,
Die lydische Amazone,
Goldspangen auf nacktem und rosigem Arm,
Auf bräunlichen Locken die Krone.
Ein höhnisches Lächeln umspielet den Mund,
Schier lechzend die Augen erstrahlen,
Als könnten sie nimmer gesättigt beschau'n
Des Helden unendliche Qualen.
Sie lagert sich nieder aus schwellendem Pfühl
Und blicket herab zu dem Recken;
„Nun komm, mein Hündchen, nun darfst du die Hand
Der Herrin gehorsam belecken!“
[38]
Und das Hündchen erhebt sich und schmieget sich hin
Zu den Füßen des üppigen Weibes,
Und küßt ihr die Hand und ein Beben durchzieht
Die Glieder des üppigen Leibes.
Und sie wirft sich ein Fell um den blendenden Hals,
Um die Brust, um die Schulter, die nackten,
Das Fell des nemeïschen Löwen, den einst
Zwei Hände zerdrückten und packten.
Dann greift nach der Keule die zierliche Hand,
Und Omphale fragt ihn mit Höhnen:
„Ei, Herakles, sag', die Gewaltigsten sind
Und die Sieger doch immer die Schönen?“
„Ach, Omphale, ja, die Gewaltigsten sind
Und die Sieger wohl immer die Schönen,
Doch stärker bedünkt mich die Göttin zu sein,
Die uns lehret das träge Gewöhnen!
„O schweig, mein Trauter, und küß mir den Mund,
Du wolltest ja sein mein Sclave,
Ruh' aus bei mir von dem weibischen Dienst
Und freue dich wieder der Strafe!“
Es duften die lydischen Myrthen so heiß,
So heiß auch die lydischen Rosen,
Und es läß't sich, von Neuem gefangen in's Joch,
Vom Weibe der Wackere kosen...
Und herzlos ist doch die Schöne zumal
Und spielet doch nur mit dem Lieben,
Kalt lächelnd, als Herakles einst ihr gestand:
„Mich hat nur die Liebe getrieben!“
„Aus Liebe nur hab ich an dich mich verkauft,
Aus Liebe zum Sclaven verdungen“ —
Zu straff nicht, Herrin, ziehe das Band,
Gar leicht ist die Kette gesprungen...
[39]
Schlaftrunken und nimmer erfrischt vom Schlaf
Erwacht der Held in der Frühe;
Wach steht schon vor ihm das reizende Weib
Und spricht, doch sie lächelt mit Mühe:
„Ergreife die Keule, das Löwengewand,
Ich schenke dir einen der Tage,
Und befreie das Land von dem Räuber im Wald,
Schon ward er dem Lande zur Plage!“
Und blitzschnell springt vom Lager der Held,
Er fühlt in den Gliedern ein Schwellen:
Es ist ihm, als säh' er zu sonnigstem Glanz
Die dunkele Nacht sich erhellen.
Umhängt sie ihm selber das glänzende Fell,
Es däucht ihm wie kosendes Streicheln;
Sie giebt ihm die Keule — so fest er sie drückt,
Als wollt' er sie kosend umschmeicheln.
Wie leicht doch die schmähliche Kette zerbrach!
Er sieht nur im Geist den Gesellen;
Er gedenkt ihn am Saume des schattigen Wald's
Gleichwie eine Tanne zu fällen.
Kaum achtet er weiter des Weibes Geschwätz,
Kaum fühlt er die Wonne des letzten
Der Küsse — der Küsse, die einst ihm das Blut
In siedende Wogen versetzten!
Er wandelt dahin und es ist ihm, was war,
Wie Nacht und wie Nebel versunken;
Er wandelt im sonnigen Lichte dahin,
Vom Lichte, dem sonnigen, trunken.
Da tönt es von fernher an sein Ohr
Mit rauhem und heiserem Schalle:
„Komm, zappelndes Mäuschen, dich hab' ich geseh'n,
Und nimmer entrinnst du der Falle!“
[40]
„Ei, seht nur die Keule, das Löwengewand,
Welch' prahlendes, nichtiges Gleißen!
Sag' an, mein zitterndes Mäuschen, wie mag
Der Held, der dich zeugte, heißen?“
„Es wohnt mein Vater im himmlischen Saal;
Die Irdische, die mich geboren,
Sie nannte mich Herakles... Wer sich genannt
Mein Feind, stets war er verloren.“
„O, bist du der Kühne, von welchem im Land
Umgeh'n seltsamliche Mären?
Und du ein Sprosse der Götter? Der läßt
Vom Weibe das Spinnen sich lehren?
Wer Weibern gedienet, den fürchtet' ich nie!
Komm her denn gewaltige Memme,
Damit ich den Nacken, damit ich das Haupt
Dir zwischen den Beinen zerklemme.“
Da reckt sich der Held und es flattert das Fell,
Und in eherner Faust schier blitzet
Die Keule: sie saust auf das feindliche Haupt:
Und das Hirn an den Bäumen verspritzet...
Es kehrt der Held zu dem Weibe zurück
Mit dem blutigen Haupt in den Händen
Und wirft es der Königin jäh in den Schooß —
Kein Wörtchen die Lippen verschwenden.
Voll Schaudern und Ahnung blickt ihm das Weib
In's Antlitz, das ernste, das hohe,
Es däucht sie, als ob es sein lockiges Haupt
Umspiele wie flammende Lohe.
Sie senkt erzitternd zur Erde den Blick,
Verwirrt, wie ein Täubchen verschüchtert...
„O Weib, dein Becher der Lust ist geleert,
Blut, Blut hat den Helden ernüchtert!
[41]
Mein Dienst ist beendet, verflogen der Rausch,
Leb' wohl!“ — Und der Sohn der Alkmene,
Er wendet den Rücken, verläßt das Gemach
Und nicht mehr sieht er die Thräne.
Die Thräne der Liebe, des Stolzes, der Wuth
Im Auge der furchtbar Schönen...
„Verlassen von ihm!“ — An den Wänden des Saal's
Die Klagen des Weibes vertönen.
„Verlassen von ihm!“ — „Und ich wußt' es voraus,
Doch sagt er nicht selber, die Schönen
Sind stark und gewaltig, doch stärker noch sei
Und gewalt'ger das träge Gewöhnen?“ —
Fern wandelt der Held und es ist ihm, was war,
Wie Nacht und wie Nebel versunken;
Er wandelt dahin, wie ein Lichtgott hin,
Vom Lichte, dem göttlichen trunken.

Ixion
Audiatur et altera pars.

Ha, brause nur, rausche nur, rollendes Rad, unermüdlich
Sich schwingend in feuriger Gluth, wohl tanzt vor den Augen
Hinfließend in Nichts, in verwirrendes Flimmern, mir Alles,
Wohl sitzt kein Fleck mir an dem zermarterten Leibe,
Der wund nicht wäre, zerfleischt und blutig gerissen:
Und ha, und dennoch, Götter im rosigen Lichte,
Die nieder mich warfen, hinab in's Dunkel des Hades,
Auf's Rad mir flochten, unsterbliche Qualen zu leiden,
Die Glieder, den eurigen gleich so göttlich erblühend,
Eins könnt ihr nimmer zerreißen in mir und ertödten:
Hier unter den Augen und unter der Stirne den Funken,
Der ewig erweckt unsägliche Wonnenerinn'rung
[42]
Im Herzen zutiefst, daß schwelgend es ruht
Auf rosigem Pfühl, daß heller noch strahlt
Das trotzige Aug', und laut es erklingt,
Stolz leuchtenden Blick's:
Ich habe das Höchste besessen!
Horch, schwirr'n nicht über die Todesgefilde, die bleichen,
Gleich Fliegengesumme die luftigen Schatten der Seelen,
Wie ängstliches Kindergeflüster in dunkelnder Stille?
Schwebt weiter ihr Schatten von Schatten, mit grausenerfülltem
Abscheu euch wendend hinweg von dem riesigen Frevler,
Dem Frevler — so sagen sie wohl hier drunten und droben,
Dem Undankbaren, dem Gast und der Himmlischen Liebling,
Der schnöde begehrte die Gattin des Höchsten, desZeus selbst,
Wildwüthigen Rasens, die Augen, die Seele geblendet,
Dem göttlich gelaunt zum Weib die Olympischen gaben
Ein Rosengewölk in flammender Gluth zu umfangen,
Eh' nach ihm folgte die dunkelbeflügeltte Rache!
So tönet es hier, so tönet es dort:
Und du, mein Herz? du lächelst dazu!
O rollendes Rad, noch brausender klingt's,
Wild rauschender noch:
Ich habe das Höchste besessen!
Aufglänzt das große, das leuchtende Auge der Hera
Von Neuem in mir, vor mir; beim Mahle der Götter
Gewahr' ich mich selber, gelagert im hohen Olympos;
Stumm seh' ich die edle Gestalt, von heimlichem Grame
Gequält; ich denke wie sie an den frevelnden Leichtsinn
Des lüsternen Gatten, und Mitleid, heiliges Mitleid
Empfind' ich zu ihr, dem Weib in der herrlichen Göttin,
Und was mich noch herrlicher däucht, theilnehmende Liebe.
Da trifft mein Auge das ihre, und nimmer verbirgt mir
Das Auge die glühende Sprache des Herzens, es reden
Die Winke der Augen, es reden die zitternden Hände;
Bis schwebte von dannen die glänzende, hohe Erscheinung.
Still folgt' ich, und ob auch die Himmlischen rings
Auflachten, zumal Aphrodite, mich trieb's
Mit Sturmesgewalt der Vorschwebenden nach —
Lusttrunkenes Herz,
Ich habe das Höchste besessen!
[43]
Von rosigen Wolken beglänzt auf schweigender Berghöh',
Wo Blumen süß erblühten in prangenden Farben und Düften,
Da trat mir entgegen in schneeweiß leuchtender Frische
Die Hohe, die Große mit lustvoll schmachtenden Augen.
Nicht zähmt' ich mir länger das Herz in der Brust, und gewaltig
Umschloß ich bestürmend in glühendem Sehnen die Holde,
Die Liebe gewährte verzückt voll stummen Gehorsams,
Das eigene Herz von Eros selber bezwungen.
Ich war zum Gott, zum höchsten der Götter geworden.
O Glück, für welches so ärmlich die Sprache der Menschen,
Das nimmer des Zeitstroms schäumender Wirbel hinabreißt,
Dich hatt' ich und hielt ich! Und dann, als wieder erwachte
Das trunkene Aug', wo erwacht' es sodann?
Auf stygischer Flur in dem rollenden Rad!
Laut schrie ich zuerst, von unendlicher Qual
Zerrissen das Herz —
Ich hatte das Höchste besessen!
Ihr Unbarmherzigen droben im rosigen Lichte,
Verewigen könnt ihr die Schmerzen des Erdegebor'nen,
Indessen verewigt ihr sie, so lindert die Zeit sie.
Stumpf, stumpf ist der Stachel geworden, und immer im Herzen
Erblüht so gesund noch und blühend ein selig Erinnern.
Und wär's ein Rosengewölk, lustathmend, gewesen,
Das ich umfing in geblendeter Herzensberauschung —
Nein! Nimmer bekehren sie mich, und häuften sie grausam
Erfinderisch über mich kaum zu erdenkende Strafen!
Ha, nimmer bekehren sie mich, nicht Menschen noch Götter,
Ihr thörichtes Mährchen zu glauben in kindlicher Einfalt!
Ich täusche mich nicht: Kein Traum mein kühnster Gedanke!
O rausche du nur, wild brausendes Rad!
Verwirrest doch nicht mein geistiges Aug'!
Und berstete rings umkrachend die Welt,
Aufjauchzt' ich auch dann:
Ich habe das Höchste besessen!

Kaiser Nero

[44]
Sahst du das prachtvoll düstere Nerobild,
Das Meister Kaulbach's flüchtige Hand entwarf?
Sein Zauberreiz bleibt unauslöschlich
Winkend mir tief in das Herz gegraben.
Hoch oben steht machtstrahlend der Caesar da
Im lässig weichumhüllenden Prunkgewand,
Indessen hält die ausgeklung'ne
Leier ein knieender, schöner Knabe.
Hoch als Apollon ragt er, im Lorbeer stolz;
Von links drängt an vollbusiger Weiber Schaar,
Mänadisch schön, mit liebestrunk'nen
Augen, in üppiger Leibesnacktheit.
Links aber nah'n mit grinsenden Sclavenblick
Sich Männer, feig und seelenverderbt, ob nun
Die weite Toga, ob der Panzer
Schmücke die immer noch stolzen Glieder.
So schlängeln glückwunschbringend sie sich zum Herrn,
Der eben aussang — Aber betrachte jetzt
Den Kaiser selbst: Was sieht sein Auge?
Welche Tragödie sich zu Füßen?
Ein Christenhäuflein! Petrus am Marterpfahl!
Den nackten Säugling hier und die Mutter dort!
Jünglinge, trotzig schön in Demuth,
Hoffend wie Paulus und schweigsam duldend...
O schnöder Zeitgeist, welcher gefangen hält
In dumpfem Bann ach alle Gemüther — ha,
Wie Kaiser Nero möcht' ich heute
Sitzen und richten vom goldenen Thronstuhl.
[45]
Sie alle rief' ich, riefe bei Namen sie,
Die frecher Selbstsucht fröhnen, und die sogar
Der blinden Armuth dünnen Mantel
Nächtens zu rauben sich nicht entblöden.
Viel and're, mehr noch! Donnernd, ein Nero-Zeus,
Würf' ich des Urtheils zürnenden Racheblitz —
Und als Apollon-Nero säng' ich
Einen gewaltigen Schicksalshymnus.
Ha, wär' ich Nero... Träumergemüth, und dann?
Sanft, blumenfromm blüht immer ein deutsches Herz:
In Wort und Bild nur läßt es kühn die
Rachegedanken des Zorns verbrausen.

Gewitter
1876

[46]
Den ganzen Abend hat es schon gegrollt
Und bang geflüstert in dem dunklen Laube,
Am Landweg kam in Wind der Staub gerollt,
Die Wolke flog gehüllt in dunkle Haube,
Scheu hat der Vogel sich ins Nest geduckt,
Der Hase barg sich in dem Laub voll Schrecken,
Als fern im Ost der erste Blitz gezuckt,
Der erste Regen rauschte durch die Hecken.
Nun ist's herauf, hinsaust die tolle Jagd
Des Sturmes durch den Schloßhof, in dem Weiher
Wühlt dumpf die Flut, wie dunkle Winternacht
Hängt über Thurm und Dach der Wolkenschleier,
Die Wipfel sausen und das Schilfrohr pfeift —
Ein toller Junker, geht's durch Teich und Binsen,
Hei, wie der Nebeldunst vorüber schleift,
Ein Höllenzug mit Winseln und mit Grinsen.
Hahi und Hussa, wie das jagt und tollt.
Der Blitz fällt zuckend hin, auf erz'nem Wagen
Kommt krachend hinterher der Donner angerollt,
Vom Wolkenmantel dicht den Leib umschlagen.
Ein Feuerstrahl fährt prasselnd aus dem Wald,
Und jach zum Himmel blitzen Flammenfluthen,
Drein jagt der Sturm, daß Hang und Heide hallt,
Und peitscht die Lüfte mit rothglüh'nden Ruthen.
[47]
O, könnt' ich doch auf dieser Wolken Nacht
In Feuerlettern meine Dichtung schreiben,
Die Dichtung, höll- und himmelheiß entfacht,
Und mit dem Sturm durch alle Lande treiben.
Dann sollte, wie bei wirbelndem Trommelklang,
Die Menschheit aus dem trägen Träumen schrecken,
Schlafmordend sollte mein Gesang
Zu heil'gem Kampf die Müden wecken.

Die heilige Elisabeth
1879

O du Nacht, der Seele finstere Nacht,
Du endlos tiefe Schmerzensnacht,
Hier lieg ich, blutig den Leib benetzt,
Den die Geißel in rothe Wunden zerfetzt.
O du Nacht, der Seele finstere Nacht,
Wie flieh' ich vor dir, qualvolle Nacht?
Wo bliebst du, mein sonnenleuchtender Tag,
Mit Rosenblüthen und Drosselschlag?
Maria, du Königin — süßes Licht,
Ich schaue und höre — ich finde dich nicht!
Wie hab' ich sonst deine Hände geküßt,
Deine Lippen gestreift in sel'gem Gelüst.
Wie hab' ich die Welt inbrünstig gehegt,
Wie die Sonne in Liebe die Blumen pflegt,
Die Pest lag sterbend in meinem Schooß,
Ich küßte die Kranken vom Tode los.
Des Armen Kind lag an meiner Brust,
Und trank die süße heimliche Lust,
Des Juden verachtete Tochter umschlang
Mein Arm, und ich küßte sie heiß und lang.
[48]
Zu meinen Füßen die Sünderin
Lag weinend und warf ihre Schätze hin —
So schlecht war Niemand, verworfen nicht,
In tiefer Nacht sah ich himmlisches Licht.
Und durch die Wetter sah ich es glüh'n,
Rings sah ich die Himmel leuchtend erblüh'n,
Und betend lag ich in göttlicher Ruh'
Und stammelte selig: „Die Liebe bist du“!
O du Nacht, der Seele finstere Nacht,
Du endlos tiefe Schmerzensnacht, —
Konrad von Marburg, dein finst'res Wort
Scheuchte die Himmel, die Liebe mir fort.
Bedeckt den Leib mit blutigem Thau,
Das Haupt bestreut mit der Asche Grau,
Lieg' ich und weiß ich von Liebe nichts,
Ich weiß, nur den Tag des jüngsten Gerichts.
Ich weiß, die Sünde schläft und schlief
Im blauen Kinderauge tief;
Wo die Krankheit den Leib mit Narben schlug,
Ich weiß, es ist der Sünde Fluch.
Ich weiß, die Sünde faßte uns an,
Wo der goldne Wein im Becher rann,
Der Hölle Nebel die Sinne umfloß,
Wo der Mann das Weib in Liebe umschloß.
Ich weiß nur, wie elend das Dasein ist,
Das Glück, die Lust eine höllische List,
Ach, Sünde ist ein holdes Gesicht,
Der Lerchen Sang und der Sonnen Licht.
Durch die Nacht, durch die Nacht ich höre den Tritt,
Wie die Nacht so finster des Finsteren Schritt, — —
O Geißel — o Buße — o Höllenglut!
Sühnt auch diese Gedanken mein tropfendes Blut?

Abschied
1880

[49]
Süße und geliebte Dame,
Meiner Seele schöne Fürstin, —
Stets gepriesen sei dein Name! —
Wundenkrank und blaß vom Grame
Biet' ich dir den letzten Gruß.
Bei der Lampe fahlem Scheine,
In dem düstren Wirthshaus träum' ich
Einsam nun und ganz alleine
Hinter schwerem Spanierweine,
Trinke seinen heißen Duft.
Ha... wie strömt's da auf mich nieder,
Schwinden nicht die dunklen Bogen?
Jasminduft... weiß blüht der Flieder,
Sommernacht umfängt mich wieder,
Silbern blitzt die feuchte Luft.
Mondlicht... Blüthenduft... und drüben
Schlag der Nachtigall im Laubwerk...
Sanfte Citherklänge hüben,
Und aus meiner Seele trüben
Kammern wichen Leid und Angst.
Ei, was war mir alles Hassen,
Dachte nur an Deine Schönheit,
Als Du hinschrittst durch die Gassen
Einstmals, stand ich ganz verlassen
An der Kirche dunklem Thor.
Stand und sah dich! — Wie durchflossen
Plötzlich Licht und Gluth mein Dasein,
Sonnen mir im Herzen sprossen,
Welten sah ich aufgeschlossen,
Und ich fühlte Gottes Kuß.
[50]
Wie die Nacht dem goldnen Tage,
Liebestrunken folg' ich zitternd
Dir seitdem, daß ich dir sage,
Was ich leide und ertrage,
Daß mein Ich in Dir erstarb.
Nun, da nächt'ge Zauber fluthen
Durch die Lüfte, auf den Erdball,
Heißer alle Sinne bluten,
Heißer alle Herzen gluthen,
Wandle ich vor deiner Thür.
Röthlich glänzt der süße Flimmer
Lichts in deinem hohen Saale, —
O Madonna, soll ich nimmer
Deines Kleides seidnen Schimmer
Heut' am Fenster noch erspäh'n?
Einmal nur auf dem Balkone
Zeige dich, mein Seelentraumbild,
Wie die Mutter mit dem Sohne
Hoch auf güldnem Himmelsthrone
Zwingst du mich, im Staub zu knien...
Sommernächte, — trunkne Stunden,
Da ich so vor ihrem Fenster,
Blutend aus vielsüßen Wunden,
Lauten und mit leisen Munden
Sang, ein blasser Troubadour.
Da ich spähend alle Wege
Niedersah, ob nicht ein Bursche
Girrend käm' mir ins Gehege, —
Hei, wie hätten meine Schläge
Liebeswunden ihm versetzt.
Da mit Veilchen und mit Rosen
Ich des Nachts ihr Fenster kränzte,
Und mit kecken Studiosen
Ständchen brachte und in losen
Reimen meine Liebe sang.
[51]
Bis ihr Fenster leise klirrte,
Leise... leise aufgeschlossen,
Eine dunkle Rose schwirrte...
Trug war's nicht, der mich verwirrte!...
Gerade mir zu Füßen fiel.
Herrin, tausend herrl'che Tage
Diente ich in deiner Liebe,
Nun wie eine schöne Sage,
Reich an Jubel und an Klage,
Tönt Erinnrung in mein Ohr.
Weiße Stirn und blanke Brüste, —
Flammenaugen — Feuerlocken —
Rothe Lippen, vielgeküßte —
Zeit der Wonnen, Zeit der Lüste,
Dein gedenk' ich, Jugendtraum!
Liebestraum, du Rosengarten —
Sternenlicht — weinvolle Schale —
Kranz der Höll' und Himmelsfahrten,
Unter deinen Goldstandarten
Zogen mir drei Jahre hin.
Hab' von weichem Arm umschlungen
Dich gekostet bis zum Grunde...
Hab' gejauchzt und hab' gesungen,
Hab' gelitten und gerungen
Als ein treuer Troubadour.
Müde, stumm und ganz verlassen
Lieg' ich nun bei fahlem Lichte,...
Draußen tönt es durch die nassen
Regenüberströmten Gassen
Wie ein fernes Liebeslied.
Hast mein Herze schnöd verrathen,
Trinkst die Lieb' aus andrem Kelche, — —
Hagelwetter meiner Saaten,
Ich verachte deine Thaten,
Neuer Lenz glüht mir im Blut.
[52]
Greife nach dem Helm, dem blanken,
Nach dem Schwert und hartem Schilde, —
Auf dem Schlachtfeld der Gedanken
Reit' ich trotzig in die Schranken,
Todesdurstig — liebesbleich!
Menschheit, du unwandelbare
Schönste, ewigjunge Blüthe,
Dunkles Räthsel — einzigwahre
Gottheit Du! — welch' wunderklare,
Liebe füllt für dich mein Herz.
Laß der Brust mein Blut entwallen,
Laß für dich mich jubelnd sterben,
Ja, für deine Götterhallen
Will ich kämpfen, will ich fallen
Allgeliebt- Allliebende!
Doch im letzten Todesbeben,
Wenn sich neigt die blasse Stirne,
Wird mich noch ein Duft von Reben
Und von Rosen lind umweben,
Meiner Jugend Liebestraum!

In der Osternacht
1881

Süß duftet und leise athmet
Draußen die Osternacht,
Ruhig träumen die Gassen,
Vom blauen Monde bewacht.
Die dürren Zweige der Linde
Wiegen und schwanken im Wind,
Und durch die schauernden Lüfte
Das Blut des Frühlings rinnt.
[53]
Die Glocken tönen und läuten
Leise ins stille Gemach,
Sie läuten und rufen den Frühling
Im klopfenden Busen wach.
Und von den Blättern der Bibel
Hebe ich träumend mein Haupt, —
Und schaue des Heilands Augen,
Den längst ich gestorben geglaubt.
Ich sehe die rothen Wunden
Und den bleichen, friedlichen Mund,
Und um die Schläfe geflochten
Der Dornen blutigen Bund.
Ich trinke von seinen Augen
Der Thränen schmerzliche Glut,...
Und fühle, wie sanft seine Rechte
Auf meinem Haupte ruht...
Unnahbar unendliche Gottheit,
Sind's wilde Schmerzen allein,
Die von dir reden und zeugen
Und deinem göttlichen Sein?
Sind's nur die Schauer des Todes,
Aus denen dein Mund uns spricht,
Und strahlt nicht auch leuchtend im Frühling
Dein himmlisches Angesicht?
Die Glocken tönen und läuten,
Es webt und quillt in der Luft,
Rings flüstert ein süßer Zauber,
Und strömt ein Rosenduft.
Durch meine Seele ergießt sich's
Wie lodernder Rosenschein...
Du süße, du schöne, du hohe
Geliebte, da dachte ich dein!

Champagnertropfen
1881

[54]
Frühlingsnächtige Stunden...
Mächtig schwillt die Luft,
Rings quillt aus kühlem Garten
Der Erde süßer Duft.
In aufgebrochenen Schollen
Gestaltet sich's bunt und reich,
Durch's offene Fenster rankt sich
Keimendes Rebengezweig.
Über die Borde drängt sich
Das Wasser jach enteist,
Und aus dem Walde quillt es
Wie Maienglockengeist.
Schwarz über uns flattern die Wolken
Wie Banner in heißer Schlacht,
Als jagten flüchtige Reiter
Wund durch die dunkle Nacht.
Die Lüfte brausen und mächtig
Sausen sie hinterdrein,
So stürmen siegjubelnde Reiter
In fluchtzerrissene Reih'n.
Frühlingsnächtiges Drängen!
Küsse mich, Sturmesmund...
Küsse die lodernde Stirne
Und küsse mich gesund!
Sieh', zischend stürzt der Champagner
Mir in das blanke Glas...
Dir bring' ich mit jubelndem Munde
Das sprühende blitzende Naß.
[55]
Nicht in der staubigen Flasche
Vermodern mag solch ein Wein,...
In die Adern des Frühlings verlodern,
In die Stürme will er hinein.
Leuchtend in den Lüften
Zersprüht die gold'ne Fluth...
Nun mische dich, Sonnenfeuer,
Mit des Frühlings Rosenblut.
Sei köstlicher Samen dem Boden,
Daß, wo ein Tropfen fließt,
Bald duftend und flammenlockig
Eine Rose leuchtend entsprießt...
Ein üppiger Blüthenschleier
Hinflute über das Land,
Wie ein von Gott gewobnes
Strahlendes Gewand.
Und wenn sich zwei begegnen
In solchem Blumenhain,
Dann ziehe klingend die Liebe
In ihre Herzen hinein.

Auf der Fahrt nach Berlin
1882

Von Westen kam ich, — schwerer Haideduft
Umfloß mich noch, vor meinen Augen hoben
Sich weiße Birken in die klare Luft,
Von lauten Schwärmen Krähenvolks umstoben,
Weit, weit die Haide, Hügel gelben Sand's,
Und binsenüberwachs'ne Wasserkolke,
Fern zieht ein Schäfer in des Sonnenbrand's
Braunglühendem Reich verträumt mit seinem Volke.
[56]
Von Westen kam ich und mein Geist umspann
Weichmüthig rasch entschwund'ne Jugendtage,
War's eine Thräne, die vom Aug' mir rann,
Klang's von dem Mund wie sehnsuchtsbange Klage?...
Von Westen kam ich und mein Geist entflog
Voran und weit in dunkle Zukunftstunden...
Wohl hob er mächtig sich, sein Flug war hoch,
Und Schlachten sah er, Drang und blut'ge Wunden.
Vorbei die Spiele, durch den Nebelschwall
Des grauenden Septembermorgens jagen
Des Zuges Räder, und vom dumpfen Schall
Stöhnt, dröhnt und saust's im engen Eisenwagen...
Zerzauste Wolken, winddurchwühlter Wald
Und braune Felsen schießen wirr vorüber,
Dort graut die Havel, und das Wasser schwallt,
Die Brücke, hei! dumpf braust der Zug hinüber.
Die Fenster auf! Dort drüben liegt Berlin!
Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern
Hängt tief und steif die Wolke drüber hin,
Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern...
Ein Flammenheerd darunter — ein Vulkan,
Von Millionen Feuerbränden lodernd,...
Ein Paradies, ein süßes Kanaan, —
Ein Höllenreich und Schatten bleich vermodernd.
Hindonnernd rollt der Zug! Es saust die Luft,
Ein anderer rast dumpfrasselnd risch vorüber,
Fabriken rauchgeschwärzt, im Wasserduft
Glänzt Flamm' um Flamme, düster, trüb' und trüber,
Engbrüst'ge Häuser, Fenster schmal und klein,
Bald braust es dumpf durch dunkle Brückenbogen,
Bald blitzt es unter uns wie grauer Wasserschein,
Und unter Kähnen wandeln müd' die Wogen.
Vorbei, vorüber! und ein geller Pfiff!
Weiß fliegt der Dampf,... ein Knirschen an den Schienen!
Die Bremse stöhnt laut unter starkem Griff...
Langsamer nun! Es glänzt in Aller Mienen!
[57]
Glashallen über uns, rings Menschenwirr'n,...
Halt! Und „Berlin!“ Hinaus aus engem Wagen!
„Berlin!“ „Berlin!“ Nun hoch die junge Stirn,
Ins wilde Leben laß dich mächtig tragen!
Berlin! Berlin! Die Menge drängt und wallt,
Wirst du versinken hier in dunklen Massen...
Und über dich hinschreitend stumm und kalt,
Wird Niemand deine schwache Hand erfassen?
Du suchst — du suchst die Welt in dieser Flut,
Suchst glühende Rosen, grüne Lorbeerkronen,...
Schau dort hinaus!... Die Luft durchquillt's wie Blut,
Es brennt die Schlacht und Niemand wird dich schonen.
Schau dort hinaus! Es flammt die Luft und glüht,
Horch Geigenton zu Tanz und üpp'gem Reigen!
Schau dort hinaus, der fahle Nebel sprüht,
Aus dem Gerippe nackt herniedersteigen...
Zusammen liegt hier Tod und Lebenslust,
Und Licht und Nebel in den langen Gassen — — —
Nun zeuch hinab, so stolz und selbstbewußt,
Welch' Spur willst du in diesen Fluten lassen?

Am Morgen
1884

Fahler Morgenglanz,
Graues Dämmerlicht,
Und im Spiegel dort
Starrt mein Angesicht.
Von dem letzten Kuß
Bebt mein Mund noch bang,
Horch, noch tönt sein Schritt
Dumpf hinab den Gang.
[58]
Auf der Treppe knirscht
Leise noch sein Fuß,
Schwer die Thüre fällt
Wie ein Todesgruß.
Wie ein Todesgruß!
Und der Traum zerrinnt...
In die heiße Nacht
Stöhnt der Morgenwind.
Eben noch so reich
An verliebter Gluth,
Jetzt so arm und leer,
Und verstört mein Muth.
Thränennaß mein Blick,
Und mein Kopf so schwer, —
Alles gab ich hin,
Und ich hab' nichts mehr.
Und besäß ich's noch,
Wieder gäb' ich's dir,
Träf dein Liebeskuß
Mund und Seele mir.
Dennoch weiß ich's wohl,
Aus den Nebeln dort
Webt in meinen Tag
Tod und Schmach sich fort.
Finster starrt mich an
Ein Medusenhaupt,
Meine Zukunft du,
Schlangenwirrumlaubt.
Zu so wenig Lust,
So viel Leid erkorn —
Mutter, Fluch auf dich,
Daß du mich geborn!
[59]
Fluch auf dich, du Welt,
Die so rasch verdammt,
Was durch die Natur
Ringsum gluthend flammt.
Liebe, du allein
Rette du dein Kind,
Streif mit deinem Mund
Meine Lippen lind.
Laß mich einmal ruhen
Noch in deinem Schooß,
Komme in mein Herz
Leuchtend, schön und groß.
Komme wie du willst,
Wie das Morgenroth,
Komm' in Nacht und Sturm
Gleich dem Würger-Tod.
Bleicht im Morgenglanz,
Rothe Rosen ihr, —
Liebe, bett' ein Grab
Unter Rosen mir!

Dunkle Stunden

Novemberwind! Novemberwind! Der Himmel so grau und die Wälder entlaubt,
Und die Luft so kalt, die Luft so schaurig! Stumm lag an meiner Brust dein Haupt.
Dein Haupt, du, deren Namen nie mein Lied, mein Mund niemals bekennt,
Obwohl mein Herz doch alle Zeit für dich in Feuern der Liebe brennt.
Dein Antlitz blaß wie das fahle Licht, wie der scheidenden Sonne kalter Strahl,
Und ich hörte des Herzens dumpfen Schlag, wie Grabeslaut voll banger Qual.
[60]
Und immer und immer bei Nacht und Tag, und immer und immer in Lust und in Schmerz
Tönt in mein Ohr deiner Stimme Klang und greift mit Dornen in mein Herz:
„O wende von mir dein Auge ab und küsse mich nicht mit dieser Gluth,
Du weißt ja nicht, wie bitterweh mir all' deine heiße Liebe thut.
Schaust du mich an, erschauert mir das Herz vor Angst und dunklem Weh,
Und meine arme Seele zittert, wenn ich in deine Augen seh'.
Nein, geh' hinfort, und wende nicht dein Angesicht zu mir zurück,
Ich hab' auf all' und ewige Zeit verloren die Liebe, verloren mein Glück.
Wohl fühl' ich hier, wenn's mich bedrängt, und lieg' ich ohne Schlaf und Ruh',
Daß ich ohne dich vergehen muß, denn all' meine Liebe — das bist du!
Meine Arme möcht' ich schlingen wohl und halten dich und küssen dich,
Doch längst vergang'ne Tage drängen sich dunkel zwischen dich und mich!
Vor meiner Seele steigt es auf — verflossen ist schon Jahr um Jahr,
Doch hebt sich's auf vor meinem Geiste so schaurig und so düster klar.
Meine erste süße Jugendzeit, licht wie der Frühling im Blüthenschein,
Und mein erster, mein erster Liebestraum hüllte mit Zaubern die Seele mir ein.
O frage mich nicht, wie's einst geschah, — o wende dich ab, sieh mich nicht an,
Ich kann nicht schauen, wie du weinst, du herzgeliebter theurer Mann.
Wie die Nacht einst kam von Rosenduft berauscht und trunken von Mondesglanz,
Und die Nachtigallen schluchzten süß, und die Elfen wiegten sich im Tanz.
Die Winde wallten die Straße hinab und fernher zitternd die Geige klang,
Und die Wasser rauschten träumend hinab den schattendüst'ren Waldesgang.
Da lag sein Haupt an meiner Brust, und wildes Sehnen in mir schwoll,
Und er küßte mich... und er küßte mich... und mein Herz ward weit und mein Herz ward voll.
[61]
Und vor mir sank die Welt dahin... Es schwanden in Nebel Zeit und Raum
Und über mich kam's wie süßer Schlaf, wie ein todesschwerer bittrer Traum.
Doch als der Morgen in Osten sich hob, — o wie grau und schwer und wie kalt der Tag,
Und er nahm mein Glück und ließ mir nichts zurück als Schande und bitt're Schmach.
Nein, fluch' ihm nicht! Schwer fiel die Hand des Himmels auf sein schönes Haupt,
Seines Herzens Glocke hat ausgetönt, und sein Gebein ist längst verstaubt.
Der Wahnsinn fiel in sein Gehirn mit heißer und versengender Gluth,
Gras wuchert an dem stillen Ort, wo meine erste Liebe ruht.
Doch ich! Doch ich! nein, wende nicht dein Antlitz einmal noch zurück,
Ich hab' auf all' und ewige Zeit verloren die Liebe, verloren mein Glück!
Du bist meine Sonne, du bist mein Tag und meiner Zukunft süßer Schein,
Doch geh' hinfort, du darfst nicht länger bei mir Unselig-Armen sein.
Mir bleibt nur Buße und bitt're Qual, meine Tage sinken in Dunkel und Graus,
Leb' wohl! Leb' wohl! Und mein Gebet führ' dich aus Nacht und Schmerzen hinaus!“
O wie schwer und bang' ward mir das Herz, und wie bitterweh thut doch dein Wort,
All' Sonnenlicht und Sonnenglanz zieht trüb' aus meiner Seele fort.
Was ich gehofft und heiß ersehnt, liegt wie ein wüstes Trümmerfeld,
Der Tod schleicht durch die wundenkranke, falsche, sündenverfallene Welt.
Von Seufzern schüttert deine Brust, als wollte sie zerspringen dir,
O wie arm und elend, mein Liebling du, wie elend sind nun Beide wir.
Es kommen die Nebel, die Wasser ziehn, und Finsternisse dräuen mit Macht,
Licht! Licht! O säh ich nur ein Licht in dieser todesdüst'ren Nacht!
[62]
Was soll ich thun, was soll ich thun? Du führe mich sicher, ewiger Geist,
Führ' meine Seele, die durch alle Himmel und Zeiten und Räume kreist.
Trage auf Adlers Flügeln mich gewaltig zu den Sternen hinauf,
Auseinander wehen die Wolken, golden thut der Himmel sich auf.
In die bebende Seele fällt mild eine Thräne aus Gottes Aug',
Um die glühende Stirn weht's leise wie ein Frühlingsrosenhauch.
Nun hebe die Augen, mein Liebling du, die voll von bitt'ren Thränen steh'n,
Ich fühl's, ich fühl's im tiefsten Busen, nun darf ich nimmer von dir geh'n.
Siehe, die Welt steht wider uns auf mit Hohn und Lachen und kaltem Spott,
Trock'ne die Thränen vom Auge dir ab, mit uns ist die Liebe, mit uns ist Gott.
In Feuern lodert die Seele auf, auf flammendem Wagen fährt sie empor
Weit über der Erde düsternde Nacht, und durch der Wolken schattendes Thor.
Hoch über des Tempels Zinnen schwebt sie stark auf mächtigem Flügelpaar,
Von den Schwingen tropft die Sonne, flammenregnend, leuchtend und klar.
Tief liegt die Welt von Schatten bedeckt, und Thränen und Schmerzen umhüllen sie dicht,
Und ein Schrei voll wilder Qual aus tausend blassen Munden schrecklich bricht.
Elend und schwach und krank und siech, wie Wasser stürzend von Fall zu Fall,
So sinken die Menschen fahl dahin — die Sünde jubelt überall.
Und was aus Staub geboren ist, und was gezeugt vom Weibe lebt,
Wer ist so rein, daß wider dich den ersten Stein er zornig hebt.
Doch sieh im Osten glüht es auf, und Palmen wehen im Sonnenlicht,
Heilige Lüfte wandeln und fließen um dein blaßes Angesicht.
Blüthen flattern und schweben im Winde und der sonnengeküßte Quell
Gießt durch duftende Rosenbüsche seine Wasser wolkenhell.
Über die Blumen, über die Palmen fliegen Engelschaaren empor,
Und es jubelt mit hellem Munde durch die Lüfte ihr heiliger Chor:
[63]
„Lass' die Thränen und deine Schmerzen ausgieß' in der Liebe mitleidigen Schooß,
Die Liebe allein knüpft deine Seele aus den Banden der Sünde los.
Aus Nebeln und dunkler Finsterniß und durch der Qualen blutige Nacht,
Die Liebe führt dich auf Adlerschwingen, führt dich zum Lichte leise und sacht.
Sanftsegnend über die kranke Welt ausströmt der Liebe goldener Schein —
Nur aus der Liebe fließt Gnade und Leben! Und die Liebe ist Gott allein!“
Drum schlage die Augen empor, mein Liebling, die voll von bitt'ren Thränen steh'n,
Ich fühl's, ich fühl's im tiefsten Busen: Nun darf ich nimmer von dir geh'n!
Siehe, die Welt steht wider uns auf mit Hohn und Lachen und kaltem Spott,
Trock'ne die Thränen vom Auge dir ab, mit uns ist die Liebe, mit uns ist Gott.

Zu Gott!
1884

Wie über sturmgejagten,
Nachtwirren Wassern
Einsam der Mond wandelt,
Durch Wolken verdeckt,
So über den Welten
Schreitet Gott dahin.
Unser Auge schaut dich nicht,
Denn blind von den Lüsten
Des staubgeborenen
Sündigen Leibes
Hängt es am Boden.
Über uns wallt, dicht wie Bergnebel,
Nur Dampf und Rauch,
Aufqualmend vom Blute,
Das die Sünde vergossen,
[64]
Wallt zwischen dir und uns,
Daß höhnische Lippen murren:
Es ist kein Gott!
Denn alle Liebe, die du erschaust
Unter den Menschenkindern,
Ist Gemeinheit, Ekel,
Des Weibes, des Mannes Gluth
Verlöschen im Schlamm der Lüste,
Und keine Freude ist,
Die nicht in Thränen geboren,
In Thränen erstirbt.
Ich aber erkannte dich
In dunkler Thränennacht,
Als Sehnsucht in mir schwoll,
Und mild wie ein Thautropfen
In dürres Laub,
Fiel in meine Seele
Dein Erkennen.
Ich bin entbrannt in Liebe zu dir,
Ich lodre wie die Sonne,
Ich glühe wie ein Schwert
In sausenden Feuern.
Empor, empor durch den Dampf,
Der Lüfte finstern Graus!
Flügel! Flügel!
Der du dein schönes heiliges Antlitz
Verbirgst uns schmerzbeladenen,
Mühsal-Leidenden
Unseligen Menschen,
Willst Du in Qualen uns lassen,
Ewig verschließen für uns dein Herz,
Nur allein trinken
Vom Borne deiner Liebe,
Wie eine kalte schöne Geliebte
Dich berauschen an dir selber?
[65]
Aber ich will dringen zu dir,
Über die Welten hinaus,
Und an den morgigen Thoren,
Wo der Leib zerfällt
In mürben Staub,
Soll meine Seele umfluthet
Von strahlenden Ätherfeuern
Mit dir ringen, Hüft' an Hüfte,
Aug' in Auge gluthend,
Nicht lassen von dir,
Bis du mich gesegnet!
Daß ich niedersteige
Ein besserer Prometheus,
In beiden Händen
Schwertragend eine feuerglühende
Dampfende Opferschale,
Gefüllt mit den krystallreinen
Leuchtenden Wellen deiner Liebe.
Daß ich sie ausgieße
Über die dürstende Erde,
Über die armen und elenden
Leiderfüllten Menschen,
Daß aufgehe aus dem feurigen Samen
Der Gottesliebe
Goldstrahlend, sonnenumgluthet
Der Baum ewiger Freude.
Niederzwingen will ich dich, Gott,
Kämpfen um deine Liebe,
Oder in mein Hirn
Falle mit fressendem Roste
Der Wahnsinn,
Wie ein Blitzstrahl ausbrennend,
Feuer gegen Feuer,
Die Gluth der Gedanken.

Der Seele Tod
1884

[66]
Es geht ein seltsam Weben und Athmen durch die Nacht,
Seufzer der Sehnsucht beben in deinem Ohre sacht.
Die Winde gleiten kühler hinab den dunklen Weg,
Und leise Stimmen flüstern am blühenden Geheg.
Und in den fernen Wolken im Osten blitzt es auf,
Und von der Erde hebt sich ein sanfter Glanz hinauf.
Es quillt wie Licht und Leben aus dunklem Schooß hervor,
Es ringen sich Gestalten aus Nacht und Tod empor.
Die Welt schaut ihrem Morgen entgegen sehnsuchtsvoll,
Wie einst der ersten Liebe dein Herz entgegenschwoll.
So dürstet uns're Seele heiß nach des Lebens Gluth,
Emporzutauchen aus der schwarzen Todesfluth.
Und immer wieder ringt sich ein Tag aus jeder Nacht,
Du, Seele, bist aus jedem Tod noch auferwacht.
Du wandelst ewig weiter durch Nacht und Tageslicht,
Und Welt auf Welt erhebt sich und Welt auf Welt zerbricht.
Auf Sonnenschwingen hebt sich empor mein Herz und Sinn,
Auf Gottesflügeln schweb' ich empor — wohin? wohin?
In meinen Augen fluthet ein morgenheller Schein,
In meine Seele gluthet das Gottesaug' hinein.
O Glanz, o furchtbar Leuchten, das meinen Geist umwallt,
Du hundertfältig' Leben, dein letzter Schrei verhallt.
O süßes Wunderweben, was meinen Geist umwirbt,
Zu End' ist die Verwandlung, wer Gott geschaut der stirbt!

Hört ihr es nicht? ...
1884

[67]
Hört ihr es nicht? In meinem Ohre bang
Ewig tönt herber dumpfer Trommelklang.
In heller Lenznacht in der Nachtigall
Verträumtes Lied rauscht schwerer Waffenschall.
Der Sommer glüht in dunkler Rosen Duft —
Wie Rossestampfen schallt es durch die Luft.
Und wenn der Wein im grünen Glase quillt, —
Hörst nicht das Schlachtwort, das so blutig schrillt?
O Winternacht! Der Sturmwind heulend fährt,
Die starrenden Wege leer sein Odem kehrt.
Vergebens glüht am Feuerheerd der Rost,
Stärker als Feuer brennt der kalte Frost.
An Haus und Wand und an des Weg's Geleis'
Fliegt Schnee und knarrt das demantharte Eis.
O Winternacht! Durch Eis und fliegenden Schnee
Lauter als Sturmgeist, schreit ein wildes Weh.
Wie an dem Strand die wüste Woge hallt,
Die Nacht hindurch Geschrei und Schlachtruf schallt.
In dunklen Schaaren drängt es finster an,
Mit Beil und Hammer wogt es dumpf heran.
Zerlumpte Haufen, wie vom Sturm verwirrt,
Das Eisen dröhnt, das blanke Messer klirrt.
Das Angesicht, blaß wie ein Wintertag,
Sagt, wie das Elend gar so fressen mag.
Das Auge tief, die Wange hohl und schmal,
Auf Stirn' und Wang' der Krankheit brand'ges Mal.
[68]
Das Haar gelöst auf braunen Nacken hängt,
Den nackten, schweren Fuß kein Schuh umzwängt.
Das Banner dräut, wie Herzblut dunkelroth,
Und dort die Fahn', schwarz wie der Würger Tod.
Parol' die Frag: Was für ein seltsam Wesen?
Antwort: Vom Elend wollen wir genesen.
Es drängt heran, es wogt die dunkle Fluth
Und in den Lüften schwimmt's wie schwarzes Blut.
Auf, auf die Herzen, die am Thron ihr sitzt,
Von Gold und heißem Demantglanz umblitzt!
Auf, auf die Herzen, die beim duft'gen Mahl
Ihr schwingt den silberstrahlenden Weinpokal.
Seht ihr es nicht, das Zeichen, das sich hebt?
Ein eherner Kelch vor euren Augen schwebt!
Ein eherner Kelch mit Thränen angefüllt,
In Dornen und in Stacheln eingehüllt.
Hört aus der Tiefe schmerzenbanges Schrein —
Auf, auf die Herzen, laßt die Liebe ein!
Reißt ab das rothe Gold vom Sammtgewand,
Den Demantschmuck, das schimmernde Perlenband.
Wir wandeln in der Lebenswüste Noth,
Des Golds bedarf es nicht, o gebt nur Brod!
Auf, auf die Herzen, Thrän' um Thräne quillt
Dort in der Tiefe, und von Seufzern schwillt
Die bange Brust, das Aug' verderblich blitzt —
Auf, auf ihr Herzen, die am Thron ihr sitzt!
Hört ihr es nicht? In meinem Ohre bang
Ewig tönt herber dumpfer Trommelklang...

Anna

[69]
Die Drossel ruft vom Lindenbaum, die Sonne steigt herauf mit Lust,
Laß einmal noch mein blasses Haupt sich lehnen müd' an deine Brust.
Noch einmal laß mich deine Hand inbrünstig küssen heiß und schwer, —
Nicht deinen Mund — nicht deinen Mund! ich ließe dich sonst nimmermehr.
Maimorgenwind lacht heimlich leis' und raunt im grünenden Spalier,
Doch wenn der Abend niederfällt, dann bist du, Heinrich, nicht mehr hier!
Nein, nein, dein Mund und Auge lügt: Es weiß dein Herz so gut wie ich,
Und wenn Du einst auch heimwärts kehrst, nie wieder schaut mein Auge dich.
Sonst logst du nie, ich weiß es wohl, sprachst niemals von dem gold'nen Ring,
Du, Heinrich, bist so klug und ich ein arm unwissend häßlich Ding.
Ich wußt' es wohl, ich würde nie dir dienen treu und still als Frau, —
Denn deine Hand ist weich und zart, und meine ganz von Arbeit rauh.
Ich weiß es wohl, wie du dich stolz verzehrst nach Ruhm und Sonnenschein,—
Und in der Reichen helles Schloß, ich Arme, darf nicht mit hinein.
Ich wußt' es wohl, ich wußt' es wohl vom ersten Anfang an, daß du —
Mein Unglück, Schmach und ew'gen Tod, — ach alles fügtest du mir zu!
Ich wußt' es wohl, daß so es kam, Elend und Schande über mich,
Und dennoch, dennoch kam's, denn ach! ich liebte gar zu innig dich!
Die Drossel ruft vom Lindenbaum, die Sonne kommt herauf mit Lust,
Laß einmal noch mein blasses Haupt sich lehnen müd' an deine Brust.
Weh, meinen Busen preßt und sprengt's, ein Feuer lodert schwül und heiß,
Und unter meinem Herzen quillt und regt es sich und athmet leis'.
Und fällt hernieder jene Nacht, und lieg' ich blaß und leidenswund,
Dann Heinrich bist du fern und küß'st — ach, küß'st wohl einen schön'ren Mund.
[70]
Und dennoch ist's von deinem Fleisch und dennoch lebt's von deinem Blut,
Und dennoch sieht's dein Auge nie, das treu und zärtlich aus ihm ruht.
Nur Thränen fühlt es, fallend schwer, Glühtropfen, auf sein Angesicht,
Nur Seufzer hört's und leisen Schlag des Herzens, das im Tode bricht.
Und eh's geboren, ertönt ihm schon des Vaters und der Mutter Fluch;
Wär'st du doch todt, mein Kind, mein Kind, und lägst du stumm im Leichentuch!...
Wir waren lang zusammen nun, Heinrich! ich glaub, 's ist schon ein Jahr
Da küßtest du zum ersten Mal verstohlen mein lichtblondes Haar.
Nun lacht heimlich Maimorgenwind und raunt im grünenden Spalier,
Und wenn der Abend niederfällt, dann bist du, Heinrich nicht mehr hier.
Und bist du fern, ich will ja nicht, daß Thränen du um mich vergieß'st,
Doch denk daran, wie heiß um dich aus meinem Aug' die Thräne fließt...
O denk' zuweilen, wie mich Noth und Unglück packt so rauh und hart,
Vergiß es nicht, daß ich aus Liebe zu dir so sehr unglücklich ward!
Und führst du einst ein Fräulein dir zur Hochzeit und zur Kirch' hinab,
Zum letzten Male denke dann, wie der Wind geht über ein fernes Grab.
Doch sage nie, küßt du voll Gluth den Mund und ihrer Augen Schein,
Sag' nicht, daß du von mir gegangen, weil ich so schlecht und so gemein.
Und spotte du am Schenktisch nie, wie man am Schenktisch sonst wohl thut
Der armen Dirne aus dem Volk, die dich so liebte, dir so gut.
Denn thätest du's, denn thätest du's, dann wollt ich sprengen wohl mein Grab,
Und schmetterte Krankheit und Wahnsinn auf dein verfluchtes Haupt herab...
Dann würf ich Blut und Flammengluth wohl auf das Liebste, was du hast,
Dann send' ich in das Herz und Hirn die ganze Hölle dir zu Gast...
O Süßer, Liebster zürne du, o zürn' nicht über solch ein Wort, —
Die Sonne steigt, die Stunde naht, und du gehst ewig von mir fort.
[71]
Und was ich wollte, Lieber du? Ich wollte nur, sei nicht betrübt,
Du hast nicht Schuld, ich segne dich, ich hab' dich ja so sehr geliebt!
Ich segne dich für jedes Wort, für jeden Kuß von deinem Mund,
Und treff' dich nie so harter Schmerz und furche deine Seele wund!
Die Sonne steigt, die Sonne glüht... still, armes Herz, die Glocke schlägt,
Der Wagen rollt, der Wagen rollt, der dich auf ewig von mir trägt.
Noch einmal lass' mich deine Hand inbrünstig küssen heiß und schwer,
Nicht deinen Mund! Nicht deinen Mund! Ich ließe sonst dich nimmermehr.

Nachtwache
1884

Um Haupt und Leib mir wallen
Dunkle Nebel der Nacht,
Auf Herz und Sinne fallen
Finsternisse mit Macht.
Die düst'ren Wolken schreiten
Drohend über das Land,
Schatten vorübergleiten
Und fassen mein Gewand.
Sie fassen an meine Seele
Und greifen in mein Hirn,
O lösche in Nacht und Schwele —
Verlösche nicht mein Gestirn.
O wasche mit Feuerwellen
Von meinem Busen die Schuld,
Ström' über mich den hellen
Glanz deiner Gnade und Huld.
Ich bin eine zitternde Leuchte,
Ich bin ein schwaches Rohr —
Du, schau meiner Augen Feuchte,
Gnade führ' mich empor!

In der Einsamkeit
1884

[72]
Fernab fällt wie fortwandelnder Stürme Sausen
Hin verworrener Lärm der Riesenweltstadt,
Und in's Ohr nur tönt mir selten
Noch ein Ruf und müdes Kinderlallen.
Lockte der erste Maiensonntag
Bunte jubelnde Menschenfluthen
Fort und weg zu goldigspiegelnden Wassern,
In das weißlichschillernde Frühlingsgrün;
Walten alle, jauchzenden Herzens,
Wie zum Gnadenbilde der Himmelsfürstin
Singende Mönche mit seidenen Bannern wallen.
Doch mich warf die glänzende Fluth zur Seite,
Da in Schmerzen erschauerte meine Seele,
Und ich wandte, Dunkel im Herzen,
Wandte die Schritte denn ein jedes
Liebeathmende Frauenantlitz
Mahnte mich an deine Schönheit,
Deine trunkenen Küsse und die Lüge
Deines Herzens.
Nimm mich auf, nimm mich auf,
Einsamkeit in deinen Dom,
Laß eintreten mich, Friedsuchenden,
Und vor deinem Altar in Opferschalen
Ausgießen mein Blut und meine Thränen.
An deinen Busen nimm mein Haupt!
Über mir nur Sternflammen
Und wehende Wolken...
Hier versink' ich im weiten Raum,
Wandle wie Ihr leuchtende Himmelsseelen
Allein — allein in endlosen Weiten.
[73]
Einsamkeit, wie bebte ich einst vor dir,
Schrak vor dir, wie die erste Blüthe
Schrickt im Garten vor nachziehenden Winterfrösten.
Schauernd vor dir barg ich mein Haupt
An der Frauen weißem Busen,
Suchte dich heilige Liebe,
Helles, kühles Morgenwasser du,
Daß ich in dir baden wollte
Und gesunden zu ewiger hoher Wunderfreude!
Liebe! Rosige Briefchen ihr,
Beschmutzt mit Lügen und falschen Schwüren,
In's Feuer, in's Feuer!
Vorüber wallen an mir Gestalten — —
Hinunter, hinunter ihr Gleißenden,
Nicht lockt ihr mich wieder!
Und auch du!
Waffengenosse, mit dem ich stets zusammenstand,
Umqualmt vom Rauch der Schlacht,
Du, mein Schild, Du, mein Streitbeil —
Ein Mantel deckte uns, ein Becher labte uns —
Wir beide, Zweige am selben Baum,
Brüder wir, —
Nach anderem schöneren Sterne
Ausbreitest du die opfernden Hände,
Und von mir fliehen deine Augen.
Allein, allein!
Feinde ringsum!
Dicht wie wetterschwarze Wolken
Drängen sie gegen mich heran,
Hier im Busen, draußen im lärmenden Weltstrom,
Umlagern mein Zelt wie Raubthiere.
Tausend Pfeile sind gerichtet gegen mein Herz,
Tausend Schwerter flammen wider mich;
Wenn der Morgen mit blassem Munde mich küßt,
Setzt sich fahle Noth zu mir,
[74]
Und wenn der Abendnebel fällt,
Ruht mein Haupt im Schoße des Leides,
Aus wirren Träumen banger Erinnerung,
Weckt mich der Schmerz zur Nachtzeit.
Nun wardst du zur Freundin mir, Einsamkeit,
Zur hohen schönen Geliebten,
Dir tönt mein Lied, athmend
Die Schauer der Zukunft.
Deine Hand liegt auf meinem Herzen,
Deine Küsse fallen auf mein Haupt,
Meine Seele zittert in deinen Armen.
Du Gebärerin großer Gedanken,
Du Erzeugerin weltstürmender Thaten,
Du gieß'st in unseren Busen den Schmerz,
Der wegfegt wie Lenzsturm
Herb', groß, rauhathmend
Die welken Blätter von den Straßen,
Den Staub des Alltags.
Des Herzens Acker zerreißt du in wilde Furchen,
Daß tausendfach munter hervorschießt
Der gold'ne Weizen kühnen Wollens.
Du singst uns vor mit düst'rer Stimme
Das uralte, herbe Lied vom Menschenschicksal:
In die Welt nackt gestoßen
Einsam steh'n wir auf öder Wacht,
Jeder Feind dem anderen,
Allein Kämpfer, allein Sieger!
Eigne Kraft nur ist unser Schwert,
Allein nur fällst du, und kein Lebendiger
Tauscht je die goldige Fülle seines Tages
Voll erhabenen Mitleids
Mit den Schatten deiner Todesnacht.
Einsamkeit!
In deinem Schooße lag Homers ehrwürdiges Haupt,
Und deine Hand ruhte auf Caesars Scheitel,
[75]
Mit glühendem Auge und brennendem Herzen
In der Wüste suchte dich der Welterlöser,
Und weggescheucht vom rothfunkelndem Wein
Brach vor dir stammelnd in's Knie
Der gewaltige brittische Herzenserschütt'rer.
Gieße du Feuer in meine Seele,
Und Frost in mein Gehirn,
Bade mich im Drachenblute,
Und unverwundbar durch dich
Heb' ich mich auf vom Lager
Und trage meine Waffen jauchzend der Welt entgegen.
Eine ganze Welt in Waffen,
Eine Welt in Waffen wider mich,
Wider mich allein.
Fliege empor mein Geist,
Deine strahlenden Flügeln hebe zum Himmel auf,
Und einen Strahl der Sonne bringe mir nieder,
Einen Stern nur von deinem Himmel
Erflehe ich, dunkle Zukunft!
Fliege empor, mein Geist,
Deine mächtigen Augen wirf in der Zukunft Nacht!
Wirbelt auf dunkler Staub,
Drängen an tausend bitt're Lanzen,
Bohren sich tausend Pfeile in meine Brust,
Und schmerzzitternd stürzt mein Leib
Nieder auf blutigen Grund.
Nichts als Leiden gewinn ich,
Nichts als jammervollen Tod,
Und vielleicht noch einen Schimmer der Morgenröthe,
Einen einzigen Zweig blühenden Lorbeers.

Lebensergebniß

[76]
In angstvollen Nächten,
Frierend und schaudernd,
In Tagen, kalt und trostlos,
Ist sie mir kund geworden,
Die schreckliche Wahrheit;
Hab' ich es kennen,
Doch leider zu fassen nicht
Gelernt,
Das unerbittliche
Gesetz; ohn' Erbarmen
Ward er mir verkündet
Mit ehernen Zungen,
Unter Sturm und Klage,
Der eisige Spruch der Parze:
Du mußt, o Mensch!
Begraben dein Liebstes,
Oder du mußt,
Du banger Geselle,
Von deinem Liebsten
Begraben dich lassen! —
Von beiden welches
Dünkt dir das Härt're? —
Sinne und grüble
In Tagen und Nächten
Der Frage nach,
Und schaudre und lerne
Fassen und tragen
Die schreckliche Wahrheit!

Loos

[77]
Ich hab' geglüht in meinen Jugendtagen,
Die ganze Welt, ich wähnte, sie sei mein;
Da siecht' ich hin: ach tausendfält'ge Plagen,
Sie warfen hämisch auf mich Stein um Stein.
Ich blutete aus tausend tiefen Wunden,
Mein Herz schrie auf: ich litt, litt ohne Schuld;
Und nie mehr hab' Genesung ich gefunden,
Ich hab' verzichtet auf des Himmels Huld.
Gelernt hab' ich's in vielen bösen Jahren:
Entbehren heißt der Parze strenger Spruch;
Im Himmel auch, dem kalten, götterbaren,
Ich fürder mir kein Vateraug' mehr such'!
Die graue Schwester hat in nächt'gem Flüstern
Mir's zugeraunt mit zähnelosem Mund,
Und unterm Brausen hundertjähr'ger Rüstern
Ward, schaudernd, mir ein tief Geheimniß kund.
Seitdem muß schreiten ich erstarrt durch's Leben,
Und doch — o Widerspruch! — gefühllos nicht —
Ich fürcht' und suche nichts und muß doch beben,
Sobald Nachtdunkel durch die Wolken bricht.
Wem ward zur Nacht das herbste Leid gegeben,
Der lernt entsagen jedem Menschenwahn,
Doch sieht Erinnerung vorbei er schweben,
Flucht er der Stunde, die's ihm angethan.

Menschenopfer

[78]
Man sagt, die Jugend selbst sei Glück.
Ich hab' es nicht erfahren.
Mir waren niemals hold gesinnt
Die dachnistenden Laren.
Mir fehlte, was die Jugend braucht,
Des Frohsinns Wohlbehagen;
Des Kummers bleiche Wange schon
Als Kind ich mußte tragen.
Die Rebe, die kein Stäblein hat,
Muß bald zu Grunde gehen;
Ich war die Rebe, ward zerwühlt
In wilden Sturmes Wehen.
Nach dir, nach dir, mein Jesu Christ,
Ich jugendlich mich sehnte;
Das grause Schicksal mich und dich
Frevelnd und frech verhöhnte.
Der Pöbelhaß, der Pöbelwahn
Hat dich an's Kreuz geschlagen;
Das Schicksal thut das Gleiche noch
Mit uns an allen Tagen.
Das alte blut'ge Opfer du
Unblutig hast erneuert:
Das Schicksal opfert blutig fort —
Kein Gott, kein Gott ihm steuert!
Es schichtet Stein an Stein empor
Mit riesenkräft'gen Armen;
Ich lieg, ein Mensch, auf dem Altar —
Es gibt, gibt kein Erbarmen.
Es rieselt heiß mein Blut herab
Vom kalten Opfersteine,
Bis daß der letzte Tropfen stockt
Im frierenden Gebeine.

Entschluß

[79]
Nach einem stillen Kloster will ich wandern,
Will flieh'n den Menschenlärm und Pulverdampf;
Verwundet ward mein Herz, mich schmerzt das Schrein,
Ich tauge nicht zu wüth'gem, irrem Kampf.
Ich hab' nicht Schwert, nicht Säbel und Pistole,
Ich gehe ohne Waffen durch die Welt
Hier steh' ich stille, auf mir selber ruhend,
Und Niemand hat zum Schutz sich mir gesellt.
In mir auch sprühte auf Prometheusfunke,
Erringen wollt' ich Euch das Ideal —
Und an den Felsen ward auch ich geschmiedet,
Die Kraft zerbarst, zurück blieb nur die Qual!
Seit ich ihn nutzlos weiß, mir graut's vorm Kriege;
Könnt' ich ihn streiten noch, ich wollte nicht:
Schafft er auch Recht — das Unrecht lauert, tilgt es;
Der Pesthauch Wunsch löscht aus des Friedens Licht.
Ich streite nicht, muß wandern ohne Waffen —
Wohin? — Ich kenn' kein Ziel. Doch was ich such',
Ein Kloster ist's. Da harre ich und lese
Herzstill, was mir das Schicksal schreibt in's Buch.

Wolkenbild

Düstergraue
Wolken ragen
Trotzig auf,
Felsen gleich.
Naht mit Brausen
Sturmessausen
Fährt in's Wolkengebirg.
Und die Berge zerbrechen,
Und die Felsen zerschellen —
Sah's und dacht' des
Menschenlooses.

Am Morgen

[80]
Trüb der Morgen und kalt.
Über die Wiesen schweifen
Feuchte Nebelstreifen;
Auf den Bergen ringsum
Liegen Wolken geballt,
Grau und stumm.
Mühsam
Gegen die dunklen Schatten,
Halb wagend,
Halb zagend,
Sendet Sonne den matten,
Bebenden Strahl.
Nieder in's Thal
Röthlich bricht
Hier und dort unsicheres Licht...
Kämpfen muß die herrlichste Gluth,
Die hehrste Feindin irdischer Fehle:
Muth, Muth,
Arme ringende Menschenseele!

Mein Nachbar

[81]
An jedem Abend, wenn die späte Stunde
Die müden Glieder in den Schlummer lockt,
Und ich im Vorgefühl der süßen Ruhe
Das Buch gesättigt aus den Händen lege,
Fängt über mir ein störendes Concert an.
Es gleiten Finger über das Piano
Und sonder Zweifel ungeschickte Finger.
Bald hör ich eine Scala, wie ein Schüler
Beim Unterrichte sie nicht schlechter spielt,
Bald eine Melodie aus irgend einer
Uralten Oper oder Operette —
Das alles unterbrochen oft durch Pausen,
Die nicht im Notenblatte stehen mögen,
Durch falsche Griffe, die in wilder Hast
Sofort noch einmal falsch gegriffen werden:
Kurz, ich bin selbst nicht sonderlich empfindlich
In Rücksicht auf das Musikalische,
Doch denkt die Zeit, die Ruhebedürftigkeit
Und nehm't dazu den seltsamen Genuß,
Und dann vergebt mir nicht, wenn ich am Ende
Voll Ärger nach dem Concertirer forsche,
Die unbequemen Klänge abzuthun.
Und was vernahm ich? Ein bejahrter Mann,
Ein dürftiger, ist mein Pianospieler,
Den ganzen Tag geht er dem Handwerk nach,
Und Abends, wenn die Kinder eingeschlafen,
Für die er all' die schweren Sorgen trägt,
Übt er Piano.
Lacht mich aus darum.
Mir traten ein paar Thränen in die Augen;
Mitfühlend las ich in des Mannes Herz.
[82]
Er kann nicht spielen und er wird's nicht können,
Zu steif ist seine Hand, sein Ohr zu stumpf,
Ihr kennt das Sprüchlein wohl von Haus und Häuschen,
Und dennoch läßt er's nicht. Ihm ist dies Spiel
Die einzige Sprosse, die aus Noth und Kummer
Des öden Lebens ihn nach oben leitet,
Die einzige. Und die barmherzige Kunst,
Sie aller Segenspender edelste,
Stößt ihn auch ohne Trost nicht aus dem Tempel,
Der gläubig drin der Seele Heilung sucht.
Aus falschen Griffen, aus verfehlten Takten
Gießt sie dem Lechzenden Befriedigung
In die geängstigte, gequälte Brust...
Spiel immer zu, du armer, alter Mann!
Du störst nicht, nein. Melodisch klingt um mich
Die edle Weihe eines Menschenherzens.

Pythagoras

Gebreitet liegt auf Berg und Auen
Das schattende Gewand der Nacht,
Auf alle Augen niederthauen
Des Traumes Bilder, süß und sacht;
Nur mich allein will's nicht umschlingen,
Dies selige Sinken in das Nichts:
Ich will erkennen, will erringen,
Erringen einen Strahl des Lichts.
Durchforscht umsonst hab' ich die Rollen,
Die uns der Väter Weisheit schrieb,
Umsonst gesucht im Lieben, Grollen
Des Menschenherzens tiefsten Trieb,
Umsonst Natur und ihrem Sprossen
Bin ich gefolgt mit Stab und Maß, —
Die Thür zum Räthsel blieb verschlossen,
Und wirre Schrift war, was ich las.
[83]
Und was ich jung mit kecken Sinnen,
Mit meinem Herzen, stolz und heiß,
Im Fluge dachte zu gewinnen,
Ich fand's nicht und mein Haar ist weiß,
Nicht lang' mehr wird der Faden währen,
Den hastig mir die Moira webt, —
Nun lausch' ich ängstlich nach den Sphären,
Doch ach, kein Ton, der niederschwebt.
Und doch, es muß! Ich darf nicht irren!
Dies Treiben, dieses Lebens Schwall,
Der wilde Streit, die bösen Wirren,
Des Scheines Truggespenster all',
Dies tolle Lachen, bitt're Weinen,
Dies Glück, das falsch die Loose theilt:
Es muß zu einem Klang sich einen
Dort oben, wo mein Sehnen weilt.
Zu einem Klange, voll und prächtig,
Der hell den Himmelsraum durchdringt,
Und alles Ungefüge mächtig
In seinen hohen Zauber zwingt,
Zu einem Klang, der Alles kündet,
Was hier der müde Geist verlor,
D'rin Rauh und Lieblich sich verbündet,
Zu füllen das entzückte Ohr.
Dort oben! Seit mir die Gedanken
Zum ersten Mal im Hirn gereift,
Ließ ich hinan die Hoffnung ranken
Zum Sternenchor, der oben schweift;
Von oben sollt' es niedertönen,
Mein unbefriedigt Herz durchglüh'n,
Und mir im Strahl des ewig Schönen
Der Erde Leben neu erblüh'n.
Was ich geliebt, ich hab's vergessen,
Was ich begehrt, ich ließ es lang',
Nur Sehnsucht füllt mich unermessen
Nach diesem einen hohen Klang,
[84]
Vorüber lass' ich alles rauschen,
Ein Wunsch allein, der in mir wohnt —
O, einmal hören, einmal lauschen,
Und all mein Streben wär' gelohnt!
Umsonst, umsonst. Die Sphären schweigen,
Mein Aug' wird matt, mein Ohr wird stumpf,
Fremd schau' ich auf der Erde Reigen,
Der sinnlos mich umdrängt und dumpf.
Wie leer die Stunden hin sich dehnen!
Du böse, Moira, meine Last;
Von meinem Denken, meinem Sehnen
Gieb in der Urne süße Rast!

Lied der Klotho

Rinne, Faden, rinne,
Aus der ernsten Hand,
Statt der Ruh' gewinne,
Sturm und Unbestand.
Lust soll dich umschweifen,
Eh' du lernst versteh'n,
Kannst du sie begreifen,
Soll sie schnell verweh'n.
Was du nie erlangest,
Sei dir heiß begehrt,
Was du reich empfangest,
Sei dir ohne Werth.
Was am schnellsten schwindet,
Sei dein höchstes Glück,
Was dein Herz verbindet,
Flieh' vor dir zurück.
[85]
Unaufhörlich ringen
Soll des Hirnes Hast,
Nichts die Hand vollbringen,
Wie's die Brust erfaßt.
Fremd und irrend schwebe
Durch das klare Sein,
Leeren Träumen lebe,
Selbstgebautem Schein.
Wandle durch den Reigen,
Der sich gierig drängt,
Bis dich einst in Schweigen
Atropos empfängt. —
Rinne, Faden, rinne
Aus der ernsten Hand,
Statt der Ruh' gewinne,
Sturm und Unbestand.

Das lesende Kind

Auf den Schooß das Buch gebreitet,
Scheinst du nichts um dich zu missen,
Starrst hinein, indeß beflissen
Über's Blatt der Finger gleitet.
In das Meer der Zeichen leitet
Dich kein Können noch und Wissen,
Unbeschränkt, in schwanken Rissen
Sich dein junges Sinnen weitet.
Süßes Dämmern! Traumumwoben
Schläft das Denken noch im Neste,
Nur das Fühlen schwebt nach oben.
[86]
Ach, des Lebens trübe Reste
Bleiben, wenn der Flor gehoben —
Das Geheimniß ist das Beste.

Frühlingsgebet

Wieder wallen die süßen Lüfte
Und den farbigen Brautkranz
Flicht die Erde, die ewig junge
Wieder in's perlenglitzernde Haar;
Aufleuchtend erglüht
Zu neuer Freude das Auge,
Das zum Staube sich trüb' gesenkt;
Hoffend wendet das Herz sich
Der Zukunft zu,
Die sich golden aufthut,
Und auf die Lippen drängt,
Innig geflüstert
Sich das tiefste Gebet der Seele.
Selten in mein Herz
Ist der fröhliche Lenz gekehrt,
Und meine Blüthen
Hast du mit Schauer umweht und Frost,
Finster waltendes Schicksal:
Hast mich früh hinausgedrängt,
Mit dem Leben zu kämpfen,
Und strenge Nothwendigkeit
Verscheuchte die süßen Bilder,
Welche die Dichtung spinnt,
Die sorgenlose, die ewig
Heitere Göttin.
Gabst du den Kampf, ich habe gekämpft!
Wirst du die Sonne mir verhüllen,
Im Dunkel werd' ich suchen den Weg —
Eins nur begehre ich.
[87]
Laß mir die Seele frei von Bitterniß,
Daß mir immer traut und verständlich
Die Sprache sei,
Die der Mai spricht,
Daß keine Rose vergebens
Den köstlichen Hauch mir entgegenwehe,
Kein Lied,
Das freier Kehle wirbelnd entsteigt,
Ungehört an das Ohr mir schlage...
Laß mir die Seele frei von Neid,
Laß mich glücklichere Lippen
Schlürfen seh'n der Freude Labetrunk
Und dann ruhig zurückkehren
Unter die Last der Arbeit,
In den eisernen Dienst der Pflicht.

Ade!

Ade! Du schreitest zum Altare,
Zu schließen froh das frohe Band,
Und ich, vertraut dir manche Jahre,
Seh' stumm sich fügen Hand in Hand
Aus meinen Lippen weicht das Blut,
Im Herzen zuckt empor das Weh, —
Sei still da drin... Es ist so gut —
Ade!
Es ist so gut. Ob auch mein Streben
Sich nur um deinen Beifall hob,
Ob, was die Muse eingegeben,
Für dein Ohr ich zu Liedern wob.
Das Leben braucht der festen Hand,
Der Weg, den ich, der Träumer geh',
Trägt Unkraut nur und Flittertand, —
Ade!
[88]
Umdunkelt ist mein Weg. Doch deinen
Umfließe hell der Sonne Licht:
Und keine Stunde soll erscheinen,
Da dir das Wort, die Hoffnung bricht.
Die Eintracht kröne deinen Bund,
Und ich, der still im Schatten steh',
Ich seg'ne dich mit zitterndem Mund...
Ade!

Nach dem Strike

Wir schweigen schon. Ihr habt gewonnen,
Ihr Männer vom Gesetz und Recht,
Und sicher seid ihr eingesponnen
In eurer Ordnung eng' Geflecht.
Wir schweigen schon. Stolz durft ihr zeigen,
Wie ihr gebeugt, was euch bedroht:
Wir schweigen schon und werden schweigen,
Allein wir hungern, schafft uns Brod!
Ihr sagt, uns eine keckes Wagen,
Zu stürzen eures Staates Bau —
O glaubt, in uns das grimme Nagen
Umgrenzt das Denken sehr genau;
Wir achten still, was fest und eigen,
Und uns're Fahne ist nicht roth:
Wir schweigen schon und werden schweigen,
Allein wir hungern, schafft uns Brod!
Im tiefen Schacht, von Luft und Lichte,
Von jedem frohen Blick entfernt,
Gefahr, wohin der Fuß sich richte —
Wir haben tragen es gelernt.
Wir wissen uns dem Loos zu neigen,
Wir geh'n für's Leben in den Tod:
Wir schweigen schon und werden schweigen,
Allein wir hungern, schafft uns Brod!
[89]
Vernehmt uns! Euer Ohr verwehre
Nicht mehr den Eingang uns'rem Flehn!
Und helft, daß von des Mangels Schwere
Nicht Weib und Kinder uns vergeh'n!
Und laßt es nicht zum Höchsten steigen,
Bedenket, Eisen bricht die Noth —
Wir schweigen schon und werden schweigen,
Allein wir hungern, schafft uns Brod!

Blüthenregen

Welch frohes Wallen!
Welch bunter Gruß!
Die Blüthen fallen
Vor deinen Fuß.
Doch was dies Blinken,
Hast du's bedacht?
Ein seufzend Sinken
In Todesnacht.

Den Deutschen in Österreich

Laßt laut die Töne klingen,
Wie mächtig dröhnend Erz,
Aufschreckend sollen sie dringen
In jedes schwanke Herz;
Dem Schwerte gleich soll's wettern
Das Wort gewaltigen Streichs,
Das Kampflied soll erschmettern,
Der Deutschen Österreichs!
Das war ein heißes Mühen,
Rastlose deutsche Hand,
Bis du in helles Blühen
Gekleidet weit das Land;
[90]
Das war ein eifrig Bauen,
Ein Zimmern unverzagt,
Bis herrlich anzuschauen
Der Bau zur Höh' geragt!
Und sieh'! in deutscher Krone
Glänzt Austria so hehr;
Dem deutschen Fleiß zum Lohne
Schwillt golden der Saaten Meer;
Durch deutsches Wort verbunden
Schließt eng sich Glied an Glied;
Den schönsten Kranz gewunden
Hat rings das deutsche Lied.
Und soll das nun zerfallen,
Was hoch und heilig stand?
Und soll dein Wort verhallen,
Mein Volk, im eignen Land?
Nein, unerschüttert setze
Die volle Kraft darein,
Du wahr'st die höchsten Schätze,
Wenn du bewahr'st, was dein!
Und wie vor tausend Jahren
Die Väter, kühn und stark,
Vor drängenden Barbaren
Geschützt des Ostens Mark,
So auf demselben Grunde
Steh' heute treu die Hut,
Und gebe leuchtend Kunde
Vom alten Heldenblut.
So hüte die heilige Flamme
Vor jedem Sturm und Stoß
Vom herrlich großen Stamme
Du kräftig edler Sproß!
Wie heiß es dich umstritte,
Steh' fest und wanke nicht:
Für deutsche Art und Sitte,
Für Freiheit, für das Licht!

Pygmäen

[91]
Die Zeit ist todt, da große Helden schufen,
Die mit der Fackel der Begeisterung,
Mit kühn erhabenem Gedankenschwung
Des Lebens florumhüllte Stufen
Und weiter — weiter bis zum Gipfel klommen,
Wo ihnen vor den sehgewalt'gen Blicken
Jach barst der Vorhang mitten in zwei Stücken —
Wo über sie der Friede dann gekommen!
Die Zeit ist todt — die Zeit der großen Seelen —
Wir sind ein ärmlich Volk nur von Pygmäen,...
Die sich mit ihrer Afterweisheit frevelnd blähen
Und dreist sich mit der Lüge Schmutz vermählen —
Mit jener Lüge, die da Prunk und Kronen
Um leere Schädel flicht — um schmale Stirnen
Das Diadem der Gottentstammtheit schlingt —
Die Weihrauchduft ohnmächt'gen Götzen bringt!
Was wir vollbringen, thun wir nach Schablonen,
Und uns're Herzen schrei'n nach Gold und Dirnen —
Und Keinen giebt's, der tief im Herzen trüge
Den Haß, der aufflammt gegen diese Lüge —
Wir knieen Alle vor den Götzen nieder
Und singen unserer Freiheit Sterbelieder!

„Licht den Lebendigen!“

[92]
Stets habe ich mich denen zugesellt,
Die, ausgestoßen, nur des Tempels Stufen
Und nie das Allerheiligste betreten...
Umsonst erklingt ihr banges Hülferufen,
Umsonst springt von den Lippen brünstig Beten,
Umsonst ersteht aus ihnen — ach! — ein Held,
Der sie aus ihrer Knechtschaft an das Licht
Der gold'nen Freiheit führen will — ein Sieger:
Er fällt im Kampf wie ein gemeiner Krieger —
Doch die Galeerenketten bricht er nicht!...
Er bricht den Fluch nicht, der auf ihnen liegt
Von Anbeginn der Welt als ein Verhängniß —
Das Leben ist für sie nur ein Gefängniß —
Sie sterben in der Tiefe — Keiner siegt!
Stets habe ich mich ihnen zugesellt:
Frommt dem Poeten denn — ich frag' es dreist —
Ein ander Loos? Wo sich in bangen Qualen
Um nie gelöste Räthsel müht ein Geist;
Wo auf die Wangen, die verfallnen, fahlen,
Der Hunger seine Fingerspur geprägt;
Wo sich in wildem Ingrimm eine Hand
Zur Faust zusammenballt; wo, stets verkannt,
Ein Mann im Innersten Empörung hegt —
Empörung gegen sie, die Kettenschmieder:
Da tret' ich hin und singe meine Lieder —
Ja! Lieder, die ich nicht erkünstelt und erdacht,
Die ich aus tiefstem Seelenschacht,
Aus meiner Herzens Tiefe trug an's Licht —
Und was ich nicht gefühlt, das sing' ich nicht!
Wohl soll des Sängers Lied auf Wunden leise
Den Balsam legen! Von den Stirnen banne
Die Furchen es und Thränen aus den Augen...
Doch giebt's auch Lieder, die dazu nicht taugen:
[93]
Sie ragen trotzig wie die Wettertanne,
Sie zucken wie der Blitz mit loh'nden Zungen,
Sie hallen wie der Donner krachend hallt —
Sie singen von der Schergen Allgewalt,
Von Buben, die der Knechtschaft sich verdungen!
Sie singen eine einz'ge Weise nur:
Die Weise der Empörung gen Despoten!
Sie flammen wild zusammen zu dem Schwur:
Licht den Lebendigen — die Nacht den Todten!...

Empörung

Manchmal ist's mir, als packte mich ein Krampf,
Wenn ich halbmüde, halbverdrossen,
Verträumt, mechanisch dem Gewölk nachstarre,
Das sich in zarten, duftig blauen Ringen
Von der Cigarre mählich löst... — — —:
Da ist es mir, als packte mich ein Krampf —
Als schlüg' an's Ohr mir dröhnend Roßgestampf —
Als schlüg an's Ohr mir gellend Horngeschmetter —
Als riefe mich Posaunenton zum Kampf
Für einen neuen Heiland — einen neuen Retter!
In wilden Rhythmen pulst mein Blut —
Aufschwillt mir jauchzender Titanenmuth —
Erstickt liegt der Gedanken fahle Brut
Und wirbelt auseinander wie der Blätter
Zermürbte Spreu im Herbststurmtosen!...
Ich lebe nur der That!
Und ihre Rosen
Blüh'n auf in meiner qualzerspaltenen Brust...
Hei! Wilde Götterlust,
Auf dürrem Haidepfad
Dahinzufliegen!
Es dampft das Roß — und in die Locken wühlt
Der Sturm sich ein — —
Gespenstisch liegen
Des Mondes gleißend weiße Silberschleier
[94]
In fahl cristall'nem Schein
Weit ausgespannt
Auf dem Haideland...
Hei! Wie hinweggespült
Wird da des Zweifels leichenfarbner Dunst! —
Es athmet freier auf und freier
Die erlöste Brust —
Und in allmächt'ger Brunst,
In neugeborner Werdelust,
Umfaßt sie tief und voll
Des Lebens ganzes Sein
Und die lebend'ge That!
Ein heißer Groll
Flammt auf wie greller blut'ger Nordlichtschein,
Daß so Verrath
Am Heiligsten begangen ward!
Verblendet und genarrt
Hab' ich gefröhnt nur blödem Afterleben!...
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Hei! Wie der Sturm in gellender Melodei,
Mit dröhnend heis'rem Schrei,
Mir um das Haupt braust!
Wie die Wolken flattern
Und windgehetzt,
Zerrissen und zerfetzt,
Zu Riesenbänken sich zusammenschieben!... — — —
Ich balle wild die Faust:
Das war dein Sein? — das war dein Lieben?
Verflucht! Nur Nattern,
Giftgeschwollen,
Hast du an deiner Brust genährt,
Hast dich erbärmlich nur gescheert
Nach Hinz und Kunz und ihrem Alltagsschnattern!
Liebäugeltest mit Basen und Gevattern —
War das ein Leben aus dem Vollen?
Wo hingerafft
Von heil'ger Leidenschaft,
In unversöhnlich großem Rächergrollen
Du niederschlugst der Buben feilen Tand?!
[95]
Und wo mit schwertbewehrter Siegerhand
Der Lüge Drachen du erschlagen?!
Wo du mit der Parole: „ich vollbrings!“
Den Leib der Sphinx,
Ein starker Siegfried, sprengtest aus den Fugen?!
Und ihre Räthselfragen,
Die bekannten, klugen,
Die manchen Schwächling schon zerbrochen,
Zertreten hast?
Nur blöde Ofenrast,
Verschämt, verkrochen,
Hast du gehalten:
So leichte Beute nächtiger Gewalten!...
— — — — — — — — — — — — — — — — —
So schreit's in mir, und wilder Durst entbrennt
In meiner Brust nach stürzender Zerstörung!
Stolz wogt des Hasses Flammenelement
Und lechzt nach Rache und Empörung!
Satt hab' ich endlich diese Hirnbethörung —
Satt diese dunst'ge Trugbelehrung!
Der Afterweisheit Götzen will ich fegen
Von ihren gleißenden Despotensesseln —
Will mit der That gewucht'gen Donnerschlägen
Ihr Reich in Schutt und Trümmer legen:
Denn — nein! — nicht länger trag' ich diese Fesseln!

Müde

Ja! Hier ist's gut sein! Ja — hier will ich rasten,
Will ich vergessen meine wilde Qual!
Hier wälz' ich von mir, die ich trug, die Lasten,
Und schreite selig zu dem Friedensmahl,
Das du mir beu'st... Ja! hier verklingt der Streit —
Hier flüstern nur leise die Stimmen der Einsamkeit!...
[96]
Denn ich bin müde!... Blüht auch noch mein Mark,
Und blitzt mein Auge noch begeist'rungstrunken!
Hält auch die Faust ihr Schwert noch heldenstark,
Und loh'n in mir des Hasses wilde Funken —
Des Hasses, der mit unbarmherz'gem Stahl
Ausbrennen soll der Lüge Sclavenmal...:
Ich bin doch müde!... Drum, wie schön wird's sein,
Darf ich mit dir im blüthenreichen Garten,
Hält ihn verzaubert weißer Vollmondschein,
Mit süßem Eifer uns'rer Liebe warten!...
Ich lieg' an deiner Brust — es schweigt der Groll — —
Uns aber segnet die Liebe, die ew'gen Glückes voll!...

Purgatorio

Zieh' ein, o Schmerz,
Und weihe dies Herz,
Das lange sich deiner gewehrt hat!
Und in flammendem Groll
Gegen des Lebens Zoll,
Gegen deine Macht sich empört hat!
Zieh' ein, o Schmerz,
Und läut're dies Herz —
Ich geb' es besiegt dir zu eigen!
Und erbarmungslos
Entlös' deinem Schooß
Der Qualen nachtlockigen Reigen!
Zieh' ein, o Schmerz,
Und heil'ge dies Herz —
Furch' deine Flammenspuren!
Was morsch ist, zerbrich,
Bis das Gemeine entwich,
Und die Flitter von dannen fuhren!
[97]
Zieh' ein, o Schmerz,
Und pflanze in's Herz
Der Weltenräthsel Erkenntniß!
Was gesucht ich so lang'
In glühendem Drang,
Entschlei're in ernstem Geständniß!
Zieh' ein, o Schmerz,
Entsünd'ge dies Herz —
Ich geb' es besiegt dir zu eigen! —
Bis in flammender Pracht
Aus Schlünden der Nacht
Der Erlösung Sonne wird steigen!

Verlassen!

Im Morgengrauen ging ich fort —
Nebel lag in den Gassen —
In Qualen war mir das Herz verdorrt,
Die Lippe sprach kein Abschiedswort —
Sie stöhnte nur leise: Verlassen!
Verlassen! Kennt ihr das Marterwort?
Das frißt wie verruchte Schande!...
In Qualen war mir das Herz verdorrt —
Im Morgengrauen ging ich fort,
Hinaus in die dämmernden Lande...
Entgegen dem jungen Maientag —
Das war ein seltsam Passen!
Mählich wurde die Welt nun wach — —
Was sollt' mir der junge Frühlingstag? —
Ich stöhnte nur leise: Verlassen!

Das verlorene Paradies

[98]
Es hat die Dirne mich geküßt:
Da ward ich von süßem Taumel trunken,
Und als ob es Frau Venus selber wär',
Bin ich ihr an die wildwogenden Brüste gesunken...
Es hat die Dirne mich geküßt,
Ihre reifrothen Lippen auf den meinen erblühten —
Da vergaß ich die harte Noth und den Tod
Und meiner Mutter liebfrommes Behüten...
Es hat die Dirne mich geküßt —
Da war's mir, als quöllen Flammenbäche
Wie der Hölle Sengstrom durch meinen Leib,
Als ob bacchantische Brunst mir den Schädel zerbreche...
Es hat die Dirne mich geküßt —
Schluchzend lag ich vor ihr im Staube —
Da war's mir, als stürbe der Gott in mir,
Als stürb' an sündlose Lieb' mir der Glaube...
Es hat die Dirne mich geküßt,
Da wußt ich, daß ich die Seele verloren —
Da wußt ich, daß ich dem Schächer gleich,
Meine Seele der Hölle zugeschworen!...
Es hat die Dirne mich geküßt —
Wohl trink ich in ihren Armen Wonne — —
In meinem Herzen aber ist Finsterniß,
Und verdorrt ist mir des Glückes Bronne!...
Verdorrt ist mir der lebendige Muth,
Für meine Brüder die Gasse zu bahnen, —
Zerbrochen hab' ich die blitzende Wehr,
Zerbrochen die wurfzerfetzten Fahnen...
[99]
Seitdem die Dirne mich geküßt
Kann ich nur ihr gehören zu eigen — —
In Brünsten umklamm're ich den weißen Leib
Und küsse sie — und der Rest ist Schweigen...

Hast du des Daseins...

Hast du des Daseins tiefste Qual empfunden?
Kam über dich einmal der milde Schmerz,
Der zu dir schreit aus deiner Seele Wunden?
Es krampft sich in Titanenweh das Herz,
Vom Daseinsekel angepackt, zusammen,
Und von der Lippe stiehlt sich Hohn und Scherz,
Verweht von deines Schmerzes Riesenflammen.
Du sinnst und sinnst... In tollen Tacten fliegt
Dein Puls — — — als müßtest du den Fluch verdammen,
Der felsenschwer auf deiner Seele liegt —
Den Fluch verfluchen — ja als müßtest du
Die Welt verfluchen, die dich eingewiegt
In deiner Jugend süße Mährchenruh' —
Um dich zu hartem Qualendienst zu wecken:
So ist es dir! — Das Auge schließt sich zu —
Der Schmerzen Wogen glätten sich und strecken
Gebändigt sich, wie fromme — Tigerkatzen,
Zu deinen Füßen hin — bis sie sich recken —
Empor sich recken und mit Riesentatzen
Dich niederschlagen, daß du wie ein Sclav'
Um Gnade betteln mußt bei — Götterfratzen!...
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Komm über mich, o traumlos ew'ger Schlaf!...

Wiedergeburt

[100]
Fall' ab von mir, du gottverfluchte Sünde,
Fall' ab von mir wie mürber Blätter Spreu,
Auf daß die Welt ich endlich überwinde —
Auf daß ich endlich — endlich Frieden finde!
Erhebe dich, du trotzig starker Leu
Der Weltentsagung — recke dich empor,
Zerbrich die Schranke, die dich hält, in Splitter!
Ihr Osterwinde rauscht, ein Feierchor!
Aufsprang mir der Erkenntniß Freiheitsthor:
Entsagt hab' ich jedwedem Tand und Flitter!

Anathem!

In flammender Empörung
Sprech' ich der Lüge Hohn:
Und wenn du tausend Nacken beugst
Und tausend Sclavenseelen säugst
Mit feilem Judaslohn:
Ich trotze deinen Jochen!
Ich hab' den Bann zerbrochen —
Ich hab' mich freigesprochen:
Ich bin der Freiheit Sohn!

Was gestern noch geblühet...

Was gestern noch geblühet,
Ist heute schon verdorrt,
Und was du jüngst mir zugeraunt,
Verklungen ist das Wort!
Verrauscht ist sie, die Stunde,
Wo dich mein Arm umfing —
Wo lustberauscht mein Flammenblick
An deinem Antlitz hing!
[101]
Der Herbstwind fegt die Blätter,
Die letzten, von dem Ast —
Ich wand're durch das öde Land
Bald hier, bald da zu Gast...
Die Stirne glüht in Fieber —
In Fieber bebt die Hand,
Und wirre Wahnsinnsphantasie'n
Sind mir im Hirn entbrannt...
Daß ich dich lassen mußte,
Das ficht mich gar nicht an —
Das ist nun einmal Menschenloos
Das sei nun abgethan!
Eins aber zieht mich nieder,
Das lastet wie ein Fluch,
Das lähmt der Seele stolze Kraft,
Der Hochgedanken Flug;
Das gräbt sich in die Stirne
Mit tausend Furchen ein;
Das dunkelt mir der Sonne Gold,
Das dunkelt Sternenschein;
Das wühlt sich in die Brust mir
Wie eines Schächers Blick;
Das hemmt des Athems Freiheitsdrang
Wie eines Henkers Strick!
Das grinst mich an wie eine
Verrenkte Bettlerfaust;
Das loht in mir wie Höllenqual,
Die Herz und Hirn durchbraust —
Und fragt ihr: was entfesselt
Den wirren Qualenstrom?
Die Sehnsucht, die da lechzt nach Glück,
Nach Glück, das nur — Phantom!

Das war ein lust'ges Feiern...

Das war ein lust'ges Feiern,
Ein Schwärmen bei Nacht und bei Tag —
Nun liegt's auf mir so felsenhart,
[102]
Jach sind mir Freud und Lust erstarrt,
Nun liegt's auf mir so bleiern
Nach all' dem lust'gen Feiern,
Dem Schwärmen bei Nacht und bei Tag...
Das war ein tolles Zechen —
Wir wurden's schier nicht satt —
Jach starb mir da der blüh'nde Scherz,
Nun liegt's auf mir wie schweres Erz,
Als wollte das Hirn mir zerbrechen —
Nach all' dem lust'gen Zechen,
Dem Schwärmen bei Nacht und bei Tag...
Das war ein keck Erfassen
Des Lebens in jauchzender Lust —
Nun liegt's mir vor Augen so todt und so fahl,
Aufschreit in der Brust mir Titanenqual —
Als sollte die Welt ich nun hassen
So ward mir nach all' dem Erfassen
Des Lebens in jauchzender Lust!

Entlarvung

Ihr habt geschwelgt in Sünden,
In Sünden sonder Zahl!
Aus euren Augen grinst der Tod
Und euer Wort ist schaal!
Und euer Schwert zerfrist der Rost —
Dieweil mit Dirnen ihr gekost,
Da rangen wir, vom Sturm umtost,
Im nächt'gen Todesthal!
Ihr habt geschwelgt in Sünden,
In Sünden sonder Zahl!
Zerbrochen liegt des Lichts Panier,
Zerbrochen der heilige Gral!
Ihr habt verkauft der Seele Gluth,
Verkauft des Herzens Heldenmuth,
Wie ein gemein verächtlich Gut
Ja! — um ein Sclavenmal!
[103]
Ihr habt geschwelgt in Sünden,
In Sünden sonder Zahl!
Mit Rosen kränztet ihr die Stirn
Zu üpp'gem Freudenmahl!
Bacchantisch habt ihr Nacht und Tag
Gerast bei süßem Lautenschlag —
Da kam die Stunde, die zerbrach
Euch Thyrsus und Pokal!
Ihr habt geschwelgt in Sünden,
In Sünden sonder Zahl!
Da kam die Stunde, die euch riß
Vom Antlitz, todesfahl,
Die Masken — und wir sahen euch
In eurer Schande nackt und bleich,
Aussätz'gen Galgenschächern gleich,
Bei eurem Judasmahl!
Ihr habt geschwelgt in Sünden —
In Sünden sonder Zahl!
Aus euren Augen grinst der Tod
Und euer Wort ist schaal!
Zerbrochen liegt nun all' der Tand,
Aufloderte des Flitters Brand —
Nun schmeckt die Zunge dürren Sand,
Ihr — „Priester der Moral“!

Wie ist der Tag so weit...

Im Sclavendienst der Lüge
Hab' ich den Tag verbracht...
Nun hat den Zauberschleier leis
Herabgesenkt die Nacht.
Es schweigt verträumt die Runde,
Nur leise der Nachtwind rauscht —
Ich aber mit brennendem Munde
Habe Stunde um Stunde
Mit Geistern ans nächt'gem Grunde
Wilde Zwiesprach getauscht.
[104]
Ha! Wie er mich umflattert,
Der Geister toller Schwarm!
Wie er mich preßt mit trunk'ner Lust
In seinen Riesenarm...
Wie Frage er auf Frage
In meine Seele schreit!
Und ob ich bang verzage,
Die Brust mir blutig schlage,
Und bete, daß es tage —
Wie ist der Tag so weit!

Todtensang

Der Nachtwind heult dir den Todtensang —
Nun schlaf, mein Bruder, nun schlaf!
Und wenn deine Seele auch Flammen trank,
Der Hieb des Todes, er traf!
Und wenn deine Seele auch Welten barg,
Und jauchzend zum Lichte sich rang:
Nun liegst du im Grunde, im modernden Sarg —
Der Kelch deiner Seele zersprang!
Mit leuchtender Stirn, mit flammender Brust,
Zog'st du: ein junger Achill!
Und warfest die Hallen, wo feiler Wust
Die heiligen Bilder befiel —
Wo lauernder Schlangen giftspeiender Zahn
Zerrissen, was edel und groß:
Du warfest sie nieder! Auf siegender Bahn
Mit heldenhaft markigem Stoß!
Wir jauchzten dir zu in heiliger Gluth
Und griffen zum blitzenden Schwert!
Der feigen Seelen neidische Brut,
Von eklem Staube genährt:
Wir trieben sie aus! Mit gellendem Schrei
Zerstob die zitternde Schaar!...
Doch weiter, nur weiter! Durch Nebel und Mai,
Umflogen von wirbelndem Haar:
[105]
So zogen wir hin auf dampfendem Roß,
Wir Kämpen für Freiheit und Licht!...
Da fiel der hirnversengende Stoß,
Der's Herz mir stückweis bricht —
Es schlich der nackte, der fahle Tod
Zu deinem Herzen sich hin
Da lagst du im bleichen Morgenroth —
Zerbrochen das Schwert und die Brünn'. —
Zerbrochen die lichte, die jauchzende Brust:
Fahr' wohl, mein Bruder, fahr' wohl!
Versprüht die lodernde Kampfeslust —
Zertrümmert das hehre Idol!...
Wir saßen und sannen in stummer Qual
Und starrten auf deinen Leib —
Dann gaben wir ihn, das Antlitz fahl,
Den Würmern zum Zeitvertreib...
Sie mögen ihn schmausen in köstlichem Mahl —
Leb' wohl, mein Bruder leb' wohl!
Wir kämpfen, die Faust im blitzenden Stahl,
Für der Freiheit leuchtend Symbol!...
Und pocht auch der Wahnsinn an unser Hirn —
Nur weiter durch Nebel und Nacht:
Dort fressen die Würmer die leuchtende Stirn —
Wir rasen dämonenumlacht!...
Noch rinnt in unsern Adern die Gluth,
Die alles Hohle zerschlägt —
Noch packt uns wilder Titanenmuth,
Der auf zum Himmel uns trägt!
Noch thürmen wir jauchzend mit markiger Faust
Die Berge zum Götterpalast:
Und wenn uns das Heer der Blitze umsaust,
Die Nacht der Wolken uns faßt!
Wir schwuren an deines Grabes Rand
Den Kampf für Freiheit und Licht —
Wir stürzen mit unbarmherziger Hand,
Die nimmer segnet, nur bricht,
[106]
Die Tempel, die Hallen, wo Spöttergezücht
Auf goldenen Thronen verdorrt:
Da wirbelt der Staub! Da verzerrt das Gesicht
Der Feige mit stammelndem Wort!...
Wir holen auch dich von prunkender Höh',
Verfaultes Götzengeschlecht!
In unserer Brust, da fluthet die See
Des Hasses! da thront nur das Recht!
Und dieser Haß zertrümmert auch euch
Und fegt euch nieder zu Thal —
Mit einem gewaltigen Riesenstreich —
Mit hühnenhaft blitzendem Stahl!...
Der Nachtwind heult dir den Todtensang!
Nun schlaf, mein Bruder, nun schlaf!
Und wenn deine Seele auch Flammen trank:
Der Hieb des Todes — er traf!
Und wenn du auch liegst im modernden Schacht:
Dein Geist durchbebt unser Herz:
So jagen wir weiter durch Nebel und Nacht —
Durch Dunkel Morgenwärts!

Es liegt die Welt in Sünden

Es liegt die Welt in Sünden,
Das Heiligste ist feil —
Aufreckt sich wie der schwarze Tod
Das Laster wollustgeil!
Es werfen seine Flammen
Den Brand in jede Brust —
Im Triumphatorwagen rauscht
Durch alle Welt die Lust!
Und Keiner hebt die Keule,
Zu morden das Pestgezücht!
Und Keiner schreit nach and'rem Heil
Und bangt vor dem Gericht!
[107]
In wilden Wollustschauern
Liegen wir staubbesä't
Und stammeln an schwellender Dirnenbrust
An die Venus ein Gebet:
„O große Mutter, nähre
Dein liebelechzend Kind!
Schling' auch um mich dein Diadem,
Deine Rosen, dein Traubengewind!
Sieh'! meine verschmachteten Lippen
Dürsten nach heißem Genuß —
O große Mutter, vergiß mich nicht —
Lass' trinken mich deinen Kuß!
Lass', bis ich selig versunken
In Träume, mährchenumkost,
Hinfluthen über das dürre Gefild
Meiner Seele deinen Trost!
Nicht mag ich kargen und dulden,
Wie ein Schächer nach Brocken geh'n —
Es soll für meine verzehrende Brunst
Ein Paradies ersteh'n!
Wir haben vom Kreuze gerissen
Des Heilands zermartert Gebein!
Wir warfen von uns das Pilgerkleid,
Wir ließen den Wüstenstein!
Was frommt uns bleiches Entsagen?
Was frommt uns Dornengerank?
Wir schlürfen den Kelch hintaumelnder Lust
In seligem Überschwang!“
O sagt, ihr müden Lippen,
Kennt ihr kein and'res Wort?
Ist in der Seele tiefstem Grund
Der Bronnen all' verdorrt,
Daraus in lichten Strömen
Das Leben sich verjüngt?
Schreit ihr zur Aphrodite nur —
Zur Dirne, frech geschminkt?
[108]
Zur Dirne, der im Herzen
Nur Lug brennt und Verrath?
Die mit geschmeid'ger Buhlerkunst
Erstickt die freie That?
Schreit ihr nach Wein und Rosen?
Nach üpp'gem Bacchusgelag'?
Nach sternendunkler, schwüler Nacht
Und flucht dem gold'nen Tag?
Ihr Narr'n! Es kommt die Stunde,
Da wieder am Kreuze einmal
Bluttriefend ein neuer Messias hängt,
Im Herzen Prometheus-Qual!
Auch den habt ihr gekreuzigt,
Dieweil sein Zorn geflammt —
Dieweil er die sündenverstrickte Brut
In heißem Groll verdammt!
Sein Mund sprach nicht von Liebe,
Sein Wort sprang wie ein Pfeil
Von klirrender Bogensehne springt,
Und traf, die sündengeil
In üppigem Wollustreigen
Das Leben verträumt und verspielt —
Sein Herz — das wußte Vergebung nicht:
Es hat nur die Schmach gefühlt!
Die Schmach, daß ihr verrathen
Den gottgebor'nen Geist!
Daß ihr in wilder Bestiengier
Das Gold, das glänzt und gleißt,
D'ran tausend Flüche kleben,
Das tausend Thränen genetzt,
Ein sündenverloren, entartet Geschlecht,
Zu eurem Gott gesetzt!
Auch ihm, dem Bußekünder,
Verrenkt ihr das Gebein —
Doch wenn sein starres Auge bricht,
Bricht auf der Erde Gestein —
[109]
Aufbrausen die Meere im Sturme,
Es bebt der Berge Granit,
Und durch die ganze Schöpfung wogt
Ein einz'ges Sterbelied!
Da wird sie über euch kommen,
Die Angst, die Rächerin!
Und mit verglasten Augen starrt
Ihr zu dem Galgen hin!
Hernieder steigt vom Kreuze
Der Gott im Glorienkleid
Und spricht: Du bist verflucht, o Welt,
Verflucht in Ewigkeit!

Osterpsalm

Nun feiert vom Werke! Des Alltags Gelüst,
Nun bannt es aus Sinnen und Herzen!
Und von der Sonne der Liebe geküßt
Laßt flammen die Freudenkerzen!
Wir haben gerungen mit schwieliger Hand —
Im Alltagsstaube geschmachtet! —
Nun laßt uns zerbrechen den leeren Tand,
Nun laßt uns zünden den Opferbrand,
Und der Liebe, die lang' wir verachtet —
Die an's Kreuz wir geschlagen in frevelndem Wahn,
Gekrönt mit Dornengewinden:
Wir geben uns heute ihr unterthan,
Auf daß Erlösung wir finden!
Und der Liebe, die lang' wir verspottet, verhöhnt:
Geeint und versöhnt
Erschließen wir heute die Herzen!
Und wie im jungen Märzen
Der Lenz mit allmächtigem Werdeton
Durch die Lande ruft, der Sonnensohn,
[110]
Und die Welt in donnerndem Siegesgesang
Ihm zujauchzt, daß nun die Kette zersprang,
Die der Winter ihr wand um die Glieder:
Also auch wieder
Werfen wir heute weit auf, weit auf
Der Seele Pforten: zu Hauf nun, zu Hauf,
Sammelt euch, Lichtgedanken!
Jungblühender Liebe Osterpracht,
In Flammen und Gluthen zum Leben erwacht,
Nach bleischwer lastender Winternacht,
Heile die Müden und Kranken!
Und wenn wir gebangt, gezagt und geklagt,
Die Seele zerrissen von Schmerzen —
Wir wissen es Alle: Es tagt, es tagt
Und in lichtgrünem Gekränz'
Wandelt der Lenz,
Der heilige, selige Osterlenz
Heut' durch die Lande und Herzen!

Sang der Lebendigen

[111]
Wer still sein Leben in altem Geleis
Verschleppt und mühsam sorgendem Fleiß,
Der falte die Hände nur gläubig im Schooß
Und lalle und stammle von seligem Loos!
Doch wir fühlen die Kraft und wir stürmen hinaus
Mit dem flammenden Haupte zum Kampfe, zum Strauß,
In den düsteren Augen den blitzenden Strahl,
Den Donner im Mund, auf der Stirne das Mal.
In Gluthen getaucht mag die Welt uns vergeh'n,
Erbrausen muß sie im Sturmesweh'n,
Soll'n den lebendigen Odem wir trinken,
Nicht in dem lähmenden Joche mehr hinken,
In dem sie zieht und schleppt und lebt
Und nimmer an ew'gen Gebilden mehr webt. —
Du heilige Liebe, du hast uns gefeit,
Du gabst uns allen das stahlharte Kleid,
Und drunter das Herz mit dem zuckenden Schlag,
Das blutet vom Dorne des Elends, der Schmach,
Das Herz, das den Kreuzestod tausendmal litt —
Doch draußen die Stirn, so kalt wie Granit,
So still, wie die Felsen zum Himmel starr'n,
Durchfurcht von der Stürme gewalt'gem Beharr'n.
Kein lockendes Eiland, von Palmen umsäumt,
Wie's der Dichter in seligen Träumen sich träumt,
Kein lachendes Thal von Glückseligkeit,
Kein wonniges Eden der goldenen Zeit
Ist's, was uns lockt in kindlichem Drang
Mit der Freude süßem Sirenengesang.
[112]
Zur Fahrt auf der Schmerzen wildwogende See,
Im Sturme des Lebens, durch Kummer und Weh,
Durch die Fluthen flammender Leidenschaft
Zieht uns die heil'ge besel'gende Kraft —
Aus des glühenden Weibes weißen Arm,
Der so leis um den Hals sich, so weich und so warm,
So fest, wie mit ehernen Banden sich schmiegt,
Im dämmernden Hauche, dem alles erliegt,
Der müden, duftigen Sommernacht —
Hinweg reißt's uns — aus den Sälen der Pracht,
Aus der Welt des Taumels, der üppigsten Lust,
Zu Noth und Elend und Todeswust —
Aus dem jubelnden Schwarm und dem lärmenden Fest —
Zu trocknen die Thränen, die bitter erpreßt
Jahrtausende lang mit blutigem Zahn,
Der grimmer wie Pest — ein elender Wahn.
Der Gott, der uns nicht straucheln läßt,
Der hinan uns führt, so sicher und fest
Vorbei am Abgrund, auf steinigtem Pfad,
Ist der Gott der Freiheit, der Gott der That,
Das ist der Gott, der strafet und lohnt,
Der uns im eigenen Busen wohnt,
Er, der im Kampf uns aus eig'ner Hand
In Wetter und Sturm sich erhub und erstand.
Den Pilgerstab, die Krücke, zerbrecht
An dem ewigen Felsen, dem Menschenrecht,
Und was auch die Kindheit uns lockend verhieß,
Hier unten ist Hölle uns und Paradies.
Hier brechen wir kühn mit erhobener Brust
Durch die Wogen der Schmerzen, das Meer der Lust —
Und mit uns sinkt auch die Welt in den Staub
Und wird der zehrenden Flammen Raub —
Wenn das Aug' uns der letzte Strahl erst erhellt
Erglänzt auch in purpurnem Sterben die Welt.

Gebet an den Sturm

[113]
Hinaus aus meines Zimmers dumpfer Schwüle!
Sieh draußen das Gewitter thronen!
Erbrause Sturm, die heiße Stirn mir kühle,
Dahinter rasen die Dämonen.
Hei, wie die Blitze zucken durch die Nacht,
Wie plötzlich sie mit jäher Flammenpracht
Den Zorn des Ew'gen in die Wolken funkelnd schreiben
Ob seiner Menschheit nicht'gem, blassem Treiben.
So küsse mir vom Aug' die grauen Sorgen
Und kose mir die glühenden Wangen,
Und halte mich an deiner Brust geborgen
In wildem, brausendem Umfangen.
Aus deiner Flammenschrift, da lass' mich lesen
Das große Weltgedicht von Uranfang gewesen,
Die grimmen alten Lieder lass' im Donner hallen,
Die alle Schöpfung singt und Menschenzungen lallen.
Wenn du der Locken wall'nde Fluthen
Um's Haupt dir schüttelst, hoch umwittert,
Die Riesenfaust, in der die Blitze ruhten,
Was ihr entgegentrat, voll Wuth zersplittert —
Dann jauchzt dir zu mein heißes, brünstiges Beten;
Gieb mir von deiner Kraft, lass' mich zertreten,
Was meine Seele hemmt, die Götzen mich zerschlagen!
Erhör' mich, Geist des Sturms, bann' mir das kranke Zagen. —
Der du mit schwarzem Fittig durch die Nächte
Dahinjagst unter Donner und Zerstörung,
Dich, dessen einz'ger Blick den Tod mir brächte,
Fleh' ich um gnädige Erhörung!
O gieb mir Frieden, süßen Sturmesfrieden,
Und banne mir des Herzens Eumeniden,
Den wilden Schwarm der Furien, die noch keinen ließen,
Die Grauen vor mir selbst mir in die Seele gießen.
[114]
Hörst du des Herzens wildgepreßtes Ächzen,
Wie es erzuckt von alten Qualen?
O lass' es länger nicht nach Liebe lechzen
Und bluten wie aus tausend Malen.
Nick' mir Gewährung mit den finstern Brauen,
Lass' fühlen mich das wunderbare Grauen,
Die Schmerzenslust am Sein bei deinem Wehen,
Die Seligkeit in deinem Athem zu vergehen.
Die Schöpfung hat erweckt aus ihren Träumen
Dein großer Ruf, dein schweres Grollen,
Ich fühl' sie sich in mir und um mich bäumen,
Wenn deine Blitze zucken, Donner rollen.
Hier stehe ich! Wie meine Haare fliegen
Und eng sich fürchtend um die Schläfe schmiegen!
Wie meine Brust sich weitet, daß sie ganz dich fasse
Und nimmer deinen Geist aus ihren Tiefen lasse.
Du zogst an mir vorbei mit grellen Schlägen
Und Flammenschein und Sturmestosen —
Du gabst mir den gewalt'gen Vatersegen
Und Hoffnung mir dem Hoffnungslosen?
Dem Herzen schwand, was feige es durchzittert
Und deines Athems Hauch mich noch umwittert —
Fern deine Wolken starr'n wie eis'ge Bergeshöh'n...
Die Sonne feiert bald blutroth ihr Auferstehn. — — —

Gloria

Was ist der Ruhm? Ein luftig Traumgebild,
Das wesenlos vor trunk'nen Blicken schaukelt
Und gold'ne Träume vor die Seele gaukelt
Und nimmer euer glühend Sehnen stillt.
Greift ihr danach, es schwindet, es zerrinnt
Und flieht in unermeßlich ferne Weiten,
Den Weg kann keines Ird'schen Fuß beschreiten,
Was auch das Herz erhofft, das Hirn ersinnt.
[115]
Was müht ihr euch, ihr Durstigen, und ringt
Danach und traut der Hoffnung ros'gen Schimmern,
So bald, wie der zerborst'nen Glocke Wimmern
Im Sturm zerflattert, euer Ruhm verklingt.
Nein, laßt davon in eurem wilden Drang,
Genießt der Früchte, die am Lebensbaume
Im üpp'gen Licht gereift, laßt ab vom Traume,
Wann einst verweht des Namens letzter Klang.
Ich folge meines Herzens warmem Schlag
Und such' in mir und meiner Kraft Genüge,
Berauscht mich auch der Duft der süßen Lüge,
Ich sink' nicht müde hin, ich bleibe wach.
Ich nutze alles, was das Leben beut,
Mit Schmerzen ringen, mit den Freuden kosen
Und flechten in den Dornenkranz die Rosen,
Das heißt ein Leben, das sich selbst erneut.
Daß nicht, wenn ihr mich einstens fragt
Am Sterbebett: Was war das Leben, rede!
Die Lippen zucken und die Wangen blöde
Kaum lächeln können still verzagt.
Wenn meines Lebens Sonne untergeht,
Laßt sie in reinem Purpur niedertauchen,
Daß meine Lippen nicht zu stammeln brauchen:
Du großer Tag, du kamst für mich zu spät.

Der Bettler
Genrebilder

Das Leben ist schön, ein Scherzen, ein Singen,
Ein Necken, ein Kosen, Gewinnen, Gelingen,
Ein duftiger Frühlingssonnenglanz!
Noch nimmer hatte das Glück mir getrogen,
Ich hab's von den purpurnen Lippen gesogen,
Ein Lächeln von dir — und ich traute ihm ganz.
[116]
Die sonnigen Tage, die heiteren Stunden,
Wie sind sie so hastig dahingeschwunden —
Wie war doch so wenig im Leben geglückt:
Nicht konnt' ich euch halten, nicht wieder fassen,
Die Geliebte mußt' aus den Armen ich lassen,
Habe die Augen ihr zugedrückt.
Im wüsten Leben, im Taumel der Lust,
Mein wundes Herz in der todtkranken Brust,
Das wollte nimmer genesen. —
Verspielt, verjubelt mein Glück und mein Geld
Und getauscht dafür ein die Schande der Welt —
Und Disteln von Dornen gelesen!
Mich hungert und friert an der kalten Wand
Den kahlen Hut in der zitternden Hand;
Was kann mich erquicken, was letzen?
Und wie mir's gedämmert, so kam's, so kam's,
Gebrochen mein Herze und wie mein Wamms
Zerrissen in Lumpen und Fetzen!

Der Spielmann
Genrebilder

Lustig, lustig, alte Fiedel!
Sing dein neckisch Zauberliedel,
Laß erklingen deine Saiten!
Ach, mit jedem Strich vom Bogen
Kommen Töne angezogen,
Die uns All'n die Seele weiten.
Taumel griff beim Zauberklange,
Wenn des Spielers dürre, lange
Finger an das Griffbrett packten,
All' die Dirnen, bald sie liegen
In den nerv'gen Armen, fliegen
Hin nach feur'ger Weise Takten.
[117]
Scherzen, Lachen, Kichern, Singen
Aus der alten Fiedel dringen
In den Schwarm den wild bewegten,
Und sie dreh'n sich fest umschlungen,
All' die Mädel mit den Jungen
Hin im Tanz, dem toll bewegten.
Steht der Spielmann da im grauen
Bart, dem unter busch'gen Brauen
Dunkle Augen schmerzlich flammen,
An der Säule, und es gleiten
Mark'ge Striche ob den Saiten,
Lockt er's junge Dorf zusammen.
Langhin fällt sein Haar hernieder,
Kahler Mantel hüllt die Glieder,
Und sein Hut, der ist nicht glätter;
Tiefgezog'ne Furchen haben
In die Wangen sich gegraben,
Die vergilbt von Sturm und Wetter.
Ach, vermodert sind die Jungen,
Und wo ist zuletzt erklungen
Seiner Dirne munt'res Liedel?
Wanderdrang hat sie getrieben,
Einsam ist er dann geblieben,
Und sein Liebstes ward die Fiedel!

Visionen

I.

Ich kniete am Altar inmitten
Der gläubigen Menge, die Gebet lallend
Auf ihren Knieen lag —
Und schwellende Orgeltöne
Wie ein entfesselt Meer
Umwogten mich, und holde Knabenstimmen
Mir in die Seele drangen —
[118]
Auch meine Lippen hatten einst
Das heil'ge Lied erhoben
Wie eure, die ihr euch
Mir in die Seele stehlt
Mit jenen unschuldsvollen
Hinsterbenden Gesängen —
Auch meine Seele hatt' ich einst
Als reines Opfer hin auf den Altar gelegt,
So unberührt und unbefleckt.
Und höher stieg der Weihrauchduft empor
Zum Schiff die Sinne bannend.
Und von dem süßen Bangen
Der Kindheit, die zum ersten Mal
Sich schüchtern Gottes Altar naht,
Flog mir ein Hauch
Noch einmal durch die Seele,
Ich kostete noch einmal
Den heil'gen Taumel,
Gab mich noch einmal
Dem stillen Rausch der Hoffnung
Mit innig jauchzendem Herzen
Ergeben hin.
Ich blickte auf —
Durch spitze Fenster fielen
Die schrägen, gelben Sonnenstrahlen
Und woben um das Haupt dir
Dort an dem Kreuze mit der Dornenkrone
Hell flimmernd einen gold'nen Ring —
Und deine Züge lebten noch,
Ich sah noch einmal dir den Kampf
Hin durch den Leib, den müden, zieh'n,
Und deine Wunden flossen noch einmal
Wie blut'ge Zähren, die ein Gott
Um sein versunken Eden weint.
Der Kranz grub sich in deine Stirn,
Die alabasterweiße,
Mit purpurrothen Spuren.
Da griff es mich mit Geistermacht
Und öffnete mir das blöde Auge,
Das staunend nur an diesen Reigen hing,
[119]
Derweil das Herz sich enge mir
Zusammenpreßte in der Brust
Mir war's, als könnt' ich alles fühlen,
Was du erlebt, da du am Kreuze hingst,
Als dir der Blick auf tausend Gaffer sank
Und ein'ge nur,
Die dich beweinten,
Doch nie verstanden.
Du Riesengeist, du fühltest dich allein!
— Das schmerzte. —
Du kanntest wohl das Menschenherz
In seinem Wollen, seinem Ahnen,
In seinem Fühlen, seinem Hasten
Nach leichtem Glück —
Du wußtest, was den Armen quält,
Und was dem Unglücklichen,
Der in den Ketten schmachtet, durch die Seele hegt,
Und was den Menschen packt und schüttelt,
Sieht er des Schicksals ehernen Schritt
Zu Boden treten unerbittlich,
Was er gebaut, entraffen
Das Liebste seinem Herzen,
Die Sichel durch die vollen Saaten gehn. —
Du sahst den fahlen Jammerblick,
Der mit Entsetzen hoffnungslos
Auf deine Tröstermiene starrte,
Wenn ihn, den Sterbenden,
Des Todes harter Arm
Auf seinem Lager niederrang,
Und er sich wand — —
— Doch war das Sünde,
Daß mich ein Weib gebar? —
Nein! — Sünde — wider die Natur —
Natur ist Sünde — —
Erlösung aus dem Labyrinth!
Ich irre, ich strauchle —
Erlösung für meinen Geist
Und für mein wehes Herz! —
Da sah ich die Züge,
Von Schmerzen eben noch verzerrt,
[120]
Sich glätten, und ein leises Lächeln
Glitt über die verhärmten Wangen hin —
Mir war's als träfe mich ein tiefes Leuchten
Der Augen, die sich in das Herz mir senkten,
Wie Sonnenstrahl in eis'ge Gruft — —
O Liebe, begötternde Liebe!
So stirbt dein Held,
Dein kündender Prophet,
Dein höchster Gott,
Den seines Herzens Fluch
Dazu geweiht! —

II.

Und wieder sah ich Opferdüfte wallen,
Den Weihrauch hoch gen Himmel zieh'n
In duft'gen Wolken.
— Es naht ein Zug —
Vermummte Gestalten —
Teufelsfratzen grinsen mich an —
— „Gott der Liebe, Gott der Liebe!
Te deum laudamus! —
— Und einen Scheiterhaufen sah ich hoch gerichtet,
Ein Kreuz darauf —
Und Flammen sah ich gierig lecken
Von unten hoch,
Und oben an dem Kreuze stand
Eine weiße Gestalt,
Und in das Gewand,
Da hatten sie eingewirkt
Rothe Zeichen —
Es war ein Weib,
An dem weißen Kleide
Troff es wie Blut —
Das waren blutige Male
Der Taufe —
Ihr tauft mit Blut,
Ihr treuen Jünger eures Herrn? —
„Te deum laudamus.“
Wie schön das Weib ist,
Wie ihrer Glieder duft'ge Weichheit
[121]
Hervordrängt aus den festen Stricken,
Mit denen sie an's Kreuz geschnürt.
Die dunklen Augen blicken
Zum reinen, wolkenlosen Himmel,
Und Gottes gnädige Sonne
Ihr in dem weichen Gelock,
Das auf die weißen Schultern niederwallt,
Goldene Strahlen spinnt.
— Die Flammen prasseln
Und züngeln roth sich höher —
Da bohrt sich ihr Blick
Mir in das Herz,
Thränenlos — seelenlos —
Dunkel wie Nacht —
Als ob sie nicht empfände. —
„Gott der Liebe, Gott der Liebe!
Te deum laudamus!“ —
Der weite Platz ist dicht gedrängt
Vom Volk, das liebt ja Schaugepränge —
Was bist du Mensch für ein Gewürm,
Daß du die reinste Gabe,
Die dir je geboten,
Besudelst.
Gibt man dir den Himmel,
Gibt man dir das Glück —
Du zerrst es nieder
In deiner Laster Unverstand;
So wie ein Thier, das nichts genießt,
Was nicht mit eig'nem Safte erst zersetzt. — —
„Gott der Liebe, Gott der Liebe!
Te deum laudamus!
Und lauter wird der heilige Gesang
Und dichter wirbelten die Weihrauchwolken
Und höher rannte die Flamme
Blutroth —
Ein letzter Blick —
Opfersang — Weihrauchduft —
„Gott der Liebe, Gott der Liebe!
Te deum laudamus!“ —

Melpomene
Genrebilder

[122]
Der Beifall rauscht durch das volle Haus,
Ein Hoch dem holden Juwele!
Du triebst uns den lebenden Athem heraus
Aus der mitleidgefolterten Seele!
Du strahlendes Kleinod hervor, nur hervor!
War das ein Kämpfen, ein Ringen!
Den Dank dir die Kränze, der jubelnde Chor,
Die jauchzenden Stimmen dir bringen.
Ganz waren sie dein; es erblaßte und schwand
Aus den Mienen das tägliche Lügen,
Es ruhten so heilig die Augen gebannt
An deinen zerrissenen Zügen.
Durch das athemlos stille Geschlecht da ging
Ein leises, bebendes Stöhnen,
Als der Leib dir in zuckenden Schmerzen hing,
Die Stimme in flammenden Tönen.
Sie konnten nicht lassen die Blicke davon
Auf dich in Todespein starrend;
Da waren sie dein, ein weicher Thon
Des belebenden Schöpferhauchs harrend.
Da stand'st du, und über dein Antlitz schlich
Der eherne Todesbote,
Gesenkt in den Wahnsinn des Schmerzes erblich
Es leise, das gluthendurchlohte. —
Der Vorhang fiel und mit Donnergebraus
In strömendem Beifalls-Schreien,
In lärmendem Hoch sie und wildem Applaus
Vom erdrückenden Joch sich befreien.
Und wie das gewaltige Haus auch erbebt,
Sie zögert — nicht will sie sich zeigen,
Bis endlich der Vorhang sich rauschend erhebt,
Und athemlos lauschendes Schweigen.
[123]
Da steht sie, seht, und rührt sich nicht —
Aufeinander die Zähne gebissen,
Und es zuckt so mild durch ihr brennend Gesicht
Noch der Schmerz, der das Herz ihr zerrissen —
Und es raunt ihr zu: 's war blendender Schein,
Nicht Leben, du hatt'st es vergessen,
Was zogst du auch von dem innersten Sein
Den hüllenden Schleier vermessen.
Und es faßt sie ein Ekel und wilder Gram
Und reißt sie aus träumendem Wähnen —
So nackt — so bloß — o die glühende Scham —
Wo die lüsternen Blicke mich höhnen. —
So war's in Traum von der hehren Macht
Der Kunst — was ist's, daß ich's hehle —
Ich habe verschachert — jetzt bin ich erwacht —
Des Künstlers lebendige Seele.

Dem Gott der Schönheit

[124]
Wenn über die schneeige Firne
Von Bergeshäuptern, steinalten Riesen
Purpurn aufflammt das Frühroth —
Wenn nächtlicher Weile
Erglühen die Leuchten, die nimmer zu zählen,
Des unermeßlichen ewigen Weltalls —
Wenn durch das Waldthal gehen die Schauer
Des kommenden Morgens, des scheidenden Abends —
Dann bebt mir die Seele, ich spüre und fühle
Dich, o erhabener Gott der Schönheit.
Auf Tönen schwimmst du,
Harmonie deine Rede,
Und aus den Gestalten des Malers,
Den Gebilden des Bildners
Siehst du mit großen,
Blitzenden Götteraugen
Tief in das Herz mir.
Dann wieder rührst du die Seele
Und trägst mich empor,
Hinauf zu den Sternen
Auf Schwingen des Liedes...
Dann wieder schaust du
Aus schlankem Leibe
Mit rosigen Wangen
Und ringelnden Locken
[125]
Mich an, süßschimmernden Auges,
Und triffst mich mit deinem
Zuckenden Lichtstrahl,
O Gott der Schönheit.
Wie mir so bewegst du
Das Herz aller Menschen
Seit dem Uranfang,
Jetzt und in Zukunft,
Und weckest die Sehnsucht
Zum Idealen,
Und führest die Menschheit
Den Pfad zur Vollendung...
O Gott der Schönheit.

Gesicht

Durch der Vergangenheit Gefild
Schwebte mein Geist,
Auf der Geschichte Blättern
Weilte mein Auge,
Als mit dunkelem
Sternbesäeten Fittig
Über die Erde
Hinzog die Mitternacht.
Auf meine Schläfe
Legte sich's plötzlich
Wie beschwörende
Zauberhand,
Meine Augen erkannten
Nicht mehr die Lettern
Und diese dehnten sich aus
Und wuchsen
Und waren zu fassen
Und wurden zu Körpern...
Und plötzlich
Stand ich auf einem
Unendlichen,
[126]
Großen Friedhof...
Von Horizont zu Horizont
Reichte die Reihe der Gräber,
Und auf ihnen standen
Kreuze und Male,
Und dazwischen glühten
Lichter, als wäre
Der Tag aller Seelen.
Wie ich nun hinblickte
Sah ich, daß aus den Gräbern
Jedem wuchs eine Hand,
Eine anklagende Todtenhand,
Den Richter anflehend
Um Gerechtigkeit.
Und an den Kreuzen
Hingen blutige
Leichname
Mit schmerzverzerrten
Gesichtern
Und gebrochenen Augen
Und von den erblaßten,
Wehdurchzuckten Lippen
Tönte die Klage
Gegen Tyrannen
Und alle die Grausamen,
Die seit der Welt Beginn
Die Menschheit gepeinigt
Und gemartert,
Die nicht wußten,
Daß die Menschen
Alle nur Brüder
Und die der Liebe vergaßen...
Die Leuchten aber
Waren Scheiterhaufen,
In denen
Verdammte stöhnten,
Und unter den
Steinernen Gräbermalen
Keuchten Schatten,
Als trügen sie
[127]
Noch wie dereinst
In grausamem Frohndienst
Die Felsenblöcke
Hin zum Baue
Der Pyramiden...
Schaudernd stand ich,
Da rief eine Stimme:
Die du hier siehst,
Es sind die Schatten
Der Armen und Elenden,
Der unschuldig Verdammten.
Der Märtyrer,
Die Nero mordete,
Und die auf Philipps Weisung
Des Feuers Rachen verschlang.
Alle unschuldig
Gequälten Seelen
Hier führen sie Klage
Gegen ihre Peiniger.
Jeder Frevel
Ist hier verzeichnet,
Den Menschen begingen
Seit der Welt Beginn,
Auf daß die Armen
Gerächt würden
Und die Bösen gerichtet,
Auf daß die Schlechten
Seien auf ewig
Der Menschheit zum Abscheu,
Und ihr Name
Werde genannt nur
Mit einem Fluche...
Der Kirchhof, auf dem du stehst —
Dieser düstere Vehmgrund:
Wisse, er ist das Gericht
Der Geschichte...

Sehnsucht

[128]
Mich faßte der Sehnsucht Fieber,
Ich hebe mein Haupt vom Pfühl —
Es geht durch die stille Kammer
Der Sommernacht Odem schwül —
Mir ist, als müßtest du kommen,
Du, die mir die Seele genommen
Und die mir das Herz berauscht,
Mich faßte der Sehnsucht Fieber,
Ich hebe mein Haupt vom Pfühl.
Ich starre in's tiefe Dunkel
Mit Augen, gluthentfacht,
Mir ist es, als müßte mir wallen
Deiner Locken braundunkele Nacht
Um meine brennenden Wangen,
Als müßte mich weich umfangen
Dein lilienweißer Arm;
Mich faßte der Sehnsucht Fieber,
Ich starre hinaus in die Nacht.
Ich breite nach Dir die Arme,
Als wollt' ich Dich an mich zieh'n,
Mir ist es, als ob ich müßte
Zu deinen Füßen knie'n,
Als müßtest im Arm du mir liegen,
Und wonnig sich an mich schmiegen
Dein liebes Mädchengesicht.
Mich faßte der Sehnsucht Fieber,
Die Arme breit ich nach dir.
Da plötzlich erbebt meine Seele,
Mein Schrei durchzittert die Luft:
Und Weinende seh' ich wallen,
Und öffnen sich eine Gruft,
[129]
Seh senken ich darin nieder...
Wild press' ich die Stirn auf's Pfühl!
Mich schüttelt der Sehnsucht Fieber
Nach dir, o Todte, nach dir.

Christus-Prometheus

Und wieder kam die erste Osternacht,
Und „Auferstehen“ jauchzt es aller Landen,
Da führt ein Geist mich fort mit Zaubermacht:
Auf steilem Felsen liegt ein Mensch in Banden,
Allein, sein einziger Genosse ist
Ein Adler, der an seinem Herzen zehrt und frißt.
Am Felsen festgebannt durch starken Stahl,
Sein Mark durchwühlen Schmerzen nimmergleiche,
So duldet er Jahrhunderte die Qual.
Da, wie ich ihm in's Angesicht, das bleiche,
Die leidenvollen, edlen Züge seh,
Erkenn' ich ihn, den Dulder von Gethsemane.
Von seinem Munde macht ein Wort sich frei:
Was klingt ihr, Glocken, in den Ostertagen?
Nun lügt ihr frech, daß ich erstanden sei
Und habt auf's Neue mich an's Kreuz geschlagen,
In meiner Kirche, an dem Weihaltar
Da predigst du den Wahn, o Pharisäerschaar.
Die heil'ge Gluth, die ich vom Himmel trug,
Die Lehre von dem göttlich-großen Lieben,
Gewandelt war sie schnell in einen Fluch
Von Wortverfälschern und von Wahrheitsdieben.
Zur Lüge ward verkehrt mein reines Wort,
Die heil'ge Gluth mißbraucht zu Brand und Mord.
[130]
Ein Adler nun an meinem Herzen zehrt,
Der Adler ist der Menschheit Wahn und Hassen;
Kein Mensch, kein Gott, der dem Gewalt'gen wehrt,
Das Herz mir täglich zu erfassen.
Und so durchwühlt von Schmerz und Gram und Noth
Erleid' ich täglich jammervollen Kreuzestod.
So duld' ich bis die gold'ne Stunde kommt,
In der der Mensch erkennt das Wort, das hohe.
Nur Liebe, Liebe ist es, die uns frommt!
Bis aller Orten glüht die heil'ge Lohe,
Dann flieht der Adler, meine Kette bricht,
Ich werde frei — es tagt auf Erden und wird Licht.

Memnons Lied

Morgenstunde — noch ist Frieden
Rings im Thal der Pyramiden,
Feurig durch des Ostens Thor,
Flammen malen ihre Strahlen
An den Riesengräbermalen,
Steigt das Morgenroth empor.
Und nun setzt es seinem Sohne
Memnon eine güld'ne Krone
Auf das Fürstenhaupt von Stein:
Durch des Göttersohnes Glieder
Geht ein Zittern, Klagelieder
Schallen schwermuthreich landein.
Mutter, tönt es von den kalten
Lippen des Jahrtausendalten,
Ist er noch nicht da der Gott,
Der der Dunkelmänner Kronen
Bricht und Schächer stürzt von Thronen
Und die Großen macht zum Spott?
[131]
Naht noch nicht der Wahrheitsender,
Kommt noch nicht der Segenspender
Ormuzd auf der Lichtes Bahn,
Daß er in des Orkus Klüfte,
In des Weltalls fernste Grüfte
Bannt den Todfeind Ahriman! —
Höher steigt der Sonne Wagen,
Und in Weinen, leises Klagen
Endet Memnons Morgenlied;
Und so wird es weiter tönen
Bis herauf am gold'nen schönen
Weltenmorgen Ormuzd zieht.
Lange lag die Welt im Wahne,
Keiner hielt empor die Fahne
Jenes Lichtgotts; nur allein
Meldete des Lichts Gefunkel
In der Weltnacht tiefem Dunkel
Memnons kalter Mund von Stein.

Felsenmeer

Felsen reiht sich an Felsen,
Und dem Auge des Menschen
Erscheint es, als seien es
Mächt'ge erstarrte Wellen,
Als hätte des allmächtigen Bildners
Wuchtige Hand
Ein wogendes, brausendes,
Schäumendes Meer
In Stein gehauen.
Und in dem Volke schreitet die Sage,
Daß hier dereinst eine See gebrandet,
Eine durch Zauberers Spruch
Erstarrte, in Stein verwandelte
Wilde, brausende See...
[132]
Ach! wo einst das rastlose Leben
Der Fluthen gebraust und gebrandet
Wo sie in neckendem, fröhlichem Spiel
Sich überstürzten
Oder voll titanischer Wuth
Schäumten und rangen
Mit dem Gestade in grausem Kriege,
Geführt durch den Sturmgott —
Dehnet sich heute ein steinernes,
Graues, lebloses Abbild.
Träumend steh' ich, sinne und grüble,
Und wie ich sinne, dünkt mich, ich höre
Den alten Mahnruf
Der Zeit, der Hünin,
Die ewig geht und dennoch bleibt,
Daß Alles vergänglich
Und Alles eitel.
Ja! auch an uns
Und unser Fühlen
Und unsere Thaten
Mahnt nach einer winzigen Zahl
Winziger Jahre
Nur solch ein starres
Farbloses Abbild;
Und kalt und lieblos
Schreitet ein neues Geschlecht
Ob unserm Grabe,
Das nichts mehr weiß
Von unserm Ringen
Und unsern Qualen.
Nur ein Gewaltiger noch,
Vielleicht ein Fürst oder Weiser,
Ragt aus dem Schutte
Vergangener Zeiten.

Maria

[133]
Nach Monden stand ich wieder vor dem Hause,
Das einst dich, süße Huldgestalt, umfing.
Wie war doch Alles anders wie vordem,
Tiefbange Stille herrschte rings umher,
Die Bäume standen schläfrig, müde da,
Der Springquell, der uns einst das süße Lied,
Das Zauberlied von Glück und Liebe sang,
Er rauschte nicht; und stumm und traurig hockte
Gott Amor selbst, der Schelm, auf seinem Stein.
Todt lag der Park, todt Haus und todt der Hof,
Denn ach die Seele, du, du warst entfloh'n.
Lang' lehnt ich an des Gartenthores Gitter
Und starrte auf die Stätte meines todten,
Verlor'nen Glückes; auf die Erde glitten
Mir Hut und Stab; der Nachtwind flatterte
Mir durch das Haar und kühlte das vom Schmerze,
Von tiefem Weh durchzuckte, heiße Hirn.
Dann wand' ich trauernd meinen Fuß und ging,
In Thränen dacht' ich dein, entschlafene
Maria...

Sühne

Liebe ist Thorheit; viel hab' ich erfahren,
Es giebt kein Weib, das minnend ich ersehne...
Da kommst du auf den Wangen Thrän' um Thräne,
Ein reuig Weib zurück zu meinen Laren.
Du kehrst zurück — so kam vor tausend Jahren
Zu Menelaus wohl die reuige Helene —
Und sinkest gleich der Büß'rin Magdalene
Zu Füßen mir mit losgelösten Haaren.
[134]
O Weib steh' auf, soviel du auch verschuldet,
Soviel dies arme Hirn um dich geduldet,
Daß ich auf's Neu' dir süße Liebe künde,
Steh' auf! Laß liebend dich auf's Neu' umfassen,
Vor deinem Blick zerschmilzt mein Zorn, mein Hassen,
Und deine Schönheit sühnet deine Sünde.

Sonett

In meine Kammer fällt nur trübes Licht —
Wie lang ist's her, daß ich des Glücks entbehrte —
Nur der Verstand ist mir im Leid Gefährte,
Der ewig grämliche und trübe Wicht.
Stets düst'rer wards, es schwand das letzte Licht,
Als sich von mir das sapphirblaue, werthe
Huldauge meiner Jugendliebe kehrte...
Und dunkel blieb's, tiefschwarz, und tagte nicht...
Nur manchmal tritt in süßem Glorienschein,
Ein wunderlieblich Weib zu mir
Ein guter Engel ist es, gottgesandt:
Dann weicht vom Blick das Bild der Schmerzmeduse,
Leis' legt auf's Haupt sich eine weiche Hand:
Dann herzt und küßt mich liebreich meine Muse...

Herbstgefühl

Ach! Das ist der Herbst! Es bläst
Scharf und kalt der Wind von Norden,
Und der blaue Himmel ist
Trüb und nebelgrau geworden.
[135]
Ihre nackten Arme hebt
Zu dem Himmel auf die Linde,
Die vor meinem Fenster steht,
Und sie ächzt und stöhnt im Winde.
Nicht mehr aus dem Gartenhag
Lichte Blumenaugen grüßen,
Mit den Blättern, welk und falb
Spielt der Wind zu Wand'rers Füßen.
Alle Lieder sind verstummt,
Selbst mein Vöglein schweigt im Bauer;
Düster über aller Welt
Schwebt der Genius der Trauer.
Trauer füllt auch mir die Brust,
Nun des Nordens Sturme blasen,
Und ein Heimweh geht durchs Herz
Nach der Heimath unterm Rasen —

Osterbitte

[136]
Vom Thurme klangen die Osterglocken
Über des Kirchhofs trauernde Gruft,
Und gleich verwehten Blüthenflocken
Verschwamm ihr Klang in der Morgenlust.
Mich aber riefen sie in die Weite
Und ließen mich nicht im dumpfen Haus,
Und unter der Osterlieder Geleite
Zog ich die Straßen zum Thore hinaus.
Weit hinter mir im Morgendämmer
Sich das Gemäuer der Stadt verlor,
Und selbst das Pochen der Eisenhämmer
Traf nur gedämpft noch an mein Ohr.
Doch dehnte sich immer weiter und weiter
Vor meinen Blicken der sonnige Gau,
Und jauchzend auf tönender Himmelsleiter
Schwang sich die Lerche ins Ätherblau.
Da stand ich denn nun am Waldesrande
Mit meinen Gedanken so ganz allein
Und sah tief unter mir die Lande
Liegen im flimmernden Sonnenschein.
Und als dann den letzten Zweifel zu rauben,
Ein Schäfer noch blies auf seiner Schalmei,
Da wollte ich es selbst nicht glauben,
Daß Tod die Lösung des Räthsels sei.
[137]
Da schien mir alles verweht und vergangen,
Was ich betrauerte winterlang;
Und alle Saiten des Herzens klangen
Zusammen im Auferstehungsgesang.
O, solche Seelenklänge dringen
Weit höher noch in die Himmel empor,
Als je auf seinen Flatterschwingen
Ein Vogel sich in der Luft verlor!
Ja, Fest der Ostern, nun warst du gezogen
Auch endlich in diese verödete Brust;
Und dies Herz, das so oft schon das Leben betrogen,
Erzitterte wieder von süßer Lust
Und schlägt nun der hohen Feier entgegen,
Die über die Erde zu gießen verheißt
Den herlichsten aller himmlischen Segen,
Den welterlösenden, heiligen Geist.
Der heilige Geist ist die ewige Liebe,
Die Gott in die Herzen der Menschen gesenkt,
Und die mit jedem Ostertriebe
Von neuem sich zum Lichte drängt.
Sie schwebt herab vom Himmelssaale
Zu Jedem, der an sie noch glaubt —
O neige, neige die goldene Schaale
Auch hier auf dieses Beterhaupt!

Frühling
(Frühling 1884)

I.

Wohl haben sie dich alle schon besungen
Und singen dich noch immer an, o Lenz,
Doch da dein Zauber nun auch mich bezwungen,
Meld ich mich auch zur großen Concurrenz.
Doch fürcht ich fast, ich bin dir zu prosaisch,
Aus meinen Versen sprüht kein Fünkchen Geist;
Und denk ich gar an deinen Dichter Kleist,
Klingt meine Sprache mir fast wie Havaisch.
[138]
Kein Veilchenduft versetzt mich in Extase,
Denn ach, ich bin ein Epigone nur;
Nie trank ich Wein aus einem Wasserglase
Und nüchtern bin ich bis zur Unnatur.
Der Tonfall meiner lyrischen Collegen
Ist mir ein unverstandner Dialect,
Denn meinen Reim hat die Kultur beleckt
Und meine Muse wallt auf andern Wegen.
Ins Waldversteck verirrt sie sich nur selten,
Die blaue Blume ist ihr längst verblüht;
Doch zieht die Ahnung neugeborner Welten
Ihr süßer als ein Mährchen durchs Gemüth.
Zur Armuth tritt sie hin und zählt die Groschen,
Ihr rothes Banner pflanzt sie in den Streit,
An ihr Herz schlägt das große Herz der Zeit
Und aller Weltschmerz scheint ihr abgedroschen.
Doch heute singt sie, was ihr längst verboten,
Mir scheint, dein Lächeln hat sie mir behext,
Und unter deine altbekannten Noten
Schreibt sie begeistert einen neuen Text.
Die Flur ergrünt und bläulich blüht der Flieder,
Ich aber leire meine Lenzmusik,
Und lachend schon vernehm ich die Kritik:
Das denkt und singt ja wie ein Seifensieder!

II.

Schon blökt ins Feld die erste Hammelheerde,
Der Hof hielt seine letzte Soiree,
Und grasgrün überdeckt die alte Erde
Coquett ihr weißes Winternegligee.
Der Wald rauscht wieder seine Lenzgeschichten
Und mir im Schädel rasselt kreuz und quer
Ein ganzer Rattenkönig von Gedichten,
Ein Reim- und Rhythmenungethüm umher.
[139]
Wie Gold in meine ärmliche Mansarde
Durchs offne Fenster fällt der Sonnenschein,
Und graubefrackt lärmt eine Spatzengarde:
Ich schnitt es gern in alle Rinden ein!
Die Luft weht lau und eine Linde spreitet
Grün übers Dach ihr junges Laubpanier
Und vor mir auf dem Tisch liegt ausgebreitet
Fein säuberlich ein Bogen Schreibpapier.
O lang ist's her, daß mir's im Hirne blitzte!
Im Winterschnee erfror die Phantasie;
Erst heute war's, daß ich den Bleistift spitzte,
Erst heut in dieser Frühlingsscenerie.
Weh, mein Talent versickert schon im Sande,
Des eitlen Nichtsthuns bin ich endlich satt,
Drum, da ich ihn noch nie sah auf dem Lande,
Besing' ich nun den Frühling in der Stadt.
Denn nicht am Waldrand bin ich aufgewachsen
Und kein Naturkind gab mir das Geleit,
Ich seh die Welt sich drehn um ihre Achsen
Als Kind der Großstadt und der neuen Zeit.
Tagaus, tagein umrollt vom Qualm der Essen,
War's oft mein Herz, das lautauf schlug und schrie,
Und dennoch, dennoch hab ich nie vergessen
Das goldne Wort: Auch dies ist Poesie!
O wie so anders, als die Herren singen,
Stellt sich der Lenz hier in der Großstadt ein!
Er weiß sich auch noch anders zu verdingen,
Als nur als Vogelsang und Vollmondschein.
Er heult als Südwind um die morschen Dächer
Und wimmert wie ein kranker Komödiant,
Bis licht die Sonne ihren goldnen Fächer
Durch Wolken lächelnd auseinanderspannt.
Und Frühling! Frühling! schallt's aus allen Kehlen,
Der Bettler hört's und weint des Nachts am Quai;
Ein süßer Schauer rinnt durch alle Seelen
Und durch die Straßen der geschmolzne Schnee.
[140]
Die Damen tragen wieder lange Schleppen,
Zum Schneider eilt nun, wer sich's leisten kann;
Die Kinder spielen lärmend auf den Treppen
Und auf den Höfen singt der Leiermann.
Schon legt der Bäcker sich auf Osterkringel
Und seine Fenster putzt der Photograph,
Der blaue Milchmann mit der gelben Klingel
Stört uns tagtäglich nun den Morgenschlaf.
Mit Kupfern illustrirt die Frauenzeitung
Die neusten Frühjahrsmoden aus Paris,
Ihr Feuilleton bringt zur Geschmacksverbreitung
Den neusten Schundroman von Dumas fils.
Es tritt der Strohhut und der Sonnenknicker
Nun wieder in sein angestammtes Recht
Und coquettirend mit dem Nasenzwicker
Durchstreift den Park der Promenadenhecht.
Das ist so recht die Schmachtzeit für Blondinen
Und ach, so mancher wird das Herzlein schwer;
Ein Duft von Veilchen und von Apfelsinen
Schwingt wie im Traum sich übers Häusermeer.
Am Arm das Körbchen mit den weißen Glöckchen,
Das blonde Haar zerweht vom Frühlingswind,
Lehnt bleich und zitternd im verschossnen Röckchen
Am Prunkpalast das Proletarierkind.
Geschminkte Dämchen und gezierte Stutzer,
Doch Niemand, der ihm schenkt ein freundlich Wort;
Und naht sich Abends der Laternenputzer,
Dann schleicht es weinend sich ins Dunkel fort!
Verfolgt vom blutgen Schwarm der Manichäer,
Um irrt nun Bruder Studio wie gehetzt,
Bis er sich endlich rettet zum Hebräer
Und seinen Winterpaletot versetzt.
Der Hypochonder sinnt auf Frühjahrskuren
Und wettert auf die Stickluft der Salons,
Der Italiano formt sich Gypsfiguren
Und zieht vors Thor mit seinen Luftballons.
[141]
Nun geht die Welt kopfüber und kopfunter,
Auf Sommerwohnung zieht schon der Rentier,
Die Anschlagsäulen werden immer bunter
Und nächtlich wimmert oft das Portemonnaie.
Der Schornsteinfeger klettert auf die Leiter
Und grinst uns an als Vogelperspecteur,
Vor Klingeln kommt die Pferdebahn nicht weiter
Und Alles brüllt: „He, schneller, Conducteur!“
Das Militair wirft sich in Drillichhosen
Und übt sich schwitzend im Paradeschritt,
Als ging's kopfüber gegen die Franzosen,
Und krampfhaft schleppt es die Tornister mit.
Und blitzt der Exercierplatz dann exotisch
Wie ein gemaltes Farbenmosaik,
Dann wird die Schusterjugend patriotisch
Und lautauf spielt die Regimentsmusik.
Schon dampft der Kaffee hie und da im Garten,
Der Schooßhund bellt, es kreischt der Papagei,
Papa studirt die kolorirten Karten
Von Zoppot, Heringsdorf und Norderney.
In den geschlossenen Theatern trauern
Die weichen Polstersitze des Parquets
Und rothe Zettel predgen an den Mauern
Die goldne Ära der Retourbilletts.
An eine Spritztour denkt manch armer Schlucker,
Doch dreht sie leider sich ums Wörtchen „wenn“,
Am gelben Gurt den schwarzeen Opernkucker
Stelzt durchs Museum nun der Inglishman.
Die Provinzialen aber schneiden Fratzen
Dank ihrer anerzognen Prüderie,
Und unbemerkt nur schleichen sie wie Katzen
Um unsre liebe Frau von Medici.
Doch drauß vorm Stadtthor rauscht es in den Bäumen,
Dort tummelt sich die fashionable Welt,
Und junge Dichter wandeln dort und träumen
Von ewgem Ruhm, Unsterblichkeit — und Geld.
[142]
Rings um die wiederweißen Marmormäler
Spielt laut ein Kinderschwarm nun Blindekuh,
Und heimlich giebt der Backfisch dem Pennäler
Am Goldfischteich das erste Rendezvous.
Und macht die Nacht dann ihre stille Runde
Und blitzt es licht durchs dunkle Firmament,
Dann ist's dieselbe Lenznacht, die zur Stunde
Sich lagert um den Busen von Sorrent.
Dann ist's derselbe Mond, der rings das Pflaster
Weich überdeckt mit seinem goldnen Bließ,
Den vor Jahrtausenden schon Zoroaster
Als ewgen Herold aller Lenze pries. —
O Frühling! Frühling, dem die Welt entlodert,
Du führst im Schild ein Röslein ohne Dorn!
Daß uns das Herz nicht ganz vermorscht und modert,
Stößt du noch immer in dein Wunderhorn.
Noch immer läßt du deine Nachtigallen
Ins Frühroth schlagen, wie zur Zeit Homers,
Und hebst empor die Engel, die gefallen,
Die kranken Söhne Fausts und Ahasvers.
Ob du vor Zeiten einst als junge Sonne
Glorreich emporstiegst über Salamis,
Indeß Diogenes in seiner Tonne
Sich philosophisch in die Nägel biß;
Und ob dir heute noch im fernsten Norden
Ein Opfer bringt der fromme Eskimo,
Wie weiland an des Südmeers blauen Borden
Der alte Mythenkönig Pharao:
Du bist und bleibst der einzig wahre Heiland,
Dein schöner Wahlspruch jauchzt: „Empor! Empor!“
Was soll uns noch ein waldumrauschtes Eiland?
Du wandelst um den Stadtwall auch durchs Thor!
Du bist nicht scheu wie deine Waldgespenster,
Du setzt auch in die Großstadt deinen Fuß
Und wehst tagtäglich durch das offne Fenster
Mir in das Stübchen deinen Morgengruß.
[143]
Und jetzt, wo schon der Abend seine Lichter
Rothgolden über alle Dächer strahlt,
Krönst du mich lächelnd nun zu deinem Dichter
Und hast mir rhythmisch das Papier bemalt.
Ich aber gebe dieses Blatt den Winden,
Die Fangball spielen um den Kirchthurmknauf.
Und wenn's noch heut die Straßenkehrer finden,
Was kümmert's mich? Flieg auf, mein Lied, flieg auf!
Doch fällst du einem schönen Kind zu Füßen,
Das dich erröthend in den Busen steckt,
Dann sprich zu ihm: „Der Frühling läßt Dich grüßen!“
Bis sie mit Küssen das Papier bedeckt.
Doch hascht ein Graukopf dich auf deinen Bahnen,
So ein vergilbter Langohr-Recensent,
Dann sprich zu ihm: „Respect vor meinen Ahnen!
Mein Urtext steht im Sanskrit und im Zend!

Samstagsidyll
1884

Es war ein Tag, wie's ihrer viele giebt,
Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt;
Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen
Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen.
Nur ab und zu schwamm's fernher durch die Luft
Noch weich wie ein verirrter Rosenduft
Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller,
Klang hie und da ein später Vogeltriller.
Auf lauen Windes Flügeln kam's und schwand
Und reichte wiederkehrend sich die Hand,
Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen
Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen.
Doch also war's nur draußen fern im Hag,
Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag.
[144]
Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden,
War er bemüht, die Woche zu beenden;
Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn
Und mehr als hundert Essen Funken sprühn,
Und, unbekümmert um den eignen Jammer,
Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer.
Hier war's ein Schienenwagen, dort ein Schiff,
Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff,
Die Räder rollten ewig um im Kreise
Und alles drehte sich im alten Gleise.
Nur Du und ich, wir beide waren frei
Und wußten nichts von Werktagssclaverei;
Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend,
Und machten schon Nachmittags Feierabend.
Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft
Die Woche über pflichtgetreu geschafft?
Die Nähmaschine hattest Du getrieben
Und ich gedacht, gedichtet und geschrieben.
Doch nun war ich „des trocknen Tones satt“
Und schrieb energisch: Punkt! aufs letzte Blatt
Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung,
In Deine zierliche Mansardenwohnung.
Ich klopfte an — ein neckisches: Herein!
Und durch das Fenster brach der Sonnenschein.
Ein Lichtmeer war's, drin Welle schwamm auf Welle,
Ich aber stand geblendet auf der Schwelle.
O immer, trat ich in Dein trautes Heim,
Schrieb's mir ins Herz sich wie ein neuer Reim;
Doch war's mit seinen farbigen Gardinen
So hell und freundlich mir noch nie erschienen.
Zum Schmaus gedeckt stand schon Dein kleiner Tisch,
Grau hinterm Spiegel stack ein Flederwisch,
Doch unbekümmert um die neuste Mode
[145]
Stand dicht dabei die ältliche Kommode
Und unter einem Kreuz von Elfenbein
Das Bild von Deinem todten Mütterlein.
Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder
Auf ein zerles'nes Buch: „das Buch der Lieder!“
Vom Blumenbrett, das sich ums Fenster bog,
Um alles das ein süßes Duften flog.
Und dorther glänzten auch die beiden Schilder,
Verzeih! ich meine Deine Landschaftsbilder!
Denn Du hast recht: die reine Phantasie
Und farbenschillernd wie ein Kolibri!
Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel
Und zwischen beiden ein Kanarienvogel.
Du selber aber, häubchenüberdeckt,
Ein weißes Schürzchen vor die Brust gesteckt,
Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene
Den Spiritus in Deine Kochmaschine.
Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei,
Und eins und eins, wie immer, waren zwei!
Drauf, wie ich mich schon oft ließ unterjochen,
Sollt ich auch heute mit Dir Kaffee kochen.
Ich lärmte; doch was half mir mein Protest?
Ein kußersticktes Lachen war der Rest!
Und als ein vielgewandter junger Dichter
Hielt ich galant Dir nun den Kaffeetrichter.
Natürlich ging das „noch einmal so gut“,
— Sieh hier das Lied: „Was man aus Liebe thut!“
Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen
Und endlich war der große Wurf gelungen.
Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch,
Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch,
Und dampfend füllten nun die braunen Massen
Die goldumränderten Geburstagstassen.
Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht,
Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht:
Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen!
Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen!
[146]
Du schwärmtest von dem neusten Ausverkauf
Ich aber schlug ein kleines Büchlein auf
Und las Dir Lieder vor von Schack und Keller
Und übersah auch nicht den Kuchenteller.
So saßen wir — zwei große Kinder — da,
Bis roth der Abend durch die Scheiben sah,
Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen,
Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen.
Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht,
Lag bunt der Park im letzten Abendlicht
Und ließ die Wipfel sich mit Purpur tränken
Und Kinder spielten auf den Rasenbänken.
Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut,
Mir schien's, es klang noch nie so schön wie heut;
Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge
Und schritten flüsternd durch die Buchengänge,
Zu Füßen knirschte uns der gelbe Kies
Und alles schien uns, wie im Paradies.
Doch als die Glocken dann gemach verklangen,
Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen.
Da hieltst Du still und hauchtest mir ins Ohr:
„O, weißt Du noch, dort drüben vor dem Thor?“
Ob ich es weiß! Wie Lenz will's mich umwehen;
Dort war's ja, wo wir uns zuerst gesehen!
Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht,
Hier haben wir den ersten Kuß getauscht!
O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen,
Noch heut muß ich euch tausendfältig segnen!
Es war doch eine schöne, schöne Zeit,
Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit!
Man fühlt's, auch ohne daß man's gleich bedichtet:
Der liebe Gott hat's doch gut eingerichtet.
Doch still! Was braucht's schon der Erinnerung?
Wir sind ja beide noch so jung, so jung!
Es lacht das Glück aus Deinem rothem Munde:
„Uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!“
[147]
„Gewiß! fielst Du hier lächelnd ein, und wie?
Zum Beispiel morgen eine Landpartie!
Erinnerst Du dich noch, wie Du vor Wochen
Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen?
Mein Onkel dort, der Wirth zum weißen Schwan,
Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn!
Ich weiß, er freut sich, wenn wir ihn besuchen,
Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen!
Und dann — o Gott — die wunderschöne Luft,
Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft,
Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue —
Nein, nein! Du weißt nicht, wie ich mich schon freue!“
Da sprach ich: „Topp, Du kleiner Niegenug!
Wir fahren morgen mit dem ersten Zug.
Als Musikant mach ich eins gern mal Pause...
Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!“
Und wieder thorwärts wandten wir uns um
Und wurden still und wußten nicht, warum.
Im Fluß das Wasser rann nur noch von ferne
Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne.
Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich,
Du aber schmiegtest fester Dich an mich,
Und wie das Schlußwort einer schönen Dichtung,
That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung.
Dort hub die Stadt sich schwarz und ungewiß
Vom Horizont ab wie ein Schattenriß,
Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel
Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel.
Es war so schön, so wunderschön zu sehn,
Und schweigend blieben wir zusammen stehn,
Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen
Und ließ sein Silber auf die Dächer fallen
Und drüben von der Vorstadt her erklang
Noch windverweht ein frommer Nachtgesang.
[148]
Du sahst mich an und wußtest nichts zu sagen,
Doch fühlt ich Dein Herz warm an mein Herz schlagen
Und sprach zu Dir und war bewegt, wie nie:
„Nun weißt auch Du, mein Herz, was Poesie!
Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen,
Sie kann die Erde uns zum Himmel machen,
Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn:
Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?“

Berliner Schnitzel

I.

Kein rückwärts schauender Prophet,
Geblendet durch unfaßliche Idole,
Modern sei der Poet,
Modern vom Scheitel bis zur Sohle.

II.

Verruchtes Epigonenthum,
Egypter- und Teutonenthum,
Daß dich der Teufel brate!
Schon längst sind wir fascikelsatt,
Grinst doch durch jedes Titelblatt
Das Dante'sche „Lasciate“!

III.

Ihr armen Dichter, die ihr „Philomele“,
In jedem Lenze rythmisch angeschwärmt,
O wenn ihr wüßtet, wie sich meine Seele
Um ihre gottverlassnen Schwestern härmt!
[149]
Dreht ihr auch noch so ernsthaft eure Phrase,
Der Teufel setzt sie lustig in Musik,
Denn eine ungeheuer lange Nase
Hat seine Großmama, die Frau Kritik.

IV.

Nicht wahr, Du bist ein großes Thier?
So sprich, was ist zum Dichten nütze?
Eine Perryfeder, ein Stück Papier,
Ein Tintenfaß und — ein Schädel voll Grütze!

V.

Ihr schwatzt befrackt hoch vom Katheder
Von alter und von neuer Kunst,
Von Fleischgenuß und Sinnenbrunst,
Und gerbt nur Leder, altes Leder.
Ihr laßt um jede Attitüde
Ein weißgewaschnes Hemdchen wehn;
Denn um die Schönheit nackt zu sehn,
Sind eure Seelen viel zu prüde.

VI.

Ja, unsre Zeit ist eine Dirne,
Die sich als „Mistreß“ producirt,
Mit Simpelfranzen vor der Stirne
Und schauderhaft decolletirt.
Sie raubt uns alle Illusionen,
Sie turnt Trapez und paukt Klavier —
Und macht aus Fensterglas Kanonen
Und Kronjuwelen aus Papier!

VII.

Urewig ist des großen Welterhalters Güte,
Urewig wechselt Herbstblatfall und Frühlingsblüthe,
Urewig rollt der Klangstrom lyrischer Gedichte:
Ein jedes Herz hat seine eigne Weltgeschichte.

VIII.

[150]
Ich bin ein Dichter und kein Papagei
Und lieb es drum, in unsre Zeit zu schauen;
Und doch mißfällt an ihr mir dreierlei,
Und dieses Factum kann ich nicht verdauen.
Die junge Dame weint sich nicht mehr „blind“,
Die jungen Herrn sind meistens eitle Schöpfe,
Und — „last not least“ — die echten Thränen sind
Noch seltner heute als die echten Möpse.

IX.

Die Simpeldichter hör ich ewig flennen,
Sie tuten alle in dasselbe Horn
Und nie packt sie der dreimal heil'ge Zorn,
Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen.

Ein Tagebuchblatt
1885

Wie lang ist's her? Erst sieben Jahre!
Und doch klingt's schon: „Es war einmal!“
Der Wiege näher als der Bahre,
Ging ich tagtäglich ins Pennal.
Ich war ein träumerischer Junge,
Las Cicero und Wilhelm Hauff
Und trug das Herz auf meiner Zunge
Und spießte Schmetterlinge auf.
[151]
Auch lief ich, Katzengold zu suchen,
Oft tagelang im Wald umher
Und schwärmte unter hohen Buchen
Von einstger Nimmerwiederkehr.
Betäubend dufteten die Kressen,
Grüngolden floß das Licht herein —
Es war ein seeliges Vergessen,
Vergessen und Vergessensein.
Der Lenzwind ließ die Äste knarren,
Vom Dorf herüber klang die Uhr,
Ich lag begraben unter Farren
Und stammelte: „Natur! Natur!
In alten Büchern steht geschrieben,
Du bist ein Weib, ein schönes Weib;
Ich bin ein Mensch und muß Dich lieben,
Denn diese Erde ist Dein Leib!
Weh jenem bleichen Nazarener!
Er stieß Dich kalt von Deinem Thron!
Ich aber bin so gut wie Jener
Der Gottheit eingeborner Sohn!
Ich will nicht mönchisch Dich zergeißeln —
Her, Deinen Freudenthränenwein?
Ich will Dein Bild in Feuer meißeln
Und Vollmensch wie ein Grieche sein!
Doch Du, um die in ew'gem Schwunge
Die Welt sich dreht, o Poesie,
O lege Gold auf meine Zunge
Und in mein Herz gieß Melodie!
In ew'ge Lieder laß mich weben,
Wie Du das Herz mir süß erhellt,
Und wie so köstlich doch dies Leben
Und wie so wunderschön die Welt!
[152]
Noch gährt's von Blinden und von Tauben
Und mehr als ein Herz ward zum Stein,
Ich aber lehre sie wieder glauben,
Ich will der neue Johannes sein!
In Deine Wunder will ich wiegen
Die Sehnsucht ihres kranken Seins,
In Deine Arme will ich sie schmiegen,
Denn ich, Du, sie... o wir alle sind Eins!“
So lag ich träumend einst im Walde,
Wenn tiefblau rings der Himmel hing,
Bis draußen hinter grüner Halde
Die Sonne blutroth unterging.
Dann schritt ich heimwärts, und mit Singen
Begrüß' ich meines Vaters Haus
Und schaute, wenn die Sterne gingen,
Noch lange in die Nacht hinaus.
Und jetzt? — Die heimathlichen Thäler,
Die seine Jugend grün umrauscht,
Hat längst der lyrische Pennäler
Für eine Weltstadt eingetauscht.
Er sieht mit Schauder, wie das Laster
Sich dort juwelenfunkelnd bläht,
Das Elend aber tritt das Pflaster
Von morgens früh bis abends spät!
Er hört, wie nachts in den Fabriken
Der Proletar nach Freiheit schreit,
Indeß ein Volk von Domestiken
Dem nackten Recht ins Antlitz speit!
Er fühlt wie wilde, wilde Flammen
Ihm heiß und roth das Hirn durchlohn,
Und beißt die Zähne fest zusammen
Und murmelt Hohn, Hohn, dreimal Hohn!
[153]
Er sieht, er hört, er fühlt den Jammer
Und wandelt tags von Haus zu Haus
Und grollt dann nachts in seiner Kammer
Sein Herz in wilde Lieder aus.
Er hat es längst, schon längst vergessen,
Wie wohl im Lenz die Sonne thut,
Und wie's im Wald, umblüht von Kressen,
Sich einst so schön, so schön geruht!
Nur manchmal, manchmal noch durchziehen
Sein Herz, das nach Erlösung schreit,
Die grünen Waldhornmelodieen
Der längst verrauschten Kinderzeit.
Dann stöhnt er auf, und seine Hände
Preßt er verzweifelt vors Gesicht
Und rings die weißgetünchten Wände
Erzittern, wenn er schluchzend spricht:
„O Poesie, Du Heiligschöne,
Von Thränen ist mein Herz durchnäßt,
Weil Du den treusten Deiner Söhne
In Nacht und Noth verkümmern läßt!
Ich war ein Kind und sprach: ‚O schütte
Dein Füllhorn golden in mein Lied
Und laß mich knien in einer Hütte,
Auf die der Stern der Liebe sieht.
Ja, laß auf einem weißen Zelter
Mich fliegen in den Sonnenschein,
Laß aus des Lebens Freudenkelter
Mein Herzblut sprühn als Liederwein!‘
Du schwebtest segnend durch die Lüfte,
Ich hab Dir selig nachgeblickt,
Und Lenzgoldlicht und Blüthendüfte
Hast Du mir lächelnd zugenickt.
[154]
Und doch, und doch! Du hast gelogen!
Dein Lächeln war ein schönes Gift!
Du hast mich um mich selbst betrogen!
Dein Herz ist schwarz wie Deine Schrift!
Du gabst mir einen wilden Rappen,
Umschnürtest meine Brust mit Erz
Und unter Thränen in mein Wappen
Hast Du gestickt ein blutend Herz!“

Ein Bild
1884

Aus Sandstein ist das gelbliche Portal,
Die rothen Säulen aus Granit gehauen,
Und seitwärts in ein weißes Piedestal
Vergräbt ein Löwe seine Marmorklauen.
Doch schwarz verhängt sind alle Fenster heut
Und Lichter brennen nur im Erdgeschosse,
Der Straßendamm ist hoch mit Stroh bestreut
Und lautlos drüberhin rollt die Karosse.
Das Treppenhaus vertheidigt der Portier
Und schüttelt grimmig seine graue Mähne,
Und naht gar einer aus der haute volée,
Dann fletscht er cerberusgleich seine Zähne.
Im Prunksaal trauern hinter Flor und Tafft
Die bunten Inderstoffe aus Lahore,
Auch schleicht die goldbetreßte Dienerschaft
Nur auf Spitzzehen durch die Corridore.
[155]
Der hochgeborne Hausherr, Excellenz,
Schwankt wie ein Rohr umher auf bleicher Düne,
Die erste Redekraft des Parlaments
Fehlt heute abermals auf der Tribüne.
Zwar trat man gestern erst in den Etat,
Doch hat sein Fehlen diesmal gute Gründe:
Schon viermal war der greise Hausarzt da
Und meinte, daß es sehr bedenklich stünde.
Nach Eis und Himbeer wird gar oft geschellt,
Doch mäuschenstill ist es im Krankenzimmer
Und seine düstre Teppichpracht erhellt
Nur einer Ampel röthliches Geflimmer.
Weit offen steht die Thür zum Vestibul
Und wie im Traum nur plätschert die Fontaine,
Die Luft umher ist wie gewitterschwül,
Denn ach, die „gnä'ge Fraa“ hat heut — Migräne!

Ein Andres
1884

Fünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf
Ins letzte Stockwerk einer Miethskaserne;
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf,
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
Um mit dem Elend brüderlich zu weinen:
Ein Stückchen Schwarzbrod und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen!
[156]
Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett,
Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder,
Und dort auf jenem strohgestopften Bett
Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen;
Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
Und keine Thräne mehr netzt ihre Wangen.
Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein,
Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
Es klopft und durch die Thür tritt nun herein
Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier,
Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
Indeß ihr Mann bei Branntwein oder Bier
Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken.
Der junge Doctor aber nimmt das Licht
Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes;
Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.
Da schluchzt sein Herz, indeß das Licht verkohlt,
Von niegekannter Wehmuth überschlichen:
Weint Kinder weint, ich bin zu spät geholt,
Denn eure Mutter ist bereits — verblichen!

Meine Nachbarschaft
1884

[157]
Mein Fenster schaut auf einen düstern Hof,
Auf schmutzge Dächer und auf rußge Mauern,
Doch wer wie ich ein Stückchen Philosoph,
Läßt darum sich noch lange nicht bedauern.
Ein wenig Luft, ein wenig Sonnenlicht
Dringt schließlich auch durch seine trüben Scheiben,
Zn hungern und zu frieren brauch ich nicht,
Und all mein Thun ist nur ein wenig Schreiben.
Ein wenig Schreiben, wenn ich stundenlang
Mich einlas in die Wunderwelt der Alten,
Bis endlich, endlich es auch mir gelang,
Was ich gefühlt, zum Wohllaut zu gestalten.
Dann fließt es um mich wie ein Heilgenschein
Und mir im Herzen bauen sich Altäre,
So könnt' ich glücklich und zufrieden sein,
Wenn ach, nur meine Nachbarschaft nicht wäre!
Kein Schwärmer ist es, der die Flöte liebt
Und auf ihr nur „des Sommers letzte Rose“,
Kein Tanzgenie, das ewig Stunden giebt,
Auch kein klavierverrückter Virtuose:
Ein armer Schuster nur, der nächtens flickt,
Wenn längst aufs Dach herab die Sterne scheinen,
Indeß sein Weib daneben sitzt und strickt
Und seine Kinderchen vor Hunger weinen.
O Gott, wie oft nicht schon hat dieser Laut
Mich mitten aus dem tiefsten Schlaf gerüttelt,
Und wenn ich halbwach dann mich umgeschaut,
Hat wild es wie ein Fieber mich geschüttelt.
Des Mädchens Schluchzen und des Knabens Schrei
Und ganz zuletzt des Säuglings leises Wimmern —
Mir war's als hörte ich dann nebenbei
Drei kleine, kleine schwarze Bettlein zimmern.
[158]
Mir war's, als rollte dumpf dann vor das Haus
Der nur zu wohlbekannte Armenwagen,
Und jene Bettlein trugen sie hinaus
Und luden sie in seinen düstern Schragen.
Der Kutscher aber nahm noch einen Schluck
Und peitschte fluchend seine magren Schinder
Und übers Pflaster dann gings Ruck auf Ruck,
Doch ach, noch immer wimmerten die Kinder!
Und immer, immer noch klang's mir im Ohr,
Wenn schon der Morgen durch das Fenster blickte,
Und mir ums Auge hing ein Thränenflor,
Wenn ich dann stumm mein Tagewerk beschickte.
Was half mir nun mein „Stückchen Philosoph?“
In Trümmer fiel, was ich so lustig baute!
Doch that's das Haus nicht, nicht der düstre Hof,
Nein, nur die abgebrochnen Kindeslaute.
Die Armuth bettelt um ein Stückchen Brot,
Doch herzlos läßt der Reichthum sie verhungern;
Millionen tritt die Goldgier in den Koth
Und einen einzigen nur läßt sie lungern.
In seidne Betten wühlt sie ihn hinein,
Wenn er beim Sekt sich ausgeplappert,
Indeß beim flackernden Laternenschein
Das bleiche Elend mit den Zähnen klappert.
O Gott, warum dies alles, warum?
Wie Zentnerlast drückt mich die Frage nieder;
In meinen Reimen geht sie heimlich um
Und ächzt und stöhnt durch meine armen Lieder.
Was bleibt mir noch auf diesem Erdenball?
Denn auch die Kunst, längst stieg sie vom Kothurne:
Einst schlug mein Herz wie eine Nachtigall!
Doch ach, nun gleicht es einer Thränenurne!

Von Ewigkeit zu Ewigkeit

[159]
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken,
Und doch ist ihre goldne Blüthezeit
Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken.
Denn jene Welt der Sagenpoesie
Ist nicht nur Traum, ist Wirklichkeit gewesen,
Und wem das Schicksal Seherkraft verlieh,
Kann das noch heute aus den Sternen lesen.
Wer zählt die Sprossen, die zertrümmert sind,
Aus jener gotterbauten Himmelsleiter?
Die Sonne glüht und kühlend weht der Wind
Und unaufhaltsam rollt das Rad sich weiter.
Die leuchtend kreisen durch das dunkle All,
Erhaben groß ist noch die Zahl der Welten;
Und kommt allnächtlich eine auch zu Fall,
Was kann dem Meere wohl ein Tropfen gelten?
Doch wem sich das Geheimniß der Natur
Nicht unterm Sternenzelt mag offenbaren,
Der wandle mit mir durch die Erdenflur,
So wie sie war vor hunderttausend Jahren.
Noch stritt kein Jason um das goldne Vließ,
Die Menschheit knechtete kein Triumphator,
Doch endlos dehnte sich ein Paradies
Vom Nordpol bis hinunter zum Äquator.
Wo heute sich durch eisumstarrten Belt
Die Walfischfahrer ihre Straße bahnen,
Erhub sich ehmals eine Inselwelt
Beblüht von üppig wuchernden Bananen.
Und lächelnd kränzte sich die Meeresfee
Mit bunten Perlenmuscheln und Korallen,
Wo längst verweht vom Wüstenkörnerschnee
Die Isistempel in sich selbst zerfallen.
Nicht trübte schon den funkelnden Azur
Der Riesenschlote schmutzigfeuchter Brodem,
Denn unentweiht noch träumte die Natur
Und jeder Windhauch war ein Gottesodem.
[160]
Kein Erdgeborner fühlte sich entbrannt
Nach fremden Wundern einer fremden Zone
Und brach mit seiner frevlen Menschenhand
Sich Stein auf Stein aus Gottes Schöpfungskrone.
Doch jede Zeit singt sich ihr eignes Lied,
Und jenes Lied ist lange schon verklungen,
Die Melodie die heut die Welt durchzieht,
Verhöhnt die alten Überlieferungen.
Die Menschheit hat sich zum Titanenkampf
Mit ihrer Mutter, der Natur gerüstet,
Und denkt nur noch mit Eisen, Blut und Dampf,
Weil sie's dem Schöpfer gleich zu thun gelüstet.
Erloschen ist der kindlich fromme Zug
Aus ihres Angesichts versteinten Mienen
Und unbekümmert um den alten Fluch
Zwingt sie die Elemente ihr zu dienen.
Im Bergschooß gräbt nach Schätzen sie umher
Und macht den Feuergeist sich zum Vertrauten,
Die Weltumsegler schickt sie übers Meer
Und in die Luft die kühnen Äronauten.
Ja, bis gen Himmel, den der Herr sich schuf,
Auf daß er würdig seine Schöpfung kröne,
Erhebt sich schon der schicksalsschwangre Ruf
Der staubentsprossenen Gigantensöhne.
Denn hier auf diesem engen Erdenkreis
Ist kaum ein Fels noch für sie zu verschieben,
Der Steppensand nur und das Gletschereis
Ist unentweiht vor ihrer Wuth geblieben.
Doch drückt sie auch das auferlegte Joch,
Und seufzt sie auch um Tage, die verwehten,
Ein Prachtjuwel blieb unsre Erde doch
Im Kronendiademe der Planeten.
Denn unbekümmert um der Weltenuhr
Läßt sie die tausendfältgen Kräfte sprühen
Und nach dem heilgen Rathschluß der Natur
Die Quellen springen und die Blumen blühen.
[161]
Wie herrlich steigt der erste Frühlingstag
Doch immer noch vom Himmel zu ihr nieder!
Und schreitet erst der Sommer durch den Hag,
Dann fühlt sie ihre ganze Jugend wieder.
Und stehst Du dann, umwallt von all dem Duft,
Dann lacht die Flur und ihre Ströme blitzen
Und fernher schimmern durch die blaue Luft
Die ewig eisgezackten Gletscherspitzen.
Da horch! Ein leiser Hauch im Blätterdach,
Und durch die Wipfel geht ein seltsam Rauschen;
Wie Stimmen flüstert's durch das Laubgemach,
Und andachtsvoll mußt Du den Tönen lauschen.
Das ist der Wind, der ruhlos durch die Welt
Dahinrollt auf den nie erschauten Gleisen,
Der nun im Bergwald seinen Einzug hält
Und Dir erzählt von seinen weiten Reisen.
Erst ist, vergleichbar einem wilden Schwan,
Er majestätisch durch die Luft gezogen
Und stieg dann nieder in den Ocean
Und spielte mit den grüngewellten Wogen.
Doch bald verlockte ihn der nahe Strand
Und hinter sich ließ er das Meergebrause
Und ging mit Riesenschritten übers Land
Und hielt dann Rast in einer Felsenklause.
Da lag denn nun tief unter ihm die Welt
Idyllisch da im Sommersonnengolde
Und athmete gen Himmel, duftgeschwellt,
Wie eine farbenprächtge Blüthendolde.
Und Meereswellenschaum und Gottesluft,
Dazu die paradiesischen Gefilde
Verwoben lieblich sich im Sonnenduft
Zu einem nie geschauten Wunderbilde.
Dir aber schwillt das Herz vor hoher Lust
Bei solcher windgetragnen Himmelskunde,
Und das Gefühl der übervollen Brust
Gestaltet sich zum Wort in Deinem Munde.
[162]
Du preist Natur und ihre Herrlichkeit,
Die Gott in seinen eignen Werken loben,
Und lächelst über den Pygmäenstreit,
Den wider ihn die Sterblichen erhoben.
Die eitle Selbstsucht menschlicher Kultur
Vermag nur eben das, was ihr von Nöthen,
Sie weiß die Herrlichkeit der Gottnatur
Zu untergraben wohl, doch nie zu tödten.
Und ist auch ihre goldne Blüthezeit
Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken,
Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit
Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken.

Spruch

[163]
Es wird auf unserer viellieben Erden,
So lange sie wandert, nicht anders werden:
Die Reichen treiben mit Himmel und Gott
Fröhlich ihren lachenden Spott;
Schmausen und zechen Fasanen und Wein —
Lassen das Philosophiren hübsch sein.
Sie besitzen die Weisheit der Welt —
Die Weisheit hat Klang und nennt sich Geld.

Aus den „Italischen Liedern“

Weißt Du noch, Du mein toskanisch Kind,
Wie wir im flüsternden Abendwind
Über das Meer gefahren,
Bis in der sternespiegelnden See
Fels und Stadt Portovenere
Leise versunken waren?
Weißt Du, Luisella, wie liebeberauscht,
Nur von der Fluth und dem Himmel belauscht,
Unsere Seelen sich fanden,
Lippe auf Lippe lodernd gebrannt
Und Du dem Sohn aus dem nordischen Land
Seligst Geheimniß gestanden?
[164]
Weißt Du auch, daß ich besser nie
Dich hätte gehört in Lerici
Süß zur Guitarre singen?
Nach der Heimath ruft mich neidisch Geschick:
Fahr wohl, fahr wohl, du Traum von Glück —
In Weh will das Herz mir zerspringen.

Gebet

Mein Geschick ruht ganz in Deinen Händen,
Sternenherrscher, und nach Deinem Wink
Wird die Nacht mein lichtes Leben enden
Und sich schließen meiner Tage Ring.
Aber gnädig wandelst Du Dein Wollen,
Deinen Rathschluß: wenn ein heiß Gebet
Aus dem glaubenssel'gen inbrunstvollen
Menschenherzen zu Dir aufwärts fleht.
Und so bitt ich heut mit heiligem Werben
Laß mich, Vater, nicht im Frühling sterben.
Wenn der Wiesen bunte Blumen blinken,
Falter gaukeln in der lauen Luft,
Frei des Waldbachs helle Wellen winken
Und die Forstung trinkt den Maienduft,
Im Gelaub sich froh die Finken wiegen,
Drosseln schlagen, Lerchen jubelnd fliegen.
Ach, dann strahlt die Welt, die lenzgeküßte,
Wunderherrlich wie ein Paradies,
Das ich trauern nur und weinen müßte,
Wenn das Schicksal mich daraus verstieß,
Und ich könnte noch im letzten Ringen,
Welt, zu Dir die Liebe nicht bezwingen.
[165]
Laß mein müdes Auge sich umflirren,
Wenn der Winter durch die Tannen saust
Und der wilde Forstwind durch die dürren,
Blätterlosen Buchenwipfel braust,
Eisige Wolken sich am Himmel ballen
Und in Schnee und Hagel niederfallen.
Gern und freudig werd' ich Deinem Winken
Dann mich weihen und mit voller Brust
Meines Daseins letzten Athem trinken,
Jener sel'gen Hoffnung froh bewußt:
Daß ich aus der Erde Winterwehe
In den ew'gen Sternenfrühling gehe.

Wechsel der Welt

Die Welt ist nimmer geblieben
Die herrliche Welt des Homer,
Die Götter sind längst vertrieben,
Gestürzt sind die Tempel ins Meer.
Verschollen die heiligen Lieder,
Verwirbelt der Opferrauch,
In Hohn und Gespött darnieder
Gebrochen der Priester Brauch.
Nicht betende Völker mehr wallen
Zu schimmernden Säulenreihn,
Den hohen Olympiern allen
Geschmückte Geschenke zu weihn.
Die Himmlischen mußten erliegen
In toller Jahrhunderte Kampf,
Es schwelgt in Trophäen und Siegen,
Es herrscht: der allmächtige Dampf.
[166]
Es sausen die Hämmer und dröhnen
Auf Silber, auf Gold und auf Blei,
Maschinen rasseln und stöhnen
Ein gellendes Einerlei.
Kaum kann der Donner dringen
Durch all der Fabriken Gebraus,
Und Lieder und Glockenklingen
Verschwimmen im Rädergesaus.

Für die Zukunft

Wer heut' nicht die eigenen Zeiten versteht,
Den lasse der Himmel nur sterben,
Eh' die glimmende Welt in Flammen aufgeht
Und die Marmorpaläste verderben;
Eh' die Throne versinken im siedenden Meer
Und der Blutrauch dampft durch die Gassen einher.
Glückselig die Menschen, die taumelfroh
Sich durch das Jahrhundert trollen,
Champagner trinken, ob lichterloh
Auch draußen die Blitze rollen,
Die nie beim Gelag' der Gedanke bedräut:
„Die Welt kann nimmer so bleiben wie heut.“
Hier Haufen von Gold und Demant und Geschmeid',
Dort auch nicht ein Heller zu finden;
Hier brausende, sausende Herrlichkeit,
Dort trockene Schwarzbrodrinden.
Gott-Vater im Himmel schick' einen Prophet',
Der der Welt in's Gewissen zu reden versteht.
Schick' einen Propheten in's gährende Land,
Der soll die Paläste besuchen,
Der soll an die marmorspiegelnde Wand
In Flammenschrift schreiben und buchen,
Auf daß es die Prasser mit Grausen erfaßt:
Auf einem Vulkan steht unser Palast.
[167]
Auf daß sie gewarnt, noch eh' es zu spät,
Eh' die Wogen des Aufruhrs stürmen,
Eh' die rohe Gewalt wie die Sense mäht
Und die Barrikaden sich thürmen;
Der hungernde Haufe mit Pechkranz und Blei
Ertrotzt, daß das Glück auch ihm hold nun sei.
Dann gilt nichts Heiliges mehr auf der Welt,
Es stürzen Kirch' und Kapellen.
Die Liebe verroht und der Glaube zerschellt,
Das Mitleid begraben die Wellen.
Die Massen nur raufen sich um das Gold,
Das über die dampfenden Trümmer rollt.

Aus den „Elsässischen Liedern“

Wir haben ich wieder erstritten
In wetternder Völkerschlacht,
Geweint um Dich und gelitten
Und Opfer um Opfer gebracht.
Nun lassen wir Dich nimmer
Und halten Dich fest in der Hand,
Bist wieder deutsch auf immer,
Flurherrliches Wasgenland!
Nun rauscht Dir stolzer und freier
Den jauchzenden Rhein entlang
Die allemannische Leier,
Der allemannische Sang.
Aus deinen Burgen und Bergen
Da schweben durch Hallen und Thor
Mit Nixen und Elfen und Zwergen
Viel alte Gestalten empor.
[168]
Sie haben gar lange geschwiegen
Von mancher vielköstlichen Mär,
Und mußten vergessen liegen
In Schutt und Gemäuer umher.
Nun kommen sie lächelnd und steigen
An's leuchtende Sonnenlicht
Und wollen Dir deuten und zeigen
Was Deine Geschichte spricht:
Daß seit den undenklichsten Tagen
Und trotz dem fränkischen Raub
Die Eichen im Wasgau getragen
Das echte germanische Laub.
Und daß allzeiten inmitten
Der welschen, werbenden List
Dein Volk an Glauben und Sitten
Germanisch geblieben ist.

An die oberen Zehntausend

O kehrtet einmal Ihr aus den Palästen
Im dunstigen Dunkel enger Gassen ein!
O kehrtet einmal Ihr von Euren Festen
In's vierte Stockwerk, wo beim Öllichtschein
Blutarme Nähterinnen um den Bissen
Des lieben Brods zehn Stunden nähen müssen!
Kröcht' einmal Ihr mit Eurem Schmuck behangen
Zur Kellerwohnung, wo der Schuster flickt,
Sein armes Weib mit hungerbleichen Wangen
Den Säugling an die welken Brüste drückt,
Von Einer Mark oft sieben Menschen leben,
Die doch dem Kaiser noch den Groschen geben!
[169]
Es würd' Euch grausen, und in Eure Stirnen
Käm' flammengleich das Krösusblut gerollt,
Und durch den Puder Eurer feilen Dirnen
Bräch' sich die Schamgluth um das Sündengold,
Und wie, wenn Eise sich mit Feuern mischen,
Würd' Euch das Herz in frost'gen Schaudern zischen.
Ihr müßtet zittern, dächtet Ihr im Düster
Des Vorstadtelends an der Schlösser Pracht,
An Baldachin und Purpurbett und Lüster,
An Wein und Sillery und Wonnenacht
Und tausendfach müßt' Euch von allen Mauern
Vernichtung flammengrell entgegenschauern...

Gedankenflüge

Nichts kann in dieser Welt in Nichts verschwinden,
Ein Etwas bleibt stets was ein Etwas war,
In andrer Form nur muß sich's wiederfinden,
Aus Raum und Zeit stellt sich der Wechsel dar:
Die Blätter keimen, grünen und verwehen,
Geschlechter kommen und Geschlechter gehen.
Eins nur beharrt in der Verändrung Wogen
Und baut sich fort, wenn alles steigt und fällt.
Es überwölbt mit hoch erhab'nem Bogen
Den Zeitenstrom der körperlichen Welt:
Das ist die Brücke, die der Geist geschlagen,
Um uns vom Irdischen zu Gott zu tragen.
[170]
Das Volk des Perikles hat ausgerungen
Und längst erblindete sein Ehrenschild,
Homers und Pindars Leier ist verklungen
Und ach, zermalmt des Phidias Götterbild:
Doch ob auch die Akropolis zerfallen,
Der Geist von Hellas lebt noch in uns Allen.
Denn er allein hat mit Titanenkräften
In alter Zeit den festen Grund gelegt,
Der über sich auf prächt'gen Säulenschäften
Der Ewigkeit gewalt'gen Tempel trägt.
Wohl sieht man Volk auf Volk dran weiter bauen,
Doch wird ihn je die Welt vollendet schauen?

Das Lied der Menschheit
Vorgesang
1883

[171]

Diese Dichtung bildet den Vorgesang zu einem Epos: „Das Lied der Menschheit“, das in einer Reihe von ideal zusammenhängenden Gesängen, deren jeder eine in sich abgeschlossene Erzählung umfaßt, die Entwicklung der Menschheit von ihren ersten Anfängen bis zur Gegenwart herauf, darstellt.

Einst war die Welt ein endlos tiefes Meer
Von Finsternissen — todt und stumm und leer.
Kein Hauch, kein Athem, weder Fluth noch Schaum,
Zeit ohne Werden, Schlafen ohne Traum,
Leidlose Ruhe, Kraft, die nichts erfüllt,
Ein Grab, das Schatten wesenlos umhüllt.
Einst aber wie ein Blitz durchfuhr's das All,
Das Meer barst auf mit dumpfem Donnerhall
Und tausend Wirbel kreuzten durch die Wogen
Und tausend Feuer zuckten rings und flogen
Und auseinander klüfteten die Gluthen
Und schossen sprühend hin gleich Flammenruthen
Und ballten kreisend sich zu Sonnenwelten,
Verschlangen sich und barsten und zerschellten —
Von Nebeln wirr umflattert, dampfumbraust,
Aufbrandend in Gewittern, sturmdurchsaust.
Die Nacht versank, es wich des Todes Bann
Und heiliger Schauer durch die Schöpfung rann,
Da lag die Welt, ein Wasser, breit und klar,
Lichtinseln zogen funkelnd, Schaar an Schaar,
In wiegenden Reigen schwebend wie zum Spiel,
Rastlos der Weg, geheimnißvoll das Ziel.
[172]
Vom Kranz der Schwestern eine wählt mein Lied
Und für die Lieblichste mein Herz entschied.
Noch war ich Knabe, in der Haide Kraut
Lag ich zu lauschen auf des Windes Laut,
Von weißen Schleiern glänzte rings die Luft
Und auf den Gräsern träumte herber Duft
Und zwischen Erd' und Himmel fühlt' ichs weben
Des Geistes Wirken und der Schöpfung Streben.
Da strömte leuchtend mir ins Herz die Lust,
Der ewigen Schönheit ward ich mir bewußt
Und brünstig drang die Sehnsucht auf mich ein,
Urmutter Erde Dir ein Lied zu weihn,
Ein Lied, das wogend wie der Ocean
All Deine Pracht umspannt, all Deinen Wahn...
Mein Blick ward starr, die Wesen und die Zeiten
Sah ich noch einmal mir vorübergleiten.
Vor meinen Augen brauste Gluth in Gluth,
Von tausend Farben zitterte die Fluth,
In langen Garben sprühte Strahl um Strahl,
Berghohe Feuer wuchsen auf im Thal.
Und in den Weltraum stürzte wie ein Blatt,
Das von dem Baume flattert, sturmesmatt,
Der Mond, aufzischend, wirbelnd, nebelrauchend,
Dem Urgewässer blassen Haupts enttauchend.
Schon aber senkte Nachtgewölk von Dunst
Sich auf der Flammen niegestillte Brunst
Und prasselnd, schäumend, immer neu geboren
Warf sich der Regen in des Gluthmeers Poren,
Aufwallten blutige Nebel aus der Wunde,
Gleich Speer- und Schwertglanz leuchtete die Runde
Und stöhnend mischten sich im Kampf die Kräfte
Und siedend gährten zukunftsschwangere Säfte,
Bis aus des Wassers morgenkühlem Schoß
Der Keim des Lebens stieg, gestaltengroß.
Nun drängte starr Kristall sich an Kristall
Und donnernd hob sich der Gebirge Wall,
Die Wurzeln von Granit und gluthgeleckt,
Den breiten Rücken hell von Schnee bedeckt.
[173]
Nun schmiegte Zelle knospend sich an Zelle,
Von weichen Flocken blinkte jede Welle
Und zarte Haut umspinnt des Meeres Bord
Und rankt sich über Fels und Klüfte fort
Und reckt sich aus zu Fasern, thaugenährt,
Gräbt in den Stein sich, wurzelt, keimt und ährt...
Schwül brütet Mittagshauch auf Sumpf und Au,
Ein feuchter Dunst verhängt des Himmels Blau
Und gelber Qualm entbrodelt jeder Kluft,
Von unterird'schen Wettern rauscht die Luft,
Umklammert von des Drachens Eisenspangen
Wälzt brüllend sich der Elch, im Rohr gefangen.
Breitfächernd wuchert rings der Farrenwald,
Vom plumpen Tritt des Mastodonts durchhallt,
Und glotzig ruht der Behemout im Teich,
Eidechsen flattern, schwarzer Wolke gleich.
Dann kommt ein Tag, blaß wird der Sonne Glanz,
Schneewogen wirbeln wie im Kriegestanz,
Von Norden dröhnt es krachend jede Nacht
Und falbe Nebel schleifen, sturmentfacht.
Erschauernd horcht die Blume, horcht das Reh —
Dumpf wälzt es sich heran, eisstarre See,
Einöde, grenzenlos, nackt, blank wie Stahl,
Gespenstig Trümmerfeld; Berg wird zu Thal
Und Thal zu Berg, die Wälder prasseln schwer,
Wie Staub hinweggefegt ist Land und Meer,
Von Erd' zu Himmel eine Mauer nur,
Verstummt das Leben, sterbend die Natur.
Doch in der Tiefe schnaubt des Feuers Dampf,
Die Sonne rafft sich auf zu grimmem Kampf,
Sie wühlt und saugt und schmilzt des Eises Glast,
Der Boden wankt und schüttelt seine Last.
Bald rauschen durch die Wüste tausend Quellen,
In Spalt und Abgrund tosen schäumende Wellen
Und aus der Fluth dringt aufwärts neues Land,
Jungfräulich, jugendlich, die Gluth entschwand.
Aufsprießt der Blüthen Schönste, Gottgenährt,
Zum Menschen wird der Erde Staub verklärt,
Verklärt zum Willen wird was dunkel ringt —
Zur Sprache wird was stammelnd klingt und singt.
[174]
In Fiebern lag ich brennend Tag um Tag,
Von Zweifeln trüb umnachtet, angst und zag.
Kein Weg, kein Ziel! Wir ziehn auf ungefähr
Durch Steppenöde, heut am Strom einher
Und plaudernd, jubelnd; morgen im Gestein
Versengter Felsen, dürstend und allein.
Wir wandern, doch wohin — verkündet keiner,
Wir wandern, doch warum — ergründet keiner.
Ich lag und sann, der Abend brach herein,
Ins Auge fiel mir hell des Mondes Schein.
Da dehnte bebend sich mein Zimmer aus,
Wie Nebel schwanden Decke, Thür und Haus.
Ich stand an eines Berges steilem Hang,
Dem Abgrund schwelte grau Gewölk entlang
Und plötzlich braust es hell wie Adlerflug,
Ein Sturmwind rüttelt an des Felsens Bug
Und wie ein Schatten steigt es niederwärts,
Den Arm umpreßt mir eine Hand von Erz,
Zur Seite ragt mir ein gewaltig Haupt,
Die Augen Blitz, die Stirne gluthumlaubt.
Und durch die Wolken züngeln weiße Feuer,
Zerrbilder tauchen auf und Ungeheuer.
Dann wird es Licht, von Sonnenglanz ein Strom
Trägt meine Blicke durch des Weltalls Dom.
Das Buch der Sterne seh ich aufgethan,
Der Erde Nieren und der Winde Bahn,
Ein gähnend Grab klafft Land und Wasser auf,
Marklose Schädel grinsen bleich herauf.
Vorüber zieht der Volksgeschlechter Heer
In bunter Tracht, mit Sichel und mit Wehr;
Hier lagert sich ein Stamm, Zelt neben Zelt,
Des Führers Ruf, des Händlers Stimme gellt,
Dort in die Sümpfe wühlt sich klammernd ein
Die Euphratstadt, ein Drachenleib von Stein,
Von blauer Meerfluth seidenweich umrollt
Blüht Hellas in der Abendsonne Gold.
Und durch des Eichwalds feuchte Nebelschicht
Schlägt der Germane breiten Weg dem Licht;
Hier einsam geht ein Mann und forscht und sucht,
Dort hängt am Kreuze, den die Welt verflucht.
[175]
Und immer wirrer, immer dichter drängen
Die Schaaren sich, mit flammenden Gesängen
Um Zion wogt des Kreuzheers magrer Rest,
Scharfklauig kreist zu Häupten ihm die Pest,
Hier stirbt der Könige stolzer Übermuth,
Vom Richtbeil ausgemerzt, erstickt in Blut,
Dort siech von Hunger, eisumschauert steht
Franklin, sein Aug' nur spricht ein letzt Gebet
Und donnernden Fluges dort von Land zu Land
Rollt Zug an Zug, ein stählern Völkerband,
Hier Hochzeitsjubel, fiebernd Ängsten dort,
Hier klingender Flöten Laut, dort Brudermord.
Mein Auge sieht es und es hört mein Ohr,
Der Menschheit ganzes Treiben rauscht empor,
Der Völker Werden gibt ein Blick mir kund,
Doch Schmerz durchwühlt mich, laut schreit auf mein Mund:
Weh euch und mir, Mensch werden heißt vergehn
Und Völker blühen, um in Staub zu wehn,
Wir alle sind wie Wasser im Gestein,
Kein Wandrer kommt, die Erde saugt uns ein,
Wir alle sind wie Saat in dornig Land,
Wir alle schaffen, doch uns knüpft kein Band!
Kein Band — und wiederhallt es tausendmal
Und wieder braust der Sturmwind hin durchs Thal,
Da steigt vor mir empor Haupt und Gestalt,
Doch nicht von Glut, von Sternenschein umwallt,
Mild wird die Stirn und mild des Auges Glanz,
Beschattet von der Wimpern breitem Kranz,
Der Lippen erzne Klammer schließt sich auf,
Ein weicher Mantel zieht Gewölk herauf.
Ich aber beide Hände streck' ich aus
Und zu mir klingts wie rollend Fluthgebraus:
Kleinmüthger Du, Du klagst und übst Gericht
Und kennst nur Menschen, doch die Menschheit nicht.
Die Menschen sind wie Blumen auf dem Rain,
Ich winde sie dem Kranz der Menschheit ein,
Der Menschen Thun spinnt Fäden wirr und kraus,
Ich webe sie zum Bild der Menschheit aus,
Der Menschen Herz freut sich an Schein und Spiel,
Ich halt' das Steuer auf der Menschheit Ziel.
[176]
Ja, ohne mich seid ihr versprengtes Gold,
Ich sammle, schmelze, präge was ihr wollt,
Klein bin ich wenn ihr klein, stark wenn ihr stark,
So mit dem Baume wächst des Baumes Mark.
Ich bin der urgeborne Sohn der Gluth,
Des Lebens Fülle wogt in meinem Blut,
Nicht sterben werd' ich, bis das letzte Blatt
Vom Baum der Welten sinkt zur Ruhestatt,
Bis in den Hafen fährt der Ewigkeit
Mit uns den Irrenden das Schiff der Zeit.
Bis dahin Kämpfen und kein schmerzlos Heil
Und Sehnsucht, der kein Erbe wird zu Theil,
Bis dahin Liebe, die den Haß gebiert
Und Glaube, der in Zweifel sich verliert,
Bis dahin Tod, der sich mit Leben schminkt
Und Königsprunk, der in den Koth versinkt
Bis dahin Kraft, die sich die Welt erstreitet,
Bis dahin Geist, der auf zur Gottheit leitet.
Er sprichts und Finsterniß ruht nah und fern,
Nur hier und da hell schimmert noch ein Stern,
Ich aber blicke starr zum Himmelsrand,
Wo mir das löwengleiche Haupt entschwand,
Wie einer, der im Geiste Gott erschaut, —
Da hör' ich einmal noch traumfernen Laut:
Du geh und künde was Du heut gesehn,
Wenn Du es kündest, wirst Du es verstehn,
Und fragst Du was ich bin und fragst Du wer,
Der Menschheit Seele bin ich, Ahasver.
Das Lied der Menschheit — ja, es sei gewagt,
Wie schwach ich bin, wie klein auch, wie verzagt.
Wo ist ein Stoff wie dieser, wo ein Held
So ruhmeswerth, wo solch ein Erntefeld?
Nicht Götter sing' ich, nicht zum Fabelland
Träum' neuen Weg ich, nicht zum Höllenrand,
Euch, meiner Mutter Kinder, eure Spur
Such' ich im weiten Bergland der Natur,
Euch such' ich in der Urwelt Einsamkeit,
Euch durch den Flammenbrodem dieser Zeit
[177]
Und eurer Seele lausch' ich, wie sie reift,
Wie hoch und höher ihre Sehnsucht schweift.
Ein Seher ist euch Noth, ein Sonnenaar,
Der Botschaft bringt, daß eure Sehnsucht wahr,
Daß ihr ein Ganzes seid, Samen eines Weibes,
Körper eines Blutes, Glieder eines Leibes,
Daß wie aus Welten Gott erwächst, so ihr
Der Menschheit Nahrung seid, und lebt in ihr.
Doch ach bin ich's, bin ich's, der zu den Sternen
Das Auge heben darf, den Sonnenfernen!
Zu Dir Altvater, dessen Wort so klar
Wie Meeresfluth, wenn sie den Tag gebar,
Zu Dir, Du strahlend Licht von Tus, Du Künder
Des Erdenschicksals und Du Herzergründer,
Zu Dir, Du frommer Schwan von Mantua,
Zu Dir, Du Adler, der ins Antlitz sah
Der Ewigkeit, gerichtet und doch Richter,
Zu Dir, der blind noch Held, Du Stolzvernichter,
Zu Dir Walddrossel, deren Stimme voll
Und tief und süß wie Volkers Lied einst scholl,
Zu Euch, ihr heiligen Sänger, Du des Gral,
Du des Erlösers und der Kreuzesqual!
Weh mir, wenn ich nicht würdig bin, wenn nicht
Stahlhart mein Hirn, mein Herz wie Sonnenlicht,
Wenn lauter nicht wie Morgenthau mein Blut,
Mein Geist nicht wie auf Adlersschwingen ruht.
Wer hält mich aufrecht und wer gibt mir Muth,
Wer legt auf meine Zunge Flammengluth?
Mit tausend Blüthen und mit tausend Stimmen
Lockt mich Natur und tausend Sterne glimmen,
Aus allen Tiefen klingt es dumpf und wirr —
Wer führt mich aufwärts, wenn mein Fuß geht irr?
Dich Gotteskraft, die Niemand nennen kann,
Endlos erzeugende, Dich ruf' ich an.
Du bist der Schooß, der rings die Welt geboren,
Du bist des Baumes Saft, das Blut der Poren,
Aus Dir entquillt der Tag, aus Dir die Nacht,
Du bist der Donner, Du des Frühlings Pracht,
[178]
Du bist die Flamme, die den Kampf entzündet,
Die Liebe, drin der Strom der Zeiten mündet.
O laß auch dies Lied Dir gesungen sein,
Von Deines Athems Hauch durchdrungen sein!
Ein Schrecken faßt mich, meine Seele bebt
Vor diesem Sturm, der sich in mir erhebt,
Vor diesen Bildern, die mein Innres schaut,
Die einen blaß, die andren lichtumthaut,
Vor diesem Weg, von Nebelrauch umdampft,
Vom Schritt der Erdjahrtausende zerstampft —
Ach Weltgeist, ohne Dich ring' ich vergebens,
Du tränke mich vom Borne Deines Lebens!
Ich bin ein Griffel nur in Deiner Hand,
Ein Weizenkorn, Du sä'st es in das Land,
Aus meinen Worten sprüht ein Funke nur
Der Gluth, die mich umwogt auf Deiner Spur,
Dein ist die Kraft, ich bin Dein Eigenthum,
Und blüht ein Kranz mir, Dein ist aller Ruhm.
Volk das ich liebe, Volk, an dessen Kraft
Ich glaube, Du der Menschheit Blut und Saft,
Du grüne Eiche, schwellend von Geäst,
Dein Haupt trinkt Himmelsglanz, gen Ost und West
Streckst Du die Arme, erzgeschmiedet drückt
Dein Fuß des Erdreichs Kern, kein Sturmwind rückt
Zur Seite Dich um einer Spanne Raum,
Durch Deine Blätter rauscht ein Frühlingstraum,
Aus Deinem Wipfel klingt es wie Geläut:
Es kommt ein Morgen, der die Welt erneut.
Volk das ich liebe, alles was ich bin,
Bin ich durch Dich, so nimm als Opfer hin
Mein armes Lied, vielleicht mit tausend Reben
Wird es in Deiner Seele aufwärts streben.
Ihr aber, Freunde, reicht mir her ein Glas
Thaufrischen Rieslings! welch ein Trunk ist das!
Das Aug' wird hell, die Finsterniß zieht fort
Und auf die Lippe drängt sich Wort um Wort.

Müde
1882

[179]
O bange Stunden,
Wo alles Qual ist
Und was empfunden,
Verrucht und schal ist.
Bald möcht' in Thränen
Das Aug' zerfließen,
Bald trotzig Wähnen
Das Herz verschließen.
Müde zu hassen,
Müde der Liebe —
Ach könnt' ich fassen,
Was ewig bliebe.

Alleins
1881

Nacht fließt in Tag und Tag in Nacht,
Der Bach zum Strom, der Strom zum Meer —
In Tod zerrinnt des Lebens Pracht,
Und Tod zeugt Leben licht und hehr.
Und jeder Geist, der brünstig strebt,
Dringt wie ein Quell in alle Welt, —
Was du erlebst, hab' ich erlebt,
Was mich erhellt, hat dich erhellt.
All' sind wir eines Baums Getrieb,
Ob Zweig, ob Ast, ob Mark, ob Blatt —
Gleich hat Natur uns Alle lieb,
Sie unser Aller Ruhestatt.

Fluch diesem Leibe
1880

[180]
Fluch diesem Leibe,
Dem unersättlich lüsternen,
Mit seinen Banden
Schnürt er die Seele ein
Und reißt in den Koth
Die Sonnendurstige.
Aus allen Poren
Schrei ich nach Freiheit,
In alle Himmel möcht' ich mich recken, —
Aber erbarmungslos
Preßt mich das Elend
Meiner Sinne
Zurück in die Dienstbarkeit.
O Hunger
Nach dem Ewigen —
O Hunger!
Wann kommt die Stunde,
Wo ich Alles vergessen,
Alles hinschleudern darf
Und nur dich, einzig dich
Zu stillen vermag?
Weh, wenn die Flamme,
Die in mir lodert,
Mich brennend verzehrte,
Und nicht emporschlüg'
Wetterleuchtend,
Herzenentzündend.
Fort, fort, ihr Bilder
Lockender Lüste!
Ich will keinen Platz
Am Mahle der Lebenden,
Wo, im glitzernden Licht,
Schwarzäugiger Frauen
Heiße, lodernde Blicke
Die Seele versengen.
[181]
Ich lausche den Todten
Und horche, was sie verkünden,
Und ich suche die Ungebornen,
Daß ich wisse,
Was war und was sein wird.
Einsam, einsam
Will ich wandeln und ziehen,
Ob fiebernde Brunst auch
Die Adern emporschwellt, —
Doch eines vergönn' mir,
Allwaltende Weltmacht,
Jedes Wort, das ich schmiede,
Es werde zum Glied,
Das die Menschheit verkettet,
Jedes Lied, das ich singe,
Wie Thau laß es fallen
Auf die Herzen der Armen,
Der Sünder und Buhlen —
Dann finde ich Frieden.

An das 20. Jahrhundert
1878

Wirf die Thore auf, Jahrhundert,
Komm herab begrüßt, bewundert,
Sonnenleuchtend, Morgenklar.
Keine Krone trägst du golden,
Doch ein Kranz von duftigholden
Frühlingsrosen schmückt dein Haar.
Ganz verwundet, ganz zerschlagen,
Herz und Mund verdorrt von Klagen,
Ziehn wir müd im Staub einher.
Unser Aug' erlischt in Thränen,
Unsre Seele siecht vor Sehnen,
Unser Haupt glüht fieberschwer.
[182]
Ach welch Hoffen, ach welch Sinnen,
Welch ein Jubel, welch ein Minnen
Riß uns flammend einst empor.
Die Natur zu unsern Füßen —
Wollten wir das Licht begrüßen,
Wo es strahlend quillt hervor.
Auf des Dampfes Sturmesflügeln
Träumten wir die Welt zu zügeln,
Allem Erdenstaub entrückt.
Alle Sorge sollte schwinden,
Liebe sich zu Liebe finden,
Alle Kluft war überbrückt.
Traum, wie bald bist du vergangen,
Lauter Schreckniß, lauter Bangen
Hat in Nebel uns gehüllt.
Unser Blut tropft aus den Poren,
Unser Mark ist eiserfroren,
Wie vom Tod sind wir erfüllt.
Ob wir an des Nordmeer's Strande
Ziehn, ob tief im Wüstensande, —
Unsren Weg umheult der Streit.
Fried' und Freude schleicht verlassen,
Und die Noth stürmt durch die Gassen,
Wild umschwärmt von Haß und Neid.
Wie zwei Bettler, frech verhöhnet, —
Die wir einst so stolz gekrönet —
Irren Freiheit hin und Recht.
„Heil, den Ketten, die uns binden,
Die uns ziehn und niederwinden,
Goldne Ketten!“ jauchzt der Knecht.
Doch dem Aar gleich, der geblendet
Sterbend sich zur Sonne wendet,
Harren wir in Brünsten dein.
Wirf die Thore auf, Jahrhundert,
Komm herab, begrüßt, bewundert,
Zeuch' mit Morgensturmwind ein.
[183]
Wo du gehst, da bricht in Flammen
Tausendjähriger Grund zusammen,
Drauf die Knechtschaft wuchernd stand.
Und der Hoffahrt morsche Götter
Treiben hin wie Spreu im Wetter,
Auf vom Schlafe fährt das Land.
Wo du gehst, da öffnen alle
Tiefen sich mit heißem Schwalle
Und des Abgrunds Nacht wird Tag.
Glühend braust's in tausend Seelen,
Erd' und Himmel zu vermählen,
Dringt der Geist zum Sternenhag.
Wo du gehst, quillt Lust und Segen,
Jedem Herzen rauscht's entgegen
Wie des Lenzwinds thauig Warm.
Und der Winter geht zu Ende,
Liebend reichen sich die Hände
Stark und Krank und Reich und Arm.
Und von Ost gen Westen fahren
Boten aller Völkerschaaren —
Unsrer Fehde sei's genug.
Kommt, den Gruß uns zu erwidern,
Laßt uns Brüder sein mit Brüdern,
Fahr' zur Hölle Macht und Lug.
Schlagt die Cymbeln, spielt die Geigen,
Süße Mädchen schlingt den Reigen,
Kränzt mit Grün den Maienbaum.
Auf, ihr Männer, Opfergluthen
Laßt von allen Bergen fluthen,
Auf, vorbei ist Nacht und Traum.
Wie ein Tempel sei die Erde,
Daß der Mensch zum Gotte werde
Todesmächtig, licht und hehr.
Daß nicht Wasser und nicht Lüfte,
Nicht der Zwietracht düstre Klüfte
Trennen unsre Herzen mehr.
[184]
Unser Blut treibt neue Säfte,
Unser Mark trinkt neue Kräfte,
Unsre Adern klopfen weit.
Mit einander so zu bauen,
Einig, einig voll Vertrauen,
Heil dem Tag, der so befreit.
Wirf die Thore auf, Jahrhundert,
Komm herab, begrüßt, bewundert,
Sonnenleuchtend, Morgenklar,
Keine Krone trägst du golden,
Doch ein Kranz von duftigholden
Frühlingsrosen schmükt dein Haar.

Die letzte Nacht
1874

Ich hab' zur Nacht gesessen
Mit euch im goldnen Saal;
Aus blanken Römern schoß der Wein,
Süß duftete das Mahl.
Die Luft ging schwer, die Ampel warf
Trüb ihren letzten Schein — —
Die Fenster auf! und kühl und scharf
Schlägt Morgenwind herein.
Aufschreckt vom Schoß des Buhlen
Die leichtgeschürzte Dirn,
Der Bursch springt auf und stößt die Faust
Hohnlachend an die Stirn.
Die Dirne reißt er dann empor,
Und küßt sie lang und heiß,
Schwarz fällt sein Haar wie Trauerflor
Auf ihres Nackens Weiß.
„Füllt einmal noch die Becher,
Genossen dieser Nacht.
Stoßt mit mir an, frisch, auf den Tod,
Dies Glas sei ihm gebracht.
[185]
Du trinkst der Liebe, du der Lust —
Das all ist Tand und Schall,
Ein Hauch in fieberkranker Brust,
Der Tod besiegt das all.
Wann hab ich nicht die Locken
Mit Kränzen mir geschmückt,
Wann sah ich je ein blühend Weib,
Das nicht mein Gold berückt!
Begehrt' ich Ruhm, begehrt' ich Macht,
Schon lag's zu Füßen mir,
Mein Tag war Gluth und Gluth die Nacht —
Eins aber quält mich hier.
Das eine macht mich müde,
Macht schaal mir Bett und Wein,
Das grinst mich an aus jedem Aug'
Wie marklos Todtenbein.
Das löscht am Himmel Licht und Tag,
Das zehrt die letzte Ruh, —
Die Frage ist's, die tolle Frag',
Wozu dies all, wozu?
Wo ist ein Lenz ohn' Winter,
Ein Lieben ohne End', —
Wo ist ein Feuer, das nicht matt
Zu Kohl' und Asche brennt.
So ehern steht kein Fels, kein Land,
Dem nicht die Sündfluth droht —
Nur eins lebt ewig, eins hält Stand,
Das Leben ist der Tod.“
Er ruft's und wie am Grabe
Hält plötzlich alles Ruh, —
Da zuckt ein Blitz, da fällt ein Schuß,
Und leise haucht's Wozu?
Die Dirne stürzt zur Thür und schreit,
Wirft klirrend den Pokal, —
Und durch die Fenster hell und breit
Glüht auf des Morgens Strahl.

Gott
1884

[186]
Der Du nicht Stein bist, doch des Steines Kraft,
Die Kern und Schale hält in enger Haft.
Der Du nicht Rose bist, doch ihre Pracht,
Ihr Duft, ihr Auge, das zur Sonne lacht.
Der Du nicht Eiche bist, doch wohl ihr Mark,
Der Stolz, der aus ihr athmet, lebensstark.
Die Welt ist nichts als Form, in der Du prägst,
Ist nichts als die Gewandung, die Du trägst.
Ist nichts als Spiegelbild von Deinem Sein;
Nur Du bist Wahrheit, doch das Bild ist Schein.
Ich bin ein Mensch, mein Geist umspannt das All,
Durch meine Seele rauscht der Sphären Hall.
Ich höre was der Lerche Jubel sagt,
Ich höre was des Meeres Brandung klagt.
Ich sehe was des Feuers Auge glüht,
Ich sehe was im Schoß der Lilie blüht.
Ich fühle was im Blut der Erde ringt,
Den Hauch, der von den Sternen niederdringt.
Nein, nein, nicht ich; was gilt dem Fleische Duft,
Was gilt dem Leibe reine Himmelsluft!
Was gilt dem Staubkorn unermess'ner Raum,
Was gilt der Fäulniß ewigen Lebens Traum!
Nicht ich, nicht ich; mein Ich, dem Tod geweiht,
Ist lauter Elend, lauter Niedrigkeit.
[187]
Mein Ich hört nur den Schrei der eignen Noth,
Du hörst in mir der Liebe Allgebot.
Mein Ich sieht nur den Glimmer, nur den Schein,
Du siehst in mir ins Herz der Welt hinein.
Mein Ich fühlt nur, was schmeichelnd ihm behagt,
Du fühlst in mir, was sich zu opfern wagt.
Du zehrst an mir, wie Glut an Eisen zehrt,
Du ruhst nicht, bis ich schlackenlos verklärt.
Läßt Du von mir, bin ich ein Spiel, ein Spott;
Mein Ich, erfüllt mit Dir, ist selber Gott.

Meinem Bruder Julius
1880

Aus einem Stamm entsprossen,
Von einer Erde genährt,
Auf Leben und Tod Genossen,
Von einer Gluth verklärt —
So stehen wir beieinander
Schulter an Schulter gelehnt,
So führen wir aus selbander,
Was jeder von uns ersehnt.
Ohne Dich, Du lodernd Feuer,
Erstarrte mir Hirn und Blut, —
Aus der Hand sänk' mir das Steuer,
Spräch' mir Dein Mund nicht Muth.
Ja, wir gehören zusammen,
Wie Wind und Wellenschlag,
Wie Himmel und Sternenflammen,
Wie der Wald und der schäumende Bach.
[188]
Wir haben uns nichts geschworen,
Kein Blutbund ging vorauf,
Wir sind zu eins geboren,
Ein Quell, zwei Ströme, ein Lauf.
O Bruder, was auch das Leben
Für uns ernstwebend schafft:
Eins, eins sei unser Streben,
Doch zwiefach unsre Kraft.
Rings drängt so viele Kleinheit
In tausend Herzen sich,
Wuchernd prahlt rings Gemeinheit,
Alle Sehnsucht schier erblich,
Alle Sehnsucht nach des Schönen
Unwandelbarem Licht,
Nur Schwerter hör' ich dröhnen,
Helle Lieder hör' ich nicht.
O Bruder, da gilt's zu ringen
Einig mit zwiefacher Kraft, —
Dann werden wir Balsam bringen
Jeder Wunde, die fiebernd klafft,
Dann werden mit brennenden Lettern
Unsre Namen wir zeichnen ein
Der Geschichte rauschenden Blättern,
Und in der Herzen Schrein.

Cäcilie
1883

Wenn Du es wüßtest,
Was träumen heißt
Von brennenden Küssen,
Vom Wandern und Ruhen
Mit der Geliebten,
Aug' in Auge
Und kosend und plaudernd —
Wenn Du es wüßtest,
Du neigtest Dein Herz.
[189]
Wenn Du es wüßtest,
Was bangen heißt
In einsamen Nächten,
Umschauert vom Sturm,
Da Niemand tröstet
Milden Mundes
Die kampfmüde Seele —
Wenn Du es wüßtest,
Du kämest zu mir.
Wenn Du es wüßtest,
Was leben heißt
Umhaucht von der Gottheit
Weltschaffendem Athem,
Zu schweben empor
Lichtgetragen
Zu seligen Höhen —
Wenn Du es wüßtest,
Du lebtest mit mir.

Abendgang zur Geliebten
1884

Nun ist der Abend kommen,
Die Sterne sind entglommen,
Die Straßen schlummern mählig ein.
Abwerf' ich all' mein Mühen
Und laß in mir erblühen
Der Liebe Sehnsucht ganz allein.
Rings grüßen von den Zweigen
Die Vögel und es neigen
Sich flüsternd Busch und Blume mir;
So festlich ist mein Wesen,
Sie mögen leicht es lesen,
Wie meine Seele fliegt zu Dir.
[190]
Die Kinder, die am Wege
Sich tummeln durch's Gehege,
Sie reichen lächelnd mir die Hand.
Die Winde, die da wehen,
Die Wolken, die da gehen,
Sie knüpfen mir ein rosig Band.
Wie weit seid ihr entschwunden,
Ihr sorgenschweren Stunden,
Wie fern, wie fern liegt Kampf und Streit;
Die Welt ist so voll Frieden,
Als läg' sie abgeschieden —
Ein See in grüner Einsamkeit.
Nun steh' ich an dem Hause,
Vor meines Glückes Klause,
Und meiner Freuden Inbrunst wird Gebet;
Laß jedes Herz hienieden
Durch Liebe finden Frieden,
Du göttlich Feuer, das die Welt durchweht.

Märznacht
1884

Nacht, in Deinem Mutterschoße
Ruht der Lenz, ein stilles Kind,
Weiß noch nicht, wie herrlich große
Wonnen ihm beschieden sind.
Seine Augen blicken staunend
Auf die Erde, auf die Braut,
Und von seinen Lippen raunend
Klingt der erste Liebeslaut.
Und die Erde hört ihn klingen,
Breitet weit die Arme aus,
Sehnsuchtsvolle Grüße dringen
Heimlich in die Nacht hinaus.
[191]
Durch das Herz geht ihr ein Beben,
Träumend neigt sie ihr Gesicht,
In der Luft beginnt's zu weben,
Silbern rinnt des Mondes Licht.
Die noch schlafen, aus den Wäldern
Rauscht's wie leiser Vogelsang,
Die noch keimen, von den Feldern
Blüht's wie Duft das Thal entlang.
Flammen leuchten durch die Ferne,
Unhörbare Winde weh'n
Und das Aug' von Stern zu Sterne
Kann den Himmel offen seh'n.
Liebste, siehst Du rings es glimmen,
Siehst Du rings den goldnen Schein,
Hörst Du rings die tausend Stimmen?
Erde saugt den Himmel ein.
Liebste, laß in Dir die Schauer
Weben dieser heil'gen Nacht,
Keines Winter düst're Trauer
Hat nun fürder ob uns Macht.
Und wie diese Nacht, so prächtig,
Wird ob unserm Leben stehn,
Unsre Liebe, lenzesmächtig
Wird sie durch die Seele wehn.
Tausend Blüthen wird sie reifen,
Uns mit tausend Kränzen zier'n,
Wird mit lauen Winden streifen
Allen Staub von unsrer Stirn.
Nach den Tagen heiß vom Ringen
Wird sie mondesglanzgeweiht,
Uns mit heimlich süßem Klingen
Wiegen in Traumseligkeit.
[192]
Nacht des Märzen, Nacht der Liebe,
Euer Schoß gebiert das Licht,
Die ihr heiliget die Triebe,
Eure Flammen löschen nicht.
Lenze keimen und vergehen
Und der Erde Bau zerfällt,
Doch aus euch wird auferstehen
Ewig neu die goldne Welt.

Wacht auf
1876

Was drängt ihr Felsen in die Wolken ein,
Schon rast das Meer und rüttelt Stein von Stein.
Was prahlt ihr Wälder stolz mit eurem Grün,
Schon seh' im West den Wetterstrahl ich glüh'n.
Was ruft ihr Glocken friedlich zum Gebet,
Wenn schon die Erde hohl und donnernd geht.
Was jauchzt ihr Menschen wie am Feiertag,
Schon grinst der Tod euch lüstern ins Gemach.
O könntet ihr mit meinen Augen sehn,
Wie brünstig würdet ihr zum Himmel flehn.
Allweg kriecht Elend wie ein ekel Gift,
Und Niemand weiß, wen's heut zu Hause trifft.
Allweg hebt Streit sich ehern auf vom Roß,
Und klirrend fährt ins Mark sein scharf Geschoß.
Allweg weicht Einer scheu dem Andern aus,
Und schließt, wie vor dem Todfeind, Hof und Haus.
O gäb' der Herr mir seines Sturmes Mund,
Daß ihr mich hörtet all zur selben Stund.
[193]
Daß ihr mich hörtet, Hütte wie Palast. —
Wacht auf, wacht auf aus eurer Liebe Rast.
Wacht auf vom feigen Pfühl hochmüth'ger Lust,
Die Schlange Neid reißt von der warmen Brust.
Wacht auf vom blut'gen Rausch des Heldenthums,
Barmherzigkeit sei Mutter eures Ruhms.
Wacht auf, eh' euch der Tag des Zorns ereilt,
Und Todesangst vereint, was heut sich theilt.
Seid länger nicht, ihr Frauen, matt und lau,
Euch schmückt ja Milde, wie die Knospe Thau.
Ihr lieben Frauen habt des Herzens Acht,
Legt Gott zu Füßen die armsel'ge Pracht.
Fort schleudr' ich alle Hoffnung, all' Vertrau'n,
Wenn ihr nicht helft den neuen Tempel bau'n.
O gäb' der Herr mir seines Frühlings Mund,
Von seiner Liebe brächt' ich frohe Kund'.
Schaut einmal, einmal nur zu ihm empor,
Gleich blüht euch auf des ganzen Lenzes Flor.
Werft ab des Alltags Sinn, des Alltags Kleid,
Gleich rauscht hernieder ewige Feierzeit.
O werdet warm, facht wieder an die Gluth,
Die unter eurer Hoffart Asche ruht.
O fangt nur einmal wieder an den Lauf,
Gott führt euch weiter, — auf, wacht auf, wacht auf. —

Gespräch mit dem Tode
1884

[194]

Ich:

Wer bist Du Mondesleuchtender?

Er:

Der Tod,
Den Deiner Seele dumpfer Schrei entbot;
Ich sah wie Dich der Erde Noth umdrängt,
Auf, folge mir, ich löse was Dich zwängt.

Ich:

Wohin? wohin? Dein Weg ist dunkle Nacht,
Ich liebte stets des Tages goldne Pracht.

Er:

Was weiß Dein blindes Auge von dem Licht,
Das tiefrem Schoß, als Sonnenglanz entbricht!
Tauch in die eigne Seele Du hinein,
Fühlt sie nicht andren Lichtes Widerschein?

Ich:

So keimte neues Sein aus diesem Sein
Und es verfaulte nur dies morsch Gebein?

Er:

Sieh dort den Rauch, der im Gewölk verschwebt,
Weil er kein Rauch mehr, hat er ausgelebt?
Wenn das Gewölk grauregnend niedersprüht,
Ist's nicht der Rauch, vor dem das Feld erblüht?

Ich:

Was gilt die Welt mir, wenn mein Ich zerfällt!

Er:

Weh dem, der für den Fuß die Krücke hält;
Ein Traum vom Ichthum, voller Fieberpein,
Ein Kranken an dem Ich ist euer Sein.
Schlepp weiter, weiter Dein armsel'ges Ich
Und Hölle wird die Ewigkeit für Dich.
Das Ich ist eurer Sünden Quell allein;
Was in euch flach, was ekel, was gemein,
Das Ich gebiert es; eurem Ich zu lieb
Verhurt ihr eures Geistes Gottestrieb,
[195]
Verhurt den Leib und kriecht in Koth und Staub
Und steht wie Tiger über einem Raub
Euch lauernd gegenüber, jeder wägt,
Wie er den andren rückwärts niederschlägt.
Und dennoch scheidet edel und gemein
Und bös und gut ihr, scheidet groß und klein —

Ich:

Das Große ist die Liebe, die uns eint,
Das Mitleid, das den Weinenden beweint,
Der Glaube, daß kein ander Wirken lebt,
Als Treue, die im Dienst der Menschheit strebt —

Er:

Das ist das Große, ihr verhehlt's euch nicht,
Das ist es, was den Bann des Ichs durchbricht.

Ich:

Dein Wort wühlt wie mit Flammen durch mein Herz,
Sag', was mich rettet von des Daseins Schmerz.

Er:

Blick auf zu mir und frage; was Du siehst,
Verkündet Dir, wie Du dem Ich entfliehst.

Ich:

Was deutet dieser Stern Dir überm Haupt?

Er:

Selig der Mann, deß Sinne nie bestaubt.

Ich:

Und was der Tropfen Bluts auf Deiner Brust?

Er:

Selig, wem Wunden schlug der Erde Lust.

Ich:

Und was der Schein, der kränzend Dich umwebt?

Er:

Selig, wer lebend stirbt und sterbend lebt.

Ich:

So ist das Leben Tod, Du aber bist
Der Keim, in dem des Lebens Fülle ist.

Er:

Ich war's, der beim Gekreuzigten einst stand,
Der ihn mit Gott, dem Kern des Alls verband,
Die Liebe hatte aufgezehrt sein Ich,
Drum verschmolz mit Gott sein Ewiges sich.
[196]
Ich würgte den, der Alexander hieß,
Ich war's, der ihn vom goldnen Prunkbett stieß,
Weil er sein Ich nicht sättigen konnte hier,
Gab ich ihm neues Ichthum, neue Gier.

Ich:

Und ich und ich! Die Hände streckt' ich aus
Nach Dir, zu führen mich ins Nichts hinaus,
Eh ich Dich kannte; ach ich wollte fliehn,
Eh mir im Kampf des Lebens Sieg verliehn,
Eh ich dies Ich getödtet oder mich
Zu neuem Kampf und Sein verdammt das Ich.
Doch jetzt erkenn' ich klar und fühl' es tief,
Ich bliebe krank und wenn ich ewig schlief',
Gesunden muß ich von des Ichthums Noth,
Zum Leben zu gesunden durch den Tod.

Er:

Was zauderst Du? Blaß wird Dein Angesicht,
Die große Stunde flieh' sie länger nicht,
Wirf ab den Leib!

Ich:

Nein, hebe nicht Dein Schwert,
Laß von mir Tod, noch bin ich Dein nicht werth.

Eingang

[197]
In lauer Nacht durchwandl' ich oft den Wald,
Leise umwogt nur von des Blattmeers Flüstern
Lenk' ich den Schritt zu Felsen schroffen, düstern —
An meinem Lieblingsziele bin ich bald.
Nie drang ein Ton der Nachtigall hierher,
Noch eines ander'n Vogels süßes Lied;
Nur in den Bäumen rauscht es tief und schwer,
Und seufzend streicht der Wind lind durch den Ried.
Dumpfbrausend wälzt sich über das Gestein
Der Bach in tiefem wildzerwühltem Bette,
Mit unstät fahlem, geisterbleichem Schein
Umspinnt der Mond die schwermuthsvolle Stätte.
Hier pocht das wilde Herz nicht, Niemand sieht
Die Brust voll Neugier, doch an Liebe leer,
Welch' Weh' durch meine kranke Seele zieht,
Und lästiges Fragen quält mich hier nicht mehr.
Du meiner Göttin tröstende Gestalt,
Vor der zu Schatten werden Freundschaft, Sippen,
Lös'st mir mit sanftem Kuß die starren Lippen,
Und formst zum Liederstrom des Weh's Gewalt.

Das Lied

[198]
Tönet Saiten, tönet,
Was das Herz ersehnet,
Was die Brust erfüllt;
Daß mit Eurem Schalle
Lust und Schmerz verhalle,
Friede mich umhüllt.
Wie den vollen Klängen
Stürmt mit jähem Drängen
All' mein Fühlen nach!
Aus den tiefsten Tiefen
Meiner Seele riefen
Lust und Schmerz sie wach.
Wie, wenn Meeresfluthen,
Oder Feuersgluthen,
Brausend jagt der Wind;
Dann, wie Zephir spielet,
Unter Blüthen wühlet,
Wie die Quelle rinnt.
Wie die Stürme schweigen
Und nach wildem Reigen
Stillen ihre Kraft,
So verhallt der Klänge
Zügellose Menge,
Schweigt die Leidenschaft.
Aus der Saiten Schüttern,
Ihrem leisen Zittern
Zwischen Schmerz und Lust,
Schwebt nach bangem Ringen
Auf des Liedes Schwingen
Friede in die Brust.

Morgenandacht

[199]
Es rauscht zur Seite mir der Strom,
Das klingt wie Orgelsang,
Und immer mächt'ger schwillt der Klang
Empor zum blauen Himmelsdom.
Durch aller Bäume Wipfel geht
Ein Säuseln leis und andachtsvoll
Wie Lippen flüstern ein Gebet,
Das Frieden bringen soll.

Manfred

O schnöder Tod, was meidest Du die Brust,
Die längst bereit, als Freund Dich zu empfangen?
Was machst Du Herzen still, die noch mit Lust
An dieser Welt und ihren Freuden hangen!
O sieh mich an! Wie ist mein Aug' so müd'!
Wie matt der Fuß von all' den falschen Wegen!
Der Seele stolze Flammen sind verglüht,
Und Nichts mehr will sich in der Tiefe regen.
O setz' ihr vor den süßen Labetrunk,
Nach dem sie ach so sehnsuchtsvoll begehrt;
Zur Qual geworden ist Erinnerung,
Und Alles nur noch des Vergessens werth.

Komm Bruder Manfred...

[200]
Komm Bruder Manfred, reiche mir die Hand
Herüber aus dem ungeheuren Nichts,
In dem Dein Geist ersehnte Ruhe fand —
Ich folge Dir, ach! lächelnden Gesichts.
Auch meine Lampe brennt dem Ende zu,
So oft gefüllt! ich laß sie gern verrauchen.
Was ich ersann, erlebt, erlitt — wie Du!
Läßt mich mit Wonn' in's Dunkel niedertauchen.

Frage

Das erste Veilchen
Wo werd' ich's pflücken?
Und wen — o Frage! —
Wen wird es schmücken?
Und — Gott, o sage! —
Wird sie's beglücken?

O schilt mich nicht...

O schilt mich nicht, wenn Schönes mich entflammt
Und mir Begeisterung im Herzen zündet;
Den nenn' ich zum Philisterthum verdammt,
Dem selbst die Kunst Alltägliches nur kündet.
Ach, was aus höher'n, reiner'n Sphären stammt,
Wird das mit kaltem Spöttersinn ergründet?
Laßt wenigstens in diesen trüben Zeiten
Die Kunst uns einen Schein von Glück verbreiten.

Opferdampf stieg...

[201]
Opferdampf stieg von der befleckten Erde
Wahrlich niemals herrlicher auf zum Himmel,
Denn, da dein Wort Märtyrerblut besiegelt,
Heilige Wahrheit,
Da der Pfaff sich — Pfaffe zugleich und Henker —
An der Gluthqual denkender Menschen letzte,
Da im Rauch sein Blick und des Ketzers Blick wie
Dolche sich kreuzten. —
Jene Gluth, entfacht in dem Schooß des Dunkels,
Überraschend siegreich den Bezirk der Scheite,
Ward des Dunkels Feind — und der Strom der Zeiten
Wird sie nie löschen.
Nein! Sie glüht! Und wär's in den fernsten Tagen, —
Asche wird die finstere Tempelhalle,
Drin geknechtet seufzet der Geist der Menschheit,
Hegend und reifend
Eine Saat, die spätere Enkel ernten,
Faßt sie Herzen, die sie entflammt zu reden —
Ihre Macht verkündigend hat sie meine
Lieder befeuert.

Alte Zeiten...

[202]
Alte Zeiten sah der Erde Antlitz,
Ungezählt durchlief des ewigen Tages
Glanzesbahn das rollend Rad der Sonne —
Aber dennoch
Scheinet jung und frisch der Frühlingsmorgen,
Wann der Feind der Nächte, strahlgewappnet,
Wirft des Lichtes Pfeil hin über dunkler
Wolken Wälle.
Denn das Herz, das menschlich reiche Fühlen
Altert nie. Wie oft entzückten Augen
Auch geöffnet sich der Rosengarten
Erster Liebe,
Ewig bleibt sie jung die Lust der Liebe
Ewig jung des Mutterherzens Jubel,
Ewig jung der Schmerz am Grab des Vaters.
Lieben, Leiden
Ist des Menschen nievergeßnes Wollen,
Nimmer ehrt der Kampf mit solchem Zwange,
Nimmer wird ein Mensch, wie sehr er strebt, den
Kampf vollenden.

Es lebt ein Gott...

„Es lebt ein Gott, der Schöpfer des Weltenrunds,“
So sagen sie. Doch, geben sie Kunde auch,
Ob von dem Funkeln, das den einen
Tropfen im Meere des Alls umleuchtet,
[203]
Ob er vom Ringen menschlicher Nichtigkeit
Jemals vernahm? „Allmächtig und liebevoll
Ist er, vor seinen Vaterblicken
Birgt im unendlichen Raum sich Niemand,
Kein Schmerz ist ihm, kein Jubel der Freude fremd,
Den Gott der Liebe nennen ihn Alle ja.“ —
So sieht er also dieser Erde
Nimmer ermessene Jammerwüste?
Er sieht das Edle unter den Fuß gestampft
Des Tiefgemeinen? Siehet in Qual und Staub
Sich wälzen Millionen Herzen,
Blutend, gemartert ein qualschweres Dasein?
Und endets nicht? Und trümmert und schmettert nicht
Die Welt in's wahnlos friedliche Nichts zurück? —
Den Gott grausamer wär' er wahrlich,
Als der verworfenste Menschenbube!

Sträuben sollen wir uns...

Sträuben sollen wir uns wider das Eisenjoch,
Dem der Gewohnheit Schmutz Würde des Alters lieh;
Wen das steigende Licht grüßt,
Nicht sehn' er die Nacht zurück!
Feigheit knechtet die Zeit, beuget der Nacken Kraft;
Wenige wagen nur frei zu gestehen, was
Längst ihr kühnerer Blick sah,
Längst ihnen im Busen lebt.
Weit noch seltener sind aus der Berufnen Schaar,
Die, der Lebendigkeit thätigen Daseins Freund,
In die Speichen des Rades
Eingreifen mit fester Hand,
[204]
Heilig gelten der Zeit Rechte des Alters nur:
Weil es bestand vordem, ist es bestehenswerth!
Heilig gelten der Zeit nicht
Treupflichten des eignen Sinns. —
Sträuben sollen wir uns wider das Eisenjoch,
Dem der Gewohnheit Schmutz Würde des Alters lieh;
Wen das steigende Licht grüßt,
Nicht sehn' er die Nacht zurück!

Schuld und Schicksal...

Schuld und Schicksal schlagen ums Haupt des Menschen
Ihre lebensfeindlichen finstren Schwingen,
Selten küßt ihn irgend ein Strahl der Freude
Flüchtig beglückend.
Aber dennoch wittert und spürt die Seele
Über all der lastenden Nacht der Schmerzen
Eines reinen, nimmergetrübten Himmels
Göttliche Klarheit! —
Harren stets und hoffen und aufwärts blicken
Mit der Sehnsucht glühendem Seherauge
Muß der Mensch. Zu bitter und herb enttäuschet
Leben und Welt ihn.

Wohin Du horchst...

Wohin Du horchst, vernimmst Du den Hülferuf
Der Noth! Wohin Du blickest, erschrecken Dich
Gerungne Hände, bleiche Lippen,
Welche des Todes Beschwörung murmeln!
[205]
Wohin Du helfend schreitest, versinkt Dein Fuß
Im Koth der Lügen. — Selbstischer Dummheit voll
Schreit dort ein Protz nach „Ordnung“, ihm ja
Füllte der „gütige Gott“ den Fleischtopf.
„Reformation“, so heulen die Pfaffen rings.
„Es muß die Kirche wieder im Geisterreich
Als Herrin thronen: ihre Lehren
Scheuchen das Sorgen um weltlich Wohlsein!“
Des Staates Herren hoffen des Staates Heil
Vom sichren Maulkorb, welcher das Beißen wehrt,
Sogar das unbequeme Bellen
Wissen sie knebelgewandt zu dämpfen...
In diesem dunkelflutenden Wogenschwall
Wo ist der Boden, welcher den Anker hält?
Wann naht der Gott im Sturm fahrend,
Der die verpesteten Lüfte reinigt?
Wo blitzt ein Lichtstrahl kommenden Morgenroths
An diesem nachtbelasteten Horizont?
Wo sieht der Jugend Thatensehnsucht
Flattern die Wimpel des fernen Zieles?

Weiße Rose

Ach ich glaube,
Daß voreinst mir,
Da ich Kind war,
Allererst sich
Was da schön sei,
Offenbart hat
In dem Duftbild
Weißer Rose.
[206]
Ach ich glaube,
Daß der Jüngling
Noch den Zauber
Alles Schönen
Nicht gelernt hat
Unterscheiden
Von dem Zauber
Weißer Rose.
Ach ich glaube —
Zwar der Herbst kam,
Und die Schwestern
Auf den Fluren
Welkten lang schon —
Weiter blühst du
Mir im Herzen,
Weiße Rose.

Im Himmel

[207]
Gen Himmel fühlt' ich meine Seele schweben
Und in das Reich der Engel ging ich ein.
Geblendet wagt' ich kaum den Blick zu heben —
O Glanz! O Glück! Das Alles war nun mein!
Und unwillkürlich kam mir ein Gedanke,
Der ach! so schön, so gut, so menschlich war —
Mir kam der Liebe seliger Gedanke — —
O Du, o meiner Mutter Augenpaar!
Von Ferne schien sie lächelnd mich zu grüßen,
Die meiner Jugend erste Freuden sah;
Und auch den Vater fand ich Gott zu Füßen:
Verklärten Angesichtes stand er da.
„So soll ich hier Euch wirklich alle finden,
Die mich in Lieb' an ihre Brust gepreßt?
Ich hört' es in der Jugend mir verkünden,
Und zweifelnd hielt ich an der Hoffnung fest!“
Ich trat heran — ich wollte sie umarmen.
„Mein Vater! Meine Mutter!“ rief ich laut —
O laßt an Eurer Brust mich hold erwarmen,
Selig das Kind, das Euch nun wiederschaut!
Wie? War es möglich? Ihres einzigen Sohnes
Erinnert eine Mutter sich nicht mehr? —
Ich fuhr empor: unwillig dumpfen Tones
Lief ein Gemurmel durch der Engel Heer.
Ich sah bestürzt umher im weiten Raume:
Versunken war in Andacht Jedermann.
Plötzlich erwachten wie aus tiefem Traume
Alle und blickten mich erschrocken an.
[208]
„O meine Freunde! Meine süßen Schwestern!
Euch drück' ich liebend wieder an mein Herz!“ —
„Hör' endlich auf, den großen Gott zu lästern!“
Durch meinen Busen zog ein tiefer Schmerz.
„Nein, noch ist alle Hoffnung nicht geschwunden,
Ich sahe Sie — nun fühl' ich neuen Muth, —
An deren Brust ich Paradieses-Stunden
In weicher, warmer Sommernacht geruht.“
Und durch allmächtiges Gefühl getrieben,
Eilt' ich auf ihre süßen Reize zu.
„Du,“ rief ich aus, „Du mußt mich ewig lieben —
Denn meines Lebens Liebe warst ja Du!“
Sie sah mich an. Ihr Haupt erhob sich freier —
Sie war so schön, so keusch, so engelrein!
Gehüllt in einen leichten, weißen Schleier
Lud ihres Busens holde Pracht mich ein.
„O blicke dorthin! Beuge Deine Glieder!
Und bete Gott, den Allerbarmer an!“
Ich sah mich um, ich sank zu Boden nieder,
Ein Schauder stieg mir kalt das Herz hinan.
Den Gott der Liebe sah ich vor mir stehen,
Und zitternd schaut' ich ihm in's Angesicht:
Ach, meinen ganzen Stolz fühlt' ich vergehen:
Die Liebe Gottes war die meine nicht. — —
Und wollt' ich kühn mich abzuwenden wagen,
Gleich hört' ich dumpfe Stimmen rechts und links —
Ich fühlte mich von heißer Angst geschlagen,
Und „Ewig! Ewig! Ewig!“ scholl es rings! —
O welch ein Traum! Ich starb in dumpfen Banden!
Schwer lag es wie gewitterschwüle Nacht
Auf meiner Brust, und alle Sinne schwanden...
Auf Erden bin ich wieder, bin erwacht!
Die Vögel schlagen fröhlich ihr Gefieder,
Die Sonne lugt in mein Versteck herein,
Auf meine Jugend lächelt sie hernieder!
Noch ist die Welt, noch ist das Leben mein!
[209]
Noch fühl' ich Kraft, zu wirken und zu streben
Noch pulst in meinen Adern frisch das Blut.
Nicht soll der Geist gen Himmel bang entschweben:
Auf Erden ist der Menschheit schönstes Gut!
Ich kann und mag an einen Gott nicht glauben,
Der mich erschaffen aus dem dunklen Nichts —
Nicht lasse ich den hohen Stolz mir rauben,
Ein Mensch zu sein, ein Sohn des Sonnenlichts!
Ich kniee nicht vor einem kalten Gotte,
Der mich zum Dienst mit harter Drohung zwingt —
Komm' her, o Kind, in diese kühle Grotte,
Wo klar der Quell dem grünen Moos entspringt.
Laß alle Furcht aus Deinem Herzen schwinden,
Vor Dir will ich in heißer Liebe knien
Und menschlich an des Menschen Brust empfinden
Und alle finstren Träume will ich fliehn.
Nicht soll ein Gott mich strafen und belohnen,
Ich selbst will meiner Thaten Richter sein.
Die Götter, die im eignen Inn'ren wohnen,
Sie bet' ich hoffend an, sie nur allein!
Frei streb' ich nach des Lebens höchsten Zielen
Und einen andren Lohn begehr' ich nicht,
Als sterbend einst das Wonneglück zu fühlen:
Ich lebte, liebte, sonnte mich im Licht!

Frühlingsmorgen

Leuchtend brach der Strahl der Sonne,
Aus den weißen Nebelfluthen,
Als ich heut' am frühen Morgen
Durch die thaubenetzte Wiese
Kummervollen Herzens hinschlich;
Und die morgenfrische Erde
Streckte alle ihre Glieder,
Blätter, Blüthen, Halme, Gräser —
Alle durstend ihm entgegen.
[210]
Ach, wenn also Deiner Liebe
Seligsüßer Strahl doch endlich
Segnend auf mich niederthaute,
Jene Nebel hell durchbrechend,
Die von allen Seiten trübe
Meines Lebens Pfad umfließen —
Wenn ich endlich, gleich der Erde,
Die im Glanz der Sonne badet,
In dem Glanze Deiner Liebe
Meine Seele baden dürfte!

Andacht

Vor dem Bild der Mutter Gottes sah ich Dich, Geliebte, beten,
Und es trieb mein volles Herz mich, leis an Dich heranzutreten,
Und ich blickte Dir in's Auge, jenes Auge zauberklar,
Das umflort vom keuschen Glanze heißer Andachtsthränen war.
O Geliebte, dieses Auge, diese jugendfrischen Wangen,
Laß sie nicht an jener Heilgen, laß an mir sie glühend hangen!
Denn ich fühl es, daß die Gottheit nicht zur Andacht Dich erschuf,
Daß der Feuerdienst der Liebe, schönes Mädchen, Dein Beruf.

Es tagt...

Es tagt! Es tagt! Schon wogt's im Nebelmeer!
Die neue Welt, die kämpfend wir ersehnen,
Wirft ihre Purpurstrahlen vor sich her:
O grüßet sie mit heilgen Freudenthränen!
Nicht ohne Fehl ist diese neue Welt,
Nicht ohne Schuld und ohne tiefe Schmerzen,
Doch ist ihr Geist von stolzer Kraft geschwellt.
Und frisches Leben glüht in ihrem Herzen.
Was sie mit goldnen Siegeskränzen ehrt,
Bist du, o zwangbefreiter Muth der Jugend,
Und was sie liebt und laut im Liede lehrt,
Es ist die frei gewordene, schöne Tugend.

Messiaspsalmen

[211]

I.

Willkommen, heilige Strahlampel des Himmels,
Die du emporziehst über der Berge erglitzernden Saum,
Sei mir gegrüßt! Nun gießest du nieder
In die Wiege der dir zujauchzenden Thäler
Deines Lichtes allmächtige Vollfluth.
Nun umlächelst du, trauteste Mutter
All deine Kinder auf der Erde tiefgründiger Breitung,
Alljedes Buschwerk, jeglichen Baum,
Der sehnsuchtsheiß dir seine Gezweige emporstreckt;
Und aus des Kelches kunstreichem Pokale
Lockst du die prangende Blüthe hervor
Und mit der Früchte gesegneter Schenkung
Krönst du der Blüthe farbige Pracht. —
Aber doch lieber und vielmalig schöner
Scheint mir die Sonne, die jetzo mir in der Seele erwacht!
Endlich, endlich steiget sie hoch
Und zersetzt mit siegessichrer Gewalt
Das hartnäckig sich sträubende, finster sich bäumende,
Dunkelheitsnächtige Wettergewölk,
Das auch in mir so lange gehauset,
Auch meine Seele mit taglichtscheuem Gespinnst umsponnen.
Denn gänzlich nun hab' ich den Rücken gekehret
Dem nachtumschatteten Gießbach des Lebens
Und fernab den niedrig gischtenden Wogen,
Mit denen auch ich ehedem bin getrieben,
[212]
Haus' ich hier oben auf goldigem Bergdach,
Ein einsamer Siedler, Zwiesprach nur haltend mit mir allein
Und dem pfeilergetragenen, moospelzumflossenen Felsdom.
In das härne Gewand Erkenntniß und Wahrheit suchenden Sehnens
Ist nun endlich gehüllt meine irdischem Flitter abgewendete Seele.
Ja wahrlich! Gänzlich habe ich nun entsaget dem sinnebethörenden,
Nimmer doch wahres Genüge erschaffenden Hasten und Gehren;
Und also zerthauen die eisharten Krusten,
Die mich umstarrt mit ertödtender Kälte,
Namenlosen Jubels schwell' ich empor in die strömenden Lüfte,
Wachse hinauf in des Äthers allweite Zonen.
Losgestreift aus den stumpfumzirkenden Engen ichsüchtiger Selbstheit,
Fühle ich mich, in seligster Wonne erschauernd,
Zusammengegossen mit dem Alles im Schooße des Weltglücks
Umfassenden Wesen der Allheit!

II.

Was rauschtet ihr für wunderbare Hymnen,
Ihr sanftgeneigten Birkenhäupter
Durchs stumme, traumgewiegte Nachtesdunkel,
Das eure schneeige Hermelinumwandung nur,
Und durch die schwarzen Laubeshänge niedertropfend
Des Mantels Silberfluth zu lichten wagt?
Wie seltsamlich noch nie vernommene Melodie'n
Raunt mir des leisbeflügelten Windes Mund? —
Mir ists, als sei von jedem Dinge
Die äußere Trugumhüllung fortgezogen,
Als ob ich Jedes könnt' erkennen
In seines Wesens tiefster Eigenheit,
Als wenn ich lauschte an dem Urborn alles Seins und Werdens.
Erhabenes fühl' ich auf mich niederstürmen,
Noch nie geklungne Saiten beben sonderartge Lieder
Mir durch das Herz, das weltengroß sich dehnet;
Und Ungeheuerliches gähret tief in meiner Brust,
Daß heiligen Grauens ahnungsvoll es mich durchzittert.
[213]
Ein mattes Nebelmeer umwallt mir die schwindelnden Sinne,
Und aus ihm lösen sich geheimnißvolle Schattenbilder,
Die immer schärfer, klarer zu deutlichster Gestaltung mir sich festen.
Und was im Wandel fliehender Zeiten Großes erstanden,
Alles erscheint mir wie wiedergeboren,
Umschwebt mich zu wundergewaltger Erhebung.
Prometheus, nimmermüder Kämpfer
Wider falsche Scepter tragender Götter Frevelmuth,
Und Moses, Heiligthumserwecker,
Von des Dornbuschs flammenden Feuern Geweihter,
Und Jesus Dich, der Du in entsagender Hehrheit
Schwerster Leiden bittere Früchte gekostet,
Euch alle schau' ich in staunenbefangener Seele,
Von des heiligen Weltgeists Riesengriffen erfaßt.
An der Pfort' des Herzens stocket des Blutes
Strömung, gehemmet von seligem Schreck.
In Wonneklarheit flammt es mir durch die Seele,
Der ewige Geist des Alls durchschüttert sie mit seinem Läutrungsbade;
Zerreißen fühl' ich alle irdschen Bande,
Ich fühl's, ich weiß's, ich bin geweiht und bin gesalbt,
Bin auserkoren, auferweckt zum Heile;
Und mag der Dornenkranz mit seinen Stacheln
Mir noch so tief die Stirn zerfurchen,
Und jedes Leidens blut'ge Qual sich auf mich thürmen
Ich weiß, ich weiß, in mir erstanden ist ein neues Licht,
Und dieses Lichtes goldner Fackelbrand,
Bald leuchtet hin er durch die schattendunklen Lande,
Bis daß er niederflute in die Tiefe aller Seelen.
Zu neuen Sonnen soll die Menschheit wandeln,
Den Ausgang weis' ich aus des Elends Grüften,
Und künd' all' ihren Geschlechtern, verschmachtend im Joche,
Von Neuem die Lehre, die heilige Satzung,
Durch der Liebe Erhebung, des Mitleids Gral
Aus des Elends Jammer empor sich heben,
Ich bringe des Friedens mildlächelndes Antlitz,
Ich komme, ich nahe, zu befreien, zu erlösen!!!
[214]

III.

Leuchtet mir nicht allein des Taghimmels flammende Stirne,
Krönt sich mir nicht die Nacht mit des Mondes silbernem Reife?
Waren des dunkelen Waldes melodische Stimmen
Nicht nur ein Wiederhall dieser wundersam strömenden Klänge,
Die Seligkeit athmend meines Herzens Kirche durchwallten?
Stammte aus himmlischen Höhen der befiederte Pfeil nicht,
Der mir die Brust durchbohrte und die rosige Wunde mir schlug,
Der entquollen mein Glaube, die Kraft und das Wagniß? —
Schon schaute ich mich mit dem Pfluge des Geistes
Die Lande durchfurchend, die Seelen der Menschen,
Brennender Worte lohende Fackel tief in die Herzen versenkend,
In saphirnem Gewande hinschreitend zum sonnigen Äther, zum Lichte. —
Alles zerschlagen nun, alles zerrüttet;
Traumgleich verschäumen die blendenden Bilder
In entmastetem Boote treib' ich auf uferloser, unendlicher See,
Düstre Gestalten saugen sich fest mit spitzigen Nägeln
An meiner Seele zum kühn aufstrebenden Schwunge geöffneten Fittich;
Bitterer Zweifel schleicht sich heran mit blutleerem Auge,
In fahler Finsterniß versanken meines Lichtes Strahlengarben,
Zwerghaft verschrumpft ist meines Muthes stolzer Stamm,
Aus schmerzzerrissenem Herzen fleh' ich Rettungshülfe,
Und bebend stammeln meine Lippen auf zu der Sterne goldenen Räthselzeichen!
Warum — warum bin ich so tief herniedergesunken? — —
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Nein, nein, es soll nicht sein, es darf nicht sein!
Zerschlag', mein ermattetes Herz, mit wagendem Schwerte
Des Zagens bänglich bedrückende Sargesumhüllung,
Schüttele von dir den aschgrauen Staubesmantel,
Dessen Falten zu Falle gebracht deinen Muth.
Bin ich doch Herr meiner selber geworden,
Hab' ich nicht gesühnet all' meine sündigen Thaten?
Schritt ich nicht büßendes Fußes über sonnengeschmolzene Sandeseinöde?
Ist mein Wille nicht stark und mächtig wie des Sturmwinds Gewalt,
Der tändelnden Spiels Oceane zum Himmel emporstäubt
Und ihre Tiefe aufwühlt dem Auge des Tages!
Wozu denn in schwankendem Kleinmuth erzittern,
Mit trüblichen Nebeln umschleiern das Morgenroth,
Das gewißlich erscheinende?
[215]
Hab' ich vom Heileswerk das Halbtheil nicht schon jetzo vollendet?
Hab' ich in mir eine Welt nicht niedergezwungen? —
Vergeh', sei hingescheucht vor neuem Windesodem,
Du der Beklemmniß dumpfer Qualen, du Zweifelsangst, —
Ja, ich werde sie heilen, die klaffende Wunde,
Welche die Seele der Menschheit zerspaltet,
Aus der des Elends bittere Thräne,
Aus der des Frevels Sündenblut entträuft!!

IV.

Hoch steh' ich entrückt dem Erdengetümmel,
Durchschauert vor stürmender Wonne erhabener Einsamkeit;
Zu niederem Kraut zusammengebückt grünt drunten
In tiefentlegener Thaleseinsenkung
Des stattlichen Buchwalds hochkronige Ebne;
Rings in der Runde schwellen empor die Bergesaltäre,
Des Himmels Schale mit trotzigem Nacken zu durchbrechen begehrend,
Und um ihre stolzen Glieder lichtweiß geschlungen
Wallen hernieder des ewigen Schnees prangende Strahlengewinde.
Aber wie ich so schaue durch schimmernd krystallene Äthergefilde,
Verlorenen Blicks hinträume, auf Flügeln sonnigen Strahlengefährtes
Unermessene Räume himmlischer Lüfte durchwallend,
Ist derweilen ein sturmgeprüftes, düster gefaltetes Wolkenmeer
Aus ferner Tiefe des Thales emporgebrandet hinter der Bergwand
Und schlägt sein wild entfesseltes Wogengewand
Rings um zeittrotzender Felsen erzene Panzer.
Bald furchen des Blitzstrahls flammende Schwerter die zitternden Lüfte,
Mit tosendem Donnerschlage die Wetterlawinen zusammen.
Und zum angsterbebenden Erdball sauset
Des Hagels schneidender Geiselhieb nieder. —
Wahrlich, o Menschheit, durch deine Tempel, durch deine Seelen
Muß auch also jagen ein machtvoll zertrümmerndes Wettergewölk,
In den Staub mußt du sinken
Und niederbeugen die hoffart-eitele Stirn;
Beim Sündenmahle jauchzest du,
Blüthenumkränzt, duftberauscht,
[216]
Als ekle Dirne wird verfeilscht
Jed' himmelentsprossenes Gut
Und schwerer Tag um Tag
Wälzest du die Frevellast dir auf die Seele.
— Aber ich will dich reißen aus matter Sündenverkommniß,
Hebe empor dein erdwärts gewendetes Auge,
Heb' es empor zu den wankenden Bergen,
Siehe, wie die Blitze zerschmelzen der Felsen eiserne Gürtel; —
Ja, mit Sturmgebrause werd' ich über dich kommen,
Mit Sturmgebrause aus verfluchter Sündennacht dich zwingen,
Mehr sollst du zittern dann als das schwankende Rohr
Am windgeöffneten Ufer!
Durch mich wird dir das Heil das Herz durchleuchten,
Doch weisen nur will ich dir den himmelanführenden Lichtpfad
Erklimmen ihn sollst du mit eigenem Willensflug,
Des kühnen Kampfes Noth kann erst die rechte Weihe geben,
Und nimmer eröffnet sich mühlos dir die himmlische Pforte!! — —
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Tarantella

[217]
Ricciolella wollte tanzen.
Will denn Niemand mit mir tanzen?
Ach ich arme Ricciolella!
Tanzte gern die Tarantella,
Aber doch nicht gern allein,
Freute mich so gern zu Zwei'n.
Kommt, ihr Mädchen, kommt, ihr Knaben!
Wollt ihr mich zum Tanze haben?
Ricciolella wollte tanzen.
Niemand wollte mit ihr tanzen.
Arme, arme Ricciolella!
Niemand tanzt die Tarantella.
„O wie träg seid ihr geschaffen!
Wollt nicht tanzen, wollt nur gaffen,
Greift nie zu, seid nie dabei.
Doch ich will tanzen, mit wem's auch sei.“
Ricciolella lief hinaus.
Traurig auf das Feld hinaus,
Fand dort ihre weißen Schäflein.
„Tanzt mit mir doch, liebe Schäflein!“
Doch die Schäflein blieben stumm,
Sahen gar nicht nach ihr um,
Fragten nichts, wohin sie geh,
Fraßen fort an ihrem Klee.
[218]
Ricciolella rief den Vöglein:
„Tanzt mit mir doch, liebe Vöglein!
Seid ihr schon müde, die Flügel zu heben,
Über die Erde zu flattern, zu schweben?“
„Schilt nicht, schilt nicht, Ricciolella!
Tanz für dich die Tarantella.
Tanzen schon den ganzen Tag,
Daß es uns nimmer freuen mag.“
Ricciolella rief den Bäumen:
„Wachet auf, aus euren Träumen!
Laßt vom Wind euch wiegend neigen,
Tanzt mit mir den lustigen Reigen.“
Durch die Bäume ging ein Rauschen;
Ricciolella mußte lauschen:
„Stille, stille, Ricciolella!
Weck' uns nicht zur Tarantella.“
„Nun so komm, du lieber Wind,
Spiel um meine Haare geschwind.
Bist doch ein lustiger Tanzgesell,
Drehst dich im wechselnden Wirbel so schnell.“
Und der Wind über die Haide schnob,
Blies ihr grad in's Gesicht so grob:
„Ha, ich bin ein freier Mann!
Fang dein Spiel mit Andern an.“
Ricciolella nahm die Flucht,
Floh bis hin zur Bergesschlucht.
„Berg, komm doch herab zur Wiese,
Lerne tanzen, plumper Riese!“
Zornig begann der Berg sich zu rütteln,
Drohend mit dem Kopf zu schütteln;
Grollte grimmig fort noch lange.
Ricciolella wurde bange.
Ricciolella kam zum Meere,
Ob ihm Lust zum Tanze wäre;
„Meer, du kräuselst Well auf Welle;
Tanz mit mir die Tarantelle!“
[219]
Nichts drauf sagt das alte Meer,
Athmet tief und athmet schwer,
Schüttelt im Traum die Locken dann,
Fängt im Schlaf zu stöhnen an.
Ricciolella rief die Sterne:
„Bleibt so spröd nicht in der Ferne!
Könnt euch so schön im Reigen drehn;
Wollt ihr nicht auch mit mir gehn?“
Doch die Sterne höhnisch blinken,
Wollen gar zu hoch sich dünken
Für die arme Ricciolella;
Tanzen nicht die Tarantella.
„Englein, saget ihr auch nein,
Liebe, liebe Engelein?
Was habt ihr zu thun, ihr vielen,
Als mit uns, den Menschen, zu spielen?“
„Ach, wie so gerne tanzten wir wieder,
Möchten zur lieblichen Erde hernieder!
Doch wir stehn in strenger Zucht
Und der Meister wehrt die Flucht.“
Ricciolella findet Keinen.
Soll sie zanken? soll sie weinen?
Arme, arme Ricciolella,
Keiner tanzt die Tarantella;
Haben alle Zweifel, Bangen,
Keiner wagt es anzufangen,
Keiner wagt's auf dich zu hören.
All' umsonst ist dein Beschwören.
Ricciolella jäh ergrimmt,
Fest ihr Herz zusammennimmt.
„Wollt ihr denn nicht mit mir tanzen,
Will ich mit mir selber tanzen.
Brauche nicht nach euch zu sehen,
Kann mich selbst im Tanze drehen.
Fügt ihr euch nicht meinem Sinn,
Fahrt in Gottes Zorn dahin.“
[220]
Ricciolella maß die Schritte,
Setzte nach dem Tact die Tritte,
Nach dem Tact der Kastagnetten
Schlang sie ihre Zauberketten,
Vorwärts, rückwärts, in die Weite,
Rechts und links nach jeder Seite,
Stehen, drehend nun im Kreise,
Kunstvoll nach der rechten Weise.
Ricciolella, Ricciolella,
Hei, du kannst die Tarantella!
Hei, wie die Kastagnetten knattern!
Hei, wie die Haare im Schwunge flattern!
Vöglein auf aus eurem Nest!
Wachet auf! Hört ihr das Fest? —
Wie sie staunen, wie sie schauen!
Wie sie kaum den Augen trauen.
Sieh, der Mond wollt' untergehn.
Aber grad' bleibt er noch stehn,
Will sie noch ein Weilchen sehn,
Möchte gar noch rückwärts gehn.
Und die Sterne, die da schleichen
Ihre Ziele zu erreichen,
Thäten fast vom Wege weichen,
Müssen nun vor Neid erbleichen.
Und der Wind, der wilde Mann,
Ha! er hält den Athem an.
Und die Schafe schauen auf,
Hören gar zu kauen auf.
Und die Bäume schütteln sich,
Denken still: Wie wunderlich.
Und das Meer hört auf zu rauschen,
Hebt das Haupt, um auch zu lauschen.
Ricciolella, Ricciolella,
Königin der Tarantella!
Stolz magst du nun um dich sehen;
Sieh wie Alle nach dir spähen.
[221]
Stolz magst du dein Haupt erheben,
Sieh wie Alle um dich streben,
Wie sie kommen, wie sie drängen,
Wie an deinen Schritten hängen.
Doch auf nichts sieht Ricciolella,
Tanzt für sich die Tarantella.
Tanzt mit Ernst und meisterlich,
Sieht nicht vor, nicht neben sich.
Doch die andern aller Enden
Können nicht den Blick mehr wenden,
Können nicht mehr sich bezwingen,
Müssen mit im Tanze springen.
Wer sprang zuerst in den Tanz hinein?
Das war ein ganz kleines Sternelein.
Zuerst zwar fiel's aus dem Tact heraus,
Doch stand's wieder auf, und macht sich nichts draus
Da dies die Engelein erblicken,
Fangen sie an sich zum Tanze zu schicken.
Ach, sie tanzen ja so gerne!
Drauf beginnen alle Sterne.
Anfangs traut der Mond sich nicht,
Wieget dann langsam sein rundes Gesicht.
Artig kommt der Wind ganz leise,
Dreht sich sanft um die Schöne im Kreise.
Dann beginnt's in den rauschenden Bäumen,
Und das Meer braust auf mit Schäumen.
Auf und nieder wogt die Welle
Nach dem Tact der Tarantelle.
Immer größer wird der Reigen,
Die Vöglein schaukeln sich auf den Zweigen,
Und die Schafe springen darunter.
Werden nicht bald die Berge munter?
Ja sie wackeln, ja sie humpeln!
Wie sie stapfen, wie sie rumpeln!
Tanzen gar die Tarantella!
Sieh, da lächelt Ricciolella.
[222]
Ricciolella das Haupt erhebt,
Königlich einher sie schwebt.
Schneller schlägt sie die Kastagnetten;
Will sie mit dem Winde wetten?
Ihre Augen glühend blitzen;
Will sie die Sterne überglitzen?
Listig lächeln ihre Wangen;
Will sie gar die Engel fangen?
Ihre Haare läßt sie fliegen;
Eile Wind, willst du sie kriegen!
Stolz erhoben schwebt sie her,
Wie die Cypresse schlank und hehr.
Über die Wiese fliegt sie hinweg,
Wie ein Vöglein leicht und keck.
Lieblich wallet ihre Brust;
Und das Meer jauchzt auf vor Lust.
Alles im kreisenden Wirbel sich dreht.
Ricciolella plötzlich steht,
Wirft triumphirend mit Herrscherblick
Ihre Haare ins Genick.
Ha, nun schwillt ihr Herz in Wonnen,
Einen Tanz hat sie begonnen,
Der faßt die Erde in ihren Gründen,
Muß die Welt in Lust entzünden.
Ricciolella, sieh nur hin!
Du bist doch die Meisterin!
Mit dem Blick den Tanz sie lenkt,
Auf der Brust die Arme verschränkt,
Stampft die Erde mit dem Fuß,
Daß im Takt sie bleiben muß,
Wirft die Arme nun auf zum Himmel,
Ruft hinein in das tolle Getümmel:
„Heia hei, heia hei!
All' zusammen, all herbei!
Tanzt ihr auch die Welt entzwei,
Immer weiter! Heia hei!“
[223]
Immer wilder jagt der Chor —
Sieh, da hebt sich die Sonne empor,
Über die Welt hin strahlt ihr Glanz
Und zerstoben ist der Tanz.

Wie liegt die Welt...

Wie liegt die Welt im Sonnenschein
Zu meinen Füßen klar und rein.
Im Wind regt leise sich der Baum:
Mir fällt der Tau in meinen Wein.

Übermuth an allen Ecken...

Übermuth an allen Ecken:
Wohinaus noch, gute Welt!
Rosen wachsen auf den Hecken,
Und im Golde starrt das Feld.

Warum nur mich?

Im goldnen Abendsonnenstrahl
Entzücktes Auge überall
Die heitre Menge froh durchstreift,
Von Schönem frei zu Schönem schweift.
Doch Einer immer folgt mein Muth,
Nach Einer nur drängt all mein Blut,
Nur Eine missen könnt ich nie:
Warum nur sie? Warum nur sie?
Sie tritt einher, so herrscherhaft,
Als wär allein sie Geist und Kraft,
Allein sie Licht, die andern vielen
Nur Stäubchen, die die Sonn' umspielen.
Und diese Sonne flammt entzündet,
Wenn Einen nur ihr Lichtstrahl findet;
Den trifft sie glühend innerlich:
Warum nur mich? Warum nur mich?

Begegnung

[224]
Fühl ich, o Hehrste, dich
Vorübergehen,
Fällt's wild in meine Brust
Wie Sturmes Wehen.
Ein Beben faßt mein Herz,
Ein banges Drängen,
Und jeden Widerstand
Möcht' es zersprengen.
Es facht mein Feuer an
Zu hellen Flammen,
Auflodert all mein Muth
Und bricht zusammen.
Du weichst — ich seh' den Staub
Noch deinen Fuß umkräuseln, —
Und durch die Seele zieht's
Wie sanftes Säuseln.

Wahn und Wirklichkeit

Als der Duft der ersten Veilchen
Über meine Stirne flog,
War es, daß ein wundersamer
Traum in meine Seele zog.
Und zwei Sterne sah ich leuchten,
Stilles Blinken heilger Nacht;
Und mein Auge mußte schauen
Hingebannt nach solcher Macht.
Wie das Angesicht der Göttin
Sah der Mond herab so gut
Und mein Herz wallt' ihm entgegen
Wie die liebevolle Fluth.
[225]
Eine Sonne sah ich glänzen,
Schönres wurde nie mir kund
Und ihr Glänzen war wie Lächeln
Von melodischestem Mund.
Und der Sonne warme Strahlen
Spielten mir um meine Brust,
Sorgsam so wie Mutterarme
Hoben sie mich auf vom Dust.
Trugen mich durch leichte Lüfte
Nach dem Glanz, dem Himmelslicht
An das heiße Herz der Sonne,
Aber ich verbrannte nicht.
Unzerstörbar meine Glieder,
Unversiegbar heiß mein Blut,
Ohne Leiden meine Seele,
Unbesiegbar hehr mein Muth;
Ohne Gränzen die Gedanken,
Unverschleiert war die Welt, —
Da hat eine böse Krähe,
Mich aus allem Traum gegellt:
„Thor, was närrst du deine Seele
Mit dem nächtlich eitlen Trug?
Tag ist's; gehe hin und schaffe,
Denn zu schaffen giebt's genug!“
Und ich schlich beschämt nach Hause,
Hatte wahrlich wenig Lust,
Denn noch spielten Veilchendüfte
Mir um meine Stirn und Brust.
Ach, was ist mit allem Mühen,
Was mit aller Qual gethan!
Und mein Traum erschien mir wirklich
Und die Wirklichkeit ein Wahn.

Zu spät

[226]
Nie, arme kleine Knospe, wird
Dein Kelch der Sonne sich erschließen,
Du hast dich in die Welt verirrt
Zur Zeit, da Blumen nicht mehr sprießen.
Warum hast du so lang verweilt?
Der Sommer war ja längst gekommen.
Wenn dich der Winter nun ereilt,
Gleich ist dir jede Lust genommen.
Ach, ich beneide deinen Traum,
Den du im Erdenschoß geträumet.
Dich weckte all der Jubel kaum
Und immer hast du noch gesäumet.
Sieh um dich her die Schwestern weich
Vom Strahl des Tages schnell getroffen,
Sie neigten sich der Liebe gleich;
Bald waren ihre Kelche offen.
Sie hauchten ihre Düfte aus,
Von Lieb und Demuth hold bezwungen,
Dir haben in der Mutter Haus
Umsonst die Vögelein gesungen.
Sie gaben ihre Blüthen hin —
Der Wind entführte ihre Blüthen;
Du thatest wohl in herbem Sinn
Der eignen Blüthe neidisch hüten.
Nun stehen sie entblättert da,
Getödtet durch zu heißes Lieben,
Nur dir kam nie die Liebe nah,
Nur du bist ungeküßt geblieben.
Und sieh! es lockte dich im Hag
Doch alle Tage gleiche Wonne,
Die Vöglein fangen jeden Tag
Und jeden Tag ging auf die Sonne.

Erwachen

[227]
Einen weißen Federflaum
Fand am Fenster ich den Morgen,
Als der Tag aus wirrem Traum
Mich erweckt zu süßen Sorgen.
Und ich blick' erstaunt hinauf
An den frischen Morgenhimmel,
Sehe dort in leisem Lauf
Ziehn der Wolken leicht Gewimmel.
Ja, sie ziehn in breitem Zug
Zwischen mir und jener Gegend. —
Ist es Wahrheit? Ist es Trug?
Sind's nicht Schwäne flügelregend?
Ist mein Liebchen gar vielleicht
Solch ein heimlich Zauberwesen,
Das als Schwan die Luft durchstreicht,
Wie in Märchen ich gelesen?
Schön in menschlicher Gestalt,
Hat sie traut besucht mich gestern,
Nachts in Zauberbanns Gewalt
Schwärmt sie mit den Schwanenschwestern.
Fliegt bis an mein Fensterbrett,
Putzt das weiße Schwangefieder,
Während einsam ich im Bett,
Wälze sonder Ruh die Glieder.

Der nur kann sich wissend nennen...

Der nur kann sich wissend nennen,
Der die Thorheit hat erkoren.
Der nur kann die Freiheit kennen,
Der die Freiheit hat verloren.
Der kann seine Macht nur ahnden,
Der zu spät, zu spät gefunden,
Daß er sich in eignen Banden,
Ach, durch eine Macht gebunden.

Abend im Prater

[228]
Des Sommerabends feurig Glühn
Lag auf der Praterauen Grün.
Ein frischer Wind von der Alpen Saum
Wob in dem dämmerrothen Baum,
Warf bald der Wipfel rauschende Flammen
Mit seinem muntern Weh'n zusammen,
Oder vergaß das Rascheln und Rauschen,
Selber den Weisen von drüben zu lauschen,
Wo in den dunkelnden Abend hinaus
Wiegend erklang ein Walzer von Strauß.
Sinnend lag ich im duftenden Gras
Gar nicht übel gefiel mir das,
Fühlte mich so fröhlich und frank,
Wahrlich dem Schicksal wußt' ich's Dank,
Daß es an dieser Stätte traut
Mir das Haus der Kindheit erbaut,
Breit mir die Bühne der Welt entfaltet,
Lebensfreudig den Sinn mir gestaltet,
Daß es im Wechsel von Welken und Sprießen
Mich gelehrt, des Tags zu genießen,
Mich des Schätzleins, der lieben Getreu'n
Und des klingenden Liedes zu freu'n.
Gar mancher Lenz ist hold ersprossen,
Seit mir der Garten des Lebens erschlossen,
Und ob in Nebel dem werdenden Mann
Manch Traumgespinst des Jünglings zerrann,
[229]
Stets hob sich aus dem graulichen Flor
Siegreich und schöner der Tag empor,
Der Seele Dämmer rosig erhellend,
Mit Lebensodem den Busen schwellend.
Dem Einen bin ich hingegeben:
Dies Leben voll und ganz zu leben,
Mit der Welle zu wandern, zu jagen im Wind,
Der ewigen Mutter lebendiges Kind,
Im Sonnenglanz ein strahlender Ritter,
Geduckt und still im Ungewitter.
Mein ist die Sonne, die Rose am Rain
Und die funkelnden Sterne der Nacht sind mein.
Will daheim mich fühlen im Erdenhaus,
Das ist mein Recht, das üb' ich aus...
Müd' war der Tag hinabgesunken.
An den Wolkensäumen die letzten Funken,
Des Sonnenfeuers verkühlender Glast
Waren zu grauer Asche verblaßt,
Und ich verließ die dunkleren Auen,
Drüben das Volk der Phäaken zu schauen.
Da dröhnte das Ohr vor Trommeln und Blasen,
Der Teufel erschlug den geduldigen Hasen,
Nach der Orgel liefen die hölzernen Pferde
Und jauchzende Tänzer stampften die Erde;
Gesang dazwischen und Büchsenknall, —
Phäakensonntag überall.
Das ist das neue Paradies,
Das keinen von seiner Schwelle wies;
Und wär's der traurigste Geselle,
Hier wiegt ihn sanft des Frohsinns Welle.
Inmitten dieses Volks von Kindern
Fühlt er die Adamslast sich mindern,
Und kräftiger, als alle Lethe
Heilt ihn des Wurstels Holztrompete.
[230]
Mich aber drängte sehnsuchtgeschwellt
Mein Herz, zu rasten am Herzen der Welt.
Zu schlummernden Auen, vom Monde verklärt,
Bin ich auf verlass'nen Pfaden gekehrt,
Saß unter den Eichen nieder, den alten,
Und hab' mit den Sternen Zwiesprach gehalten.

Frühling

Nun ist die Welt in Rosen erwacht,
Gelöst ist die liebliche Fraue.
In Stücken zerbrach der Stirnreif der Nacht,
Und im Morgen lacht
Der blühende Wald und die Aue.
An die Reise nun geht der rieselnde Quell,
Es schimmert die Näh' und die Ferne.
O Tag, sei du mein Trautgesell
Vielhold und hell,
Dir wollt' ich dienen so gerne.
Auf Lerchenschwingen steigt mein Gesang,
Sich über den Wolken zu wiegen.
Doch was im tiefsten Herzen erklang,
Nie laut sich erschwang,
Das wahr' ich getreu und verschwiegen.
Nur Eine hörte das heimliche Wort,
Das Rufen der Lust und des Leides.
Nicht weiß ich den Tag und nicht den Ort —
Sie küßte mir fort
Vergessen und Wissen, beides. —

Schlummerlied

Langsam, ihr funkelnden Sterne der Nacht,
Schreitet dahin im Reigen.
Rauschender Wind, nun wehe sacht,
Wiege dich sanft in den Zweigen.
[231]
Denn die Liebste hat kosensmüd
Schlummernde Lider geschlossen.
Rosenfarbe, heimlich erglüht,
Ist auf ihr Antlitz gegossen.
Ihr zu Füßen mein Leben ruht,
Wonniges Lauschen und Sinnen!
Ferne hör' ich die heilige Fluth
Dieses Daseins verrinnen.
Wunderseligen Wiederhall
Weckt mir das ewige: Werde!
Und ich segne mein Heim das All,
Und den Staub dieser Erde. —

Abschied

Und als die schwüle Nacht den Schleier hob,
Da ließ von mir die tödtliche Maenade.
Sie sah mich an, ein Graunbild ohne Gnade;
Mein Blut ward Eis, der Rausch der Lust zerstob.
Und in die Brust, d'ran ihre Lippe lag,
Eingrub der Schmerz die grimmen Pantherzähne.
Dumpf sank ich hin, das Auge ohne Thräne —
In's Leben aber rief der graue Tag. —

Hätt ich wollen sein ein Weiser

Flammend stand das Mene-tekel
Lang an meiner Wand geschrieben.
Grimme Scham und tiefer Ekel
Wär mir leicht erspart geblieben,
Hätt ich wollen sein ein Weiser.
Aber ich gebot als Kaiser
In des Traumlands reichen Fluren.
Nah war mir die ewge Ferne,
Und es folgten Mond und Sterne
Meinen Spuren.
[232]
Bei mir saß der Kaiserin
Wunderbild aus Gold und Steinen.
Zärtlich hielt ich ihre Hand
Und versprach ihr all mein Land,
Wenn sie einmal wollte weinen.
Denn ob sie nur Stein und Gold,
Lachen konnt sie wunderhold,
Also künstlich war das Bild.
Nur der Thränen
Tiefes Sehnen
Mußte bleiben ungestillt.
Meinen Wahnsinn zu bestärken,
Sprach ich oft von ihrer Seele,
Hieß sie Englein ohne Fehle;
Freilich hätt ich können merken,
Was der Rabe krächzte heiser,
Hätt ich wollen sein ein Weiser.
Und dann ist der Tag gekommen,
Da der Traum mir ward genommen.
Mond und Sterne sind dahin,
Seit ich nun ein Bettler bin.
Lächelnd ließ ich meinen Thron,
Lächelnd trug ich Acht und Hohn,
Aber Eins ist nicht zu tragen:
Eh ich ging aus meinem Reiche,
Hab ich erst mit wilden Streiche
Das geliebte Bild zerschlagen,
Das ich oft mit Thränen tränkte,
Drein ich meine Seele senkte.
Und es waren wirklich Steine,
Spitze, stumpfe, große, kleine.
In dem Kopfe zwei Demanten,
Rund geschliffen, ohne Kanten;
Statt der Lippen zwei Rubinen,
Welche noch zu lächeln schienen,
[233]
Und ein Blutstein in der Brust,
Daß ich endlich merken mußt',
Wie ein solches Bild von Steinen
Nicht kann weinen.
Also wirklich? Kann es sein?
Küssen kann ein Bild von Stein?
Lachen, wie am Maientag
Rosen lachen in dem Hag,
Lauschen, wie da Sterne lauschen,
Wenn im Mond die Wasser rauschen;
Lieblich kosen, schmälen, greinen —
Und nicht weinen?
Wenn ich oben wär geblieben,
Statt den Traum der Nacht zu lieben,
All den Ekel, all das Wissen
Hätt ich leichtlich mögen missen.
Und nun könnt ich mit den Andern,
Statt im dumpfen Haus zu stocken,
Auf den hellen Straßen wandern;
Trüg' ein Kränzlein in den Locken
Statt der spitzen Dornenreiser,
Hätt ich wollen sein ein Weiser. —

Flucht

Lieber will ich ohne Zagen
Schreiten durch der Hölle Thor,
Als wie Deine Nähe tragen,
Nun ich ewig Dich verlor.
Deine sanften Augen rufen
In die Sonnenbahn mein Herz,
Und ich muß die schwarzen Stufen
Schauernd schreiten niederwärts.
[234]
Leise Liebesworte werben
Jeden Tropfen Blutes Dir.
Laß mich ringen, laß mich sterben,
Aber schaue nicht nach mir.
Ob Dein Herz an meinem zittert,
Ach, schon bist Du mir entrückt,
Und vergiftet und verbittert
Ist der Trank, der uns entzückt.
Ewig schied ein Wort uns Beide,
Nur der Fluch getreu mir blieb;
Und ihm schärft die Schwertesschneide
Deine Schönheit, bleiches Lieb. —

Kein Ende

Jene Hand, die im verworrnen
Traume dunkler Schmerzensnächte
Mir den Kranz gereicht von Dornen,
Hält ein blühendes Geflechte
Junger Rosen;
Und die zarten Lippen, welche
Einst gedroht als Todeskelche,
Lächeln, kosen.
Was ich ringend nie erstritten,
Schwebt nun sanften Flugs herbei,
Und der Liebsten Augen bitten:
Ach, verzeih!
Also laß ich steuerlos
Traumwärts treiben meinen Nachen;
Denn der Tag ist nackt und bloß,
Und ich will nicht wachen. —

Das All

[235]
Im ewgen All ist Harmonie:
Das Morgenroth, das Abendroth.
Da eint, als herrlicher Accord,
Das Leben sich dem schrillen Tod.
Nur in der flücht'gen Menschenbrust
Trennt sich die Wonne von der Pein.
Und all sein zuckend Fühlen denkt
Er in das todte All hinein.

Märchenglaube

Lach' nicht des Kindes Märchenglauben,
Was ist's denn, was dein Geist erfand?
Was sind die Bibeln, die Systeme
Denn anderes als Märchentand?
Ein Jeder dichtet seinen Himmel
Wie's ihm behagt in's Blau hinein,
Und über einem Märchen brütend
Schläft endlich er ermüdet ein.

An meine Mutter

[236]
Der reinste Demant dieser Erde,
Das köstlichste, das reichste Erz,
Die schönste Sonne aller Sonnen,
Es ist das treue Mutterherz!
O Herz so tief, so unergründlich,
O Herz so wahr, so gut, so rein —
O ewig wie der Weltenlenker
Kann nur die Mutterliebe sein!
Selbstsüchtig ist sonst jede Liebe,
In ihrer Qual, in ihrem Glück,
Sie giebt ihr Herz dir hin, doch fordert
Sie auch dein Herz dafür zurück;
Nur einer Mutter großes Lieben
Giebt sich dem Kinde ganz dahin
Und fordert nicht, o, schon das Geben
Ist überreichlich ihr Gewinn.
O Mutterherz, o Mutterliebe,
Wer kann dich hier ermessen doch,
Du Herz, ob auch vom Kind gebrochen,
Im Sterben segnest du es noch!

Der Arme

Die Armuth gab ihm dieses Leben
Zur Armuth und zur blassen Pein —
Im Kothe war einst seine Wiege,
Und wird sein Sterbebett auch sein.
Vom ersten Schrei verdammt zur Dummheit
Und ausgeschlossen von dem Licht —
Für ihn erschien ja der Erlöser,
Der milde Gott der Künste, nicht.
[237]
Mit Stumpfheit durft' er nur verkehren,
An Rohheit war er festgebannt,
Er stank nach Schnaps und kaute Tabak —
Roh wie sein Kittel der Verstand.
Und seine Lippen lernten Fluchen,
Stets blieb er stumpf, stets blieb er dumm —
Die langen Jahre hast'ger Arbeit,
Die drückten seinen Rücken krumm;
Und kraftlos wurden seine Hände
Und betteln mußt' der arme Mann — —
Daß selbst ein ganzes ems'ges Leben
Kein ruhiges Sterben geben kann!

Die welke Rose

Gewiß, du wirst auch sie vergessen,
Wie ihn, der dir die Rose gab —
Die arme kleine Leiche ruhet
Dann still in dieses Buches Grab.
Doch lockt es dich durch diese Blätter,
Durch deinen Friedhof hinzugehn,
Gewiß, dann wird die Blumenleiche
In Duft und Jugend auferstehn;
Dann wirst du weinend ihn erblicken
Der sie dir einst beim Scheiden gab,
Und leise, leise wirst du beten
Als knietest du an seinem Grab.

Sphinx

Du schönes Kind schau' mir in's Angesicht
Und sprich von Liebe mir ein kleines Wort —
„Ich liebe dich — (ich hasse dich ja nicht —
Der Narr, geht er denn immer noch nicht fort?!)“
[238]
Komm, küsse mich, o bleiche Lilie du,
Ich küss' dafür dich wie die Rose roth —
„Ich bin recht müd', mir fällt die Wimper zu
Bei dem Geschwätz langweil' ich mich zu Tod.“
Komm', plaudre mir geheimnißvoll und sacht,
So wie die Quelle unter'm Mondenstrahl —
„Ich bin gewiß recht häßlich überwacht,
Das Haar wie wirr, die Wange wie so fahl.“
„Ich muß jetzt fort! Nein, bleibe noch bei mir!
(Gott Lob, er geht! wie ist zerdrückt mein Kleid)“
Doch morgen, morgen fliege ich zu dir!
„(Schon morgen? — läg' das Morgen doch recht weit!)“
Gieb einen Kuß — „(Er geht noch immer nicht!)“
Noch einen Blick — „(Noch immer folgt ein ‚dann‘!)“
Sag' mir, warum so schön dein Angesicht?
(„Damit ich dumme Gimpel leimen kann.)“
Jetzt lebe wohl! „Willst du denn wirklich gehn?
So schlafe süß und träume hell und sacht —
Und gute Nacht — auf Wieder-, Wiedersehn!“ —
Auf Wiedersehn, mein Kind, und gute Nacht!
„(Er geht! Es war recht häßlich mein Gesicht —
Er fand es schön — — er schmeichelte vielleicht?
Wie leicht man doch das Wörtchen ‚Liebe‘ spricht
Und wiederum wie glaubt man es uns leicht!
Das Armband hat er endlich mir gebracht —
Ob echt die Steine? morgen leg ich's an — —
Doch jetzt zu Bett! es flieht so schnell die Nacht!
Ein Seidenkleid wünsch ich mir, nun und dann...)“
Sie schlummert schon. Er aber wacht in Qual,
Und lauscht wie träge jede Stunde rinnt —
Und als der Morgen naht so blaß, so fahl,
Da betet heiß er für sein bleiches Kind. —

Sie

[239]
Ein Thé dansant — langweilige Gesichter,
Langweilig plump ist auch ein jeder Fuß —
Schon brennen am Klavier die Schreckenslichter,
Man ahnt gequält den kommenden Genuß.
Da sah ich sie — die Fee der Mondenstrahlen —
Die rosig unter allen Basen stand —
Ich wett', die Stiefelchen sind Wallnußschalen,
Und Spinnweb ist das duftige Gewand!
Hin huschte sie — da schien es mir, es biegen
Die Stühle sich der Zauberkönigin — — —
Die beiden Füßchen, sieh zwei lose Fliegen
Die huschen neckisch über'm Teppich hin.
Zwei wilde Fliegen hasten sie vorüber,
Purr — surr, so tönt's dem bleichen Träumer zu —
Da seufzt er auf, sein blaues Aug' wird trüber,
Sie fing sein Herz in ihrem kleinen Schuh.
Und Hochzeit ward's. O süße, flücht'ge Stunde,
Da endlich man zum ersten Mal allein!
Die alte Wanduhr schnarrt' mit rauhem Munde
Mißmuthig just ein lautes „Ein.“ —
Da klopfte er an seines Himmels Pforte,
Ein leises Husten scholl zu ihm heraus — —
O schöner wohl als alle leeren Worte
Sagt dieser Klang: „Tritt ein, du bist zu Haus“ —
Schnell trat er ein — vom Kissen fast bedecket
So lag sie da, ein wildes Vögelein —
Ein Mäuschen, das sich zitternd hat verstecket,
Da just der graue Kater tritt herein.
Da warf er sich, sie stürmisch küssend, nieder.
Sie küßte wieder, doch so bang, so scheu — —
Kehrt auch die schöne Stunde nimmer wieder,
Sie schaffet schöne Stunden immer neu!

Allvaters Anrufung
(Deutsch-Österreichisch)

[240]
Der Du einst im Waldesrauschen
Deinem Volke Dich genaht,
Daß sein Herz in brünst'gem Lauschen
sich entzündete zur That,
Der Du standst an Deutschlands Seite
immerdar und allerorts,
Kraft-Verleiher warst im Streite,
Spender tiefen Weisheits-Worts,
Wir, von Deinem Blut geboren,
Gott der Deutschen, nahen Dir,
Wir in fremdem Volk verloren,
Dich Allvater, rufen wir,
Hast es manchesmal gesehen
jenes Schauspiel voller Gram,
Sahst aus Deutschland Deutsche gehen,
deren keiner wiederkam.
Die in Angst vor fremden Spöttern
sich des Vaterlands geschämt,
Opfer brachten fremden Göttern,
sich mit fremdem Kleid verbrämt;
Hör' uns rufen, hör' uns schwören,
wir sind treu und wir sind Dein,
Unser Land soll uns gehören,
unsres Landes woll'n wir sein!
Sieh, der Fremdling will's verhindern,
altes Recht er schreibt es neu —
[241]
Vater bleibe Deinen Kindern,
Gott der Deutschen, bleib' uns treu!
Schüttle Deine heil'gen Locken,
wecke die allmächt'ge Hand,
Daß der Eindringling erschrocken
weiche aus dem Deutschen Land,
Daß er zagen lerne, zittern
vor urew'ger Majestät,
Wenn in heil'gen Ungewittern
Deutsche Gottheit aufersteht,
Daß das Herz uns muthig werde,
stark in neuer Zuversicht:
Vater-Gott und Vater-Erde
raubt uns Macht der Menschen nicht.

Daniel in der Löwengrube

Wende Dein Antlitz mir zu, o Herr,
Denn mich dürstet nach seinem Lichte!
Mich umnachtet Entsetzen und Grau'n.
Schick' Deinen Odem mir zu, o Herr,
Denn mich verlangt nach seinem Wehen,
In mir ringet Leben und Tod!
Du hörst mein Rufen, ich weiß es!
Ob ich stehe in Wolken des Himmels
Weit entrückt den Gefilden der Flur,
Auf des Gebirges zackigem Haupt —
Oder liege, umgähnt von Schlünden,
In der Erde gräßlichem Bauche,
Du vernimmst meine Stimme, o Herr!
Dein Blick ist auf mir, ich weiß es!
Ob Deine Sonne den Himmel durchwandelt,
Tränkend die Welten mit Licht,
Oder Orion die Nacht durchflammet
Und des Wagens siebenstirnige Pracht, —
Du siehst meine Nöthe, o Herr! —
Schrecken waffnen sich wider mich!
Brüllend lechzet nach mir der Tod!
[242]
Schaudernde Ängste, ein eisiger Strom,
Wälzen sich über den sterblichen Leib!
Recke die Hand, o Herr und rühre an meine Seele!
Daß sie auf himmlischen Schwingen sich hebe
Aus des Entsetzens erstarrender Fluth.
Haß und Verhöhnung umtoben mein Ohr —
Zagend verstummet die Stimme der Hoffnung —
Öffne den Mund, o Herr und rede zu meiner Seele,
Daß sie erwache aus todtem Verstummen!
Gedenk' o meine Seele
Daß Du entstammst von Gott,
Sei muthig drum im Unheil
Und trage stolz den Spott!
Streb' auf, o meine Seele,
Sei würdig deines Herrn,
Er harret, daß du kommest
Und er empfängt dich gern!
Soll er herab sich neigen
So ringe du empor,
Dann kommt er dir entgegen
Und neiget dir sein Ohr;
Dann sei bereit, o Seele,
Dein Gott zieht in dich ein,
Groß wird und schwer dein Leiden
Doch du wirst größer sein!
Ich halt' es in Händen und lasse es nicht
Das Band, das, o Herr, mit Dir mich verbindet:
Glauben und brünstig Vertrau'n!
Ich wandle in Nacht, doch am Ziele ist Licht,
Da lodert die Leuchte, die Du mir entzündet,
Dahin denn, zum Ziel will ich schau'n!
Nicht gehört meine Seele der Erde
Keine Erdengewalt zerreißt dieses Band!
Dir, o Herr, gehört meine Seele,
Nichts entreißt sie aus Deinem Schooß!
Ihr Wüstenlöwen mit rollendem Schweif,
Die die Flanken ihr peitscht, die Tatzen spannt,
Ist's seine Kraft nicht, die in euch tost?
Ihr, deren Rachen wider mich schäumt,
Deren Auge mir glüht, deren Stimme mir schallt,
[243]
Ist's nicht sein Donner, der aus euch grollt?
Seid ihr nicht Kraft seiner Kraft? Zorn seines Zornes?
Beugt euch vor mir, der ich Geist seines Geistes!
(Das Löwengebrüll verstummt.)
Und sieh, die Gewaltigen beugen das Haupt,
Es schleifet im Sande die lockige Mähne,
Sie wälzen die trotzigen Leiber im Staub —
Ihr Gebrüll verstummt und horch — es wird still.
Ich fühle dich Odem des Herrn, du umfließ't mich.
Erfüllst diese Schlünde, ich spüre dein Weh'n.
Gnädiger Vater, o Du mein Gott,
Der Du hörtest den Schrei des Kindes,
Mich befreitest von Tod und Verderben
Danken möcht' ich, wie dank' ich Dir?
Ach, wie faßt' ich in dürftiges Wort
Meines Herzens brünstige Fülle?
Stumme Zeugen des Menschen-Innern,
Fließet Thränen, redet für mich,
Gott-gespendeter, friedlicher Schlaf,
Schlägst du die Flügel um meine Schläfen?
Gerne sink' ich in deine Arme —
Unheil entschlief, so ruhe auch Du.
(Er entschlummert.)

Homer

Auf Olympos' hohem Haupte
saß der Götter seel'ge Schaar,
dunklen Wein in lichtem Golde
brachte Hebe ihnen dar.
Schweigen herrschte in der Runde
und kein Lächeln war erlaubt,
denn Kronion beugte trauernd
das umlockte heil'ge Haupt.
Heiß und roth in seinem Becher
schwamm des Weines dunkle Fluth,
Flammenschein von Trojas Brande,
Widerschein von Priams Blut.
[244]
Und er hob empor den Becher,
„nimmer, sprach er, nimmerdar
ziehen fürder Opfer spendend
Trojas Knaben zum Altar,
Nimmer bringen Trojas Mädchen
Weines süße Labe mir —
diesen Becher, diesen letzten
Ilion, du geliebtes, dir!“ —
In des Göttervaters Auge
flammend eine Thräne hing,
tiefes Schauern, heil'ges Beben
durch die Schaar der Götter ging,
Tiefes Schauern, heil'ges Beben
durch die Lande weit und breit,
schweigend neigte sich die Erde
vor dem großen Götterleid. —
Und es floß die heil'ge Thräne
langsam rollend erdenwärts,
unaufhaltsam, bis sie ruhte
zitternd in Homeros' Herz. —
Tief im Schlummer lag Homeros,
da ergriff's ihn bang und schwer,
und er träumt' er trüg' im Busen
das allmächt'ge Welten-Meer,
Und er träumt', in seinem Busen
küßten Sonne sich und Mond —
stürmend trieb es ihn vom Lager
und vom Haus, da er gewohnt —
Wahnsinn flog um seine Schläfen,
auf sein Auge sank die Nacht,
doch im Herzen glüht' und sprüht' ihm
unermeß'ne Weltenpracht.
Da entströmte seinen Lippen
tiefer, wonnevoller Klang —
und es war das Lied von Ilion,
das Homer den Völkern sang.
Über Länder, über Meere
zog der feierliche Ton,
lauschend neigte sich die Erde
vor dem großen Erden-Sohn.
[245]
Um den Sitz der seel'gen Götter
schwang das Lied die Flügel her,
von der Priamiden Sterben
lauschten sie der großen Mähr.
Von dem Sessel sprang Kronion,
„füll' den Becher, Hebe, mir.
diesen Becher, diese Spende
bringe ich, Homeros, dir!
Der du mehr vermagst als Götter,
Todte rufst aus Grabes Nacht,
der du Ilion, das geliebte,
wieder mir zurück gebracht!“
Und es schwangen sich die Becher
klirrend in der Götter Hand,
rollend zog der heil'ge Donner
über das Hellenen-Land;
Bebend neigten sich die Lande
und die Völker weit und breit —
und sie ahnten, heilig schauernd,
eigene Unsterblichkeit.

Das Hexenlied

Zu Hersfeld im Kloster der Prior sprach:
„Der Bruder Medardus ward alt und schwach.
Ich glaube, sein Stündlein ist heute gekommen —
Geh, Bruder Beicht'ger, hinein zu dem Frommen,
Vernimm das Geständniß von seinen Sünden:
Zwar weiß ich, Du wirst nicht viele finden.
Er dienet dem Kloster heut fünfzig Jahr',
Im Klosterschatten verbleichte sein Haar,
Er hat gefastet, er hat sich kasteit,
Wohl vorbereitet zur Seligkeit,
Er ist der heiligste von uns Allen
Und wird dem Allmächtigen wohlgefallen.“
Der Beichtiger schlug an Medardus' Thor —
Von innen tönte kein Ruf hervor,
Der Beichtiger trat wohl über die Schwelle
Und schritt hinein in Medardus' Zelle —
[246]
Und Stunde auf Stunde nach Stunde verrann,
Die Mönche schauten sich staunend an:
„Er, der unsträflich in Worten und Thaten,
Was kann Medardus für Sünden verrathen?“
Die Vesperglocke mit dumpfen Schall,
Sie rief zur Kapelle die Mönche all',
Sie beugten die Häupter, sie knieten im Kreise,
Für Bruder Medardus sie beteten leise. —
Da horch, da von ferne herüberklang
Mit klagender Stimme ein düstrer Gesang.
Der Prior hob sich vom Boden empor,
Die Mönche lauschten und neigten das Ohr:
„Aus Medardus' Zelle der Sang erklingt,
Das ist Medardus, der also singt.“
Sie lauschten und horchten: „Was mag es sein?
Das sind nicht Gebete und Litanei'n,
Das klingt wie sündige, weltliche Worte?“
Und siehe, und siehe, herein in die Pforte
Der Beichtiger kam voll Schrecken und Hast:
„Wir haben den Teufel im Kloster zu Gast!
Medardus ist dem Versucher verfallen,
Medardus ringt in des Satans Krallen!“
Der Prior setzte die Kerze in Brand,
Die heilig geweihte, und nahm sie zur Hand,
Die Mönche thaten alle, wie er,
Und hinter dem Prior schritten sie her,
Von Wand und Gewölbe scholl dröhnend wieder
Die Klagestimme der singenden Brüder:
„Vor Sündenfrevel, vor Satans Spott,
Bewahr' uns in Gnaden, allmächtiger Gott“. —
Die Zelle war offen — bleich, hager und mager
Lag Bruder Medardus auf kärglichem Lager,
Die Hände gefaltet in betender Wuth,
Die starrenden Augen voll sehnender Gluth,
Und von den stammelnden Lippen sprang
Rastlos und ohn' Ende der wilde Gesang.
Das Lied das hatte so seltsamen Ton,
Wie sehnende Liebe, wie lästernder Hohn,
Als trüge von ferne herüber die Luft
Fremdländischer Blumen bestrickenden Duft.
[247]
Die Mönche sie schwangen die heiligen Kerzen:
„Fleuch', Satan, entweiche aus seinem Herzen.“
Sie schwangen die Kreuze, die heiligen Bilder,
Medardus' Gesang ward wilder und wilder,
Und tief in die schauernden Seelen drang
Das sündige Lied, das Medardus sang.
Die Mönche beschlich es wie sehnender Schauer,
Verlorenen Lebens tief nagende Trauer,
Sie dachten an Dinge, die einst sie besessen,
An Tage der Jugend, die lange vergessen.
Und mählich, allmählich verstummte der Chor,
Sie schwiegen und lauschten und neigten das Ohr. —
Der Prior, ein frommer, ein eifriger Greis,
Er stand voller Schrecken und blickte im Kreis,
Zu Bruder Medardus erhob er die Stimme
Und sprach in frommem, in eiferndem Grimme:
„Darfst Du mir verführen die heiligen Brüder?
So fahre, Verdammter, zur Hölle hernieder!“
Und siehe, vom Lager Medardus sich hob,
Ein leuchtender Glanz sein Antlitz umwob,
Sein starrendes Aug' in die Ferne blickte,
Als säh' er ein Bild, das tief ihn entzückte,
Er reckte die Arme, er streckte sie weit:
„Ich höre Dich,“ rief er, „ich bin bereit:
Du reines Weib, das sie Hexe genannt,
Du süßer Leib, den sie schändend verbrannt,
Ihr schwellenden Lippen, ihr Augen voll Güte,
Du, spielender Glieder süß quellende Blüthe,
Du liebende Wonne, die einst sich mir bot
Und die ich verachtend verstieß in den Tod,
Nach fünfzig Jahren voll Buße und Pein,
Ich komme, um ewiglich bei Dir zu sein!“
Er reckte die Arme, er streckte die Glieder —
„Medardus ist todt,“ dumpf sprachen's die Brüder. —
Drei Tage und Nächte mit Buße-Gesang
Die Mönche zogen das Kloster entlang,
Sie lagen drei Nächte auf ihren Knien
Und riefen zu Gott um Gnade für ihn:
„Ihm, welcher dahinging in Sünde und Schuld,
Erlösender Heiland, vergieb ihm in Huld.“ —
[248]
Im einsamen Zimmer, beim Kerzenschein
Der Prior saß mit dem Beicht'ger allein.
„Nun sage mir an, was Medardus gesprochen,
Die Thaten verkünde, die er verbrochen.“
Ein großes Kreuz der Beichtiger schlug:
„Sein heiliges Leben war Lug und Trug;
Du sahest ihn oft, wenn am grauenden Tag
Er betend auf steinernen Fliesen lag,
Du sagtest uns: ‚Werdet ihm gleich, meine Kinder,‘ —
Erfahre, Du segnetest einen Sünder.
Du sahst ihn, wie er in brünstiger Wonne
Die Augen erhob zu Gottes Madonne,
Nicht war es Maria, der all' das galt,
Seinen Busen erfüllt' eine andre Gestalt.
Sein Antlitz sahst Du, das träumende, milde,
Du sahst nicht sein Herz, das gährende, wilde,
Sein Haupt war kalt und sein Haar war weiß,
Sein Herz von sündigen Gluthen heiß. —
Ich war ein Priester, so sprach er zu mir,
Voll Andacht las ich das heil'ge Brevier,
Ich las es in Ängsten, ich las es in Gluth,
Denn jung war mein Leib und heiß mein Blut.
Die blonden Locken vom Haupt mir flossen
Wie strömendes Gold, das darüber gegossen,
Und als man hineinschnitt die erste Tonsur,
Da war es, als mähte man Frühlingsflur.
Es war zur Zeit, als im deutschen Land
Der böse Teufel zur Macht entstand,
Als er die Weiber zur Buhlschaft verführte,
Und als man Hexen zum Brandpfahl schnürte.
Damals geschah's, ich saß allein,
In tiefer Nacht, bei der Lampe Schein,
Da schlug es klopfend an meine Thür:
‚Komm, Priester, heraus, man verlangt nach Dir.‘
Die Nacht war schwarz, dumpf heulte der Sturm,
Man führete mich hinaus an den Thurm,
Tief unter die Erde, auf gleitenden Stufen —
Mir was es, als würd' ich zur Hölle gerufen.
Man gab eine Fackel in meine Hand
Und wies mir ein Loch in der steinernen Wand:
[249]
‚Zur Hexe, die morgen in Feuers Pein
Ihre Sünden büßt, da geh' Du hinein,
Bereite sie betend zu seligem Sterben,
Entreiß' ihre Seele dem ew'gen Verderben.‘
Ich schritt hinein in der Erde Bauch,
In meiner Kehle stockte der Hauch,
Da kam von drüben ein Rascheln her,
Geklirr von Ketten und Seufzen schwer,
Und sieh, in der Mauer finsterster Ecke,
Wie ein Thier des Waldes in seinem Verstecke,
Da sah ich ein Weib, gebeugt und gebückt,
Das Haupt an die tiefenden Steine gedrückt. —
Die Fackel heftet' ich in den Ring,
Der schwebend herab von der Wölbung hing,
Ich sagte: ‚Wende zu mir Dein Gesicht,
Komm her, meine Schwester, und fürchte Dich nicht.‘
Ich sah, wie ihr Ohr meine Worte trank,
Wie Hand nach Hand ihr vom Antlitz sank,
Sie wandte das Haupt, sie schaute mich an,
Auf ihren Knieen kroch sie heran.
Ihr nackter Arm meine Knie' umfing,
An meinem Antlitz ihr Auge hing,
Ich schaute herab, der Fackel Licht
Umspielte ihr liebliches Angesicht;
Da fühlt' ich das Herz so süß mir erwarmen,
Da quoll in die Augen mir heißes Erbarmen,
Meine Lippen verstummten in lautlosem Leide,
In schweigendem Jammer weinten wir beide.
Und als meine Thränen sie fließen sah,
Mit bebenden Armen umfing sie mich da,
Ein Schluchzen tief aus dem Busen ihr quoll,
Von stammelnden Lippen ein Flüstern scholl:
‚Du kannst noch weinen, Du weintest um mich,
Wie den gütigen Heiland, so liebe ich Dich!‘
Mich faßte der Schreck ob des sündigen Worts:
‚Gedenke der Stunde, gedenke des Orts,
In Flammen soll morgen der Leib Dir verderben,
Durch Buße entfliehe dem ewigen Sterben.‘
Da sah sie mich an so bangen Gesicht's:
‚Was soll ich büßen, verbrach ich doch nichts?
[250]
Meine Eltern sind todt — im Walde allein,
Großmutter und ich, wir wohnten zu Zwei'n.
Großmutter kannte manch' heilsames Kraut,
Manch' Tränklein hat sie für Kranke gebraut,
Großmutter im Feuer verbrannten sie,
Eine Teufelshexe sie nannten sie.
Ein altes Lied Großmutter sang,
Ich lernt' es ihr ab, weil so süß es klang,
Sie sagte, es käme aus fernen Landen,
Wo Liebeszauber die Menschen verstanden,
Ich sang's und wußte nicht, was es bedeute,
Da griffen sie mich, hartherzige Leute,
Und sperrten mich in den finsteren Thurm;
Sie sagen, es sei der höllische Wurm,
Der singe aus mir, zu der Menschen Verderben,
Drum soll ich morgen im Feuer sterben.‘ —
Ihre bebende Lippe berührte mein Ohr,
Ihr Auge mich flehend in Ängsten beschwor,
Ihr Busen drängte an meinen sich,
‚Errette, sprach sie, errette mich!
So süß ist zu leben, so bitter der Tod,
Und Feuers zu sterben, ist schreckliche Noth!
Kein Wesen hab' ich gekränkt und betrübt,
Keine Sünde gethan, keinen Zauber geübt,
Die Herzen der Menschen gleichen den Steinen,
Du aber bist gut, Du kannst noch weinen;
Der Wärter schläft, frei ist die Thür,
Komm, laß mich fliehen, entflieh' mit mir!
Wir gehen leise, man hört uns nicht,
Die Fackel erlischt, uns verräth kein Licht,
Die Thurmespforte geht in das Feld,
Niemand uns sieht, Niemand uns hält;
Wenn morgen der Schrei der Hähne schallt,
Sind wir schon ferne, im fernen Wald;
Der Wald ist dunkel, der Wald ist dicht,
Ich weiß eine Stätte, sie finden uns nicht;
Ich weiß eine Stelle, ich weiß einen Platz,
Da liegt verborgen ein alter Schatz,
Wir werden suchen, Du wirst ihn heben,
Wir ziehen ferne, wir werden leben
[251]
Im fernen Lande, Du nur mit mir,
Ewig und ewig ich nur mit Dir!
Du hast kein Weib an das Herz noch gedrückt,
Du weißt nicht, wie Weibes Liebe beglückt,
Reicher an Liebe sollst Du werden,
Als jemals Menschen waren auf Erden —
Die Sterne wandeln, die Stunden zieh'n,
Es ist Zeit, es ist Zeit, komm, laß uns entflieh'n!‘
Ihr heißer Odem wie Sturmwind ging,
Ihr weißer Arm meinen Nacken umfing,
Ihr dunkles Haar, wie Fittig der Nacht,
Umfloß des Leibes herrliche Pracht —
In meinem Haupte, in meiner Brust
War schwindelnde Wonne, tödtliche Lust,
Ich beugte mich nieder, ich wollte sie küssen, —
Da fühlt' ich mich schaudernd rückwärts gerissen:
‚Du küssest die Hexe, Du segnest die Schuld,
Du hast keinen Theil mehr an göttlicher Huld!‘
Auf meinen Lippen starb das Wort,
Von meinem Herzen stieß ich sie fort,
Entsetzen jagte mich aus der Kammer —
Da schrie sie mir nach in Verzweiflung und Jammer,
Sie brach zur Erde, sie lag auf den Steinen,
Dumpf hinter mir hört' ich sie schluchzen und weinen.‘ —
Medardus schwieg — seine Wange erblich —
Mein Bruder, sagt' ich, was ängstet Dich?
Du hast dem Versucher widerstanden
Und machtest des Teufels Künste zu schanden.
Doch als ich tröstend ihm solches sprach,
Gelächter von seinen Lippen brach,
Ein Lachen, so wild und ungestüm,
Als lachte der Teufel selber aus ihm.
Mit rollenden Augen blickt' er mich an,
Er schwieg. — Dann sprach er: ‚Der Tag begann —
Der Himmel brannte in Morgen-Flammen,
Die Menschen rotteten sich zusammen,
Im Felde draußen, von Scheitern geschichtet,
Stand dunkel und düster der Holzstoß gerichtet,
Und aller Augen hingen am Pfahl —
Da stand sie und harrte ihrer Qual. —
[252]
Wie taumelnde Vögel, verflattert im Meer,
So glitten voll Angst ihre Augen umher;
Da trat ich heran mit dem Kruzifix,
Ihr Auge erfaßte mich suchenden Blicks,
Und siehe, und siehe, verstohlener Weise
Da neigte ihr Haupt sie, da nickte sie leise,
Und ein Lächeln erstand in dem süßen Gesicht,
Wie der scheidenden Sonne verlöschendes Licht. —
Die loderne Fackel der Henker schwang,
Ihr lechzendes Aug' in mein Auge sich trank,
Die Flamme griff in das dürre Geäst,
Ihre starrenden Augen hielten mich fest,
Die Funken stoben wie prasselnder Staub,
Ihre Lippen erbebten, wie sinkendes Laub,
Und plötzlich, und plötzlich vernahm ich ein Klingen,
Vom brennenden Holzstoß begann sie zu singen,
Wie Frühlingsregen, durchrauschend die Nacht,
So ergriff mich des Liedes süß-selige Macht;
Mir war's, als trüge herüber die Luft
Fremdländischer Blumen bestrickenden Duft,
Als spräch' eine Stimme zu meinen Ohren
Vom seligem Glück, das für ewig verloren.
Die Flamme ergriff ihren nackten Fuß,
Sie neigte sich scheidend, zum letzten Gruß,
Der schwarze Rauch sie wirbelnd umschwoll,
Ihr klagender Sang aus dem Rauche scholl,
Dumpf brausend die Flamme zum Himmel sprang,
Wie zitternde Glocken ertönt' ihr Gesang —
Die Ohren bedeckt' ich mit meinen Händen,
‚Das Singen, das Singen, wann wird es enden?‘
Ich wandte mich schaudernd, ich floh von dem Ort —
Die klagende Stimme zog mit mir fort,
Wohin ich entfloh, wohin ich entwich,
Der Gesang, der Gesang, er begleitete mich.
Ob ich schlummernd lag, ob ich betend gewacht,
Zu jeglicher Stunde, bei Tage und Nacht,
Seit jenem Tage die fünfzig Jahr',
Ich höre ihn immer und immerdar!‘ —
Medardus fuhr auf, wild war sein Gesicht,
‚Ich höre sie wieder — vernimmst Du es nicht?
[253]
Den Gang herauf — es kommt durch die Thür —
Sie tritt auf die Schwelle — ist hier, ist hier!‘
Ich warf mich herab zu des Lagers Fuße,
‚Mein Bruder,‘ rief ich, ‚thu' Buße, thu' Buße,
Der Menschenverderber hält Dich gebunden,
Des Weibes Lied hat der Teufel erfunden!‘
Zum Lager zurück ich Medardus zwang,
Aus meinem Arme er los sich rang,
Von seinem Lager er fort mich stieß:
‚Eine Stimme ist's aus dem Paradies!
Sie ruft mich zum Heil, das ich frevelnd verlor,
Sie öffnet zur Seligkeit selbst mir das Thor.‘
Und plötzlich die strömende Thräne ihm rann
Und plötzlich Medardus zu singen begann —
Es war ein Lied, wie ich keines vernahm,
Das jemals aus menschlicher Kehle kam,
So in klagendem Leid, so in jauchzender Lust, —
Da faßte Entsetzen mir kalt in die Brust,
Mit flüchtendem Fuße schlug ich die Schwelle,
Da rief ich Euch Alle zu seiner Zelle.“ — —
Der Beichtiger schwieg — durch die Fenster brach
Der grauende Morgen — der Prior sprach:
„Was Menschenaugen nicht fassen, noch sehn',
Dort oben ist Einer, der wird es versteh'n,
Er hat gesprochen: ‚Mein ist das Gericht‘ —
Geh' beten, mein Bruder, und richte nicht.“

Der Emir und sein Roß

Blutbeströmt und voller Wunden,
Die ihm Christen-Schwerter schlugen,
Trugen Mauren ihren Emir,
Der da kämpfte, der da siegte
Hundertmal in hundert Schlachten,
Heimwärts von des Ebro Strand.
[254]
Tief gesenkt das Haupt, das edle,
Zu der Blutspur des Gebieters,
Selbst aus tiefer Wunde blutend,
Kam das Roß, das ihn getragen,
Hundertmal in hundert Schlachten,
El Mahran, der weiße Hengst.
Von dem Burgthor, dem gewölbten,
Schritt herab das Weib des Helden,
Gülnahar, die vielgeliebte,
Schlang um ihn die weißen Arme,
Dunkel, flossen ihre Locken,
„Rettet,“ rief sie, „meinen Herrn!“
Und es sprach Medschnun der alte,
Der der Heilkunst wohl erfahrne:
„Schwer und tief sind seine Wunden,
Nie zum Kampf mehr wird er reiten,
Aber willst Du, daß er lebe,
Leben wird er, folge mir:
Von den Pfeilern, von den Wänden,
Nimm die Waffen, die ihn schmückten,
Die Gefährten alter Tage,
Daß sein Blick sie nie mehr finde,
Nie sein Auge ihn erinn're
An den Glanz ruhmvoller Zeit.
Banne ferne vom Palaste
Die Posaunen, die Drommeten,
Die Verkünder einst'ger Thaten,
Daß sie nie mehr ihn erwecken,
Nie sein Ohr ihn mehr erinn're
An den Glanz ruhmvoller Zeit.
Mische dann in seinen Becher
Diese tief geheimen Tropfen,
Deren Kraft ist, daß sie löschen
Alles, was uns je betrübte,
Alles, was uns je erfreute,
Tödtend die Erinnerung.“
[255]
Und sie mischte ihm die Tropfen —
Wo am schattigsten die Bäume,
Wo am duftigsten die Blumen,
Dort im stillen Gartenhause,
Fern der Welt und fern den Menschen,
Pflegte sie den wunden Herrn.
Mählich schlossen sich die Wunden —
Zweimal ging der lichte Frühling
Durch das Thal von Barcelona;
Als er kam zum drittenmale,
Fand er, unter Blumen wandelnd,
Friedlich lächelnd einen Greis.
Und das war der kühne Emir —
Jene Hand, die einst am Ebro
Wie den Blitz das Schwert regierte,
Spielte jetzt mit Frühlingsblumen,
Und das Schlacht-gewalt'ge Auge
Blickte träumend in das Grün. —
Gülnahar an seiner Seite,
„Bist Du ganz mir nun gesundet?“
Sprach sie liebend. — „Ganz gesundet.“ —
„Fühlst Du Schmerzen?“ — „Keine Schmerzen.“
„Doch Dein Auge blickt so trübe?“
„Etwas,“ sprach er, „fehlet mir.“
„Und dies etwas — sprich, was ist es?“
„Nimmer weiß ich es zu sagen;
Wie ich sinne, wie ich denke,
Nimmer weiß ich es zu finden,
Doch es war in meinem Herzen
Und im Herzen ist's nicht mehr.“
Also saß er eines Tages
Unter'm Schattendach der Bäume,
Gülnahar an seiner Seite —
Da vom Traume fuhr empor er,
Da vom Sitze sprang empor er —
Was war das, was dort erklang?
[256]
Aus der Ferne scholl's herüber,
Gleich der Windsbraut, die die Meerfluth
Die erstarrte, weckt zum Sturme,
Gleich dem Erzklang der Drommete,
Gleich dem Rasseln der Geschwader,
Wie ein Ruf zu Schlacht und Streit.
Und es scholl zum zweitenmale —
Und zum drittenmal ertönt' es —
„Bringt mein Schwert mir,“ rief der Emir,
„Sattelt meinen weißen Hengst mir,
Denn ich kenne diese Stimme,
Das ist El Mahran's Gewieh'r!“
Da am Herzen brachen strömend
Auf die Wunden, sterbend sank er,
In den Armen hielt ihn klagend
Gülnahar, doch er mit Lächeln
Sprach: „nun fand ich das Verlor'ne —
Weine nicht, — ich bin gesund.“

Die todten Götter

[257]
Auf einem Friedhof schritt ich hin im Traume,
Es rauschten dunkelragend die Cypressen,
Es dämmerte vom bleichen Wolkenraume,
Die Gräber schliefen rings in Nacht vergessen.
Und in die Friedhofhalle trat ich traurig,
Wo aufgebahrt die todten Götter ruhten
Im offnen Sarkophage. Ernst und schaurig,
So schliefen sie den ew'gen Tod, die Guten.
Und in die Züge staunend stand ich lange
Der süßen Aphrodite, der erblaßten,
Die kalt und lächelnd schlief. Bleich war die Wange
Des todten Zeus. Und ewig sah ich rasten
Im offnen Sarg die Asgardgötter alle.
Es flatterten um Wodans Haupt die Raben
Und nieder schwebten sie, die schnöde Kralle
In ihres Vaters Leichnam zu begraben.
Und weinend sank ich hin am Sarkophage.
Da tönte Orgelklang ernst durch die Halle,
Da war's, als ob die Sonne glänzend tage,
Im reinen Licht erklang's zum Jubelschalle:
Todt sind sie all, die großen Götter,
Gestorben ist ihr stolzer Ruhm;
Im Zeitensturm, im Himmelswetter
Verödet stürzt ihr Heiligthum.
[258]
Und Seelen, die von Göttern sangen,
Die betend sanken in den Staub,
Sie sind verschollen, sind vergangen
Und schlummern wie die Erde taub.
Und aus der frischen Lebensquelle
Taucht neuer Geist verjüngt hervor,
Und, wie die Welle drängt die Welle,
Flieht vor dem Geist der Götter Chor;
Es würgt der Tod das rauhe Streben
Und seine Sense rastet nie,
Und doch aus Särgen Götterleben
Weckt ewig auf die Phantasie.
Todt sind sie all, die großen Götter,
Doch ewig lebt ein Weltengeist,
Er ist sich ewig Selbsterretter,
Der Todesfesseln kühn zerreißt.
So lang noch holde Träume weben,
Wann dunkler Schlaf die Welt umhüllt,
So lang noch sanfte Töne schweben
Und Harmonie das Ohr erfüllt;
So lang des Daseins bunte Schatten
Des Malers weise Hand belebt,
So lang auf blüthenreichen Matten
Des Dichters Auge trunken schwebt
Und in des Herzens dunklem Grunde
Gestalten seelenvoll erschaut —
Ist über diesem Erdenrunde
Ein Tempel ewig neu erbaut. —

Vom Brüderlein und Schwesterlein

„Wer heim das blaue Blümlein bringt,
Der ist der König im Lande!
Die Krone ihm vom Haupte blinkt,
Er wandelt im Purpurgewande!“
[259]
Sie zogen zusammen ins tiefe Thal,
Da blühten der Blumen so viele.
Dem Brüderlein ward das Suchen zur Qual,
Dem Schwesterlein ward es zum Spiele.
Die Blume brach das Mägdelein
Und jubelt und klatscht in die Hände.
Dem Bruder ward das Herz zu Stein,
Da hatte das Jauchzen ein Ende.
Aufs Haupt wohl stürzt ihr ein Schwertesschwung,
Da trug eine Krone die Gute,
Da lag eine Königin hold und jung
Im Purpurmantel von Blute.
Die Lippen der blutigen Blümelein
Den Purpur getrunken haben,
Die Sonne bleichte das weiße Gebein,
Doch Niemand hat es begraben.
Und Wind und Wetter und Sturmesbraus,
Die haben die Knöchlein verstreuet,
Im Köpfchen sogar, da haust eine Maus,
Ein Mäuschen, das Niemand scheuet.
„Wo ist dein Schwesterlein schön und hold?“
Mein Schwesterlein ist gestorben.
Mein ist die Krone von blut'gem Gold,
Den Purpur hab ich erworben!
„Wie starb dein Schwesterlein hold und traut?“
Ein Schlag hat sie gerühret!
Dem Teufel hat sie sich angetraut,
Der hat ihr die Blume erspüret.
Die Blume, die ward ihr Eigenthum —
Ich hab' eine andre gebrochen!
Mein ist des Thrones blut'ger Ruhm —
Was kamst du mit Zwei'n in die Wochen?!
[260]
„Hätt'st du die Schwester geboren mir nicht,
Wär' ich König allein geworden —
Ich wäre heute kein Schuft, kein Wicht,
Der's Schwesterlein mußt' ermorden!“
Die Königin, die ward weiß wie Schnee,
Ein Glöcklein hat geklungen —
Da schrie sie auf in wildem Weh,
Das Herz ist ihr zersprungen.
Und als der König vertrieben war,
Vertrieben im Völkermorden,
Und als verklungen manches Jahr,
Ist er ein Hirte geworden.
Da hat er sich eine Flöte gemacht, —
Ein Beinchen hatt' er gefunden —
Ein Schädel hat grinsend ihn angelacht,
Das Mäuschen ist huschend verschwunden.
Und als er blies den Flötenklang,
Da flötet's hold und linde,
Da klang's wie heller Mädchensang,
Wie Blümlein säuseln im Winde.
Da tönt's wie selig Lachen drein,
Wie Jubeln und Seufzen vor Leide,
Da schwirrt's wie schrilles Racheschrein,
Wie Schwertschwung saust aus der Scheide:
„Ich bin ein Beinchen vom Schwesterlein,
Ein Knöchelchen voller Kunde;
Ach, läg' ich lieber im Todtenschrein,
Dann säß ich dir nicht am Munde.
Ach, läg' ich lieber im Todtenschrein,
Dann müßt ich nicht singen und sagen,
Dann müßt ich nicht tödten mein Brüderlein
Und müßte nicht flöten und klagen.
[261]
Da müßt' ich nicht blasen den Rachesang
Und singen von alter Sünde,
Dann bebte dem Bruder das Herz nicht bang
Wie Gräser zittern im Winde —
Dann läge der Hirt nicht todt im Gras,
Der König, der Hirte geworden,
Dann starrte sein Antlitz nicht schädelblaß —
Und ich mußt' ihn nimmer ermorden!“

Kornmuhme

Schwül und schweigend glüht der Mittag,
Schlummert tief im Sonnenzauber.
Flimmernd bebt der blaue Äther,
Müde neigt das Korn die Ähre.
Wie in tiefe Nacht versunken
Strömt der stille Glanz des Tages;
Bang verhalten geht ein Athem
Und ein Summen durch die Weite.
Sieh! da schreitet riesenmächtig
Schwarz wie Nacht zum Himmel ragend,
Schwarz vom dunklen Hemd umflossen
Ein gespenstisch Weib im Korne.
Niederfallen rings die Ähren
Wie vom Schnitter hingebreitet,
Und die blauen Blumen welken,
Werden weiß wie blaue Lippen.
Thränentropfen weint die Mutter,
Brandig stirbt beträuft die Ähre,
In den Himmel ragend schreitet
Ernst die Nacht im Tag von dannen.
[262]
Stumm und schweigend in die Bläue
Webt sie sich des heißen Himmels
Und im schwülen Glanz der Sonne
Ist sie endlich ganz verschwunden.
Schwül und schweigend glüht der Mittag,
Schlummert tief im Sonnenzauber,
Flimmernd bebt der blaue Äther,
Müde neigt das Korn die Ähre.

Das Butterbrod

Im Schaum entstürzt der Mühle der Bach
Und wirft die Fluth den Fluthen nach.
„Erbarm' dich Himmel der Herzensnoth
Mein Kindlein ringt im Fluthentod!“
Es kommt ein Wandersmann gegangen,
Ein Handwerksbursch mit bleichen Wangen.
Er sieht's; Felleisen wirft er ab,
Springt wortlos in das Wellengrab.
Und wie er triefend sucht und ringt,
Gerettet das Mägdlein ans Ufer sinkt.
Da hält im Händchen noch fest und klein
Sein Butterbrödchen das Mägdelein.
„Gerettet das Kind! Das Brödchen gar!
Du Edler, wir bringen dir Goldlohn dar!“
„Ich leide schwere Hungersnoth —
Schenkt mir zum Lohn das kleine Brod!“
Und spricht's und wandelt die Straße weiter
Und ißt sein Brödchen still und heiter.
Ihn segne die Sonne, so weit sie scheint —
Ich habe vor Freuden und Schmerz geweint.

Die Rosen von Florenz

[263]
Ihr Lieblichen, ihr Rosen,
Nun muß ich still euch preisen
Mit zarten Liedern, leisen,
Ihr Rosen von Florenz.
Gar hoch ist diese Mauer,
Da nickt ihr mir herüber,
Dein Himmel stumm darüber,
Tiefblau, mein schön Florenz!
Gar hoch ist diese Mauer,
Ich kann euch nicht erreichen,
Ich kann euch nicht beschleichen,
Ihr Rosen von Florenz.
Weit liegt das Thal gebreitet,
Da schimmern mild Oliven,
Cypressen stehn, als schliefen
Die Todten von Florenz.
Doch euch allein, ihr Rosen,
Euch will ich lächelnd preisen
Mit leichten Liedern, leisen,
Ihr Rosen von Florenz.
Jungfräuliches Erinnern
Beschleichet meine Träume
Durch ätherferne Räume
Nach meiner Liebe Lenz.
So weit weilt meine Liebe!
So hoch ist diese Mauer!
Ausweinen meine Trauer
Muß ich nun dir, Florenz.
Jungfräuliches Erinnern,
Ein süßer Liebesschauer
Singt durch Cypressentrauer —
O seliges Florenz!

Auf der Piazza Michelangelo

[264]
Es ist ein Läuten und Weinen
Der Abendstunde im Thale,
Florenz, von deinen Glocken.
Gluthvoll sah ich verscheinen
An Wolken die Purpurmale
Der Sonne. Tieferschrocken
Vereinsamt schweigt die Seele.
Was will dies Läuten und Locken?
Was will dies träumende Rufen
In Sehnsuchtsmelodieen?
Ich seh mich heimwärts ziehen
Hinan, wie auf geweihter Tempel Stufen!
Und stünd' in dunklem Drange
Ich suchend auf der Höhe
Des Appenins in Wolken stumm und bange!
Verschwände nun versinkend
Dort hinter deinem Scheitel
Im Mondlicht milde blinkend!
Verschollen wär' dies Läuten,
Melodisch aller Töne fernes Singen —
Tonlos durch Wolken ringen
Müßt' ich bei dir zu sein.
Wer kann den Pfad mir deuten?
Ich seh mich weiter schreiten
Auf Bergeshöh'n erscheinen
Und wieder nieder wandern,
In stummen Seligkeiten
Mit dir mich zu vereinen
Und niemals wieder einsam dich zu lassen.
Im Wiedersehn, Umfassen —
Was will mein Herz mir stocken?
Verstummt sind deine Glocken
Florenz, im dunklen Thale —
Und ach, wie jäh erschrocken
Bin ganz vereinsamt ich zum andren Male! —

Psalm der Trauer

[265]
Mit Klagen wein' ich des Menschen Loos,
Denn mit Schmerzen gebärt ihn der Mutter Leib
Und Schmerzen geleiten zum Grab ihn.
Und es heulen, dem Armen, von hohler Noth
Blasend die Stürme des Lebens ihm;
Was er schaffend zur That vollbringt,
Schlägt mit Leid der Genossen Brust,
Und es faßt ihn des Todes Faust,
Reißt ihn krallend herab zum Grund,
Modernd im schweigenden Grabesdunst
Schlummert der Staub
Beim Staube.
Und was der Staub
Jubelnd psalmierte, verzweifelnd schrie,
Herrlicher Geister schaffender Traum
Ist verronnen in Lüfte der Zeit,
Wie sich von Blumen verhaucht ein Duft,
Süßer Ton in der Ferne verhallt
Und du schaust nicht, wohin! Wohin?!
Was quält den Staub,
Daß er sich baut zum Tempel des Geistes,
Darinnen Göttergefühle entfacht
Zehren am Erdenstoffe des Leib's?
Ach, es seufzet das Leben nach Tod.
Und der Tod
Würget in Ewigkeit. —

Resignation

Mögen Andre ihrer Seele Blüthen
Und des Lebens Ruheglück,
Deren Herzen nach dem Lorbeer glühten,
Weihen dem Geschick.
[266]
Haschen in des Lebens reichen Tagen,
Was der Gott als Köder streut,
Mögen Andre nach den Kränzen jagen,
Die die Mitwelt beut!
Schaal und nichtig ist wie nichts die Ehre,
Die die Namen heut umschallt:
Und gefälschter Lorbeer drückt, der leere,
Der die Stirn umwallt.
Ewig zeuget aus der Erden Schoße
Neue Wesen die Natur,
Und verweht mit ihrem Todeslose
Schaust du kaum die Spur.
Selig preis' ich, wer im Leben schaffen,
Wirken kann, ein treuer Hirt;
Den des Todes Schauer sanft entraffen,
Der vergessen wird. —

Aus der Ferne

Es athmen und ächzen Millionen Menschen
Leben und lieben in blühenden Landen,
Und es drängt sich im Weiten wühlend
Der Strom des Schaffens und strotzender Urkraft,
Endlose Ebenen, Wüsten und Wälder,
Städte und Burgen auf stürmischen Bergen
Trennen die treuen,
Sehnenden Seelen.
Wie am Meere verwundert der Wandrer
Steht und staunend die Wellen anstarrt,
Anfang nirgends noch Ende findet,
Irrenden Blickes unendlich einsam
Seine Seele versenkt in Wehmuth:
Also seh ich einsam versinken
Meine Seele im weiten Weltraum,
Denk' ich die Massen mühseliger Menschen,
Die sich drängen in Lust und Drangsal,
In Vergessenheit ewig gehen,
Wenn anathmend der Tod sie umarmet.
[267]
Deine Seele nur singt mein Seufzen,
Deine Seele nur sucht meine Sehnsucht,
Zieht zu dir nach der holden Heimath,
Du heiliges Weib, das ich heilig liebe.
Wie der einsame Stern erstrahlet
Und dem Wanderer Weisung winket
Abends, ehe die Nacht sich öffnet,
Wie in Schlacken und gelbem Fluthschlamm
Suchend der Forscher ein seltenes Goldkorn
Endlich findet und jubelnd aufjauchzt,
Also unwandelbar hab' ich gewählet
Dich, du Meine, vor Menschenmillionen.
Und nun schwindet auch meine Schwermuth
Und die Angst vor des Weltalls Abgrund,
Denn wie nichtig und klein und kläglich
Wir auch wandeln im Weltenwalten:
Groß ist die Welt, in der wir stehen,
Großes greift in unsere Seele,
Denn die Kernkraft der Weltenkräfte,
Denn das Mark des mehrenden Mühens,
Duftende Blume des blühenden Daseins
Ist die Kraft der lebendigen Liebe.
Nicht mehr einsam ist nun mein Ahnen.
Über Ströme im Mondenstrahle,
Über Burgen auf mächtigen Bergen,
Wandelt mein Geist auf goldenen Bahnen,
Und an deine bräutliche Brust,
Bald gebettet an deinen Busen
Fühl' ich selber in Freud' und Frieden
Stark eine Welt in uns erstehen.
Sei gesegnet, du Seelenvolle! —

Psalm der Freude

[268]
Wenn auf der Bergeshöh'
Unter dir Wolken ruh'n,
Schleichende Wolken zieh'n —
Reißen die Stürme hinein,
Fern durch den Wolkenspalt
Glänzt dir ein Sonnenthal
Schimmernd wie goldner Traum —
Wenn dich herrlich umkrönt
Mit dem Flammenkranz
Allliebender Sonne
Wärmender Strahl,
Daß du leuchtest
Über den Wolken —
Wenn all' die Lust
Und die Seligkeit
Athmender Menschenkinder im Thal
Mächtig zum Busen dir drängt,
Im Busen dir wiederklingt:
O, wie groß, du gewaltige
Welt des Staubs! —
Ja, Herz, du darfst in Demuth still
Verehren all' das Himmlische,
Du darfst es; streben, heilig Herz,
Des Guten all' und Schönen dieser Welt
Dich würdig zu erweisen:
Darfst sinken betend hin
Vor der gewaltigen Feste des Alls
Und Erd' und Himmel schauen,
Danken mit Wonneblick,
Leuchtend im Wolkenreich
Flüstern: o Glück
Ein Mensch zu sein. —

Riesenprügelei

[269]
Er stand vor einer Schmiede tief im Walde
Und schaute durch die ruß'ge Fensterhöhle,
Wo drinnen riesige Gestalten regsam
Mit langen Haken schürten wilde Gluthen,
Wo fauchend in die Flamme fuhr der Sturmwind,
Der aus dem Blasebalg gewaltig schnob,
Wo glühend Eisen schleppend trug ein Riese
Und auf den Ambos legte und der Andre
Den wucht'gen Hammer in die Höhe schwang
Und seine Sehnen kraftvoll dehnend reckte
Und klingend, schmetternd auf das sprühende Eisen
Den Hammer warf, indeß der Flamme Glühen
Des Mannes Antlitz purpurroth umschien.
Da staunt er ob der kräftigen Gesellen
Und mächtig faßte ihn der Anblick an,
Der riesenhafte und vulkanisch-schöne.
Da trat ein schwarzer Kerl her aus der Schmiede
Zu ihm, der fuhr ihn höhnisch lachend an:
„Was gaffst du hier, du Milchgesicht, gewaschnes?!
Kannst du den Hammer schwingen? Was? Und nieder
Den Ambos schmettern, daß der Boden raucht?
Heb dich hinweg, sonst haucht der Blasebalg
Dich wie ein Stückchen Wolle aus dem Wege!“
Und sprach's und packte zu und warf ihn nieder
Und prügelt ihn nach Leibeskräften durch.
Es traten die Gesellen in das Thor hin
Und lachten vor Vergnügen, daß die Sterne
Vom Dröhnen der Erschütt'rung zitternd bebten
Und fast vor Schreck herabgefallen wären.
Sternschnuppen fielen wie die Prügel nieder,
Der Mond verzog sein breites Angesicht
Und lachte, daß die heitren Thränen nieder
In weißem Schimmer auf die Bäume flossen
Und in den Teich in hellen Tropfen fielen.
Es lächelte der Teich sogar in Wellen
Und sah den Mond verständnißinnig an
[270]
Und schluckte vor Vergnügen all' die Thränen,
Die von dem Mond in weißen Lichtern fielen.
Und Alles lachte auf der weiten Erde,
Bis die Gesellen prügelsatt ihn ließen;
Sie schritten wieder in die heiße Schmiede
Und schürten lachend neue Gluthen auf.
Er lag am Boden, blickte auf zum Himmel
Und fühlte selber schmerzliches Vergnügen
Und rief die Sterne und die Monde an:
„Ihr kleinen Sterne, o du breiter Mond,
Ihr großen Götter, o du weiter Himmel,
Seht mich Zerschlag'nen an! Und ahnt ihr Guten,
Was der Humor von der Geschichte ist?
Bewund're die Natur in ihrer Größe,
In ihrer Allmacht und erhab'nen Schönheit,
Sie frißt dich doch zuletzt und drückt dich todt.
Wer ist der Stärk're nun, ihr Schandgesellen?
Seid ihr's? Bin ich's, der euren Prügel spürt
Und 'was Gescheidtes noch dazu sich denkt?
Wer macht den bess'ren Witz? Ich oder ihr?!“

In vollen Zügen

[271]
In vollen Zügen sang' ich Deinen Duft,
Erquickung spendende Gewitterluft.
Die Jagd von Blitz und Donner fuhr vorbei,
Gepreßte Brust, wie athmest du so frei!
Hoch schwellst du auf mit wonnevollem Beben,
Getränkt mit wunderbar erneutem Leben.
Noch fällt das Naß, die Wolken ziehn dahin,
Und mit den Wolken zieht mein flücht'ger Sinn!
Wer baut flughemmend jenen Wolken Schranken?
Wer setzt ein Ziel den schweifenden Gedanken?
Wer bannt mich fest, wer heißt mich rasten träg,
Wer ändert mir den selbsterwählten Weg?
Frei ist die Bahn, und Niemand darf mich zügeln,
Ich stürme fort auf adlerschnellen Flügeln.
Der Welten Räume messe ich zur Stund',
Von Himmelsfernen bis zum Höllenschlund,
Von Pol zu Pol, durch Höhen und durch Gründe,
Von Gott zu Bel, von Menschlichkeit zur Sünde.
Kein ruhig Überwesen weckt mir Neid:
Wir sind das All', wir sind die Herrlichkeit,
Wir sind uns selbst das Maß in allen Dingen,
Wir sind die Kämpfer, die den Sieg erringen,
In uns'rem Hirne brennt der Wahrheit Licht.
In uns'rem Herzen pocht des Mitleids Pflicht.
Die Liebe glüht in uns'rer Seele nur,
Und nur der Mensch geht auf der Schönheit Spur.
[272]
Ha, wie die Strahlen durch die Wolken schießen!
Du Wurm am Wege, kannst Du's auch genießen?
O nein, dich freut der Kitzel Deiner Haut,
Doch nicht der Geist, der schimmernd niederthaut,
Wenn mit den Tropfen sich die Strahlen einen
Und lieblich lächelnd Erd' und Himmel weinen.

Gebet

An den Wassern bin ich hingegangen,
Feuchter Windhauch letzte meine Wangen.
Meine Seele, die das Licht verlor,
Meine Seele schrie zu Gott empor.
Der im Wolkenkleid am Himmel schreitet,
Der im Sturmhut durch die Lüfte reitet,
Der aus grünen Wipfeln raunend winkt,
Der aus Silberwellen plätschernd blinkt,
Der im Grashalm sprießt, als Regen feuchtet,
Der im Blitze schießt, als Sonne leuchtet:
Weltengeist, von dem auch ich ein Theil,
Schütte nieder deiner Gnade Heil!
Ach, ich habe meinen Werth vergessen,
Bin in der Verräther Rath gesessen,
Habe frech dem lichten Gott geflucht
Und bethört der Lüge Nacht gesucht!
Blöd und elend wank' ich wirre Pfade,
Wüstenirrend dürst' ich müd' nach Gnade,
Meine Seele, die das Licht verlor,
Meine Seele schreit zu Gott empor.
Ohne dich, wie dürr sind meine Glieder!
Weltengeist, ach, ströme, ströme nieder!

Natur
Poet. Skizzenbuch

[273]
Natur, allheil'ge
Heilende Göttin,
An deinen vollen,
Nährenden Brüsten
Lieg' ich und schlürfe
Milch des Lebens.
Aus deinem Munde
Geht des Windes
Wunderathem
Und löscht mit schnell
Vergang'nen Wetters
Feuchtem Hauch
Der Wangen stürmisch
Aus Herzenstiefen
Steigende Hochgluth.
Deiner Locken
Grüne Fluthen
Wogen rauschend
Über mir,
Und nieder schaut
Dein blaues, klares,
Glänzendes Auge
Wonnig lächelnd.
O, Lebensschauer
Der Weseneinheit,
Verschlung'nes Weben
Des Weltenall's!
Ich seh' es fluthen
In ew'gem Strome,
Ich seh' es wachsen
Zu ew'gem Bau.
Such' ich die Quelle,
So sprüht ein Nebel
Und hüllt den Blick mir,
Und wo begründet,
Des Hauses Pfeiler,
Die Räthselstelle
Ich fand sie nicht.
[274]
Und dennoch bet' ich
Voll süßen Grauens
Zu deiner Hoheit,
Mutter Natur
Und schlürfe durstend
An deinen vollen,
Nährenden Brüsten
Milch des Lebens.

So leb' denn wohl, du Stätte —

So leb' denn wohl, du Stätte, die dem Müden,
Dem Schmerzgeschüttelten noch Labung bot,
Traumsüßer Ruhe frohbewegten Frieden
Nach qualdurchstürmter, herzensbanger Noth!
Ein Hirsch nach Wasser streif' ich auf der Erde,
Der durstgequält um kühle Letzung schreit,
Verhöhnt, verstoßen von der Bruderheerde,
Gehetzt durch grauenvolle Einsamkeit.
Wo war ein Ort, da Balsam sich ergossen
In meiner Wunden tausendfält'gen Brand?
Wann schlug die Stunde je, da ich erschlossen
Das stets umsonst gesuchte Eden fand?
Der Wahrheit treu seit meinem ersten Fühlen
Brach ich zusammen, oft ein irrend Kind,
Was konnte mir die Flammenstirne kühlen,
Dem tausend Formen tausend Sphinxe sind?
Zum Fremdling dieser Erde ward erschaffen,
Wen tiefstes Geistessehnen ganz erfüllt,
Von Ort zu Ort muß er sich einsam raffen,
Vom Trauerflor der Schweigsamkeit verhüllt.
Vor Götzenbildern sieht er niedersinken
Der Lichtgebor'nen wahnbethörte Schaar,
Die Lüge sieht er durch die Menge hinken
In schillerndem, vielfaltigem Talar.
Er will ein Retter, will ein Heiland werden
Und weist empor den Pfad aus Nacht zum Licht,
Er trägt des Kreuzes heilige Beschwerden
Und kämpft voran, bis Schwert und Leben bricht.
[275]
So leb' denn wohl! Wenn mit dem Flötenklange
Des Flügels weichste Töne sich vermählt,
Wenn leise, wehmuthvolle Lieder bange
Und doch so süß mich träumerisch beseelt,
Da hat ein selt'ner Gott sich eingefunden
Und gnadenvoll sich über mich geneigt,
Da hab' auch ich das traute Glück empfunden,
Das allzuschnell sonst meinem Blick entweicht.
Ihr kennt es nicht, die ihr parfum-umfächelt
So glatt wie hohl ein wenig „Leben“ spielt,
Nur wem im Wettersturm die Sonne lächelt,
Der Kämpfer nur hat einzig es gefühlt!

Sonnenlied

Blendend zittert gold'nes Licht.
Um die sehnsuchtsvollen Wangen,
Strahl auf Strahl durch Wolken bricht,
Und das nebelgraue Bangen
Ist vergangen.
In dem warmen Sonnenmeer
Will ich baden traumversunken,
Blitzend wogen um mich her
Schießend, wirbelnd, wonnetrunken,
Himmelsfunken.
O du wesenloser Geist,
Gott der Strahlen, Glanz geboren,
Den das Weltall jauchzend preist,
Den zum Spotte nun die Thoren
Sich erkoren:
Geist erhab'ner Liebesmacht,
Geist des Wahren und des Guten,
Der du durch des Irrthums Nacht
Des Gedankens helle Gluthen
Lässest fluthen:
[276]
Sendest nieder du den Hauch
Deines wunderbaren Lebens,
Strömt durch meine Seele auch
Voll geheimniß-süßen Webens
Kraft des Strebens.
Heil dir Sonne, jauchzend soll
Dir mein Lied zum Äther wallen,
In die Saiten schlag' ich voll,
Daß sie durch der Erde Hallen
Hell erschallen!
In Verklärung blickt empor
Dann die Menschheit, lichtdurchdrungen,
Spenden dir im Jubelchor,
Gott der Götter, tausend Zungen
Huldigungen!

Genius

Mir winkt ein Stern, wenn dieser Stern nicht glömme,
Mich hüllte schaurig Todesdunkel ein,
Mich trägt ein Strom, wenn ich auf ihm nicht schwömme,
Im Wüstensand verdorrte mein Gebein.
O bleib mir treu, du Leitstern meiner Pfade,
Versiege nicht, du Linderin der Gluth!
Ihr seid mir Himmel, Seligkeit und Gnade,
Darin erschöpft mein ganzen Wesen ruht.
Ihr könnt allein des Herzens Sehnsucht kühlen,
Du Stern, du Strom herz'eigner Dichterkraft,
Nur wenn ich bilde, mag ich Mensch mich fühlen,
Und meine Seele lebt nur, wenn sie schafft.

Der Väter werth

[277]
Vom Himmel rauscht gewaltig
Ein wundersames Lied,
Ein Ahnen vielgestaltig
Durch meine Seele zieht.
Wie Adlerschwingen klingt es,
Wie sturmdurchbrauster Wald,
Wie Jubelhymnen singt es:
Was Du ersehnt, kommt bald!
Fest steht der Bau gegründet,
Das heil'ge deutsche Reich,
Die Zinnen gluthentzündet
Erstrahlen sonnengleich.
Die stolzen Banner wogen
In alle Lande weit,
Und droben glänzt der Bogen
Erhab'ner Einigkeit!
Nun schwillt die Seele bebend
Im Drang nach deutscher Art,
Nun jubelt auf, was strebend
Sich treu zusammen schaart:
Im Reden und im Handeln
Zum Hohn dem Lügendunst
Deutsch allezeit zu wandeln
In Leben und in Kunst!
Hell schmettern die Fanfaren
Durch Thal und Bergrevier:
Wer will die Treue wahren
Dem deutschen Reichspanier?
Wir heben hoch die Hände
Und kreuzen Schwert mit Schwert:
Nun hat die Schmach ein Ende,
Wir sind der Väter werth!

Morgengruß

[278]
Tief getaucht in Sonnengluthen
Ragt des Berges Haupt empor,
Lichtgewirkte Schleier fluthen,
Niederwallt der Silberflor.
Hoch am Nacken seh' ich schwellen
Süßer Reben Perlenreihn,
Aus den Brüsten seh' ich quellen
Milden, kraftgezeugten Wein.
Bäume schatten früchteprangend,
Vollbelastet deinen Fuß,
Frohen Blickes dich umfangend
Biet' ich dir den Morgengruß.
Sei gegrüßt, vom Morgenstrahle
Glanzumwob'nes Vaterland!
Leuchtest auf mit einem Male,
Seit der Dämm'rung Schatten schwand.
Ha, wie strebt dein Haupt erhoben
Zu des Lichtes Wunderquell'!
Reicher Segen strömt von oben,
Und die Früchte reifen schnell.
Wie der Seele bitt'res Leiden
Deine Herrlichkeit versüßt!
Größ'res ahnend laßt mich scheiden —
Deutschland, Mutter, sei gegrüßt!

Berliner Abendbild

Wagen rollen in langen Reih'n,
Magisch leuchtet der blaue Schein.
Bannt mich arabische Zaubermacht?
Tageshelle in dunkler Nacht!
[279]
Hastig huschen Gestalten vorbei,
Keine fragt, wer die and're sei,
Keine fragt dich nach Lust und Schmerz,
Keine horcht auf der andern Herz.
Keine sorgt, ob du krank und schwach,
Jede rennt dem Glücke nach,
Jede stürzt ohne Rast und Ruh
Der hinrollenden Dirne zu.
Langsam schlendr' ich im Schwarm allein —
Magisch leuchtet der blaue Schein.
Kaufmann, Werkmann, Student, Soldat,
Bettler in Fetzen, Hure im Staat.
Rechnend drängt sich der Kaufmann hin.
Rechnet des Tages Verlust und Gewinn.
Werkmann bebt vor der Winters Noth:
„Fänd' ich, ach fänd' ich mein täglich Brod!
Hungernd wartet die Kinderschaar,
's ist ein böses, ein böses Jahr.“
Bruder Studio zum Freunde spricht:
„Warte, das Mädel entkommt uns nicht!
Siehst du, sie guckt; brillant, famos!
Walter, nun sieh' doch — die Taille bloß!“
Steht der Gardist in Positur,
Weil der Hauptmann vorüber fuhr,
Ließ seine Donna im Stich — allein:
„Ja, liebste Rosa, Respekt muß sein.“
„Blumen, Blumen, o kauft ein Bouquet,
Rosen und Veilchen, duftend und nett!
Bitte, mein Herr, ach so sei'n Sie so gut!“
„Scheer' dich zum Teufel, du Gassenbrut!
Retzow, auf Ehre, wahrer Skandal.“
„Unter Kam'raden ganz egal.“
„Sehen Sie, bitte! Grandiose Figur,
Wirklich charmant, merveilleuse Frisur.“
„Echt garantirt? Doch das macht nichts aus.
Hm! Begleiten wir sie zu Haus?“
„Neuestes Extrablatt! Schwurgericht!“
Hei, das drängt sich neugierig dicht.
„So ein Schwindler, ein frecher Hund,
Schlägt erst todt und leugnet es rund.“
[280]
Wie das rasselt, summt und braust!
Wie es mir vor den Ohren saust!
Jahrmarkt des Lebens, so groß — so klein!
Magisch leuchtet der blaue Schein.

Das Lied vom Arbeiter

Es summt und dröhnt mit dumpfem Ton
Und qualmt und raucht ringsum,
Und Mann an Mann in schwerer Frohn
An seinem Platze stumm.
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
Früh Morgens, wenn der Schlemmer träg'
Auf weichem Pfühl sich reckt,
Macht sich der Sklave auf den Weg,
Vom Hunger aufgeschreckt.
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
Und Stund' um Stund' für kargen Sold
Rührt er die wucht'ge Hand,
Er wirbt um Ehre nicht, um Gold
Und all' den süßen Tand.
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
Er wirbt mit Weib und Kind um Brod,
Ums Leben fort und fort,
Er weiß, wie fürchterlich die Noth
Ihm Mark und Blut verdorrt.
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
[281]
Kein holdes Lied berührt sein Ohr,
Durch das die Sorge gellt,
Kein Dichter öffnet ihm das Thor
Zu einer bessern Welt.
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
Wohl nagt am Herzen weh und wund
Ihm oft sein bitt'res Loos,
Dann bricht ein Fluch aus trotz'gem Mund,
Verschlungen vom Getos.
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
Das ist ein rauhes Weltgebot,
Auf ewig Herr und Knecht,
Das Auge blitzt, das Feuer loht —
Ihr Herren, seid gerecht!
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.
„Und wenn ein Gott im Himmel nicht
Den bangen Ruf versteht,
Dann stürm' herein, du Weltgericht,
Wo alles untergeht!“
Der Hammer sinkt, die Esse sprüht,
Das Eisen in der Flamme glüht.

Wunsch

Die Amseln singen,
Mit sanften Schwingen
Säuselt der Wind.
Dem Tod entronnen!
Du Licht der Sonnen,
Labe mich lind!
[282]
O bitt'res Leiden,
So jung zu scheiden
In's Todtenland!
Geknickte Saaten,
Gemordete Thaten,
Nimmer genannt.
Wie flammt's im Blute
Von drängendem Muthe
Und edler Kraft!
Dank, gütige Götter,
Daß nicht das Wetter
Mich hingerafft.
O, laß mich leben,
Gewappnet zu streben
Nach Lieb' und Licht,
Bis einst in Frieden
Dem Kampfesmüden
Das Auge bricht.

Gott segne dich

Der einst mein erstes Lied erklungen
In sehnsuchtsscheuer Knabenzeit,
Hast dir den Brautkranz nun errungen —
Gott segne dich, du junge Maid.
Ein goldner Stern in Maiennächten,
Stiegst du vor meinem Blick empor,
Du glich'st dem Edelstein, dem ächten,
An den ich ganz mein Herz verlor.
Ich sah dein Bild von fern nur leuchten
Und betete in stummer Nacht
Mit fleh'nden Augen, thränenfeuchten,
Zu dir — die nimmer mein gedacht.
[283]
Die Wolken kamen schwarz gezogen,
Die Wetter peitschten wild mein Haupt,
Mein Schiff versank im Grab der Wogen,
All' meines Glücks ward ich beraubt.
Durch Himmel und durch Hölle stürmte
Mein furiengehetzter Sinn,
Das Ideal, das treu mich schirmte,
Warf mir den Rettungsanker hin.
Sieh'! Da zerfloß das trunk'ne Sehnen,
Das wonnebang mich einst umschwoll,
Dein Bild verschwand, des Geistes Wähnen
Ward ew'ger Gottversenkung voll.
Der Menschheit Heiligthum zu retten,
Wall' predigend ich meinen Pfad,
Erlösend aus der Selbstsucht Ketten
Mit meines Liedes freier That.
Doch heute bei des Täubers Girren,
Umhaucht vom Duft des Lindenbaums,
Darum die Bienen lüstern schwirren,
Gedacht' ich jenes süßen Traums:
Da ich mein erstes Lied gesungen
In sehnsuchtsscheuer Knabenzeit
Dir, die den Brautkranz nun errungen —
Gott segne dich, du junge Maid!

Wir

Schranken brechen nieder,
Längst zermorscht und grau,
Wir sind alle Glieder
Und ein einz'ger Bau.
[284]
Die sich selbst nur lebten,
Werden opfernd gut,
Die da feindlich strebten,
Knüpft der Liebe Gluth.
Alle engverbunden
Ringen kühn empor,
Bis der Kranz gefunden,
Den der Mensch erkor:
Auf des Lebens Flusse
Hinzuzieh'n beglückt,
Selig im Genusse,
Der den Geist entzückt.

Schwankend ragen...

Schwankend ragen finst're Bäume,
Durch die Lüfte zieht es schaurig,
Alte, tiefe, dunk'le Träume
Zittern durch die Seele traurig.
Welke Blätter rascheln stöhnend,
Was am Mark verdorrt, muß brechen,
Steinern Schicksal schlägt uns höhnend,
Was verschuldet, muß sich rächen.
Ach, die nächtig schweren Sorgen
Wohnen wachend im Gemüthe,
Und die Sünde liegt verborgen
In dem Keim der schönsten Blüthe.

Gebet

[285]
Der Du mich ahnungsvoll umkreist,
Hör' mein Gebet, urew'ger Geist!
Der Du von Anfang bis zu Ende,
Zu Dir aufheb' ich meine Hände.
In Schauern sink ich vor Dir hin,
Weil ich Dir ganz ergeben bin.
Du bist die Leuchte meines Lebens,
Du bist das Urbild meines Strebens.
Du bist's allein, der in mir schafft,
Du bist der Pfad, Du bist die Kraft.
Du bist die Tiefe, bist die Höhe,
Das Meer, darin ich untergehe,
In Dir nur bin ich stät und stark,
Du bist die Wurzel, bist das Mark.
Du bist der Baum, daran ich ranke,
Du richtest mich, daß ich nicht wanke,
Du bist der Strom, der mich durchquillt
Und meiner Seele Gluthen stillt.
Du bist der Anker mir im Wetter,
Bist mein Erlöser, mein Erretter,
Du bist das Wort, der Klang, der Sinn,
In dem ich lebe, web' und bin
Du bist der Inhalt im Gefäße,
Nichts ist, nach dem ich Dich bemäße,
Du bist die Wahrheit, bist das Licht,
Das flammend aus der Seele bricht,
Du bist das Schöne, bist das Gute,
Für das ich bin, für das ich blute —
Trotz Noth und Tod für alle Zeit,
Urew'ger Geist, sei benedeit!

Reif ist die Frucht und muß geschnitten sein

[286]
Gewitterschwanger dräut es Tag und Nacht,
Doch fällt kein Blitz, kein starker Donner kracht.
Zuweilen flammt am Horizont ein Schein,
Dann folgt ein schwaches Grollen hinterdrein.
Todmüde röchelnd ringt die Welt' nach Luft,
Als schmachte sie in dumpfer Leichengruft.
O brich herein mit Donnersturmgetos,
Laß deiner schwarzen Rosse Zügel los,
Sturmjäger, auf, wir alle harren dein,
Nicht länger kann die Qual ertragen sein.
Siehst du die bangen Haufen murrend stehn?
Die Zeit ist hoch, was sein muß, muß geschehn.
Und flammen tausend Dächer auf in Rauch,
Und bricht zusammen uralt heil'ger Brauch,
Und giebt's ein Jammern, daß die Luft zerbirst,
Laß dich nicht mäßigen, Gewitterfürst!
Donner auf Donner, rother Strahl auf Strahl,
Rein muß es werden von Gebirg' zu Thal,
In Schauern birgt ein glückliches Geschlecht,
Was mühvoll wir gesäet Knecht an Knecht.
Was gelten wir? Die Zukunft gilt allein,
Reif ist die Frucht und muß geschnitten sein.

Psalm

Ich habe die Tiefen des Elends geschaut,
Und es hat mir in Tiefen der Seele gegraut,
Ich sahe lebendiger Todten Skelett
Und stand an der Buhlen entweihtem Bett,
Ich nahte gefallenen Engeln viel,
Der süßesten Sünde entsetzlichem Spiel,
Die stolze Vermessenheit sah ich im Schwang
Und lauschte der Reichen bethörtem Gesang,
[287]
Die Seelen sah ich verkauft und feil,
Nach Gold und Ehre und Wollust geil,
Der Knechte traf ich ein zahllos Heer
Und fand der Lügner und Heuchler noch mehr,
Im Bethaus sah ich vor Gott sie knien
Und sah, wie sie heimlich den Heiland bespien
Und lachten verborgen und trieben Hohn,
Und leckten doch sündisch an Kreuz und Thron,
Und ich sah, was mir höllisch die Sinne gepackt,
Sie die Wahrheit nothzücht'gen und peitschten sie nackt —
Und zu Boden sank ich und rang und rang
Und siechte todtmüde und heillos bang,
Meine Seele war wüst, und mein Geist war Nacht,
Da flammte ein Strahl, nun bin ich erwacht
Und ich schreie empor voll brünstiger Gluth:
Du Geist der Welten, verleih' uns Muth,
Daß das Zagen zergeht und der Zweifel zerbricht,
Zu sehnen und suchen das ewige Licht,
In harrender Treu, in Gedanken und That,
Wann der Abend sinkt, wann der Morgen naht,
Mit der Liebe Gewaffen im brennenden Kampf,
Schildleuchtende Helden im Nebeldampf
Mit des Mitleids Ruf, mit der Wahrheit Speer,
Zahllos sich mehrend ein siegend Heer,
Zu lösen das Leid und die Welt zu befrei'n —
O selig, Todzeuge des Lichtes zu sein!

Meiner Mutter

Mutter, aus der Ferne eilst Du,
Deinen Sohn zu sehen,
Ach, die kranke Seele heilst Du,
Linderst ihre Wehen.
Bin zermartert, bin zerschlagen
Wie im Sturm die Eiche,
Doch bei Dir vergeht mein Klagen,
Gute, Milde, Weiche!
[288]
Wer der Zeit Meduse schaute
Schon mit jungen Jahren,
Wem's in Höllentiefen graute,
Früh hinabgefahren:
Wen zu Eis der Frost des Lebens
Oft das Herz erstarrt hat,
Wen der Irrthum dunklen Strebens
Trügerisch genarrt hat:
Laßt ihn in die treuen Augen
Seiner Mutter blicken,
Heiße Wonne wird er saugen
Und sich heiß erquicken.
Mutter, aus der Ferne eilst Du,
Deinen Sohn zu sehen,
Ach, die kranke Seele heilst Du,
Linderst ihre Wehen.

Ruhe, meine Seele!

Nicht ein Lüftchen,
Regt sich leise,
Sanft entschlummert
Ruht der Hain;
Durch der Blätter
Dunkle Hülle
Stiehlt sich lichter
Sonnenschein.
Ruhe, ruhe,
Meine Seele,
Deine Stürme
Gingen wild,
[289]
Hast getobt und
Hast gezittert,
Wie die Brandung,
Wenn sie schwillt!
Diese Zeiten
Sind gewaltig,
Bringen Herz und
Hirn in Noth —
Ruhe, ruhe,
Meine Seele,
Und vergiß,
Was dich bedroht!

Es ist ein Kampf...

Es ist ein Kampf, kein and'rer kommt ihm gleich —
Nicht, wenn in offner Feldschlacht du die Brust
Dem Feind entgegenwirfst, die panzerlose,
Und tausend Schwerter blitzen auf dich ein
Und flammen Tod und klirren laut Verderben —
Nicht, wenn in Asiens dichtem Rohrgestrüpp
Dem gelben Dschungeltiger Du begegnest,
Daß arggeschlitzte Augen schnell erspähn,
Wie sprungschnell er des Nackens Weichen dir
Zerfleischen wird, des Todes armen Sohn,
Und du die Flinte nach dem Hirn ihm richtest,
Den Dolch bereit, falls deine Kugel irrt, —
Auch nicht, wenn du auf winzig schmalem Kahn,
Der lecken Nuß, von himmelhohen Wogen
In tiefen Wasserschlund geschleudert wirst,
Es kocht das Meer und brandet wild empört,
Du aber kämpfst verzweifelt mit den Fluthen —
Es ist ein Ringen fürchterlicher Art,
Zerreißend deines Herzens straffste Fasern
Und dein Gehirn mit Sturmeswuth durchtosend,
Liegst du im Kampf mit deiner Leidenschaft;
[290]
Auf stürmt sie aus des Busens tiefsten Schächten,
Springt auf dich ein, gräbt ihre Pranken fest,
Saugt aus dein Blut, durchbohrt dich schwertesscharf,
Und kennt kein Ruh'n, kein Zaudern, kein Ermatten,
Stets neu geboren wie der Gorgo Haupt —
Und doch, um Gott, verliere nicht den Muth,
Verzweifle nicht, wenn dir auch heimlich graust,
Raff' stets dich auf zu wahrhaft kühnem Schlage
Und schlag' so lange, bis das wilde Weib
Besiegt zu deinen Füßen niederbricht,
Und du befreit dein Haupt gen Himmel richtest —
Ein Sieger, dem kein and'rer Sieger gleich!

Das Forsthaus in den Vogesen

[291]

Nachtrag zu Seite 193

Ich sang und wanderte im Wasgauwalde,
Bis ich im Wurzelwerk den Pfad verlor,
Da trat mir just auf einer Lichtung Halde
Ein grünumranktes, freundlich Haus hervor.
Gar lockend winkte aus dem Laubgewinde
Die weiße Wand, der hellen Fenster Fach,
Und über allem baute Eich' und Linde
Ein duftig schattenreiches Blätterdach.
Hoch durch das Laub sah ich den Giebel ragen,
Gekrönt von einem stattlichen Geweih,
Das schien dem Wandrer schon von fern zu sagen,
Daß dies des Waidmanns lustig Schlößchen sei.
Hier stieg ich keck die moosumkränzten Stufen
Zur braunen Thür und pochte wacker an. —
Der liebe Gott hat's ja schon längst gerufen:
„Wer anklopft, dem wird sicher aufgethan.“ —
Ich that's zwei-, dreimal, doch es blieb geschlossen.
Ein Zeisig nur sang drin sein Schelmenlied;
Es war das erste, das mich schier verdrossen,
Denn neckisch klang es mir wie: „Flieht nur, flieht!“
Da hört ich plötzlich durch's Gezweig erklingen
Gar heller Stimme fröhlichen Gesang,
Und gleich darauf sah ich durch's Buschwerk springen
Ein blühend Mädchen, schlehenäugig, schlank.
[292]
Als sie den Fremden sah am Haus sich regen,
Entfuhr ihr wie im Schreck ein leiser Schrei;
Ich grüßte reuig, schalt mich keck, verwegen
Und bald war ihre Mädchenangst vorbei.
Erst schmählte sie mit hellem Silberlachen
Sich selber aus und zürnte schelmisch dann;
„Wie konntet ihr mich auch nur schrecken machen,
Am offnen Tag, ihr böser, junger Mann!
Ich war das Thal hinab in's Dorf gegangen
Um Salz und Brot für unser kleines Haus,
Der Vater zog schon bei dem ersten Prangen
Des Frühroths auf sein Tagewerk hinaus.
Doch tretet ein, gönnt euch ein Ruhestündchen,
Ihr seid gewiß recht müd' und wandermatt!
Kommt, nehmt vorlieb mit dem, was unser Spindchen
An Speis' und Trank für euren Gaumen hat!“ —
In ihren Wangen lachten kleine Grübchen,
Als sie mich herzlich in den Hausflur lud;
Drauf öffnete sie mir das Försterstübchen,
Daß mir ganz still und sonderbar zu Muth.
Gebohnt war dort die glatte Diele drinnen
Und holzgetäfelt rings die braune Wand,
Die Fenster zierten schmuck schneeweiße Linnen
Aus ihrer eig'nen, fleiß'gen Mädchenhand.
Ein Eichentisch stand gastlich in der Mitte,
Zu dem des Vaters Axt den Stamm gefällt,
Und Flechtwerkstühle nach des Waidmanns Sitte
Aus Birkenästen kunstvoll hergestellt.
Behaglich bis zu künft'gen Wintertagen
Der Kachelofen in der Ecke stand
Und auf gescheuerten Gesimsen lagen
Viel blanke Teller mit gemaltem Rand.
Am Wandgetäfel sah ich aufgehangen
Ein schlichtes Kreuz und unsres Kaisers Bild.
Und rings im Kreise vielgestaltig prangen
Manch stolz Geweih von dem erlegten Wild.
Doch immer warf ich heimlich beim Beschauen
Mein Auge auf das Försterkind zurück
Und haschte diebisch aus den dunkelblauen
Und sanften Augen manchen raschen Blick.
[293]
Sie hatte bald mit flink gewandten Griffen
Den Eichentisch für unser zwei bestellt
Und grüne Gläser bilderreich geschliffen
Und schwarzes Brot und Wildpret drauf gestellt.
Doch auf der gastfreundlichen Tafel Mitte
Trug sie im irdnen Kruge goldnen Wein,
Und lud mich dann mit liebevoller Bitte
Zum frohen Vespermahle freundlich ein.
Sie bat so herzlich mich, so unbefangen,
Bediente mich, kredenzte den Pokal,
Daß unbewußt in meine jungen Wangen
Ein seltsam Glühen sich verrathend stahl.
Durch's Fenster lugten von dem Buchenaste
Zwei weiße Täubchen auf den stillen Schmaus,
Verwundert girrend ob dem seltnen Gaste
In ihrer Herrin trautem Försterhaus. — —
Schon sah ich Alpenglühn auf Gletscherriffen,
Und schaute auch des Meers Unendlichkeit,
Doch hat mich nichts so innerlich ergriffen
Als dieses Mädchens sanfte Kindlichkeit.
Ihr frisches Plaudern klang wie einer Quelle
Melodischer und weicher Waldgesang;
Von Wiese, Waidwerk und des Wildes Schnelle
Erzählte sie und von dem Drosselfang.
Dann mußt ich ihr auf tausend liebe Fragen
Berichten von den fernen Schweizerhöhn,
Wie silberkuppig dort die Gletscher ragen
Und die Lawine löst der grause Föhn;
Und wie ich südwärts dann hinabgezogen
In's schöne Land, wo die Orange glänzt,
Und wo die Adria mit ihren Wogen
Venedigs schimmernde Paläste kränzt.
Der deutsche Wein lieh meinen Worten Flügel,
Mein Auge glühte, meine Rede floß
Und leicht getragen ohne Zaum und Zügel
Sprang sie dahin wie ein beschwingtes Roß.
„Und doch,“ so rief ich, und die Gläser klangen,
„Wie reich die Welt da draußen auch, wie schön
Neapels Golf, der ewgen Roma Prangen,
Das blaue Meer und Tiburs Myrthenhöhn,
[294]
Ich sehnte mich aus all des Südens Düften
Nach meines deutschen Eichwalds grünem Dom,
Und von Siciliens wunderbaren Triften
An meinen Rhein, an meinen deutschen Strom.
Und eines Tags — der Lenz ging schon zur Rüste
Mit Stab und Ränzel mich Palermo sah,
Dort nahm ich Abschied von Messinas Küste
Und fuhr zu Schiffe hin nach Genua.
Hier zog ich nordwärts, jauchzte meine Lieder
Zum zweiten Mal im Berner Oberland,
Bis heut ich meine deutschen Wälder wieder
Und — dich, du liebe, junge Wirthin, fand!“ —
Ich war zu Ende und die Zeit verflogen,
Schon dunkelte das trauliche Gemach
Und schimmernd flutheten die goldenen Wogen
Der Dämmerstunde durch das Blätterdach;
Und glühend küßte meiner Wirthin Wangen
Des Abends rosiger Madonnenschein
Und hüllte wunderbar in goldnes Prangen
Ihr wallend Haar, ihr blühend Antlitz ein.
Doch wie die Strahlen mählig weiter wichen,
Rief mich die Wanderpflicht gebietend fort,
Ich wollte noch, eh mich die Nacht beschlichen,
Zu Thale pilgern in den nächsten Ort.
Mich rief mein Ziel von dieser trauten Stätte,
Die Liebe mir geboten, Trank und Schmaus,
Und dennoch war's, als schlöss' mich eine Kette
An dieses waldesstille Försterhaus.
Stumm sann ich nach. — Ich wußte nichts zu sagen,
Stand auf vom Tisch und von dem lieben Mahl,
Als mich, wie mit geheimnißvollem Fragen,
Aus ihren Augen traf ein lichter Strahl.
Und zögernd frug sie: „Wollt Ihr wirklich gehen?
Im Haus ist Platz genug, ich bitt' Euch, weilt,
Und wandert morgen erst von unsern Höhen
Mit meinem Vater, wenn die Zeit Euch eilt!“
Nun rang ich mit mir selbst und wurde irre,
Ob's recht, daß man die Liebe so vergilt,
Und immer trat aus meiner Pläne Wirre
Des Försterkindes maienlichtes Bild.
[295]
Doch eine Stimme, die mich sonst gemieden,
Rief warnend mir: „Flieh, fliehe nur geschwind!
Vergifte nicht des Waldes heilgen Frieden,
Vergifte nicht dies schöne junge Kind!
Fremd wie du kamst, zieh fremd auch rasch von hinnen
Und kette hier nicht jählings dein Geschick;
Was willst, was willst du hier? Bist du von Sinnen?
Zieh fort und schaue wandernd nie zurück!“
Und plötzlich war's, als zög' es mich von dannen,
Rasch griff ich Wanderränzchen, Hut und Stab
Und wandte mich — denn ein Paar Thränen rannen
Ganz heimlich aus den Augen mir herab:
„Ich kann ja nicht und darf nicht länger bleiben,
Muß morgen noch an meinen Heimathrhein,
Vielleicht, wenn wieder Buch' und Birke treiben,
Kehr' ich noch einmal hier im Forsthaus ein.
Heut hast Du mich so liebreich aufgenommen,
Als wär ich dir ein Bruder oder mehr,
Drum wird, ich weiß wohl selbst nicht wie's mag kommen,
Von dir das Weiterwandern mir so schwer.
Mach mirs nicht schwerer, Mädchen, laß mich ziehen,
Nimm mir nicht ganz den jugendfrohen Sinn
Und laß mich fremd aus deinem Walde fliehen,
Fremd wie ichs war und wie ich jetzt noch bin!
Dein Bild nur laß mich tief im Herzen tragen
Als Kleinod, das die Wanderlust mir lieh,
Mein Lied nur soll von deiner Liebe sagen,
Verklären soll dich einst die Poesie.
Hab Dank! — Was soll ich dir du Waldkind, schenken
Als deiner Herzensgüte edlen Preis?
Ich wüßte nichts, doch — willst du mein gedenken —
So nimm dies kleine Sträußchen Edelweiß.
Es welkt nicht hin wie eine Rosenblüthe,
Frisch bleibt sein Schmelz und seine Lieblichkeit;
Nimm es für deine Liebe, deine Güte
Und nun leb wohl — du junge, deutsche Maid.“ —
„So zieht mit Gott“ — rief sie mit Flammenwangen,
„Doch trinkt noch diesen letzten Becher Wein:
‚Auf Wiedersehn‘ —“ die hellen Gläser klangen —
„So zieht mit Gott und denkt auch fürder mein!
[296]
Seht ihr den Pfad, der durch den Wald sich windet,
Den wandert fort, bis ihr vom Zaun umhegt
Ein Christusbild an einem Hochweg findet,
Der euch vor Nacht noch in den Thalgrund trägt!“
So schied ich denn, ein Druck der lieben Hände,
Ein heller Blick, ein Gruß, ein letztes Wort. — — —
Dann stürmte ich mit Hast das Waldgelände
Den Pfad entlang nach meinem Ziele fort. — —
So schwer war ich noch nirgends fortgegangen
Als von dem gastlich trauten Försterhaus,
Da draußen trieb mich stets ein wild Verlangen
Nach neuer Länder neue Pracht hinaus.
Die Welt war fremd mir, ich an nichts gekettet,
Und frei noch trieb ich meiner Pläne Spiel,
Heut hatt' ich hier mich, morgen dort gebettet,
Wie's grade meiner Wanderlust gefiel.
Und nun schien mir des Wanderns schönes Leben
Ein Gang vom Paradies ins Ungefähr,
Ein planlos Irren und ein blindes Streben
Und eine Fahrt auf ödem weitem Meer.
Und wie ich schritt und wie des Waldes Bäume
Aufrauschten in des Abends duftgem Wehn,
Versank ich stumm in wunderbare Träume,
Sah Bilder wie ich sie noch nie gesehn. —

Erinnerung

[A1]
1Fußnote[1] Noch im letzten Augenblicke vor Schluß der Redaction sandte der Verfasser des „Lyrischen Tagebuchs“ die nachfolgenden Originalbeiträge, „aus Interesse für das bedeutsame Unternehmen“ ein.
Wir ritten singend hin im grünen Walde,
Die schneeigen Spitzen nickten fern herüber
Im Alpenglühn. Es dämmert trüb und trüber.
Vom fernen Föhn erbebt die Bergeshalde.
Die Espe schaudert, flüsternd klagt das Blatt,
Die Weide ahnt den Sturm, der sie zerknickt:
Sie senkt die Zweige siech und kummersatt.
Selbst die Cikade summt nur träg und matt:
Natur in sich zurückeschrickt.
Nur einmal, Holde, hab' ich dich gesehen,
Doch werde nimmer deinen Reiz vergessen.
Verklungen ist der Sang. Ich muß durchmessen
Den rauhen Wald des Lebens und es wehen
Herbstblätter nun im Sturme um mich her.
Ach, die Erinnerung als Alpenglühen
Flammt hinter mir in stiller Nacht nicht mehr.
Des Herzens Flammen allgemach versprühen
[A2]
Dein Bild nur leuchtet wie ein letzter Funken
Von höchster Alpe der Vergangenheit,
Bis auch dies Alpenglühen matt versunken
Tief in den Schluchten der Vergessenheit.
Gelassen reit' ich durch die Felsenflur —
Ich bange nicht dem Sturm, wie die Natur.
Wenn auch kein Licht mein Auge mehr erblickt —
Ein todtes Herz vor Nichts erschrickt.

Phaëton

Deinen Sonnenwagen, ich will ihn lenken!
Her mit den Zügeln, vorwärts in die Gestirne!
Mag ich verrücken auch droben die ewige Ordnung,
Frech sie störend.
Warum ruht deiner heiligen Strahlen Abglanz,
Goldumlockter Erzeuger, auf meiner Stirne?
Mag mich höhnen die Welt — ich fühle die Gluthen
Olympischen Geistes!
Falls ich nicht stürze sogleich beim kühnen Beginnen,
Bleibe mir als Beweis des Sonnenfluges
Statt blonder Locken, zu Aschenflocken versenget
Ein grauer Scheitel!
Stürze denn, unseliger Phaëton, stürze!
Phöbus herrscht in ewig heiterem Gleichmaß.
Phaëtons Fall, zum Sturz geboren, beweinen
Wird nur die Echo.

Bei der Hexe von Endor

[A3]

Der Geist Samuels:

Wer hat in meinem Schlummer mich gestört?
Weß Stimme habe ich im Grab gehört?
Bist du es, Fürst der Juden? Schaue her!
Es fleußt kein Blut in diesen Adern mehr
Und morsch und kalt wie Eis ist mein Gebein —
Wohl, also, König, wirst du morgen sein.
Dein Herz, das stets von Siegen nur geträumt,
Das wider Gott sich frevelnd aufgebäumt,
In dem das heiße Blut der Sünde gährt —
Es wird durchbohrt von deinem eignen Schwert.

Saul:

Fallen? In Staub zerfallen? Könnt' ich leibhaft
Dich packen, Tod! Doch ach, so ist's: den Löwen
Zu Boden ringen kann der Sohn der Steppe,
Doch dem Simum, dem körperlosen Schatten,
Der übers Land streift wie des Todes Schatten,
Dem Wesenlosen — dem erliegt das Wesen.
O reichte meine wildgeballte Faust
Zu dir empor, Huld-lächelnder Tyrann!
Beraubt der stolzen Selbstgerechtigkeit,
Steh ich vor dir betäubt, doch nicht gestürzt.
Weg reiß ich erst die Scheidemauer, die
Uns trennt, den Schleier und den Vorwand: David!
Und hab' ich dich, dann hebe an das Ringen
Gott wider Mensch, wie einst an Jaboks Furth.
Und selbst mich krümmend unter deiner Sohle,
Zudonnern werde ich dir immer noch
Den Schlachtruf, den ich jetzt gen Himmel schleudre:
Sei du ein Gott! Du stehst nur über mir,
Wie der Gewaltherr auf dem blutigen Thron
Herabschaut auf den Freien, den er foltert.
Sei du ein Gott — ich neide dir es nicht:
Mein Geist ist frei und mächtig, wie der deine —
Bleib du ein Gott, ich bleibe doch — ein Mensch!

Davids Psalmen

[A4]

I.

Wie der Hirsch nach Wasser, lechzet
Meine Seele, Gott, zu dir —
Sie verschmachtet und sie ächzet —
Thränen nur sind Labung mir.
Galle bietet man allein
Dem Verschmachtenden als Wein.
Über der Gerechten Weinen
Triumphirt der Thoren Spott,
Denn in ihren Herzen meinen
Alle sie: „Es ist kein Gott!“
Und sie höhnen meine Noth:
„Wo ist nun dein Zebaoth?“
Siehst du Ihn herniederfahren
Von dem Sonnenzelte stracks
Mit bewehrten Seraphschaaren?
Berge schmelzen ein wie Wachs
Vor dem Glanz von seinem Zelt,
Das verdunkelt rings die Welt.
Hagel sprüht sein Wolkenwagen,
Welchen Herolds-Cherubim
Auf des Windes Fittich tragen.
Sturm-Posaune her vor ihm
Bläst und mit dem Blasen trennt
Jeden Dunst am Firmament.
Wer in seinem Schirme sitzet,
In der Allmacht Schatten lebt,
Ist geborgen, wenn es blitzet,
Wo der Ungerechte bebt.
Wie ein Ölbaum in Gewittern
Grünt er, doch die Bösen zittern.
[A5]

II.

Lobet seinen heiligen Namen,
Ihn, der nie sein Thun bereut,
Der des Glückes goldnen Samen
Auf den Lebenspfad dir streut.
Denn so hoch der Himmel waltet
Über diesem Erdenball —
Also seine Gnade schaltet
Über seine Diener all'.
Und so fern der frühe Morgen
Von dem späten Abendlicht —
So entrückt er alle Sorgen
Fern von unserm Angesicht.
Denn er weiß vom Menschenthume,
Daß wir ja nur eitel Staub,
Daß wir blühen wie die Blume,
Die gar bald des Windes Raub.
Und die Stätte, wo sie blühte,
Ist verwischt für alle Zeit —
Aber Gottes Gnad' und Güte
Währt durch alle Ewigkeit.

III.

Die Helden sind gewichen aus der Welt
Und Zwerge herrschen, wo die Riesen stritten.
O Israel, du Ceder fest und stark,
Hochragend stolz in aller Völker Mitten,
Dein Wipfel sinkt, du bist verdorrt im Mark.
Der Blätterschmuck des Ruhmes dir entfällt —
O Zebaoth, wie hast du das gelitten?
Dort ruhn, wo sich zum Thal Gilboa neigt,
Die Edelsten in Israel erschlagen;
Die Königsblume hat der Tod gepflückt.
Umsonst die Eichen ja gen Himmel ragen:
[A6]
Ein Blitzstrahl zuckt — die Helden sind geknickt!
Dein Zorn hat unsre Nacken tief gebeugt —
Wer aber wollte drob zu murren wagen?
Wie Simson nehme ich mein Saitenspiel,
Die heilige Harfe von den Trauerweiden:
Von unserm tiefen Wehe sing' ich gern —
Mag sich der Feind an unserm Jammer weiden!
Doch dann wie Simson laßt uns flehn zum Herrn,
Bis ihres Stolzes Tempel niederfiel,
„Daß unsre Seele sterbe mit den Heiden!“
Ihr Berge von Gilboa, seid verflucht,
Dieweil des Herrn Gesalbter dort erstochen!
Nicht Regen netze euch noch Himmelsthau!
Denn Saul, des Starken, Schild ward dort zerbrochen —
Drum sollt ihr werden wüst und öd' und rauh!
Kein Sonnenstrahl der Helden Gruft besucht,
Bis ihre Schmach, ja unsre Schmach gerochen!
Ich trage Leid um dich, mein Jonathan!
Mein Herz, o Bruder, ist mit dir gegangen.
Die Frauenliebe heilt die Wunde nicht.
Mit diesen Thränen flieht von meinen Wangen
Des Lebens Mai, mein Herz für immer bricht.
Kein irdisch Glück dich mir ersetzen kann:
Du gingst — und Glück und Jugend sind vergangen!

Weisheit des Orients

I.

Auf Damascener-Stahl ist eingeprägt
Ein Koran-Vers, den Lebenszweck zu zeigen,
Und dient als Amulet dem, der ihn trägt.
Schwertfeger, dieser Vers fiel mir zu eigen:
[A7]
Mein Lieben ist für mich mein ganzes Leben,
Mein Lied mein ganzer Ruhm; und wenn gegeben
Mir eine Seele, die unsterblich, dann
Zuleika's Name nimmer sterben kann.
Denn „meine Seele“ nannte ich sie immer —
Sie lebt in meinem Lied und das stirbt nimmer.

II.

Mir sind deine schwarzen Augen,
Wie Fahnen auf dem Zelt
Von unserm Herrn zu Bagdad,[2]
Wo der Halbmond Wache hält.
Roßschweife ihn umflattern —
Wie Wolken des Mondes Pracht
Umwallen auf dem Zelte
Der allbedeckenden Nacht.
Ich bin ein Kalif des Geistes,
Ein Mehrer des Reichs fürwahr.
Doch ein König ohne Land nur
Im großen Weltbazar.
Einen Schatz nur hat der Kurde
An Harmonia's Bucht:
Die stolzen Feuerrosse
Von Kochlani's alter Zucht —
So habe ich nur den Simurg,
Den alten Fabelgreif;
Der trägt mich zum siebenten Himmel
Aus seinem flammenden Schweif.
Den Isthakar-Schatz kann ich heben,
Den Gott meinem Innern verlieh,
Und mit Salomos Siegel beschwören
Die Geister der Phantasie.
[A8]
O könnte ich mir beschwören —
Nicht die Fürstin von Saba, nein,
Nur Dich. So folge ich immer
Deiner schwarzen Augen Schein.

III.

Wenn die Sonne erkaltet,
Die Sterne veraltet
Und das Buch des Gerichtes sich entfaltet,
Wenn über Al-Sirats Flammenbrücke
Ich siegreich zöge — ich fragte schnelle:
„Zuleika, die makellose Gazelle,
Wird sie schwelgen mit mir in ewigem Glücke?“
„Nein!“ ist die Antwort, „denn wie des Dschemschid
Rubin die unsterbliche Seele glüht —
Doch nur in des Mannes Brust. Das Weib
Endet, zerfiel sein sterblicher Leib.
Hier winkt dir die Houri unsterblich-schön.“
Lebt wohl denn für immer, ihr Himmelshöhn!
Ich stürze mich selbst in des Eblis Hölle,
Ins ewige Feuer und Lavagerölle.
Der irdischen Liebe bin ich geweiht
Und der sterblichen schwachen Weiblichkeit!

IV.

Wenn am Ararat hängt der Nebelflor,
Dann sprüh'n die Naphtaquellen empor.
Wenn Schwermuth über der Seele ruht,
Gährt auf die schöpferische Gluth.

V.

Wenn ihm der Suma milchig Gift kredenzt,
So schlürft das Kind wohl arglos diesen Saft.
Mit Schierling statt Magnolien sich's bekränzt.
Doch Kinder bleiben wir. Denn ewig glänzt
Der Schönheit Tand vor'm Blick der Leidenschaft —
Gleich wie ein Splitter Glas im Mittagsschein
Dem Kinde strahlt als bunter Edelstein.

VI.

[A9]
Der wilde Vogel in Korassan,
Der seltsame Geselle,
Umschwebt im fernen Ispahan
Immer die gleiche Quelle.
Der Kaiser von Catay
Sucht nach der Fluth des Jugendquells,
Der sprudeln soll am Altai-Fels
Durch Mongolei, Mandschurei, Tartarei.
Tugend sucht Wiedergebärung
In der Reue Marah-Quelle —
Nicht lockt sie von der Stelle
Des Manna's süße Bescheerung.

VII.

Des Magnetbergs Eisenwand
Lockt alle Barken am Kaspierstrand.
Der Ruhm lockt über der Zukunft Wellen
All deine Gedanken — um zu zerschellen.

VIII.

Den Auserkorenen hat eine Feder
Aus seiner Schwinge der Simurg geweiht:
Dann war geschützt ein Jeder.
Ein Ideal uns so vor Schwäche feit.

IX.

Wie Matrosen auf dem Bramaputra
Feuerpfeile durch die Dämmrung schießen,
Um den Pfad der Barken so zu leiten —
Wie Naïra-Mädchen auf den Strom
Eine Lampe setzen, zu erforschen
Ihres Liebsten Schicksal fern im Lager —
So schleud're ich Brandpfeile der Gedanken
In nächt'ge Zukunft hin. Der Liebe Leuchte
Schwimmt auf der Sturmfluth der Begierde, nimmer
Versinkend. Wie man Blumen, Kokosnüsse
Zur Sänft'gung wirft in Babelmandeb's Brandung,
So streu ich Liederrosen in mein Leben.
[A10]

X.

Dem Goldfink gleich, der so farbenreich
Fliegt durchs Gestreuch an der „gelben Bai“,
Doch, nistend im Wald, läßt schwinden alsbald
Seiner Farben lachenden Mai —
Kann Schönheit nur im frohen Reigen,
In der Bewegung nur sich zeigen.

[2]„Schatten“ und „Nacht“, die schwarzen Reichs-Banner des Kalifen.

Unrast

Ihr nie verlöschten heiligen Flammenkörper,
Wachtfeuer ihr der Nacht, mit eurer Strahlen
Beredsamkeit, im Auge Friedensträume!
Auch ihr seid ruhelos und zittert droben
Mit ungewissem Licht, und Wolkenschatten
Umhüllen eure Stirn und bald wie bald!
Tritt euer Glanz zurück am Firmament.
— O Unrast, Unrast! Sieh, wie rings das Meer,
Das seinen Busen frech dem Mond entblößt,
Wogend und ächzend in Begier und Groll,
Sich nach der Sterne schleierloser Schönheit,
Wie eine Seele nach Vollendung, sehnt!
Die ruhelosen Wolken ballen sich
Und lösen sich und fliegen dort durchs Blau,
Eisbergen gleich, bemalt mit Irisfarben
Durch die Rückspiegelung der warmen Sonne,
Die bald in Dunst wie Schnee sie lösen wird;
Der Sommer fliegt wie ein Erröthen hastig
Über der Erde Antlitz und verweht;
Der Regen prasselt wild und toll hernieder,
Die reuigen Winde jammern tief und schwer;
Und dieser ewige Planet der Pein
Hat Ruhe nie gekostet. Heimathlos,
Stöhnend und seufzend, eine Welt des Wahnsinns,
Rollt durch die Tiefen er der Ewigkeit.
Und, Mensch! — O Kind, du fröhlich Lichtgebild
Aus Gottes Hand! Die tanzende Bewegung
Der muntern jungen Glieder wird gelenkt
Von deines Wesens innrer Harmonie.
[A11]
Seit Gott den ersten Stern erschuf — wie lange!
Doch seine Hand liegt noch auf deinem Haupt,
Als wär' es gestern. Letzte Offenbarung! —
Du Silberstrom, der aus dem See der Urkraft
Mit süßem Lachen bricht, wie endest du?
Der Jugendleidenschaft Kaskadenstrudel
Furcht deiner ebnen Fläche glatte Wange,
Mit frischen Blasen, Grübchen gleich, besät,
Zerwühlt dein Bett, trübt deinen klaren Spiegel,
Und dann, befleckt von ungesundem Schutt
Und Schmutz, den Tagsgeschäfte auf dich häufen,
Von manchem Fels des Mißgeschicks beengt,
Strömst düster du bergab durch vielgewundne
Gebirgeskammern oder sumpfige Moore,
Bis du zuletzt mit träger fauler Ader
Zum unbekannten Weltmeer seicht und siech
Dahinschleichst: jener allgemeinen Mündung,
Zu der selbst Gießbach, Katarakt, Gebirgsstrom —
Begeistrung, Genius, Thatkraft — bald sich wälzen.

Dichtermission

Die Phantasie ist, Wahrheit, deine Nahrung.
Sie ist beständ'ge Gottesoffenbarung.
Die Träumer sind Propheten. Was sie schauen,
Wird in Jahrhunderten von selbst sich bauen.
Gleich wie der Beduine sich seinem Roß vermählt,
Sein Flügelroß der Dichter als einz'ge Gattin wählt.
Der Denker jage einsam wie der Löwe
Die Schakals und die Büffel vor sich her!
Wie eine ruhelose Möve,
Vorm Sturm der Zukunft fliege er!
Die Poesie gleicht dem Achillesspeer,
Der jede Wunde, die er schlug vorher,
Mit seinem Stahl auch einzig konnte heilen.
Halb Balsam ist die Poesie, halb Gift.
Wer ihre Kelche leert, muß wie es trifft,
Gift oder Balsam, Beides mit ihr theilen.
[A12]
Nie wird aus gleichem Marmor zugeschnitten
Ein zweiter Dichter, wie die Hand der Zeit
Ihn einmal formt. Der Schleier fällt inmitten
Der Welt von dem lebend'gen Monument —
Da ist's kein Antlitz, das die Mitwelt kennt
Aus den Annalen der Vergangenheit.
Die Glorie der wahren Dichtung stammt
Vom Dornenstrauch, der auf dem Horeb flammt,
Unnahbar-lodernd — aber sichtbar sein
Darf er dem Aug' des Moses nur allein.
Was braucht der Denker prächt'ge Ehrendegen?
Ihm ist ja schon die Ehrenpalme worden:
Denn seine Wunden sind des Kämpfers Orden.
Fliegt unser Banner nicht dem Wind entgegen?
Die Donnerwolke bahnt sich ihren Pfad.
Das Wort
Entladet sich und blitzt gewaltig fort,
Schlägt ein als That.
Nur das ist Glück, wenn alle Fähigkeiten
Nach hohem Ziel bis auf das Letzte streiten.
Nur so in äußerm Sturm ist innrer Frieden
Der räthselvollen Menschenbrust beschieden.
Der Dämon des Gedankens steht einsam neben mir,
Vom Diesseits wie vom Jenseits hab' ich mich losgerissen.
Ich finde nimmer Frieden als Mensch auf Erden hier
Und überird'sche Dinge kann ich getrost vermissen.
Das Überirdsche brauchst du? Erkennst du denn nicht, Tropf,
Die Beatrice Dante's und Byron-Miltons Satan?
Im Innern steckt's! Das Heil'ge such' du im eignen Kopf,
Als religiös-prophetisch nimm nur die Dichterthat an!
Ich bin mein eigner Richter, furchtlos und hoffnungslos;
Mich kümmert nicht der Tod, mich kümmert nicht das Leben.
Ich stehe und vertraue auf meinen Dämon blos.
Nicht Gott noch Teufel kann mich stürzen oder heben.
[A13]
Mazeppa ist gefesselt an seines Renners Flanken.
Der reißt ihn fort in tödtliche Gefahr,
Ohnmächtig, blutend, jeder Hoffnung bar.
Doch er erwacht als Hetman der Ukraine.
So reißt der Genius durchs Wirrsal der Gedanken
Den Dichter fort durch alle Lebensschranken.
Doch aus dem Fieberwahn erwacht er nun zum Schluß,
Und wo ihn niederwarf sein Genius,
Erkennt er seiner Herrscherkraft Domaine.
Sucht nicht den Dichter, nur sein Lied!
Der Paradiesesvogel zieht
Hoch überm Haupt der Menschen fort —
Den Ort, wo er geflattert dort,
Zeigt nur des Schweifes heller Schwung,
Der schnell durchfurcht die Dämmerung.
Wie in der Fichtenrinde
Des Harzes Balsam schwillt
Und reichlich überquillt,
Daß jedes Kind ihn finde —
Entquillt des Friedens Segen
Dem Busen der Natur.
Sie einzig tröstet nur
Den Kummer allerwegen.
Und dieses Balsams Düfte
Ins Inn're dringen sie:
Der Duft der Poesie,
Ein Gruß der Himmelslüfte.
Ja, Genien giebt es, die das Sein verschönen,
Verwandt mit Allem, was da groß und gut,
Gemeinschaft mit Gemeinem nur verpönen,
Mit Dunst und Staub; doch die der Sonne Gluth
Des Äthers reinen Hauch, der Erde Düfte
Einsaugen, wie die junge Rebe thut,
Die sich vom Nektar nährt der Himmelslüfte,
Bis alles Süßen Quintessenz ihr Blut.
Und wilder Wein rankt selbst sich über Grüfte —
So selbst den Tod verklären solche Wesen,
Die zu dem Dienst des Schönen auserlesen.
[A14]
Für ihre Schritte sind die öden Berge,
Der stillen Wälder Stimme hören sie.
Geheimnißvolle Sehnsucht ist ihr Ferge
Zum fernen Wunderland der Phantasie.
Es rauscht für sie im Wasser und im Laube
Musik von Elfen, Feenmelodie
Singt Lerche, Nachtigall und wilde Taube.
Sie lauschen auf der Sphären Harmonie.
Zum Himmel blickt ihr hoffnungsvoller Glaube:
Der Ahnung milde Schauer sie umwehen,
Des Weltalls Urgeheimniß sie verstehen.
Der Promethidenfunke, nie verdunkelt,
Der Wahrheit Blitz erhellt des Lebens Nacht;
Durch der Gedanken Sternenräume funkelt
Der Mond der Poesie in sanfter Pracht;
Und seine Strahlen, die Gefühle, gießen
Ein Zauberlicht in ihres Herzens Schacht;
Melodisch der Begeist'rung Bronne fließen;
Und nun des Abendsterns Magie entfacht,
Wenn Wünsche knospen, Hoffnungsveilchen sprießen,
Im Allerheiligsten der Seelentriebe
Den Himmelsglanz der ewigen Lampe: Liebe.

Schutzengel

Drei Geister nahten diese Nacht,
Die trübe sinnend ich durchwacht.
Mein innres Aug' sah Visionen.
Sie thronen nicht im Sternenzelt:
Sie sind Geschöpfe dieser Welt,
Die als Schutzengel sie bewohnen.
Der erste Geist am Lager stand,
Schwarz war sein Haar und sein Gewand,
Und sprach mit monotonem Laute:
„Ich bin der Trost für jeden Schmerz,
Das Herz ich weise himmelwärts,
Das auf der Falschheit Schwüre baute.
[A15]
Bin Vampyr, der aus wunder Brust
Zwar saugt das Blut der Lebenslust,
Doch auch fortfächelt alle Leiden;
Bin Stab, der zur Erkenntniß führt,
Doch welken macht, was er berührt —
Ich bin die Mutter dieser Beiden.“
Sie wies auf jene andern Zwei.
Vortrat die zweite stolz und frei
Mit festem herrschaft-sicherm Tritte.
Sie prahlte nicht mit Prunkgeschmaid,
Nur einen Spiegel hielt die Maid
Und neigte sich in stummer Bitte.
„Erwähle mich!“ so rief sie hell.
„Wir kennen uns ja lang, Gesell,
Ich kann dir mehr als jene geben.
Bereitet sie dich vor zum Tod,
So lehre ich trotz aller Noth
Dich tugendhaft und glücklich leben.
Wenn Sinnlichkeit dich unterjocht,
Wenn dir's im Busen kocht und pocht,
Ergreife meine kühle Rechte!
In meinem Spiegel man erkennt,
Mit meinem Messer man zertrennt
Der Leidenschaften Truggeflechte.“
Da schallte es wie Orgelklang,
Wie Äolsharfen, Sphärensang.
Es schwebte in der Andern Mitte
Mit Engelsflügeln, goldnem Haar,
Mit Sternenaugen süß und klar
Im Regenbogenkleid die Dritte.
Sie säuselte mit Silberton:
„Erriethest du die Andern schon?“
Die Einsamkeit, so heißt die Eine.
Die Andre heißt Philosophie.
Ich herrsche mit der zweiten nie,
Wohl mit der ersten im Vereine.
[A16]
Ich bin der Schönheit bester Theil.
Trifft mich des Grames giftiger Pfeil,
Sing' ich noch süßre Schwanenlieder.
Ich schütte Blumen auf die Gruft,
Ich stürze aus bewölkter Luft
Als Blitzstrahl der Begeistrung nieder.
Ich wetterleuchte rings umher;
Und wie die Perle schläft im Meer,
Birgt mich des Herzens tiefste Kammer.
Bin Taube, die den Ölzweig bringt;
Bin Regenbogen, der sich schlingt
Versöhnend ob der Sündfluth Jammer.
Sieh hier mein Diadem: Zumal
Ein Sonnen- und ein Mondenstrahl
Dafür mir schenkten ihr Gefunkel.
Denn wie die Sonne leite ich
Und sanften Zauber spreite ich
Dem Mond gleich über's Lebensdunkel.
Wir wissen nichts, stets weicht zurück
Die Wahrheit vor des Forschers Blick,
Fata Morgana täuscht so sinnig —
Schau hier in meines Schildes Rund:
Dort spiegeln wieder, reich und bunt,
Sich alle Lebensfarben innig.
Mit dieser Mischung reinstem Strahl
Mal' ich das Luftschloß Ideal.
Ich bin auch deines Lebens Leuchte.
Ich bin die Muse Poesie.
Die Visionen schwanden, wie
Mein Auge sank, das thränenfeuchte.

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TextGrid Repository (2024). The Beginnings of German Modern Poetry Corpus. Moderne Dichter-Charaktere, hrsg. von Wilhelm Arent. Mit Einleitungen von Hermann Conradi und Karl Henckell. Leipzig 1885.. Moderne Dichter-Charaktere, hrsg. von Wilhelm Arent. Mit Einleitungen von Hermann Conradi und Karl Henckell. Leipzig 1885.. The Beginnings of German Modern Poetry Corpus. The Beginnings of Modern Poetry Project. https://hdl.handle.net/21.11113/0000-0014-43EE-3