[28] An die Berge von Latium
Könnt' ich mit Worten, könnt' ich mit Thaten auch,
Die euer würdig, zeigen, wie dieses Herz
Euch liebt, ihr ewig theuren Berge,
Blumige Kette vom Fuß des Cavo,
Bis wo ihr sanft liebäugelt mit finsterern
Sabinernachbarn über die Thäler weg,
Mit euren lind geschwungnen Hügeln,
Heimath des Frühlings, des nie verblüh'nden!
Wenn ich so still und doch so der Schmerzen voll
Um Roma's Mauern wandle, wenn mich der Drang
Ins weite warme Feld hinaustreibt,
Wo mir der Spuren von alter Größe
So viel begegnet; wenn ich der Appia
Vermorschte Römergräber durchwandere,
Wenn ich die Königin von Janus
Seligen Hainen mit Einem Blicke
Frei überschau', wie lächelt ihr da mir zu,
Und lockt mich an, als wäret ihr Mutter mir,
Als hätt' ich mich aus eurem Schooße
Noch als ein Kind in die Welt verloren.
Seit eure kühlungschattenden Wälder mich
In ihre Fülle nahmen, und eure Stirn,
Die weinbekränzte, so unendlich
Mir das tyrrhenische Meer entfaltet,
Seit in dreitausendjährigen Städten dort
In wilden Massen süßer Gebüsch', im Duft
Der Veilchen ich die schöne Last des
Maulthiers, die reizenden Frauen, zieh'n sah,
[29]Seitdem verwehte jede Erinnerung
An andre Berg', ihr seid mir so heiß geliebt,
Daß ich mich selbst vom Capitole
Frevelnd in euer Elysium sehne.
Was ihr auch bergt an eurer Dianenbrust,
Holdsel'ge Gärten schöpfrischer Fruchtbarkeit,
Was ihr in Thälern, Höh'n und Ufern
Himmlisches hegt, vor dem Auge steht mir's
Endlos. Vor allem du, mein Albano, bist
Dem sanft verjüngten Herzen die schöne Welt,
Die es verlor, bist seine Kindheit,
Bist dem Verlassenen die Geliebte.
O klare Augen ihr meines Latiums,
Du See von Nemi, du mein Albanersee,
Wie lauter strahlet eure Seele
Sehnsucht und Liebe zu eurem Himmel!
1Jungfräulich hat die Mutter Natur euch schon
Bekränzt mit nie verwelkendem Blüthenreiz,
Die Dichter der Natur, die frohen
Vögel, sie jubeln schon euer Brautlied.
Und du Ariccia, Tochter Siculia's,
2Die du dein wollustschmachtendes Angesicht
Mit deiner Haine Zaubernacht der
Glühenden Sonne verschämt bedeckest!
Du Stadt der Cynthia, himmlisch umwaldete
Genzano, wo dem Wand'rer zum erstenmal
An grüner Berge Schattenwand der
Spiegel Dianens emporgeduftet!
[30]Du Nemi, wo der taurischen Artemis
In Latiums Vorzeit dunkel ein Hain geblüht,
Du uralt heilig Kind von Troja,
Stadt der Lavinia, wo das Auge
Hinüberschweift zum bläulichen Vorgebirg
Der Circe, wo in schaudernder Seele mir,
Gleich einem Traumgesicht, des Meeres
Abgrund homerische Welt entstiegen,
Und du, Gandolfo, Grotta ferrata du
Mit deines Klosters sinniger Einsamkeit,
Du Adlernest am Felsen hängend,
Rocca di Papa mit deinen Wundern,
Ihr alle Frascatanische Gärten, wo
Das Aug' aus überschwellender Ueppigkeit,
Aus Tusculums erhab'nen Trümmern
Trunken hinüber zum sonn'gen Rom blickt,
Das, einer Milchstraß' ähnlich, die farbige
Campagna hin sich lagert voll Majestät,
So groß und ewig, wie das Meer, das
Drüber die schattige Erd' umarmet.
Ihr lebt in meinem Herzen, und wenn ihr mich
Dereinst gelehrt, unsterblich zu sein, o dann
Lebt ihr unendlich drin, dann nehm' ich
Selbst zu den Himmlischen euch hinüber.